Der aktuelle Film über Albert Schweitzer (1875-1965) hat mich dazu motiviert, endlich einmal mehr von ihm und über ihn zu lesen. In der Universitätsbibliothek habe ich Einiges ausleihen können und seit gestern darin geschmökert. Sehr anrührend ist sein Selbstzeugnis "Aus meiner Kindheit und Jugendzeit" (1924), sehr aufschlussreich die wissenschaftliche "Selbstdarstellung" aus dem Jahr 1929.
Seine Kindheits- und Jugenderinnerungen schließt er mit den Worten:
"In dieser Zeit, wo Gewalttätigkeit in Lüge gekleidet so unheimlich wie noch nie auf dem Throne der Welt sitzt, bleibe ich dennoch überzeugt, daß Wahrheit, Liebe, Friedfertigkeit, Sanftmut und Gütigkeit die Gewalt sind, die über aller Gewalt ist. Ihnen wird die Welt gehören, wenn nur genug Menschen die Gedanken der Liebe, der Wahrheit, der Friedfertigkeit und der Sanftmut rein und stark und stetig genug denken und leben. - Die Gütigkeit...wirkt einfach und stetig. Sie erzeugt keine Spannungen, die sie beeinträchtigen. Bestehende Spannungen entspannt sie, Mißtrauen und Mißverständnisse bringt sie zur Verflüchtigung, sie verstärkt sich selber, indem sie Gütigkeit hervorruft. Darum ist sie die zweckmäßigste und intensivste Kraft. - Eine unermeßlich tiefe Wahrheit liegt in dem phantastischen Wort Jesu: 'Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen'."
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Montag, 25. Januar 2010
Samstag, 5. Dezember 2009
Gottes Nähe erfahren - Hinweise des Matthäusevangeliums
Wie erfährt man - nach Vorstellung von Matthäus - schon heute Gottes Nähe?
1. Hier kommt zunächst einmal der Glaube an Jesus als Christus ins Spiel (Theologen sprechen von der „Christologie“). Jesus selbst ist „Gott mit uns“ (Immanuel, Mt 1,22). Gott ist also in Gestalt von Jesus in seinem Volk präsent, sichtbar und berührbar. Schon die Weisen aus dem Morgenland verehren den neugeborenen König der Juden, den Messias. Nach Kreuzigung und Auferstehung verheißt Jesus seinen Jüngern und allen, die sich von ihnen das Evangelium sagen lassen, sich taufen lassen und alles halten, was Jesus gesagt hat: „Ich bin bei euch (oder: „mit euch“) alle Tage bis zum (zeitlichen) Ende der Welt.“ (28,20). Diese begleitende Nähe gilt auch für das gemeinsame Gebet und den Gottesdienst: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich in ihrer Mitte (griech.: en meso autou).“ (18,20)
2. Der im Himmel inthronisierte Christus, der sagt: „Mir wurde (vom Vater) alle Macht im Himmel und auf der Erde gegeben“, er spricht zu den Menschen durch seine Lehre. Er ist gegenwärtig durch seine Lehre, an vorderster Stelle durch die Bergpredigt. Er ist der einzige Lehrer der Gemeinde: „Ihr sollt euch nicht Lehrer nennen lassen, denn einer ist euer Lehrer: Christus.“
3. Weil aber diese Lehrer, Jesus, der Christus, zu seinem Vater „mein Vater“ spricht, darum sind alle, die seinen Worten folgen ermächtigt, Gottes Vaternähe zu erleben, indem sie „mein Vater“ oder „unser Vater“ zu ihm sagen. Die Nähe Gottes wird Realität, sobald so zu Gott gesprochen wird. Darum heißt es aber auch: "Ihr sollt niemanden unter euch Vater nennen auf Erden; denn einer ist euer Vater, der im Himmel!"
4. Dieser durch Jesus und seine Worte nahe Vater, der doch im fernen Himmel „wohnt“, ist gleichwohl auch auf Erden anwesend: die Erde ist der „Schemel seiner Füße“ (Mt, 5,35) Jerusalem ist seine Stadt (5,35) und der Tempel „sein Haus“ (21,14). Ja, selbst im im Verborgenen ist er präsent und er sieht in das Verborgene. Gott ist zwar nicht einfach abstrakt oder grundsätzlich allgegenwärtig, aber sein Möglichkeitspielraum ist uneingeschränkt. Es gibt "Orte“ auf der Erde, die er bevorzugt: den Tempel in Jerusalem, aber auch einsame Orte, das Herz des Menschen in aller Abgeschiedenheit (Mt. 6,4; 6,6; 6.18). Gott ist vor allem auch dort, wo Männer auf ihre Männlichkeitsrituale verzichten müssen: im eigenen Stüblein, in der auf sich selbst zurückgeworfenen Seele.
