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Sonntag, 7. November 2010

Nachhaltiger Lebensstil

Was motiviert Christen dazu, nachhaltig im ökologischen Sinne zu leben?
Ich möchte diese Motivation an der Kennzeichnung als "Ebenbild" Gottes verdeutlichen.
Im biblischen Schöpfungsbericht wird menschliche Existenz als geschöpfliche Existenz gedeutet: Ich bin Geschöpf inmitten von anderen Geschöpfen. Alle verdanken ihr Leben Gott. Der Mensch wird von den anderen Geschöpfen - den Tieren unter dem Himmelszelt, in den Meeren und auf dem Land - dadurch ausgezeichnet, dass er "Ebenbild Gottes" ist. Im Alten Orient wurde diese Auszeichnung in der Regel nur den Königen verliehen. Die Bibel sagt nun, dass alle Menschen Königsstatus und damit Herrschaftsrechte haben. Aber ihre Herrschaft sollen sie nicht untereinander ausüben, sondern gegenüber den Tieren. Allerdings nicht, um sie zu töten, sondern um die zu "beherrschen" und damit zu bewahren. Gen 1,28-31 setzt Vegetarismus voraus.
Der Mensch hat diese Ebenbildlichkeit verloren, weil er die seiner Herrschaft gesetzten Grenzen überschreiten wollte und überschritten hat. Davon berichten die Kapitel 3-11 in 1. Buch Mose. Alle nun "mangeln der Herrlichkeit, die sie bei Gott haben sollten", schreibt Paulus in Römer 3 und spielt damit auf die verlorene Ebenbildlichkeit an. An die Stelle bewahrender trat die zerstörerische, ausbeutende Herrschaft des Menschen gegenüber sich selbst, gegenüber seinen Mitgeschöpfen und gegenüber der Natur.
Das neue und endgültige Ebenbild Gottes ist Gottes Sohn, der Mensch Jesus. Er hat vertieft definiert, was Ebenbildlichkeit Gottes bedeutet: Barmherzigkeit ("Seid barmherzig, wie Gott barmherzig ist"), Erbarmen, Feindesliebe, Hingabe, Versöhnung. Nachfolge, das ist Leben im Dasein für andere (Bonhoeffer).
Im Glauben werden wir mit Christus verbunden, und damit auch mit seiner Barmherzigkeit und seinem Erbarmen in Beziehung gesetzt. Wir sind "in Christus" erneuerte Ebenbilder Gottes geworden, die in vertiefter Weise eine barmherzige und liebende Beziehung zur Mitwelt pflegen.
Ein ökologisch nachhaltiger Lebensstil gehört damit wesenhaft zum Sein als Christ. Versöhnung bezieht sich nicht nur auf den Mitmenschen, sondern auch auf die Tiere und die gesamte Mitschöpfung.

Donnerstag, 23. Juli 2009

Die Nachfolge und der Einzelne

In regelmäßigen Abständen werde ich an Bonhoeffer erinnert (zuletzt von Corinna Dahlgrün) und lese dann wieder Abschnitte in seinen Büchern. Im Alter von etwa 30 Jahren erarbeitete er das Buch "Nachfolge", das auf Vorlesungen im Seminar Finkenwalde der Bekennenden Kirche zurückgreift und im Sommer 1937 fertiggestellt wurde. Es ist ein strenges Buch, weil die Bergpredigt, der Bonhoeffer im Zentralteil des Buches nachdenkt, selbst diese Strenge besitzt. Und weil der Ruf Jesu in die Nachfolge, die Forderung, alles stehen und liegen zu lassen, um seine Schülerin, sein Schüler werden zu können, eine radikale Strenge besitzt. Wer im Glauben erwachsen werden möchte, für den ist es genau die richtige Provokation. Ich zitiere einige Stellen aus dem Kapitel "Die Nachfolge und der Einzelne", eine Auslegung von Lk 14,26.

