Posts mit dem Label Paulus werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Paulus werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 4. März 2013

Christliche Freiheit Teil 4 - Paulus


Paulus nimmt das Wort “Freiheit” (eleutheria) aus dem griechisch-hellenistischen Zusammenhang auf und gibt ihm im Rahmen seiner Theologie einen neuen Sinn. Das Neue in der christlichen Interpretation liegt vor allem darin, dass Freiheit mit einem geschichtlichen Ereignis in Verbindung gebracht wird: Jesus Christus ist der Ursprung der Freiheit. In seiner Geschichte ist die Freiheit Ereignis geworden. Es ist eine Freiheit, die im völligen Statusverzicht des Mächtigsten begründet liegt (Phil 2,6-11).

Die Zugehörigkeit zu Jesus Christus führt zu einer Perspektive, in der sich Freiheit und Beziehung/Bindung in einem gegenseitigen Steigerungsverhältnis befinden: Je intensiver die Bindung an Gott und Christus und den Geist, desto größer die Öffnungserfahrungen, die sich den Menschen erschließen, sowohl in Bezug auf sich selbst wie auch in Bezug auf den Anderen. Das Evangelium hat eine lösende, befreiende Wirkung, indem es an Christus bindet. So befreit es von gängelnder und angstbesetzter kultischer Religiosität. Es stellt solche Traditionen in Frage. Mehrmals betont Paulus den Freiheitsgewinn, der in dieser Anerkennungserfahrung im Blick auf Christus verankert ist: „Der Herr ist der Geist; wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit. Nun aber schauen wir alle mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn.“ (2 Kor 3,17-18) Der Geist Gottes, die Vernunft Gottes klärt über uns selbst und über Gott, wie er wirklich ist, auf. In dieser geistgewirkten Aufklärung liegt für Paulus ein immenser Freiheitsgewinn, der in einem bis in die Ewigkeit andauernden Prozess den Glaubenden verwandelt: „Wir werden verklärt in sein Bild von einer Herrlichkeit zur andern von dem Herrn, der der Geist ist“ (2 Kor 3,18).

Der über Gott und uns selbst aufklärende Geist schenkt den Gläubigen eine kritische Orientierung, die die Überschreitung von ethnischen und rituellen Grenzsetzungen ermöglicht. In Galater 5 ruft Paulus die Gemeinde zweimal in diese Freiheit hinein: „Für die Freiheit hat Christus uns freigemacht. Steht nun fest und lasst euch nicht wieder durch ein Joch der Sklaverei belasten“ (5,1). – „Ihr seid zur Freiheit berufen, Brüder!“ (5,13). Paulus verpflichtet hier geradezu die Gemeinde auf eine gewonnene Mündigkeit, die sie nicht wieder verspielen soll. Durch Teilhabe an Jesus Christus gewinnen Menschen Freiheit von sozialen Festschreibungen und Autoritarismus, von gesellschaftlicher Fremdsteuerung oder ethnischen Partikularismen. Mündige, im Glauben erwachsen gewordene Christen leben nach Paulus in der Freiheit, die sich in der Liebe verwirklicht: „Gebraucht nicht die Freiheit als Anlass für das Fleisch [d.h. für die egoistische Triebbefriedigung], sondern dient einander durch die Liebe“ (5,13). Liebe aber ist schon bei Paulus als kreative Fähigkeit zu verstehen, sich in die Situation eines anderen hineinzuversetzen und aus dessen Perspektive her so zu handeln, dass der Andere dies als für ihn Gutes erleben kann. Paulus sieht die Gläubigen zur Mündigkeit der Liebe befreit ohne Gängelung durch bevormundende Vorschriften: „Alles ist erlaubt, aber nicht alles baut auf“ (1 Kor 10,23). Die Liebe baut auf (1 Kor 8,1). Kreisläufe des Hasses können aus dieser Freiheit heraus abgebrochen werden, Kreisläufe der Liebe können in Freiheit aufgebaut werden.

Gott und eine an der Liebe orientierten Freiheit können zusammengedacht werden, sie bilden nicht notwendigerweise Gegensätze. Als wir Babys waren, waren wir noch nicht sehr frei, wir bedurften einer bergenden und fürsorgenden Kultur, Mutter und Vater. Aber gute Eltern wollen unsere Freiheit. Ihre Erziehung ist heute in der Regel davon geprägt, uns in die Freiheit zu entlassen. Freiheit entfaltet sich nicht in der Bindungslosigkeit, sondern in bindungsreichen Milieus, die Freiheit als Wert schätzen. So sollen wir uns auch Gott vorstellen: als liebender Gott, als tragender Grund unseres Daseins will er unsere Freiheit. Denn nur wer frei ist, kann – aus Freiheit heraus – für andere da sein.

Samstag, 11. Dezember 2010

Für uns geschehen - das Evangelium mit Paulus verstehen

Ich freue mich sehr, dass dieses Buch jetzt erscheinen kann. Hier habe ich meine wesentlichen Erkenntnisse zur Theologie und Spiritualität bei Paulus formuliert.