1. Hier kommt zunächst einmal der Glaube an Jesus als Christus ins Spiel (Theologen sprechen von der „Christologie“). Jesus selbst ist „Gott mit uns“ (Immanuel, Mt 1,22). Gott ist also in Gestalt von Jesus in seinem Volk präsent, sichtbar und berührbar. Schon die Weisen aus dem Morgenland verehren den neugeborenen König der Juden, den Messias. Nach Kreuzigung und Auferstehung verheißt Jesus seinen Jüngern und allen, die sich von ihnen das Evangelium sagen lassen, sich taufen lassen und alles halten, was Jesus gesagt hat: „Ich bin bei euch (oder: „mit euch“) alle Tage bis zum (zeitlichen) Ende der Welt.“ (28,20). Diese begleitende Nähe gilt auch für das gemeinsame Gebet und den Gottesdienst: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich in ihrer Mitte (griech.: en meso autou).“ (18,20)
2. Der im Himmel inthronisierte Christus, der sagt: „Mir wurde (vom Vater) alle Macht im Himmel und auf der Erde gegeben“, er spricht zu den Menschen durch seine Lehre. Er ist gegenwärtig durch seine Lehre, an vorderster Stelle durch die Bergpredigt. Er ist der einzige Lehrer der Gemeinde: „Ihr sollt euch nicht Lehrer nennen lassen, denn einer ist euer Lehrer: Christus.“
3. Weil aber diese Lehrer, Jesus, der Christus, zu seinem Vater „mein Vater“ spricht, darum sind alle, die seinen Worten folgen ermächtigt, Gottes Vaternähe zu erleben, indem sie „mein Vater“ oder „unser Vater“ zu ihm sagen. Die Nähe Gottes wird Realität, sobald so zu Gott gesprochen wird. Darum heißt es aber auch: "Ihr sollt niemanden unter euch Vater nennen auf Erden; denn einer ist euer Vater, der im Himmel!"
4. Dieser durch Jesus und seine Worte nahe Vater, der doch im fernen Himmel „wohnt“, ist gleichwohl auch auf Erden anwesend: die Erde ist der „Schemel seiner Füße“ (Mt, 5,35) Jerusalem ist seine Stadt (5,35) und der Tempel „sein Haus“ (21,14). Ja, selbst im im Verborgenen ist er präsent und er sieht in das Verborgene. Gott ist zwar nicht einfach abstrakt oder grundsätzlich allgegenwärtig, aber sein Möglichkeitspielraum ist uneingeschränkt. Es gibt "Orte“ auf der Erde, die er bevorzugt: den Tempel in Jerusalem, aber auch einsame Orte, das Herz des Menschen in aller Abgeschiedenheit (Mt. 6,4; 6,6; 6.18). Gott ist vor allem auch dort, wo Männer auf ihre Männlichkeitsrituale verzichten müssen: im eigenen Stüblein, in der auf sich selbst zurückgeworfenen Seele.
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Matthäusevangelium
Sonntag, 22. November 2009
Das Matthäusevangelium - eine spannende Erzählung
Die Bergpredigt ist Teil des Matthäusevangeliums. Die Forschung an den synoptischen Evangelien (Markus, Matthäus, Lukas) hat in den letzten Jahren deutlich machen können, dass ihreAutoren nicht einfach einzelne Geschichten aneinanderreihten, sondern einen Plot entwickelten. Mit "Plot" ist der Spannungsbogen einer Erzählung gemeint, die beim Leser Interesse und Neugier erweckt, weiterzulesen oder weiterzuhören. Die Evangelien wollen daher nicht nur ausschnittsartig (perikopenweise) gelesen werden, wie es in Predigten, in der persönlichen Andacht oder auch im Religionsunterricht üblich ist. Sie sind so entworfen, dass sie auch in einem Zug von Anfang bis Schluss gelesen werden können. Ein "Plot" entwickelt Spannung vor allem dadurch, dass eine Hauptfigur, der Held, von einem eher stabilen Anfang her in Konflikte hineingerät bis hin zu einem dramatischen Höhepunkt, dem dann als Lösung ein kurzes Happy-End (oder ein tragisches Ende) der Erzählung folgt.
Welcher "Plot" macht das Matthäusevangelium spannend?