"Christus macht den Gerufenen zum Einzelnen. Jeder ist allein gerufen. Er muß allein folgen. In der Furcht vor diesem Alleinsein sucht der Mensch Schutz bei den Menschen und Dingen um ihn herum...Christus will den Menschen einsam machen, er soll nichts sehen als den, der ihn berief...Christus hat den Menschen aus seiner Unmittelbarkeit zur Welt gelöst und in die Unmittelbarkeit zu sich selbst gestellt...Es gibt seit Christus kein unmittelbares Verhältnis des Menschen mehr, weder zu Gott noch zur Welt; Christus will der Mittler sein...Der von Jesus Gerufene lernt also, daß er in seiner Beziehung zur Welt in einer Täuschung gelebt hat. Diese Täuschung heißt Unmittelbarkeit. Sie hat ihn am Glauben und am Gehorsam gehindert. Nun weiß er, daß er selbst in den engsten Bindungen seines Lebens...keine Unmittelbarkeit haben kann...Zwischen Sohn und Vater, zwischen Mann und Weib, zwischen dem Einzelnen und dem Volk steht Christus, der Mittler, ob sie ihn erkennen können oder nicht. Es gibt für uns keinen Weg zum Anderen mehr, als den Weg über Christus, über sein Wort, und unsere Nachfolge. Unmittelbarkeit ist Trug...All unsere Versuche, die Kluft, die uns von anderen Menschen trennt, die unüberwindliche Distanz, Andersheit, Fremdheit des anderen Menschen durch Mittel natürlicher oder seelischer Verbindung zu überwinden, müssen scheitern. Es führt kein eigene Weg von Mensch zu Mensch. Die liebevollste Einfühlung, die durchdachteste Psychologie, die natürlichste Offenheit dringt nicht zum anderen Menschen vor, es gibt keine seelischen Unmittelbarkeiten [Anmerkung von mir: Hier würde Niklas Luhmann zustimmen: Wir können mittels sozialer Kommunikation nie die psychische Gedanken- und Erlebniswelt des anderen direkt erreichen, so sehr wir uns das auch wünschen]. Christus steht dazwischen. Nur durch ihn hindurch geht der Weg zum Nächsten. Darum ist die Fürbitte der verheißungsvollste Weg zum Anderen, und das gemeinsame Gebet im Namen Christi die echteste Gemeinschaft."
Wie kann es mir im Alltag gelingen, immer Christus als Mittler zwischen mir und den, dem, der Anderen einzubeziehen? Welche Folgen hat das? Wie verändert sich dann meine/unsere Kommunikation? Wird sie bewußter, präsenter, wahrhaftiger, lebendiger?

Mittwoch, 15. Juli 2009

Erziehung oder Bildung?

Von Soziologen Niklas Luhmann (1927-1998) stammt das Bonmot: "Erziehung ist eine Zumutung, Bildung ein Angebot" (es steht auf der Rückseite des Buches: Bildung und Weiterbildung im Erziehungssystem).
Wie ist das in Bezug auf Gott? Verstehe ich ihn eher als strengen Pädagogen, der mich erziehen muss, damit ich von meinem sündigen Lebenswandel ablasse, oder eher als weisen Lehrer, der mich mit den Geheimnissen seiner erlösenden Lehre verwundern und verwandeln möchte?
Für Paulus ist ein Gottesverhältnis, das von Strafe geprägt ist, kindlich und unreif. Die Korinther fragt er ironisch: "Was wollt ihr? Soll ich mit dem Stock zu euch kommen oder mit Liebe und sanftmütigem Geist?" Ein solcher liebender, sanftmütiger Lehrer wollte Paulus sein. Denn so erfuhr er auch die Weisheit, die in der Beziehung zu Christus verborgen ist: "Wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit, denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Denn die Torheit Gottes ist weiser, als die Menschen sind, und die Schwachheit Gottes ist stärker, als die Menschen sind." (1. Kor 1,23-25). - "Wir reden von der Weisheit Gottes, die im Geheimnis verborgen ist....uns aber hat es Gott offenbart durch seinen Geist; denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen der Gottheit...Wir aber haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, dass wir wissen können, was uns von Gott geschenkt ist". (1. Kor 2,7-12 gekürzt)
Die Faszination, die Christus auf Paulus ausübt, die "Erkenntnis", die er schenkt und das ganze Leben verändert, bekennt er ganz offen in Philipper 3,7-11 (gekürzt): Aber was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden erachtet. Ja, ich erachte es noch alles für Schaden gegenüber der überschwänglichen Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn. ...Ihn möchte ich erkennen, und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden und so seinem Tode gleich gestaltet werden, damit ich gelange zur Auferstehung von den Toten."
Diese Erkenntnis ist nicht nur "kognitiv", intellektuell, es ist eher eine existentielle Erkenntnis, die das gesamte Leben transformiert, und zwar weg von Ichzentriertheit und Gewalteinsatz hin zur Orientierung am Kreuz Christi und an der Gewaltlosigkeit, die sich in dieser Liebestat zeigt.
Der Lehrer Jesus macht uns sein ganz spezielles Bildungsangebot: "Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werden ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht." Was für ein Angebot! Ich möchte mich darauf einlassen!