Auf dem Rückcover stehen Auszüge aus dem Geleitwort von Rolf Pöhler:
"Dieses Buch lädt ein, sich mit den Hauptlinien paulinischer Theologie gründlich zu beschäftigen. Es nimmt die Leser mit hinein in ein aufmerksames Hören auf den großen Apostel und seine Botschaft von Jesus Christus als dem tragenden Grund christlicher Existenz. Es will dazu anleiten, die Briefe von Paulus aufmerksam zu lesen, sie näher zu betrachten, ihre Botschaft neu zu verstehen und auch existenziell zu erfahren. Was Christus für uns getan hat, nimmt uns persönlich so mit hinein in seine Lebensgeschichte, dass sie zu unserer eigenen Geschichte wird."
Weitere Informationen: Inhaltsverzeichnis(PDF) und Leseprobe: Kapitel 7 "An Christus glauben" (PDF)

Samstag, 9. Oktober 2010

Kaleb - ein anderer Geist ist in ihm

Kaleb ist ein Mann im besten Alter, noch sehr stark, aber auch schon erfahren, 40 Jahre alt. Er wird von Mose als Haupt des jüdischen Stammes mit 11 anderen Stammesfürsten dazu ausgewählt, das verheißene Land auszukundschaften. 40 Tage sind sie unterwegs, von der Wüste her in immer fruchtbareres und stark bewohntes Land. Vorsichtig erkunden sie die blühenden Landschaften im Spätsommer, zur Zeit der ersten reifen Weintrauben. Besonders beeindruckend war das Tal Eschkol. Hier wuchsen außergewöhnlich reich tragende Weinstöcke. Heimlich nahmen sie einen großen Weintraubenzweig mit, ebenso leckere reife Granatäpfel und Feigen. Welche Leckereien für Männer, die monatelang in der Wüste unterwegs gewesen waren. Mit diesen Zeichen, dass das verheißene Land tatsächlich fruchtbar ist, kamen sie zu Mose und zum Volk zurück. Die Wortführer der Gruppe berichten von ihrer Erkundung, äußern aber auch ihre Bedenken und Sorge: Die Bevölkerung sei stark, wohne in befestigten Städten und die Männer seien sehr groß. Mehrere Völker befänden sich zudem im zu erobernden Gebiet.
Erst jetzt schaltet sich Kaleb ein, als er spürt, dass sich die Sorge der Männer auf die Stimmung des Volkes zu übertragen beginnt und sich gegen Mose zu wenden beginnt. Er versucht zu beruhigen: Auf Leute, kein Verzug, seid zuversichtlich! Wir können der Herausforderung Herr werden. Wir schaffen das!“ Aber da widersprechen ihm die anderen Kundschafter. Sie beginnen zu dramatisieren: „Die sind zu stark!“ Die großen Männer im Land Kanaan werden in ihrer Phantasie zu Riesen, sie selbst zu Zwergen: „Sie sind über die Maßen groß! Gegen sie kamen wir uns vor wie kleine Heuschrecken.“ Damit kippt die Stimmung des Volkes endgültig, ihre Angst wird zur Panik, zur Verzweiflung, zur totalen frustrierten Enttäuschung: Die ganze Gemeinde brach in Geschrei aus und weint in die Nacht hinein. In die Tränen mischte sich Wut, ja Empörung gegenüber Mose und Gott; sie murrten gegen ihn und malen ihm den Tod vor, den sie bereits vor Augen sehen: „Wären wir doch nur in Ägypten oder in der Wüste gestorben. Warum will uns Gott in das Land da bringen, damit wir durch das Schwert fallen. Wir alle werden ihnen zur Beute werden. Auf, zurück nach Ägypten. Lasst uns neue Führer wählen.“
Im Lager beginnt mitten in der Nacht ein Machtkampf. Aber Aaron und Mose fallen nur von der Gemeinde auf ihr Angesicht. Demütig schweigen sie. Josua und Kaleb, die beiden mutigen Kundschafter, hingegen werden zornig, zerreißen ihre Kleider und ermahnen die Gemeinde mit ernsten Worten: Das Land ist sehr gut! Gott will uns in dieses Land führen. Empört euch also nicht gegen Gott und habt keine Furcht vor den Landesbewohnern. Nicht wir werden von ihnen, sondern sie werden von uns verschlungen werden. Gott ist mit uns!“ Aber das Volk hört nicht auf sie. Vielmehr machen sie sich auf, Mose und Aaron, Josua und Kaleb zu steinigen. Eine Revolte bricht aus! Im letzten Augenblick erscheint die Herrlichkeit Gottes, das Licht Gottes, vor allen an der Stiftshütte. Voller Zorn fragt Gott: Wie lange will dieses Volk noch gegen mich murren? Es folgen Gerichtsworte, Moses Fürsprache für das Volk und die Strafe für die Revolte. Nur zwei hatten nicht gemurrt, Josua und Kaleb. In der Gottesrede wird Kalebs Verhalten herausgehoben: Meinen Knecht Kaleb, den bringe ich in das Land, denn ein anderer Geist war in ihm und er stand völlig hinter mir