Martin Ebner skizziert ihn so:
"Obwohl Jesus durch seine Genealogie als Nachkomme des Königs Davids ausgewiesen ist (1,1-25) und mit seiner Geburt ein neuer Höhepunkt der Geschichte Israels erwartet werden darf (1,17), stößt er, als er in Israel öffentlich auftritt, auf erbitterte Ablehnung: allerdings nur bei den religiösen und politischen Autoritäten, den Schriftgelehrten und Pharisäern, den Hohenpriestern und Ältesten. Im Gegensatz dazu beginnen die Volksmengen, Jesus als „Sohn Davids" anzuerkennen (9,27.33f.; 12,23f.; 21,9.15), einzelne Notleidende rufen ihn mit diesem Titel um Hilfe an (9,27; 15,22; 20,30f.). Da ziehen die Hohenpriester und Ältesten einen Schlussstrich: Mit der Stimme des Volkes von Jerusalem fordern sie seinen Tod (27,20.25). Er wird gekreuzigt. Aber: Von Gott auferweckt, stellt sich Jesus auf dem Berg in Galiläa, auf dem er bereits seine programmatische Rede, die Bergpredigt (5-7), gehalten hat, seinen Schülern als Universalherrscher vor, dem von Gott „alle Vollmacht über Himmel und Erde gegeben worden ist" (28,18). Er fordert seine Schüler dazu auf, was er ihnen zu Lebzeiten streng verboten hat: zu allen Völkern, also auch zu den Heiden zu gehen und sie ebenfalls zu seinen Schülern zu machen, d. h. sie zu taufen und sie zu lehren, „alles zu befolgen, was ich euch aufgetragen habe" (28,19f.). Damit wird das „Evangelium vom Königtum", wie es Jesus selbst verkündet hat (4,23-9,35) weiterverkündet, allerdings über die Grenzen Israels hinaus, aber streng entlang der Ethik, wie sie Jesus zu Lebzeiten gelehrt hat und wie sie das MtEv in fünf Reden präsentiert."
in: Einleitung in das Neue Testament, hrsg. von Martin Ebner/Stefan Schreiber, Stuttgart: Kohlhammer, 2008, S. 125.
Ähnlich, aber analytischer und viel ausführlicher beschreibt Uta Poplutz den Plot des Evangeliums in: "Erzählte Welt. Narratologische Studien zum Matthäusevangelium, Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag, 2008, S. 32-56.
Wie Ebner verweist sie auf zwei Stellen, die für den Erzählfaden wichtig sind: Mt 4,17 und 16,21. Im Konflikt mit den Feinden Jesu lassen sich drei Phasen unterscheiden: Kapitel 9-12, 15-20 und 21-27 mit eskalierender Dramatik.
Sind diese Hinweise nicht Anreiz genug, das Matthäusevangelium tatsächlich einmal in einem Rutsch durchzulesen und sich auf den Plot einzulassen? Ich werde es gleich tun.
Welcher "Plot" macht das Matthäusevangelium spannend?
Martin Ebner skizziert ihn so:
"Obwohl Jesus durch seine Genealogie als Nachkomme des Königs Davids ausgewiesen ist (1,1-25) und mit seiner Geburt ein neuer Höhepunkt der Geschichte Israels erwartet werden darf (1,17), stößt er, als er in Israel öffentlich auftritt, auf erbitterte Ablehnung: allerdings nur bei den religiösen und politischen Autoritäten, den Schriftgelehrten und Pharisäern, den Hohenpriestern und Ältesten. Im Gegensatz dazu beginnen die Volksmengen, Jesus als „Sohn Davids" anzuerkennen (9,27.33f.; 12,23f.; 21,9.15), einzelne Notleidende rufen ihn mit diesem Titel um Hilfe an (9,27; 15,22; 20,30f.). Da ziehen die Hohenpriester und Ältesten einen Schlussstrich: Mit der Stimme des Volkes von Jerusalem fordern sie seinen Tod (27,20.25). Er wird gekreuzigt. Aber: Von Gott auferweckt, stellt sich Jesus auf dem Berg in Galiläa, auf dem er bereits seine programmatische Rede, die Bergpredigt (5-7), gehalten hat, seinen Schülern als Universalherrscher vor, dem von Gott „alle Vollmacht über Himmel und Erde gegeben worden ist" (28,18). Er fordert seine Schüler dazu auf, was er ihnen zu Lebzeiten streng verboten hat: zu allen Völkern, also auch zu den Heiden zu gehen und sie ebenfalls zu seinen Schülern zu machen, d. h. sie zu taufen und sie zu lehren, „alles zu befolgen, was ich euch aufgetragen habe" (28,19f.). Damit wird das „Evangelium vom Königtum", wie es Jesus selbst verkündet hat (4,23-9,35) weiterverkündet, allerdings über die Grenzen Israels hinaus, aber streng entlang der Ethik, wie sie Jesus zu Lebzeiten gelehrt hat und wie sie das MtEv in fünf Reden präsentiert."
in: Einleitung in das Neue Testament, hrsg. von Martin Ebner/Stefan Schreiber, Stuttgart: Kohlhammer, 2008, S. 125.
Ähnlich, aber analytischer und viel ausführlicher beschreibt Uta Poplutz den Plot des Evangeliums in: "Erzählte Welt. Narratologische Studien zum Matthäusevangelium, Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag, 2008, S. 32-56.
Wie Ebner verweist sie auf zwei Stellen, die für den Erzählfaden wichtig sind: Mt 4,17 und 16,21. Im Konflikt mit den Feinden Jesu lassen sich drei Phasen unterscheiden: Kapitel 9-12, 15-20 und 21-27 mit eskalierender Dramatik.
