Dienstag, 18. August 2009

Geistliche Übungen (6): Lektüre biblischer Texte

Das Studium biblischer Texte ist einer der intensivsten Wege, Gott zu erfahren. Es ist wirklich ganz einfach. Ich greife zu einer Bibel und lese – einen Vers, ein Kapitel, oder ein ganzes biblisches Buch. Das Geheimnis ist, dass ich voraussetzungslos an die Lektüre herangehen kann. Es ist nicht notwendig, eine bestimmte Einstellung zu den Texten zu haben, weil diese Texte selbst die Kraft haben können, uns in eine neue Sichtweise hineinzuversetzen. Darum ist es auch gleichgültig, ob man mit einer verstandesmäßig kritisch-analytischen Haltung, oder mit einer ehrerbietigen Einstellung liest. Die Frustration, dass die gelesenen Bibelverse „mir nichts sagen“, kann sich in jedem Fall zunächst einmal einstellen. Diese Texte sind immerhin 2000–3000 Jahre alt und in kulturelle, politische wie soziale Situationen hineingeschrieben worden, die uns nicht mehr vertraut sind. Es gibt so viele Gründe, diese Texte „schwierig“ zu finden. Die „Fremdheit“ der Texte ist aber geradezu ihre Stärke, weil sie uns von uns selbst, von dem, was uns vertraut ist, wegführen und dabei zur Selbstrelativierung des Lesers beitragen. Bei andauernder, regelmäßiger Lektüre – auch verschiedener Bibelübersetzungen – beginnen die Texte dann vertrauter zu werden: eine bestimmte Aussage, ein besonderes Bild, ein tröstender Zuspruch, eine wichtige Mahnung, eine neue Gotteserkenntnis erschließen sich, ergänzen einander – die Worte gewinnen mit einem Male an Farbe und Lebendigkeit. In Fahrt gekommen, ist es ein Leichtes, weiterzulesen, zu vergleichen und Texte miteinander in Beziehung zu setzen. Persönliche Schlüsseltexte werden entdeckt, die man immer wieder gerne liest, weil sie Tiefenschichten in der Seele zum Klingen bringen – der Geist Gottes erweckt unsere Vernunft, die Gottes Wort im Menschenwort der Texte entdeckt und so zum „Brot des Lebens“ werden kann.

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