Zwei Grundhaltungen stehen sich in der Geschichte gegenüber:

Das Volk Israel und 10 Kundschafter „murren“.
Sie sind besorgt und zweifeln am Erfolg. Sie steigern sich in Frust und Empörung hinein. Sie sind von Mutlosigkeit und Ohnmachtsgefühlen bestimmt. Sie haben Angst vor der Herausforderung. Im Angesicht der Herausforderung schauen sie zurück, verklären die Vergangenheit, das alte Leben in Ägypten. Unglaube ist also
Orientierung an der Sorge, zu erkennen am „Murren“.


Kaleb und Josua sind mutig und ermutigen andere. Ihr Verhalten steigert sich von Ermutigung zur dringlichen Mahnung. Sie sind verantwortungsbereit, sehen Perspektiven, öffnen sich den Möglicheiten Gottes, zeigen sich zukunftsorientiert und hoffnungsvoll. Glaube ist zuversichtliche Orientierung an der Zusage Gottes, zu erkennen am Mut und an Standhaftigkeit.

Paulus spielt in Phil 2 auf diese Wüstengeschichte an. In Phil 2,14-15 ermuntert er die Gemeinde in Philippi:

„Tut alles ohne Murren und ohne Zweifel, damit ihr ohne Tadel und lauter seid, Gottes Kinder, ohne Makel mitten unter einem verdorbenen und verkehrten Geschlecht, unter dem ihr scheint als Lichter in der Welt, dadurch dass ihr festhaltet am Wort des Lebens“.

Murren, das ist für Menschen „in Christus“, für Kinder Gottes, eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Denn sie leben aus dem Neuen, das Gott schenkt. Sie sind zu ihm emporgehoben. Sie sollen wie Lichter in der Welt scheinen: Lichter sind freundlich, sie erhellen das Leben, sie strahlen.
Du möchtest als Christ wachsen und reifen? Höre auf zu meckern, zu murren, dich zu beschweren, dich an der Sorge, am Unmut zu orientieren. Diese Haltung gehört zum alten Leben, zum murrenden Unglauben, den Du doch hinter dir lassen möchtest und "in Christus" schon hinter dir gelassen hast.
Gott ruft uns durch das Evangelium in eine andere Orientierung hinein: sein Geist will uns mit Zuversicht und mit Mut erfüllen. Das gilt ganz allgemein für alle Lebenssituationen. Wir empfangen von ihm eine zuversichtliche Tatkraft. Er befähigt uns zur Arbeit in der Liebe. Er macht uns nicht passiv, sondern initiativ, bereit zur Mitarbeit am Reich Gottes.

Montag, 15. Februar 2010

Glaube bei Paulus (4)

Wenn wir durch das Evangelium an Jesus Christus glauben, dann treten wir in eine tiefe Liebesbeziehung zu Gott ein. Paulus kann diesen Glauben auch als „Erkennen“ bezeichnen. So spricht er davon, dass er Christus als Gekreuzigten und Auferstandenen erkennen möchte. Damit meint er nicht eine intellektuelle Erkenntnis, sondern eher ein „Sehen“, ein „Anschauen“, so wie sich Liebende einander in tiefer Freude und ohne Verlegenheit anschauen können und einander ganz nahe sind. In Philipper 3,6-11 wechseln sich „erkennen“ und „glauben“ ab:

Aber was auch immer für mich Gewinn [wertvoll] war, das habe ich wegen des Christus für Verlust [wertlos] gehalten; ja wirklich, ich halte auch alles für Verlust [wertlos] aufgrund der unübertrefflichen Größe der Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, um dessentwillen mir alles wertlos wurde und ich es für Dreck halte, damit ich Christus gewinne und mich in ihm befinde, indem ich nicht meine Gerechtigkeit habe, die vom Gesetz her kommt, sondern die [Gerechtigkeit] durch den Glauben an Christus, die Gerechtigkeit, die von Gott her kommt, mittels des Glaubens, um ihn zu erkennen: sowohl die Kraft seiner Auferstehung als auch die Gemeinschaft seiner Leiden; gleichgestaltet seinem Tode [bin ich/möchte ich sein] damit ich die Auferstehung aus den Toten erreiche werde.

Dass Paulus an ein Schauen denkt, verdeutlicht 2. Korinther 3,18. Hier spricht Paulus direkt von einem gegenseitigen Anschauen, das für den Gläubigen verwandelnden Charakter hat:

Wir alle aber schauen mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn an und werden so verwandelt in dasselbe Bild von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, wie es vom Herrn, dem Geist, geschieht.

In Gal 4,9 nimmt Paulus diese Vorstellung, sich gegenseitig anzublicken, auf und hebt hervor, wer zuerst anschaut – nicht wir Menschen, sondern Gott. Wer glaubt, weiß sich von Gott erkannt, das heißt liebevoll, gütig, rettend angeblickt.