Sind diese Hinweise nicht Anreiz genug, das Matthäusevangelium tatsächlich einmal in einem Rutsch durchzulesen und sich auf den Plot einzulassen? Ich werde es gleich tun.
Samstag, 14. November 2009
Anlass der Bergpredigt
Im Kontext des Erzählplots (Erzählfadens) des Evangelisten Matthäus ist die Bergpredigt die große Antrittsrede Jesu, die bei seinen Zuhörern, den Jüngern und dem versammelten Volk, Erstaunen und Erschrecken hervorruft. In dieser Rede offenbart er sich als vollmächtiger Lehrer einer spirituellen und sittlichen Lebensführung. Für die matthäische Darstellung der Jesuserinnerung ist es ganz wesentlich, Jesus als Lehrer des neuen, endzeitlichen Israel darzustellen. Nicht nur sein Leben, sondern auch seine Lehre wird als Gabe an die Seinen und für die ganze Welt begriffen, was der Schlußvers des Evangeliums hervorhebt: „Lehret sie halten alles, was ich euch gesagt habe“ (Matthäus 28,20) .
Die Bergrede als Lehr-Ouvertüre wurde vom Autor des Evangeliums zusammengestellt. Einen Teil der Jesusüberlieferung fand er in der Spruchsammlung (Q) vor, die auch Lukas für seinen „Feldrede“ verwendet hat. Matthäus hat diese Zusammenstellung von Jesusworten mit weiteren Überlieferungen angereichert und diese redaktionell so bearbeitet, dass sie seinem Verständnis von Christusnachfolge entsprachen, das sich in Kontinuität zum Gesetzesgehorsam des jüdischen Volkes verstand.
Wenn man die Signale im Text genau analysiert, dann ergibt sich ein recht deutliches Bild der Adressaten, die sich der Autor des Evangeliums vorstellt – sie sind ein Spiegelbild seiner selbst. Im Blick sind erwachsene Männer, die im jüdischen Toragehorsam (Leben nach dem Gesetz des Mose) fest verankert sind, aber als Kern ihrer spirituellen Identität Jesus von Nazareth als den Christus Israels und der anderen Völker angenommen haben.
Der Evangelist möchte helfen, den an Jesus gebundenen Messiasglauben als wahren jüdischen Glauben zu begreifen, der seit Jesu Auferstehung und Himmelfahrt auch den nichtjüdischen Völkern zugänglich gemacht werden soll. Das jüdische Volk musste nach der Zerstörung des Tempels (70 n.Chr.) intensiv darüber reflektieren, welche religiöse Lebensform vor Gott wohlgefällig ist und wie es mit dem Volk ohne Staat weitergehen kann. Das Matthäusevangelium, vermutlich um 80-90 n.Chr. publiziert, schaltet sich in dieses Ringen mit dem Ruf ein, auf die Stimme Jesu zu hören. Der Gott Israels möchte, dass sein Volk auf ihn hört und von ihm lernt, wie eine „vollkommene“ Lebensführung aussieht. Der Autor des Matthäusevangeliums steht im engen konfliktträchtigen Kontakt mit pharisäischer, frührabbinischer jüdischer Lebenspraxis und bietet in Bezug darauf Orientierung, wie man als Jude Jesusnachfolger sein kann. Dieser Kontext ist der Grund dafür, warum Jesus besonders im Matthäusevangelium als Lehrer des vollkommenen Gesetzesgehorsam charakterisiert wird. Matthäus läßt Jesus darum eine ganz einzigartige Tugendethik verkündigen, die besonders in der Unterweisung am Berg hervorsticht.
Die Bergrede als Lehr-Ouvertüre wurde vom Autor des Evangeliums zusammengestellt. Einen Teil der Jesusüberlieferung fand er in der Spruchsammlung (Q) vor, die auch Lukas für seinen „Feldrede“ verwendet hat. Matthäus hat diese Zusammenstellung von Jesusworten mit weiteren Überlieferungen angereichert und diese redaktionell so bearbeitet, dass sie seinem Verständnis von Christusnachfolge entsprachen, das sich in Kontinuität zum Gesetzesgehorsam des jüdischen Volkes verstand.
Wenn man die Signale im Text genau analysiert, dann ergibt sich ein recht deutliches Bild der Adressaten, die sich der Autor des Evangeliums vorstellt – sie sind ein Spiegelbild seiner selbst. Im Blick sind erwachsene Männer, die im jüdischen Toragehorsam (Leben nach dem Gesetz des Mose) fest verankert sind, aber als Kern ihrer spirituellen Identität Jesus von Nazareth als den Christus Israels und der anderen Völker angenommen haben.
