Montag, 4. März 2013

Christliche Freiheit Teil 4 - Paulus


Paulus nimmt das Wort “Freiheit” (eleutheria) aus dem griechisch-hellenistischen Zusammenhang auf und gibt ihm im Rahmen seiner Theologie einen neuen Sinn. Das Neue in der christlichen Interpretation liegt vor allem darin, dass Freiheit mit einem geschichtlichen Ereignis in Verbindung gebracht wird: Jesus Christus ist der Ursprung der Freiheit. In seiner Geschichte ist die Freiheit Ereignis geworden. Es ist eine Freiheit, die im völligen Statusverzicht des Mächtigsten begründet liegt (Phil 2,6-11).

Die Zugehörigkeit zu Jesus Christus führt zu einer Perspektive, in der sich Freiheit und Beziehung/Bindung in einem gegenseitigen Steigerungsverhältnis befinden: Je intensiver die Bindung an Gott und Christus und den Geist, desto größer die Öffnungserfahrungen, die sich den Menschen erschließen, sowohl in Bezug auf sich selbst wie auch in Bezug auf den Anderen. Das Evangelium hat eine lösende, befreiende Wirkung, indem es an Christus bindet. So befreit es von gängelnder und angstbesetzter kultischer Religiosität. Es stellt solche Traditionen in Frage. Mehrmals betont Paulus den Freiheitsgewinn, der in dieser Anerkennungserfahrung im Blick auf Christus verankert ist: „Der Herr ist der Geist; wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit. Nun aber schauen wir alle mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn.“ (2 Kor 3,17-18) Der Geist Gottes, die Vernunft Gottes klärt über uns selbst und über Gott, wie er wirklich ist, auf. In dieser geistgewirkten Aufklärung liegt für Paulus ein immenser Freiheitsgewinn, der in einem bis in die Ewigkeit andauernden Prozess den Glaubenden verwandelt: „Wir werden verklärt in sein Bild von einer Herrlichkeit zur andern von dem Herrn, der der Geist ist“ (2 Kor 3,18).

Der über Gott und uns selbst aufklärende Geist schenkt den Gläubigen eine kritische Orientierung, die die Überschreitung von ethnischen und rituellen Grenzsetzungen ermöglicht. In Galater 5 ruft Paulus die Gemeinde zweimal in diese Freiheit hinein: „Für die Freiheit hat Christus uns freigemacht. Steht nun fest und lasst euch nicht wieder durch ein Joch der Sklaverei belasten“ (5,1). – „Ihr seid zur Freiheit berufen, Brüder!“ (5,13). Paulus verpflichtet hier geradezu die Gemeinde auf eine gewonnene Mündigkeit, die sie nicht wieder verspielen soll. Durch Teilhabe an Jesus Christus gewinnen Menschen Freiheit von sozialen Festschreibungen und Autoritarismus, von gesellschaftlicher Fremdsteuerung oder ethnischen Partikularismen. Mündige, im Glauben erwachsen gewordene Christen leben nach Paulus in der Freiheit, die sich in der Liebe verwirklicht: „Gebraucht nicht die Freiheit als Anlass für das Fleisch [d.h. für die egoistische Triebbefriedigung], sondern dient einander durch die Liebe“ (5,13). Liebe aber ist schon bei Paulus als kreative Fähigkeit zu verstehen, sich in die Situation eines anderen hineinzuversetzen und aus dessen Perspektive her so zu handeln, dass der Andere dies als für ihn Gutes erleben kann. Paulus sieht die Gläubigen zur Mündigkeit der Liebe befreit ohne Gängelung durch bevormundende Vorschriften: „Alles ist erlaubt, aber nicht alles baut auf“ (1 Kor 10,23). Die Liebe baut auf (1 Kor 8,1). Kreisläufe des Hasses können aus dieser Freiheit heraus abgebrochen werden, Kreisläufe der Liebe können in Freiheit aufgebaut werden.

Gott und eine an der Liebe orientierten Freiheit können zusammengedacht werden, sie bilden nicht notwendigerweise Gegensätze. Als wir Babys waren, waren wir noch nicht sehr frei, wir bedurften einer bergenden und fürsorgenden Kultur, Mutter und Vater. Aber gute Eltern wollen unsere Freiheit. Ihre Erziehung ist heute in der Regel davon geprägt, uns in die Freiheit zu entlassen. Freiheit entfaltet sich nicht in der Bindungslosigkeit, sondern in bindungsreichen Milieus, die Freiheit als Wert schätzen. So sollen wir uns auch Gott vorstellen: als liebender Gott, als tragender Grund unseres Daseins will er unsere Freiheit. Denn nur wer frei ist, kann – aus Freiheit heraus – für andere da sein.

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