„Nun aber erkennt ihr Gott, vielmehr ihr seid von Gott erkannt.“

Das Bewußtsein, Christus durch Schau gleichgestaltet zu werden, ist eine außergewöhnliche Erfahrung, die Gefühl, Verstand und Wille ganzheitlich umfasst. Dieses Erkennen Christi und Gottes ist die Gipfelerfahrung des Glaubens, weil sie Ewigkeit in der Gegenwart erfahren lässt. Sie trägt aber eine mögliche Gefahr in sich, nämlich zu meinen, schon am Ziel angekommen zu sein, vollendet zu sein. Wer sich vollkommen wähnt, beginnt überheblich zu werden und verliert augenblicklich das, was die Gottesschau geschenkt hat, nämlich die Freiheit von aller Selbstbezogenheit, das Hineingenommensein in die Liebe Gottes. Den Korinthern, die in dieser Gefahr standen, musste Paulus ins Stammbuch schreiben:

„Die Erkenntnis bläht auf, die Liebe aber baut auf. Wenn jemand meint, er habe etwas erkannt, hat er noch nicht so erkannt, wie man erkennen muss. Wenn einer aber Gott liebt, dieser ist von ihm erkannt.“ (1 Kor 8,1-3 eÜ)

Für Paulus ist die Erkenntnis des Glaubens die Erkenntnis der Liebe Gottes, wie sie sich unüberbietbar am Kreuz offenbart hat. Darum möchte Paulus auch dem Tode Christi gleichgestaltet werden. Die Gemeinschaft mit Christus im Leiden zeigt auch, dass das endgültige, leibhaftige Schauen Christi noch zukünftig ist. Wiederum den Korinthern verdeutlicht er:

Solange wir im Leibe wohnen, weilen wir fern vom Herrn, denn wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen. (2 Kor 5,7)

Diese gegen einen überheblichen Enthusiasmus gerichtete Einschränkung finden wir auch in 1. Korinther 13,12:

Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.

Hier wird auch deutlich, dass der Glauben keine Weltanschauung ist, mit der alles erklärt werden kann – keine Prophezeiung, keine charismatische Erkenntnis reicht so weit. Das Evangelium ist gerade kein Herrschaftswissen, das Überlegenheit schafft. Aber was das Evangelium gewiss vermittelt, ist die rettende Erkenntnis, von Gott erkannt zu sein. Gott sieht mich ganz, erkennt mich völlig, aber diese Erkenntnis führt in Christus nicht zum Tod, sondern zum ewigen Leben. Von Gottes Liebe erkannt zu sein, von der Liebe Christi ergriffen zu sein (Phil 3,12), diese Erkenntnis schenkt das Evangelium ganz gewiss. Darum kann Paulus in Galater 2,20 zuversichtlich bekennen:

Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dahingegeben.

Sonntag, 14. Februar 2010

Glaube bei Paulus (3)