Der Evangelist möchte helfen, den an Jesus gebundenen Messiasglauben als wahren jüdischen Glauben zu begreifen, der seit Jesu Auferstehung und Himmelfahrt auch den nichtjüdischen Völkern zugänglich gemacht werden soll. Das jüdische Volk musste nach der Zerstörung des Tempels (70 n.Chr.) intensiv darüber reflektieren, welche religiöse Lebensform vor Gott wohlgefällig ist und wie es mit dem Volk ohne Staat weitergehen kann. Das Matthäusevangelium, vermutlich um 80-90 n.Chr. publiziert, schaltet sich in dieses Ringen mit dem Ruf ein, auf die Stimme Jesu zu hören. Der Gott Israels möchte, dass sein Volk auf ihn hört und von ihm lernt, wie eine „vollkommene“ Lebensführung aussieht. Der Autor des Matthäusevangeliums steht im engen konfliktträchtigen Kontakt mit pharisäischer, frührabbinischer jüdischer Lebenspraxis und bietet in Bezug darauf Orientierung, wie man als Jude Jesusnachfolger sein kann. Dieser Kontext ist der Grund dafür, warum Jesus besonders im Matthäusevangelium als Lehrer des vollkommenen Gesetzesgehorsam charakterisiert wird. Matthäus läßt Jesus darum eine ganz einzigartige Tugendethik verkündigen, die besonders in der Unterweisung am Berg hervorsticht.
Freitag, 13. November 2009
Bergpredigt - zukünftige Gottesnähe
Die zukünftige (eschatische) Gottesnähe wird mit unterschiedlichen Bildern in den Glückselig-preisungen (Matthäus 5,3-11) sichtbar gemacht, die stark in der Anschauungswelt der Schriften Israels (AT) verwurzelt sind:
- „das Reich der Himmel besitzen“: Der Himmel ist der unbestrittene Machtbereich Gottes, er gehört ganz Gott, und so auch ganz den Seliggepriesenen. Damit gibt Gott an seinem Besitz völligen Anteil, verheißen wird eine engste „Besitzgemeinschaft“, d.h. „Machtteilhabe“, also „Throngemeinschaft“. Die räumliche Nähe zu Gott, konkret: neben ihm sitzen, sollte man sich hier vorstellen, eine nicht zu überbietende Statuserhöhung.
- „getröstet werden“, d.h. von Gott getröstet werden. Trösten ist eine Geste der zärtlichen Berührung, man wird in den Arm genommen, Tränen werden abgewischt, Worte der Beruhigung werden gesprochen.
- „die Erde ererben“: Das Reich Gottes umfasst nicht nur den Himmel, sondern auch die Erde, als Raum ist es der „neue Himmel und die neue Erde“, also eine Sphäre der Einheit von Geistlichkeit und Leiblichkeit. Darum kann man dort auch
- „satt werden“: Jesus vergleicht das Himmelreich oft mit einem edlen Festmahl, an dem man tatsächlich satt wird. Psalm 23,5: "Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein."
- „Barmherzigkeit erlangen“: Barmherzigkeit zeigt sich in Gesten Zuwendung, der Berührung und des Versorgens.
- „Gott schauen“. Dies ist die direkteste Aussage der heilvollen Gottesnähe, Gottes Angesicht sehen, die Schönheit der Schönheiten anblicken und dabei nicht sterben, sondern ewig leben – ein Genuß, keine Qual. Die Beter im alten Israel finden Gottes Angesicht in seinem Tempel: Psalm 27,8-10: "Mein Herz hält dir vor dein Wort: »Ihr sollt mein Antlitz suchen.« Darum suche ich auch, HERR, dein Antlitz. Verbirg dein Antlitz nicht vor mir, verstoße nicht im Zorn deinen Knecht! Denn du bist meine Hilfe; verlass mich nicht und tu die Hand nicht von mir ab, Gott, mein Heil! Denn mein Vater und meine Mutter verlassen mich, aber der HERR nimmt mich auf."
- „Gottes Kinder heißen“: Dies ist die Geste der Anerkennung durch Gott, die Annahme als Kinder, als Söhne Gottes. Hosea 2,1: "Doch die Zahl der Söhne Israel wird wie Sand am Meer werden, den man nicht messen und nicht zählen kann. Und es wird geschehen, an der Stelle, an der zu ihnen gesagt wurde: Ihr seid nicht mein Volk!, wird zu ihnen gesagt werden: Söhne des lebendigen Gottes." Die Söhne wiederum regieren mit Gott, sind also zum höchstmöglichen Status erhöht.
- „das Reich der Himmel besitzen“: Der Himmel ist der unbestrittene Machtbereich Gottes, er gehört ganz Gott, und so auch ganz den Seliggepriesenen. Damit gibt Gott an seinem Besitz völligen Anteil, verheißen wird eine engste „Besitzgemeinschaft“, d.h. „Machtteilhabe“, also „Throngemeinschaft“. Die räumliche Nähe zu Gott, konkret: neben ihm sitzen, sollte man sich hier vorstellen, eine nicht zu überbietende Statuserhöhung.
