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Mittwoch, 18. November 2009

Tugenden in der Bergpredigt

Angeregt von Moises Mayordomo (siehe Blog vom 30.10), lese ich die Bergpredigt verstärkt als Einladung zu einer Tugendethik - der Lehrer Jesus malt in vielstimmiger Weise die Tugenden vor Augen, die Menschen in seinem Kraftfeld charakterlich in sich tragen und ausleben können.
Heute habe ich die SchülerInnen eines Leistungskurses (13. Jahrgangsstufe) die Bergpredigt in dieser Hinsicht analysieren lassen. Das Ergebnis ist aufschlußreich und beeindruckend:



Lassen sich diese Tugenden systematisieren?
1. Menschen, die von diesen Tugenden geprägt sind, orientieren sich am Wohl anderer.
2. In Bezug auf sich selbst verzichten sie auf Selbstdarstellung und Geltungsstreben; sie verhalten sich "authentisch" und klar.
3. Sie vertrauen in "naiver" Weise auf Gott ("naiv" im Sinne einer "2. Naivität", die von eigenständigen, erwachsenen Menschen bewußt und gegen die typisch erwachsene Sorge praktiziert wird).
4. Die Stimmung, aus der heraus diese Tugenden gelebt werden, läßt sich insgesamt durchaus als "fröhliche Zuversicht" beschreiben. Trübsinn und Verkrampftheit hat Jesus überhaupt nicht im Blick.

Samstag, 14. November 2009

Der Kampf der Wölfe

Die Navajo-Indianer erzählen sich einen sehr einleuchtenden Dialog zwischen Großvater und Enkel, um zum tugendhaften Verhalten einzuladen (die Authentizität ist m.E. recht unsicher, was dem tiefsinnigen Inhalt jedoch keinen Abbruch tut)



Der Großvater öffnet seinem Enkel das Herz:
„Manchmal habe ich das Gefühl, dass in mir ein Kampf tobt – ein Kampf zwischen zwei Wölfen.
Der eine Wolf ist böse. Er ist der Wolf des Zorns und Neids, der Sorge, des Vorwurfs, der Gier und der Arroganz, des Selbstmitleids, der Schuld, der Ablehnung, der Minderwertigkeit oder Überlegenheit; der Angst vor der Heilwerdung von Körper und Seele, vor dem Erfolg und davor, dass das, was die anderen gesagt haben, wahr sein könnte; der Angst, in den Mokassins eines anderen zu laufen, um nicht mit seinen Augen sehen und seinem Herzen fühlen zu müssen, wie sich die Wirklichkeit aus seiner Sicht darstellt, so dass ich an hohlen Ausreden festhalten kann, die ich im Inneren längst als falsch erkannt habe.
Der andere Wolf ist gut. Er ist der Wolf der Freude, des Friedens, der Liebe und Hoffnung, der Gelassenheit, Bescheidenheit und Güte, des Mitgefühls für jene, die mir geholfen haben, wenngleich ihre Bemühungen nicht immer perfekt waren, der Bereitschaft, mir selbst und anderen zu vergeben und zu erkennen, dass ich mein Schicksal selbst in der Hand habe.“

Nachdem der Enkel eine Weile über die Worte seines Großvaters nachgedacht hatte, fragte er: „Sag mir, Großvater, welcher der beiden Wölfe wird nun gewinnen?“ Der weise, alte Mann antwortete: „Der Wolf, den ich zu füttern beschließe.“


Bildnachweis:
http://www.wolfspark-wernerfreund.de/03wolfspark/03AnlageC/GehegeC.html
Textnachweis:
Fundort: John Izzo, "Die fünf Geheimnisse, die sie entdecken sollten, bevor sie sterben", München: Riemann, 2008, Kapitel 5.

Montag, 9. November 2009

Tugenden (1): Geduld



"Ich harre aus und zertrete niemanden."

So spricht die Geduld nach Auskunft von Hildegard von Bingen.

Quelle: Christine Büchner, Hildegard von Bingen. Eine Lebensgeschichte, Frankfurt am Main und Leipzig: Inselverlag, 2009, S. 86.

Freitag, 6. November 2009

Selig sind die Sanftmütigen



Selig/Glücklich (griech. makarios) sind die Sanftmütigen/Freundlichen (griech. praeis), denn sie werden das Land/die Erde besitzen.

Die „Sanftmütigen“ können sich mit ihrer Freundlichkeit in andere Menschen einfühlen und ihnen nahe sein, ohne in den anderen gewaltsam einzudringen. Sie achten die Grenzen der anderen.
Obwohl es ein Tierbild ist, finde ich die Geste der Orang-Utan-Mutter so beispielhaft zärtlich. Zärtlichkeit ist eine Schwestertugend der Sanftmut und Freundlichkeit.

Quelle: http://knutisweekly.com/2009/09/sanftmut-ist-keine-waffe/comment-page-1/

Freitag, 30. Oktober 2009

Friedenstugenden

Glücklich sind die Armen im Geist, denn ihrer ist das Reich der Himmel.
Glücklich sind die Trauernden, denn sie werden getröstet werden.
Glücklich sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Land erben.
Glücklich sind die, die nach der Gerechtigkeit hungern und dürsten, denn sie werden gesättigt werden.
Glücklich sind die Barmherzigen, denn ihnen wird Barmherzigkeit widerfahren.
Glücklich sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen.
Glücklich sind die Friedensstifter, denn sie werden Kinder Gottes heißen.
Glücklich sind, die um Gerechtigkeit willen Verfolgten, denn ihrer ist das Reich der Himmel.“
Moisés Mayordomo charakterisiert die Seligpreisungen in der Bergpredigt Jesu als "Friedenstugenden". Die Seligpreisungen oder Glücklichpreisungen sind nicht einfach Zuspruch, also Zusage der Gnade, aber auch nicht Forderung von Werken, von Handeln. Sie charakterisieren vielmehr eine bestimmte Art von Menschen, die Friedenstugenden repräsentieren. "Es geht nicht um das Sollen, sondern um das Sein des Menschen. Die Frage ist nicht, wer aufgrund welcher Handlungen in die Himmelsherrschaft gelangt, sondern zu welcher Art von Menschen die Himmelsherrschaft kommt" (S.14). Mayordomo definiert Tugenden als "Charakterdisposition..., die Urteile und Emotionen umfasst und dadurch moralisches Handeln intrinsisch motiviert." Ich finde diese Zugangsweise sehr hilfreich. In den Seligpreisungen werden nicht Normen gesetzt oder Forderungen aufgestellt, sondern eine Charakterdisposition, ein ethischer Habitus beschrieben, der zum Reich Gottes "passt". Tugenden sind Ausdruck eines Wesens. Wer diese Tugenden "besitzt", bezweckt nicht etwas mit ihnen, er will nicht etwas erreichen, gewinnen, sondern er will etwas in ihnen Wahres zum Ausdruck bringen, ja zum Leuchten bringen.

Moisés Mayordomo, Gewaltvermeidung in der Bergpredigt, in: Zeitschrift für Neues Testament (Heft 24 Bergpredigt) 12. Jahrgang (2009), S. 12-21.