Dienstag, 14. Juli 2009

Lehren und Lernen ohne Hilfsmittel

Heute Nachmittag stand die letzte Seminarsitzung des Einführungsseminars "Bibelwissenschaftliche Methoden. Einführung in die Exegese des Neuen Testaments" an; ich bereitete das Seminar mit unterschiedlichen Materialien gewissenhaft vor und packte sorgfältig die Tasche. Als ich auf der Fahrt zur Uni Gießen nach etwa 15 min nochmal den Ablauf der Sitzung gedanklich durchging und ich mich nach der Tasche umschaute, die ich immer auf den Rücksitz stelle, ist sie nicht da. Mir wird gleich klar: Du hast sie zu Hause stehen lassen. Den sofortigen Gedanken, nochmal zurückzufahren, konnte ich gleich verwerfen, ich würde zu spät in Gießen ankommen. Was tun? Erster Punkt der Sitzung ist die Wiederholung und Vertiefung des Themas "Entwicklung von den mündlichen Worten Jesu hin zu den Evangelien". Den "Sitz im Leben" der Verkündigung Jesu hatte ich schon letzte Woche anschaulich zu machen versucht. Nun war eine noch bessere Gelegenheit dazu! Jesus hatte als Wanderprediger auch keine Materialien dabei; nur seine Worte und seine Taten! Lehren und Lernen lief über mündliche Rede und zuhören: "Wer Ohren hat, der höre!" Als er die JüngerInnen, die sicherlich viele seiner Worte memoriert hatten, zu zweit aussendete, durften sie fast nichts mitnehmen: "Ihr sollt weder Gold noch Silber noch Kupfer in euren Gürteln haben, auch keine Reisetasche, auch nicht zwei Hemden, keine Schuhe, auch keinen Stecken." (Mt 10,9-10) - "Ihr sollt nichts auf den Weg nehmen, weder Stab noch Tasche noch Brot noch Geld; es soll auch einer nicht zwei Hemden haben." (Lukas 9,3). Auf der Fahrt memorierte ich nochmal die 4 Arbeitsschritte der Sitzung. Die Studierenden warteten schon vor der Türe, als ich gerade noch pünktlich ankam (ich musste einen Stau umfahren). Immerhin, den Schlüssel zum Seminarraum hatte ich eingesteckt. Ich bat sie, vor der Türe noch zu warten. Ich stellte einen Halbkreis für die Gruppe von 12 (!), bat sie dann hinein und auch, ihre Taschen auf einem Tisch zu deponieren, sie bräuchten sie heute nicht. Dann ging es los. Alles aus dem Kopf, alles im gemeinsamen Gespräch. Die Bibeltexte, die wir brauchten, die Seligpreisungen und die Heilung des Bartimäus rekonstruierten wir auch aus dem Gedächtnis. Wie schade ist es doch, dass wir heute so wenig Bibeltexte auswendig können! Gehört es nicht auch zur Praxis der Spiritualität, elementare, wesentliche Texte wie eine eiserne Ration auswendig zu lernen und immer wieder zu üben?
Die Sitzung verging wie im Flug; ich fragte, erzählte und argumentierte ganz aus dem Gedächtnis, die Studierenden ebenso. Die Atmosphäre war absolut konzentriert. Eine besondere Erfahrung!