- „getröstet werden“, d.h. von Gott getröstet werden. Trösten ist eine Geste der zärtlichen Berührung, man wird in den Arm genommen, Tränen werden abgewischt, Worte der Beruhigung werden gesprochen.
- „die Erde ererben“: Das Reich Gottes umfasst nicht nur den Himmel, sondern auch die Erde, als Raum ist es der „neue Himmel und die neue Erde“, also eine Sphäre der Einheit von Geistlichkeit und Leiblichkeit. Darum kann man dort auch
- „satt werden“: Jesus vergleicht das Himmelreich oft mit einem edlen Festmahl, an dem man tatsächlich satt wird. Psalm 23,5: "Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein."
- „Barmherzigkeit erlangen“: Barmherzigkeit zeigt sich in Gesten Zuwendung, der Berührung und des Versorgens.
- „Gott schauen“. Dies ist die direkteste Aussage der heilvollen Gottesnähe, Gottes Angesicht sehen, die Schönheit der Schönheiten anblicken und dabei nicht sterben, sondern ewig leben – ein Genuß, keine Qual. Die Beter im alten Israel finden Gottes Angesicht in seinem Tempel: Psalm 27,8-10: "Mein Herz hält dir vor dein Wort: »Ihr sollt mein Antlitz suchen.« Darum suche ich auch, HERR, dein Antlitz. Verbirg dein Antlitz nicht vor mir, verstoße nicht im Zorn deinen Knecht! Denn du bist meine Hilfe; verlass mich nicht und tu die Hand nicht von mir ab, Gott, mein Heil! Denn mein Vater und meine Mutter verlassen mich, aber der HERR nimmt mich auf."
- „Gottes Kinder heißen“: Dies ist die Geste der Anerkennung durch Gott, die Annahme als Kinder, als Söhne Gottes. Hosea 2,1: "Doch die Zahl der Söhne Israel wird wie Sand am Meer werden, den man nicht messen und nicht zählen kann. Und es wird geschehen, an der Stelle, an der zu ihnen gesagt wurde: Ihr seid nicht mein Volk!, wird zu ihnen gesagt werden: Söhne des lebendigen Gottes." Die Söhne wiederum regieren mit Gott, sind also zum höchstmöglichen Status erhöht.
Dienstag, 3. November 2009
Gott in der Bergpredigt
Gott ist ganz überwiegend der „Vater“, meistens der „Vater, der in den Himmels ist (wohnt)“, aber auch ein Vater, der „im Verborgenen ist“. Ich habe eine Liste aller Texte in der Bergpredigt zusammengestellt, die diesen Befund eindrücklich dokumentieren. Die Aussagen geben Aufschluss über wesentliche Charakterzüge Gottes als Vater.
5,16: „So soll euer Licht leuchten vor den Menschen, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater, der in den Himmeln ist, verherrlichen.
5, 44-45: „Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde, und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters seid, der in den Himmeln ist! Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.
5,48: Ihr nun sollt vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.
6,1: Habt acht auf eure Gerechtigkeit, dass ihr sie nicht vor den Menschen übt, um von ihnen gesehen zu werden! Sonst habt ihr keinen Lohn bei eurem Vater, der in den Himmeln ist.
6,6: Wenn du aber betest, so geh in deine Kammer, und wenn du deine Tür geschlossen hast, bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist! Und dein Vater, der im Verborgenen sieht, wird dir vergelten.
6,8: Denn euer Vater weiß, was ihr benötigt, ehe ihr ihn bittet
6,9: Unser Vater, der du bist in den Himmeln, geheiligt werde dein Name;
6,14-15: Denn wenn ihr den Menschen ihre Vergehungen vergebt, so wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben; wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euer Vater eure Vergehungen auch nicht vergeben.
6,17-18: Wenn du aber fastest, so salbe dein Haupt und wasche dein Gesicht, damit du nicht den Men-schen als ein Fastender erscheinst, sondern deinem Vater, der im Verborgenen ist! Und dein Vater, der im Verborgenen sieht, wird dir vergelten.
6,26: Seht hin auf die Vögel des Himmels, dass sie weder säen noch ernten noch in Scheunen sammeln, und euer himmlischer Vater ernährt sie doch.
6,31-32: So seid nun nicht besorgt, indem ihr sagt: Was sollen wir essen? Oder: Was sollen wir trinken? Oder: Was sollen wir anziehen? Denn nach diesem allen trachten die Nationen; denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr dies alles benötigt
7,11: Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird euer Vater, der in den Himmeln ist, Gutes geben denen, die ihn bitten!
7,21: Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr, Herr!, wird in das Reich der Himmel hineinkommen, sondern wer den Willen meines Vaters tut, der in den Himmeln ist.