Der Glaube ist als Bindung unseres Herzens an Gott, als Offenheit zu Gott hin, zu begreifen. Sind wir aber dazu überhaupt fähig? Wer von uns vermag sich in dieser existentiellen Weise an Gott zu binden, sich ihm und seiner Heilstat zu öffnen? Wer kann sich selber aus den Strukturen der Gottlosigkeit befreien, um sich ganz an Christus festzumachen? Wie könnte unser ichzentriertes Herz, dessen Wesen ja die Selbstbezogenheit ist, sich selbst dazu bekehren, nicht mehr ichzentriert zu sein?
Paulus versteht darum unseren Glauben, unsere Bekehrung zu Gott, als Gnade und Gabe Gottes. Der Glaube ist nicht eine von uns zu leistende Vorbedingung dafür, dass wir an der rettenden Gemeinschaft mit Gott teilnehmen können. Vielmehr wird die Gemeinschaft mit Gott von uns im Glauben vollzogen. Der Glaube ist nicht Bedingung, sondern Teil des Heilsgeschehens. Glauben wir, befinden wir uns schon ganz im Raum des Heils. Wir treten nicht durch den Glauben als Einlassbedingung in diesen Raum des Heils hinein, sondern wir sind in diesen Raum als Glaubende hineingestellt.
Wie aber kann es dazu kommen, dass wir glauben, wenn wir unsere Bekehrung, die Umkehr des Herzens, nicht selbst bewirken können? Die Antwort ist: Gott entzündet unseren Glauben durch sein Wort, durch das Evangelium. In 1. Korinther 2,4–5 beschreibt Paulus dessen Wirkung:
… mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten menschlicher Weisheit, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft, damit euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft.
Den Glauben der Korinther hat also Gottes Geist durch die Predigt des Evangeliums bewirkt. Die Verkündigung wurde für sie zu einem Wort, das sie in die Gemeinschaft mit Christus hineingenommen hat. Das Wort von Christus ist auch nach Römer 10,17 die Quelle des Glaubens:
So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Christi [durch das Evangelium als Wort von Christus].
In Philipper 1,29 deutet Paulus an, dass unser Glaube eine von Gott gegebene Erfahrung ist:
Denn euch ist es gegeben um Christi willen, nicht allein an ihn zu glauben, sondern auch um seinetwillen zu leiden.
Weil Gottes Wort ein schöpferisches Wort ist, ist der Glaube das Werk der Schöpfungsmacht Gottes. Wenn wir glauben, dann ist etwas mit unserem Herzen geschehen, was dieses Herz nicht selbst bewirken konnte. Wir können uns nicht selbst mit dem Schopf aus dem Sumpf der Gottlosigkeit ziehen. Es ist das Evangelium, Gottes Wort, das uns in ein neues Leben ruft. Neu werden wir, weil wir uns im Glauben, der durch das Hören des Evangeliums ausgelöst wird, an Jesus Christus und an dessen Geschichte hängen. So ist der Glaube die Art und Weise („der Modus“), wie wir gegenwärtig im Heil stehen. Das Leben mit Christus folgt daher nicht einem anfänglichen Glauben, sondern der Glaube selbst ist das Leben mit Christus.
Der Geist Gottes ist in diesem Geschehen die Kraft des Wortes Gottes. Gottes Geist macht es zu einem lebendigen, schöpferischen Wort. Darum kann Paulus auch sagen, dass der Geist Gottes unseren Glauben ermöglicht. In 1. Korinther 12,3 erinnert Paulus daran: „… niemand kann Jesus den Herrn nennen außer durch den Heiligen Geist.“ Der Geist Gottes ist darum die bewegende Kraft, die durch das Evangelium zu uns kommt und uns zu glaubenden, Gott vertrauenden Menschen macht. Durch den Geist erkennen wir, was Gott im Evangelium schenkt.
Uns hat Gott dieses Geheimnis enthüllt durch seinen Geist, den er uns gegeben hat. Denn der Geist erforscht alles, auch die geheimsten Absichten Gottes. Wie die Gedanken eines Menschen nur seinem eigenen Geist bekannt sind, so weiß auch nur der Geist Gottes, was in Gott vorgeht. Wir haben aber nicht den Geist dieser Welt erhalten, sondern den Geist, der von Gott kommt. Darum können wir erkennen, was Gott uns geschenkt hat. (1 Kor 2,10–12)
Der Geist wirkt so in unserem Herzen, dass wir als Geisterfüllte über uns hinaus schauen können und uns auf Jesus Christus und seinen Vater ausrichten. Der Geist Gottes ist es, der uns den angstfreien Status der Kinder Gottes verleiht und dieses Wissen in unseren Herzen kräftigt: Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsst, sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater! (Röm 8,15)
Weil also der Glaube ein durch das Evangelium selbst ermöglichtes Verstehen ist, können wir uns nicht selbst unseres Glaubens rühmen. Das wäre ein Widerspruch in sich selbst. Von mir kann ich nur sagen, dass ich einer bin, den Gott in seiner Liebe gefunden hat. Auf meinen Glauben kann und will ich keineswegs stolz sein. Ich klopfe mir nicht selber auf die Schulter, sondern staune vielmehr darüber, dass Gottes Wort und Gottes Geist meinen Glauben erwecken konnte. Für unseren Glauben, für unser freies, ohne jeden Zwang ermöglichtes beständiges Ja zu Jesus Christus, danken wir Gott, weil wir ihn im Glauben als den Geber aller guten Gaben begriffen haben.
Die Ermunterung „Lass dich versöhnen mit Gott“ (2 Kor 5, 20) spricht Christus selbst durch die Verkündigung. Der Glaube liegt nicht im Herzen der Hörer verborgen, sondern im Herzen des Evangeliums – in Christus selbst. Darum ist es so wichtig, von seiner Geschichte zu erzählen und zu berichten, im Vertrauen darauf, dass sich Gott selbst in der Verkündigung Raum zum Glauben schafft. Auch Christen, die im Glauben stehen (vgl. 1Kor 16,13; 2Kor 1,24) bedürfen der ständigen Erinnerung an das Evangelium. Denn der Glaube hat keinen Stand in sich selbst, sondern ist nur fest im Bezug auf das Wort des Evangeliums. Darum ist die Glaubensstärkung durch die Predigt, die die Heilstat Gottes vergegenwärtigt, die Grundlage der Seelsorge in der Gemeinde.

