Mittwoch, 22. Juli 2009

Der Wille Gottes bei Jesus

Mit viel Kopfnicken lese ich gerade das Jesusbuch des leider Anfang Juli verstorbenen deutschen Neutestamentlers Martin Hengel (1927-2009), das er mit Anna Maria Schwemer als Co-Autorin verfaßt hat: "Jesus und das Judentum". Als ich in den 80er Jahren in Tübingen studierte, besuchte ich bei ihm eine Vorlesung zur Geschichte des frühen Judentums und ein Seminar zum Jakobusbrief. Gemerkt habe ich mir vor allem eine Aussage zu Beginn des Seminars: "Bitte seien sie nicht böse, wenn ich inhaltlich etwas mehr beitrage als sie; ich bin Student im 55. Semester." Live blieb er für mich blass, im Gegensatz zu Peter Stuhlmacher und vor allem im Gegensatz zum hochkonzentriert, engagiert und didaktisch genial vortragenden Otfried Hofius (man konnte seine Vorlesungen fast vollständig mitschreiben). Seine umfassende historische Bildung und Kompetenz hat Hengel in den letzten Jahren, in der Zeit nach seiner Emeritierung (1992), ausgebaut und ihn zu einem der am zuverlässigsten urteilenden Neutestamentlern gemacht. Und genau diese Urteilskompetenz strahlt sein Jesusbuch, das den erste Band einer vierteiligen Geschichte des frühen Christentums bildet, aus.
Nun aber zu einer Lesefrucht: In § 14 ( S. 431-451) fragt Hengel danach, was für Jesus der ethische Wille Gottes ist. Hier in Kurzform die wesentlichen Punkte bei Hengel:
1. Jesus will, dass seine Jünger so handeln, wie es dem ursprünglichen im Paradies gesetzten und im Reich Gottes wieder durchgesetzten Willen Gottes entspricht: "Gerade weil Gott und seine Herrschaft jetzt ganz nahe, ja im Wirken Jesu schon gegenwärtig sind - in seiner Liebe zu den Verlorenen und im Gericht gegenüber des Selbstgerechten -, geht es darum, den ursprünglichen, eigentlichen Willen Gottes wieder ans Licht zu bringen, der von Anfang an galt, aber durch die Macht der Sünde und teilweise auch durch die an die Herrschaft der Sünde angepaßte Mosetora verdunkelt wurde."(S. 446)
2. Zentral ist das doppelte Liebesgebot, das auch die Mitte der Mosetora bildet: Gottesliebe und Nächstenliebe, wobei letztere auch den Feinden zukommen soll: "Liebet eure Feinde" (Lukas 6,27; Matthäus 5,44). "Werdet barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist."
2. Demut und Dienst: Jesus sagt zu seinen Jüngern: "Ich aber bin in eurer Mitte wie ein Diener" (Lukas 22,27). Das Dienen steht im Gegensatz zum Größenwahn, zur ichbezogenen Selbsterhöhung, die im Sündenfall zum Ausbruch kam. "Wenn einer ein Erster sein will, muß er ein letzter von allen und Diener aller sein" (Mk 10,41-44)
3. Nicht sorgen. Sorge ist Angst um die eigene Existenz. An deren Stelle soll "dankbares, heiteres Vertrauen" (S. 448) treten. Leben wie im Garten Eden, im kindlichen Vertrauen auf den schenkenden, sorgenden Gott.
4. Grundsätzlicher Gewaltverzicht, ständige bedingungslose Vergebungs- und Versöhnungsbereitschaft. Wie Gott uns vergibt, so vergeben wir Unrecht, das an uns geschieht, nicht nur 7mal, sondern 70mal7mal, d.h. unbegrenzt (Mt 18,21).
5. Verzicht auf das eigene Recht und dessen Durchsetzung. "Wer auf sein Recht und dessen Durchsetzung verzichten kann, wer bereit ist, eher zu leiden als Unrecht zu tun, der ist wahrhaft frei, wie der väterliche Gott und Schöpfer, 'der seine Sonne aufgehen läßt über Böse und Gute und regnen läßt über Gerechte und Ungerechte'. Er ist darum auch zu bedingungsloser Hilfeleistung wie der barmherzige Samariter selbst bei persönlicher Gefährdung fähig." (S. 450).
Meine Einsicht: Immer wenn wir so eingestellt sind und so handeln, erfahren wir die Gegenwart des Reiches Gottes, erfahren wir Gottesnähe.

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