Als Vater sorgt Gott für alle Menschen, Tiere und Pflanzen. Die Schüler Jesu erkennen Gott durch ihn ("mein Vater") als ihren Vater ("euer Vater", "dein Vater"); sie rufen ihn als Vater an ("Unser Vater") und befinden sich somit in einem ganz familiär-intimen Verhältnis zu ihm, der sich um sie, aber auch um alle anderen in seiner vorsorgenden Allwissenheit kümmert, ja alle seine Geschöpfe liebt und versorgt. Gott ist im Himmel, aber gleichzeitig auch im „Verborgenen“, er ist also in der Welt anwesend, dort aber nicht in der Öffentlichkeit, auch nicht im Tempel, sondern an Orten, die Menschen alleine aufsuchen (die eigene Kammer) und im Inneren der Menschen. Dieser Vater lehnt das Posing (Sich-in-Szene-Setzen, Sich-zur-Schau-stellen-Wollen, Imponiergehabe) und Rechthaberei ab.
5,16: „So soll euer Licht leuchten vor den Menschen, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater, der in den Himmeln ist, verherrlichen.
5, 44-45: „Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde, und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters seid, der in den Himmeln ist! Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.
5,48: Ihr nun sollt vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.
6,1: Habt acht auf eure Gerechtigkeit, dass ihr sie nicht vor den Menschen übt, um von ihnen gesehen zu werden! Sonst habt ihr keinen Lohn bei eurem Vater, der in den Himmeln ist.
6,6: Wenn du aber betest, so geh in deine Kammer, und wenn du deine Tür geschlossen hast, bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist! Und dein Vater, der im Verborgenen sieht, wird dir vergelten.
6,8: Denn euer Vater weiß, was ihr benötigt, ehe ihr ihn bittet
6,9: Unser Vater, der du bist in den Himmeln, geheiligt werde dein Name;
6,14-15: Denn wenn ihr den Menschen ihre Vergehungen vergebt, so wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben; wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euer Vater eure Vergehungen auch nicht vergeben.
6,17-18: Wenn du aber fastest, so salbe dein Haupt und wasche dein Gesicht, damit du nicht den Men-schen als ein Fastender erscheinst, sondern deinem Vater, der im Verborgenen ist! Und dein Vater, der im Verborgenen sieht, wird dir vergelten.
6,26: Seht hin auf die Vögel des Himmels, dass sie weder säen noch ernten noch in Scheunen sammeln, und euer himmlischer Vater ernährt sie doch.
6,31-32: So seid nun nicht besorgt, indem ihr sagt: Was sollen wir essen? Oder: Was sollen wir trinken? Oder: Was sollen wir anziehen? Denn nach diesem allen trachten die Nationen; denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr dies alles benötigt
7,11: Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird euer Vater, der in den Himmeln ist, Gutes geben denen, die ihn bitten!
7,21: Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr, Herr!, wird in das Reich der Himmel hineinkommen, sondern wer den Willen meines Vaters tut, der in den Himmeln ist.
Als Vater sorgt Gott für alle Menschen, Tiere und Pflanzen. Die Schüler Jesu erkennen Gott durch ihn ("mein Vater") als ihren Vater ("euer Vater", "dein Vater"); sie rufen ihn als Vater an ("Unser Vater") und befinden sich somit in einem ganz familiär-intimen Verhältnis zu ihm, der sich um sie, aber auch um alle anderen in seiner vorsorgenden Allwissenheit kümmert, ja alle seine Geschöpfe liebt und versorgt. Gott ist im Himmel, aber gleichzeitig auch im „Verborgenen“, er ist also in der Welt anwesend, dort aber nicht in der Öffentlichkeit, auch nicht im Tempel, sondern an Orten, die Menschen alleine aufsuchen (die eigene Kammer) und im Inneren der Menschen. Dieser Vater lehnt das Posing (Sich-in-Szene-Setzen, Sich-zur-Schau-stellen-Wollen, Imponiergehabe) und Rechthaberei ab.
Freitag, 30. Oktober 2009
Friedenstugenden
Glücklich sind die Armen im Geist, denn ihrer ist das Reich der Himmel.
Glücklich sind die Trauernden, denn sie werden getröstet werden.
Glücklich sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Land erben.
Glücklich sind die, die nach der Gerechtigkeit hungern und dürsten, denn sie werden gesättigt werden.
Glücklich sind die Barmherzigen, denn ihnen wird Barmherzigkeit widerfahren.
Glücklich sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen.
Glücklich sind die Friedensstifter, denn sie werden Kinder Gottes heißen.