Samstag, 13. Februar 2010

Glaube bei Paulus (2)

Paulus unterscheidet den Glauben deutlich von „Werken des Gesetzes“, so z. B. in Römer 3,28:
So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird [das Heil empfängt] ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.
Die Wendung „Werke des Gesetzes“ bezeichnet für Paulus eine Lebensform, die sich an allen Forderungen des mosaischen Gesetzes ausrichtet und versucht, diese einzuhalten. Es handelt sich um die Beobachtung aller Gebote in der persönlichen Lebensführung als Jude. Er selbst hatte dies praktiziert und erhofft, dadurch einen Anspruch auf Anerkennung („Ruhm“) bei Gott erworben zu haben. Er erwartete fest, aufgrund der genauen Befolgung der von Gott gegebenen Gesetze von Gott belohnt zu werden. Diese Form der Gottesbeziehung war damit von klaren Verhaltenserwartungen bestimmt und mit Belohnung verknüpft. Im Nachhinein deutete er dieses Beziehungsgefüge zu Gott als „Knechtschaft“. Für Paulus vor seiner Berufung scheinen Begriffe wie Glaube, Gnade und Liebe keine zentrale Rolle gespielt zu haben.
Das Evangelium änderte für Paulus alles: Die Anerkennung bei Gott, seine heilschaffende Gerechtigkeit und Gottes rettendes Ja zu uns wird nicht durch Orientierung am Gesetz, sondern – egal, ob Jude oder Grieche – durch den Glauben an Jesus Christus empfangen:

Nun aber ist, unabhängig vom Gesetz, die [rettende] Gerechtigkeit Gottes offenbar geworden, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten; Gerechtigkeit Gottes aber durch den Glauben an Jesus Christus zu allen Glaubenden. (Röm 3,21-22)

Wer an Jesus Christus glaubt, erfährt eine enge Gemeinschaft mit Gott als tiefe Erfahrung der Liebe und Gnade Gottes, die sich in Jesus Christus allen Menschen, unabhängig von ihrer Herkunft, offenbart:

Weil ihr nun Kinder seid, hat Gott den Geist seines Sohnes gesandt in unsere Herzen, der das ruft: Abba, lieber Vater! So bist du nun nicht mehr Knecht, sondern Kind. (Gal 4,6–7a)

Glaubende orientieren sich völlig daran, dass das Evangelium sie in die Liebesgemeinschaft mit Gott führt. Dieses Geschehen ist die Geschichte des Gottessohnes, sein Sterben und Auferstehen für uns Gottlose. Glaube ist darum nicht allgemeines Gottvertrauen, sondern ganz konkret gehorsame Hinwendung zum Herrn Jesus Christus:

Denn so du mit deinem Munde bekennst Jesus, dass er der Herr sei, und glaubst in deinem Herzen, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet. (Röm 10,9–10)

Diese Hingabe geschieht in doppelter Weise: einmal als äußeres öffentliches Bekenntnis („mit dem Mund bekennen“) wie auch als innere, ganz persönliche Bekehrung des Herzens. Mit diesem Glauben geben wir Gott, dem Schöpfer und Neuschöpfer die Ehre. Wir trauen ihm zu, dass er uns das ewige Leben durch Christus bereitet hat. Wir öffnen uns seinen Möglichkeiten. Wir erkennen, dass Gott uns tatsächlich in Jesus Christus ein neues Leben geschenkt hat. Im Glauben geben wir Gott die Ehre, weil wir in ihm Schutz und Sicherung unseres Lebens finden. Im Glauben erfüllen wir damit das erste Gebot: „Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst keine anderen Götter neben mir haben“ (2 Mo 20,2). Von Abraham sagt Paulus daher:

Denn er zweifelte nicht an der Verheißung Gottes durch Unglauben, sondern wurde stark im Glauben und gab Gott die Ehre. (Röm 4,20 LB)

An die Stelle des eigenmächtigen Hochmutes oder der entmutigten Verzweiflung als Folge der Selbst-Zentrierung tritt die Hingabe an Gott, das gottzentrierte Leben.

Freitag, 12. Februar 2010

Glaube bei Paulus (1)

„Wenn ich doch nur glauben könnte!“, das wünschen sich nicht wenige Menschen, die glauben möchten, aber den Zugang zum Glauben noch nicht gefunden haben. „Ich kann nicht mehr glauben“, das vertrauen manche Christen ihrem Seelsorger oder guten Freunden an. Solche Bekenntnisse zeigen, dass Glaube ein wesentlicher Schlüssel für den Zugang zu dem ist, was Gott in seinem Heilswerk für uns getan hat. Doch was zeichnet diesen Glauben aus, der rettet und eine so zentrale Rolle in der christlichen Religion spielt?
Drei wesentliche Dimensionen des Glaubens lassen sich bei Paulus entdecken. Erstens ist der Glaube ganz auf einen bestimmten Sachinhalt, auf das Evangelium bezogen. Zweitens hebt Paulus den Glauben von „Werken des Gesetzes“ ab. Mit dieser Unterscheidung möchte er die Beziehungsqualität verdeutlichen, die im Glauben zum Ausdruck kommt. Schließlich unterscheidet er zeitlich den heutigen Glauben vom zukünftigen Schauen.

