Montag, 5. Oktober 2009

Nicht-Ich

Die Bekanntschaft mit dem Selbstverständnis einer anderen Religion kann Erkenntnisse zu Tage fördern, die neue Perspektiven auf die eigene Religion ermöglicht. Diese Einsicht liegt den folgenden Überlegungen zugrunde.

Viele Spielarten des Buddhismus wollen durch Erkenntnis, Lebensführung und Meditation zum Bewußtseinszustand der Ich-Losigkeit hinführen. Zenbuddhisten sprechen von einem Ich, das weiß, daß es nur Vorstellung ist und sich darin überwunden hat. Das Nicht-Ich ist für viele Buddhisten das Tor zur Weisheit, zur Strömungslehre des Lassens, Gleitens, zum völligen In-der-Gegenwart-sein.

Das Tor zur Weisheit ist im christlichen Glauben die Gnade. Auch sie verflüssigt, stellt frei, ermöglicht absolute Gegenwart der Geborgenheit bei Gott. Die Gnade Gottes ermutigt uns, alles, ja alles loszulassen und uns in einen Raum zu stellen, in dem Gott als Geheimnis der Welt, als Geheimnis meiner selbst und dessen, was außer mir liegt, wahrgenommen wird. Gnade ist die Erfahrung, daß Gott uns näher ist, als wir uns nahe sein können. Gott umfaßt uns von unendlichen zurückliegenden Anfängen bis zur unendlichen Ewigkeit. In der Erfahrung der Gegenwart Gottes als überfließende Quelle alles Seins sind wir seine Kinder. Die Gnade führt uns zum christlichen „Nicht-Ich“. Worin besteht dies? Alle unsere zeitlichen Lebenserfahrungen relativieren sich heilsam in unserer letztgültigen Identität „in Christus“. Das „Sein in Christus“ – und entsprechend „Christus in uns“ – schenkt uns eine Identität, die tragender ist als alle zeitlich-räumliche Identität. Sie überschreitet unsere geschlechtliche, ethnische, soziale und kulturelle Identität. „Ich in Christus“ – dieses Nicht-Ich der Christen – das ist unser wahres Ich, das uns hilft, angemessen mit unserem endlichen Ich umzugehen. Christus ist der „Erleber“ in uns, der uns heilsame Distanz zu allen irdischen Erfahrungen ermöglicht, nicht im Sinne einer Abwertung, sondern so, daß wir uns von diesen Erfahrungen nicht gefangen nehmen lassen, sondern ihnen gegenüber frei bleiben und sie schöpferisch gestalten können.

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