Glücklich sind, die um Gerechtigkeit willen Verfolgten, denn ihrer ist das Reich der Himmel.“
Moisés Mayordomo charakterisiert die Seligpreisungen in der Bergpredigt Jesu als "Friedenstugenden". Die Seligpreisungen oder Glücklichpreisungen sind nicht einfach Zuspruch, also Zusage der Gnade, aber auch nicht Forderung von Werken, von Handeln. Sie charakterisieren vielmehr eine bestimmte Art von Menschen, die Friedenstugenden repräsentieren. "Es geht nicht um das Sollen, sondern um das Sein des Menschen. Die Frage ist nicht, wer aufgrund welcher Handlungen in die Himmelsherrschaft gelangt, sondern zu welcher Art von Menschen die Himmelsherrschaft kommt" (S.14). Mayordomo definiert Tugenden als "Charakterdisposition..., die Urteile und Emotionen umfasst und dadurch moralisches Handeln intrinsisch motiviert." Ich finde diese Zugangsweise sehr hilfreich. In den Seligpreisungen werden nicht Normen gesetzt oder Forderungen aufgestellt, sondern eine Charakterdisposition, ein ethischer Habitus beschrieben, der zum Reich Gottes "passt". Tugenden sind Ausdruck eines Wesens. Wer diese Tugenden "besitzt", bezweckt nicht etwas mit ihnen, er will nicht etwas erreichen, gewinnen, sondern er will etwas in ihnen Wahres zum Ausdruck bringen, ja zum Leuchten bringen.
Moisés Mayordomo, Gewaltvermeidung in der Bergpredigt, in: Zeitschrift für Neues Testament (Heft 24 Bergpredigt) 12. Jahrgang (2009), S. 12-21.
Glücklich sind die Trauernden, denn sie werden getröstet werden.
Glücklich sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Land erben.
Glücklich sind die, die nach der Gerechtigkeit hungern und dürsten, denn sie werden gesättigt werden.
Glücklich sind die Barmherzigen, denn ihnen wird Barmherzigkeit widerfahren.
Glücklich sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen.
Glücklich sind die Friedensstifter, denn sie werden Kinder Gottes heißen.
Glücklich sind, die um Gerechtigkeit willen Verfolgten, denn ihrer ist das Reich der Himmel.“
Moisés Mayordomo charakterisiert die Seligpreisungen in der Bergpredigt Jesu als "Friedenstugenden". Die Seligpreisungen oder Glücklichpreisungen sind nicht einfach Zuspruch, also Zusage der Gnade, aber auch nicht Forderung von Werken, von Handeln. Sie charakterisieren vielmehr eine bestimmte Art von Menschen, die Friedenstugenden repräsentieren. "Es geht nicht um das Sollen, sondern um das Sein des Menschen. Die Frage ist nicht, wer aufgrund welcher Handlungen in die Himmelsherrschaft gelangt, sondern zu welcher Art von Menschen die Himmelsherrschaft kommt" (S.14). Mayordomo definiert Tugenden als "Charakterdisposition..., die Urteile und Emotionen umfasst und dadurch moralisches Handeln intrinsisch motiviert." Ich finde diese Zugangsweise sehr hilfreich. In den Seligpreisungen werden nicht Normen gesetzt oder Forderungen aufgestellt, sondern eine Charakterdisposition, ein ethischer Habitus beschrieben, der zum Reich Gottes "passt". Tugenden sind Ausdruck eines Wesens. Wer diese Tugenden "besitzt", bezweckt nicht etwas mit ihnen, er will nicht etwas erreichen, gewinnen, sondern er will etwas in ihnen Wahres zum Ausdruck bringen, ja zum Leuchten bringen.
Moisés Mayordomo, Gewaltvermeidung in der Bergpredigt, in: Zeitschrift für Neues Testament (Heft 24 Bergpredigt) 12. Jahrgang (2009), S. 12-21.
Mittwoch, 28. Oktober 2009
Die Bergpredigt und Taize
In der nächsten Zeit möchte ich mich intensiver mit der Bergpredigt beschäftigen. In dem Buch "Die Geschichte von Taizé" von J.-C. Escaffit und Moiz Rasiwala (Herder: Freiburg 2009) lese ich gerade (S. 27):
"Die spätere Regel von Taizé übernimmt ihren geistlichen Grundton von den 'Veilleurs' [ein protestantische Orden, 1929 vom Pfarrer W. Monod ins Leben gerufen]: 'Lass dich durchdringen vom Geist der Seligpreisungen: Freude, Einfachheit, Barmherzigkeit." - Dies ist die dritte geistliche Weisung in der Regel. Die ersten beiden lauten: "Lass in deinem Tag Arbeit und Ruhe von Gottes Wort ihr Leben empfangen. Wahre in allem die innere Stille, um in Christus zu bleiben." (S. 32)
"Die spätere Regel von Taizé übernimmt ihren geistlichen Grundton von den 'Veilleurs' [ein protestantische Orden, 1929 vom Pfarrer W. Monod ins Leben gerufen]: 'Lass dich durchdringen vom Geist der Seligpreisungen: Freude, Einfachheit, Barmherzigkeit." - Dies ist die dritte geistliche Weisung in der Regel. Die ersten beiden lauten: "Lass in deinem Tag Arbeit und Ruhe von Gottes Wort ihr Leben empfangen. Wahre in allem die innere Stille, um in Christus zu bleiben." (S. 32)
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