Glaube – am Evangelium orientiert
Der Glaube ist auf einen ganz bestimmten Inhalt bezogen – auf das Evangelium. Das Evangelium versteht sich als die sachgemäße, lehrhaft richtige Darstellung der Heilstat Gottes, die sich in der Geschichte Jesu Christi für uns vollzogen hat. Sie umfasst die Erniedrigung des Gottessohnes, sein Tod am Kreuz, seine Auferstehung und seine Verherrlichung zum Herrn der Welt. Glaube ist daher das Empfangen und die Annahme einer „Lehre“, deren dogmatische Gestalt verbindlichen, ja unveränderlichen Charakter hat. Sehr deutlich, geradezu nachdrücklich betont das Paulus gegenüber den Korinthern:

Ich erinnere euch aber, liebe Brüder, an das Evangelium, das ich euch verkündigt habe, das ihr auch angenommen habt, in dem ihr auch fest steht, durch das ihr auch selig werdet, wenn ihr's festhaltet in der Gestalt, in der ich es euch verkündigt habe; es sei denn, dass ihr umsonst gläubig geworden wärt. Denn als Erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe: Dass Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift; und dass er begraben worden ist; und dass er auferstanden ist am dritten Tage nach der Schrift; und dass er gesehen worden ist von Kephas, danach von den Zwölfen. Danach ist er gesehen worden von mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch heute leben, einige aber sind entschlafen. Danach ist er gesehen worden von Jakobus, danach von allen Aposteln. Zuletzt von allen ist er auch von mir als einer unzeitigen Geburt gesehen worden. Denn ich bin der geringste unter den Aposteln, der ich nicht wert bin, dass ich ein Apostel heiße, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe. Aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Und seine Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe viel mehr gearbeitet als sie alle; nicht aber ich, sondern Gottes Gnade, die mit mir ist. Es sei nun ich oder jene: so predigen wir und so habt ihr geglaubt. (1Kor 15,1-11)

Dass der Glaube sich an einer festen, unveränderlichen Lehre orientiert, das hebt Paulus auch im Galaterbrief hervor:

Wie wir eben gesagt haben, so sage ich abermals: Wenn jemand euch ein Evangelium predigt, anders als ihr es empfangen habt, der sei verflucht. - O ihr unverständigen Galater! Wer hat euch bezaubert, denen doch Jesus Christus vor die Augen gemalt war als der Gekreuzigte? (Gal 1,9 und 3,1)

Im ersten Thessalonicherbrief gibt uns Paulus einen kleinen Einblick in die Missionsverkündigung unter Heiden. Bei ihnen spielte auch die Verkündigung der Einzigartigkeit Gottes anstelle eines Vielgötterglaubens eine wesentliche Rolle. Hier wird deutlich, dass das Evangelium neben dem Heilsgeschehen in Christus auch den Glauben an Gott, den Vater, als Schöpfer und Richter der Welt umfasst:

Und ihr seid unserm Beispiel gefolgt und dem des Herrn und habt das Wort aufgenommen in großer Bedrängnis mit Freuden im Heiligen Geist, sodass ihr ein Vorbild geworden seid für alle Gläubigen in Mazedonien und Achaja. Denn von euch aus ist das Wort des Herrn erschollen nicht allein in Mazedonien und Achaja, sondern an allen Orten ist euer Glaube an Gott bekannt geworden, sodass wir es nicht nötig haben, etwas darüber zu sagen. Denn sie selbst berichten von uns, welchen Eingang wir bei euch gefunden haben und wie ihr euch bekehrt habt zu Gott von den Abgöttern, zu dienen dem lebendigen und wahren Gott und zu warten auf seinen Sohn vom Himmel, den er auferweckt hat von den Toten, Jesus, der uns von dem zukünftigen Zorn errettet. (1Ths 1,6-10)

Der Glaube ist also an einen bestimmten, nicht zu verändernden Inhalt und damit an eine wahrheitsgetreue Lehre gebunden. Darum kann Paulus auch vom Gehorsam des Glaubens sprechen (Röm 1,5; 15,18) Diese Lehre aber informiert nicht einfach über etwas, so dass wir dazu auf Distanz bleiben könnten, sondern sie eröffnet uns ein rettendes Beziehungsgeschehen, das von Gott aus geht. Das Evangelium ist nicht weniger als Gottes Liebesbekenntnis zu uns. Darum nimmt uns die Lehre des Evangeliums in eine ewige Liebesbeziehung hinein. Die Sache des Glaubens betrifft nicht nur unser Wissen und Verstehen, sondern unser Herz, unsere ganze Existenz, und das sowohl in zeitlicher wie in ewiger Hinsicht. Diese Lehre zielt auf unsere Bekehrung, auf eine Umkehr unseres Herzens.

