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Dienstag, 2. November 2010

Rezeptivität und Kreativität

Auf die Frage, was das Leben sinnhaft und glückerfüllt macht, gibt es unzählige Antworten. Als ich dazu vorgestern gefragt wurde, fielen mir aus meiner Erfahrung zwei wesentliche "Wege zum Glück" ein: Rezeptivität und Kreativität.
Rezeptivität ist die Fähigkeit, gezielt zu erleben, sich etwas anzueignen: Musik hören und in ihren melodischen und rhythmischen Strukturen spüren, Kunst mit ihren Formspielen genießen, gelungen formulierte Texte lesen, Zusammenhänge aller Art erkennen, eine imposante Landschaft erleben, sich geliebt wissen, Wertschätzung empfangen...
Kreativität wiederum ist die Fähigkeit, zu gestalten, etwas zu formen: ein Musikstück, ein Gemälde, eine Skulptur, einen Text, einen Garten, lieben, Wertschätzung schenken...eine Unterrichtsstunde, eine Gespräch, einen Geschäftsabschluss, eine Werkstück...
Im Wechsel von Rezeptivität und Kreativität liegt das Glück. Nur das eine oder das andere wäre zu einseitig. Nur Rezeptivität führt zum "Gammelleben", nur Kreativität zum Burnout (Übrigens: in einer Depression gehen beide Fähigkeiten verloren und können - in der Regel durch ärztliche Hilfe - nur langsam wiedergewonnen werden. Da helfen keine Ratschläge fürs Glück).
Ich denke daran, wie das Verhalten Gottes in Schöpfungsbericht 1. Mose 1/Genesis 1 beschrieben wird. Er ist kreativ und freut sich dann am Geschaffenen: er schaut es an und befindet es für sehr gut. Am siebenten Tag ruht er aus, heiligt den Sabbat als Tag der Rezeptivität.

Freitag, 19. März 2010

Glück

"Nie ist das menschliche Gemüt heiterer gestimmt, als wenn es seine richtige Arbeit gefunden hat."
Wilhelm von Humboldt zugeschrieben

Sonntag, 18. Oktober 2009

Der Charakter des Koheletbuches (Prediger Salomo)

Welches Problem will der Text lösen?
Das Buch ist ein spannender Beitrag zur Diskussion eines heißdiskutierten altorientalischen und antiken Problems: Wie gelingt ein glückliches, wie gelingt ein gutes Leben? Das Buch positioniert sich mit einer ganz eigenständigen Lösung zu dieser Frage in einer regen weisheitlichen, philosophischen Gesprächslage. Es lehnt im Laufe der Ausführungen mehrere gängige und durchaus plausible Glückskonzepte ab. Gleichzeitig präsentiert es einen eigenen Entwurf zum Frage nach einer Lebensform, die Glück ermöglicht: Glück, d.h. essen, trinken, lieben können, ist eine hin und wieder gewährte Gabe Gottes inmitten der völligen Flüchtigkeit des Lebens.

Wer ist der Autor?
Der im Text von 1,3 an bis 12,7 implizierte Sprecher ist ein alter, erfahrener Mann, der König in Jersualem war (der Gedanke an Salomo liegt nahe, ist aber nicht zwingend). Er wird „Kohelet“ genannt, auch selbst nennt er sich „Kohelet“. Der Name „Kohelet“ lässt an einen Philosophen denken, der im Kreis männlicher, junger Schüler seine Lebensweisheit weitergibt. Die Verse 1,1-2 und 12,8-12 stammen vom realen Autor des Buches. Er benutzt die Figur „Kohelet“ (die entweder ein echter Lehrer des Autors war – so wie Platon seine Lehre durch den Mund seines Lehrers Sokrates kund tut – oder eine vom Autor für den Text geschaffene fiktive Lehrerfigur ist), um seine Philosophie zu entfalten. Das Schlusswort 12,13-14 haben diejenigen Autoritäten hinzugesetzt, die das Buch in den biblischen Kanons eingereiht haben. Die Aussagen von 12,13-14 haben kaum etwas mit der Philosophie zu tun, die von Kohelet in 1,2-12,8 darlegt wird.
Im Mittelpunkt des Buches steht der Icherzähler „Kohelet“, der aus seiner reichhaltigen persönlichen Lebenserfahrung berichtet. Er erzählt von einem großangelegten Glücksexperiment, das nicht zum Erfolg führte, um dann das richtige Verständnis eines gelingenden Lebens zu vermitteln. Dabei zitiert er ältere Spruchweisheiten, manche korrigiert er, andere passen zu seiner eigenen Philosophie.

Wer sind die Adressaten?
Der Icherzähler „Kohelet“ richtet sich an einen jungen Mann, um ihm den richtigen Zugang zur Glückserfahrung „unter der Sonne“ zu vermitteln. Der reale Autor, der Kohelet sprechen lässt, hat alle Menschen im Blick, die Sehnsucht nach einem gelungen Leben haben. Er setzt zwar mit seiner hebräischen Sprache jüdische Hörer, präziser: besitzende, gebildete Männer, voraus, aber eigentlich richtet sich das Buch interreligiös an alle Glückssucher.

Samstag, 22. August 2009

Gefühle (3): Freude und Glück

Zum Gefühl der Freude und zum Glücksgefühl habe ich einige schöne und erhellende Zitate im Buch „Philosophie der Gefühle“ gefunden.

Zunächst anschauliche Beispiele aus dem Kapitel „Glück und Freude“ (S. 111-125), was Freude und Glück auslösen können:

Das Betrachten einer eindrucksvollen Landschaft
Eine besonders schöne Abendstimmung
Eintreffen eines lang ersehnten Besuchs
Erfolg in einer Sache
Wohlbefinden beim Essen und Trinken, bei einem Bad im Wasser oder in der Sonne, beim Tanzen oder beim Liebesspiel.
Geselligkeit – Freude an einer gemeinsamen Situation
Hören von Musik oder ein besonderer Kunstgenuss
Der blühende Garten, der abgeschlossene Text, das gelungene Festmahl

Nun einige, wie ich finde, faszinierende Einsichten in das Wesen von Freude und Glück:
„In der Freude erfahren wir uns als federleicht, ohne Gewicht, und alles scheint ganz mühelos vonstatten zu gehen. Man hüpft vor Freude oder hat zumindest einen Hüpfimpuls.“ (S. 22) – „Leiblich wird Freude als Weitung erfahren mit einer Tendenz nach allen Richtungen. Insbesondere fühlt man sich durch die Freude ‚gehoben‘“, (S. 111) „…oft so, als ob man der üblichen Erdenschwere entzogen wäre. Dieses leibliche Erleben kennzeichnet aber auch das Glücksgefühl als Stimmung. Man fühlt sich leicht und unbeschwert und dadurch oft auch stark und kraftvoll….Je größer und intensiver das Glück, das erfahren wird, umso großräumiger wird die Weitung erlebt…Alles scheint einem leicht von der Hand zu gehen. Negative Erfahrungen rücken in den Hintergrund oder werden uminterpretiert; entscheidend ist die Gegenwart, die als so erfüllend erlebt wird, dass selbst mögliche oder wahrscheinliche Probleme in der Zukunft verblassen und unwichtig erscheinen. Was im Glücksgefühl zählt, ist das erfüllte Hier und Jetzt.“ (S. 118)
„Glücksgefühle implizieren eine positive Bewertung bestimmter Umstände oder Situationen oder auch des eigenen Lebens im Ganzen.“ (114) – Glücksgefühle und, etwas abgeschwächt, das Gefühl der Freude deuten positive Erlebnisse auf das Leben im Ganzen, wird auf mein Leben als Ganzes bezogen (117). – Im Verdichtungsbereich des Glücksgefühls steht „oft die ganze Welt, wie sie selbst dem Glücklichen erscheint, mit ihm selbst als einem harmonischen Teil von ihr….Dass dieser Verdichtungsbereich so weit ist und so vieles im Gefühl umschließt, legt der Übergang zu einer alles umfassenden Stimmung nahe. Wegen dieses umfassenden Charakters des Glücksgefühls könnte man versucht sein, es als ein Gefühl zweiter Ordnung aufzufassen, als ein Gefühl, das spezifischere Gefühle, ‚kleine‘ und ‚große‘ Freuden, quasi verallgemeinert und mit einem Gefühle ‚kommentiert‘, das sich auf das eigene Leben im Ganzen bezieht.“ (119) - „Damit ein Leben in irgendeinem Sinne als ‚gelungen‘ beschrieben werden kann, sind neben den objektiv feststellbaren so genannten Glücksgütern, die zum Teil durch eigenen Tätigkeit erworben, zum Teil auf glückliche Umstände wie die Abwesenheit von Katastrophen rückführbar sind, auch jene subjektiven Glücksgefühle erforderlich.“ (S. 121.) – Glücksgefühle enthalten zudem die Handlungstendenz, ‚die ganze Welt zu umarmen‘, sie gehen oft mit einer großen Offenheit für die Welt und die Belange anderer einher.

„Wer Glücksgefühle oder ein Gefühl tiefer Zufriedenheit erlebt, empfindet oft auch ein Gefühl der Dankbarkeit. In monotheistischen Religionen ist dieses Gefühl auf Gott gerichtet; man dankt im Gebet für all das, was Gott den Menschen schenkt und insbesondere für das Schöne und Gute im Leben dessen, der betet.“ (124) Es handelt sich um eine „existentielle Dankbarkeit“, die bei nichtreligiösen Menschen keine klar definierte Adresse findet und damit der „Verdichtungsbereich“, für gläubige Menschen Gott, unbestimmt bleibt.

Angesichts dieser tiefen Beschreibung von Glück, Freude und Dankbarkeit ist es nur allzu verständlich und allzu klar, dass es das Ziel auch von Religion ist (und sein muss!), Gefühle des Glücks und der Freude auszulösen und zu ermöglichen.


Christoph Demmerling/Hilge Landweer, Philosophie der Gefühle. Von Achtung bis Zorn, Stuttgart: Metzler, 2007. ISBN 978-3-476-01767-3