Freitag, 7. August 2009

Kriton - eine Erzählung (4)

Im 7. Jahr des Claudius hielt er sich längere Zeit in Korinth auf. Gallio, der ältere Bruder des Philosophen Seneca, war damals Statthalter der Provinz Achaia. Dort geschah etwas Eigenartiges. Er war nach seiner Gepflogenheit regelmäßig in die Hauptsynagoge gegangen, deren Vorsteher Krispus war. Eines Sabbatnachmittags erklärte dieser Krispus, dass er sein Amt niederlegen werde und von nun an nur noch zur Gemeinde der Messiasgläubigen gehen werde. Sie versammle sich nebenan im Hause des Titius Justus, und jeder sei eingeladen, es wie er zu tun. Er habe sich taufen lassen zur Vergebung der Sünden und gehöre jetzt zur Gemeinschaft im Herrn Jesus. Wieder war Kriton dieser Jesus begegnet. Und diesmal spürte er in sich unversehens eine Hoffnung keimen, eine Antwort auf das Rätsel seines Lebens zu finden. Am nächsten Sabbatnachmittag besuchte er die Jesusgläubigen in ihrem Gottesdienst. Mit einem Kuß wurde er begrüßt. Es wurden Hymnen auf den Herrn gesungen. Etwa 50 Menschen, auffällig viele Frauen, und noch überraschender Juden und Heiden saßen zusammen und völlig gemischt auf den Bänken an den vier Wänden eines großen Kultraumes. Aber der Götteraltar fehlte. Nach dem Gesang und Gebeten wurde ein großer Tisch in den Raum getragen und vorbereitetes Essen wurde aufgetafelt. Alle aßen miteinander, Juden und Heiden. Kriton machte einfach mit. Es war wie vor 22 Jahren in Galiläa, als er das Brot aß, das die Anhänger Jesu verteilt hatten. Ihm war es, als ob der Geist Jesu hier wieder anwesend war. Der gleiche Frieden, die gleiche Freude, die gleiche Achtung und Wertschätzung untereinander. (Ihm waren zu der Zeit die starken Konflikte in Korinth noch nicht bekannt). Zum Ende des Mahles stand ein mittelgroßer älterer Mann auf, begann zu sprechen, und es wurde sehr still:
„Meine geliebten Brüder und Schwestern! Freut euch immerzu, mit der Freude, die vom Herrn kommt. Noch einmal sage ich euch: Freut euch! Alle sollen sehen, wie freundlich und gütig ihr zueinander seid. Der Herr kommt bald. Macht euch keine Sorgen, sondern wendet euch in jeder Lage an Gott und bringt eure Bitten vor ihn. Dann wird der Frieden Gottes, der alles menschliche Begreifen weit übersteigt, euer Denken und Wollen mit Guten bewahren, geborgen in der Gemeinschaft mit Christus.
Habt im Umgang miteinander stets vor Augen, was ihr in Jesus Christus seid: Er war in allem Gott gleich, und doch hielt er nicht gierig daran fest, so wie Gott zu sein. Er gab alle seine Vorrechte auf und wurde einem Sklaven gleich. Er wurde ein Mensch in dieser Welt und teilte das Leben dieser Menschen (Kriton erinnerte sich an die Szene in Galiläa vor über 20 Jahren am See Genezareth). Im Gehorsam gegen Gott erniedrigte er sich so tief, dass er sogar den Tod auf sich nahm, den Tod am Kreuz. Darum hat Gott ihn auch erhöht und ihm den Rang und Namen verliehen, der ihn hoch über alle stellt. Dieser Jesus hat uns den Weg des Glaubens und den Zugang zur Gnade Gottes eröffnet, in der wir jetzt festen Stand haben.
Wie sehr uns Gott liebt, beweist er uns damit, dass Christus für uns starb, als wir noch seine Feinde waren. Und nun seid ihr mit Gott durch Christus verbunden: Ihr wisst doch, was mit euch geschehen ist, als ihr getauft wurdet. Wir alle, die in Jesus Christus hinein getauft wurden, sind damit in seinen Tod hineingetauft. Und wie Christus durch die Macht Gottes vom Tod auferweckt wurde, hat er auch euch ein neues Leben geschenkt, in dem ihr nun auch leben sollt. Ihr alle seid jetzt mündige Söhne und Töchter Gottes, weil ihr durch den Glauben in engster Gemeinschaft mit Jesus Christus verbunden seid. Denn als ihr in der Taufe Christus übereignet wurdet, habt ihr Christus angezogen wie ein Gewand. Es hat darum auch nichts mehr zu sagen, ob ein Mensch Jude ist oder Nichtjude, ob im Sklavenstand oder frei, ob Mann oder Frau. Durch eure Verbindung mit Jesus Christus seid ihr alle ein neuer Mensch geworden. Und ich bin sicher, dass Gott, der dieses gute Werk in euch begonnen hat, es auch treu vollenden wird bis zum Tage Christi. So liebt nun einander. Helft einander, eure Lasten zu tragen. Freut euch immerzu. Lasst nicht nach im Beten. Dankt Gott in jeder Lebenslage. Das will Gott von euch, die ihr mit Jesus Christus verbunden seid. Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch, Amen.“
Die Anwesenden stimmten laut in dieses Amen ein. Kriton war verstummt. Er konnte nichts sagen. Er nahm die Verabschiedungen fast teilnahmslos entgegen, fast wie in Trance. Er fand irgendwie den Weg zu seinem Gasthaus, und saß dann einfach auf seiner Liege. Wie Widerhaken, wie Enterhaken krallten sich die Worte dieses Paulus in seinem Bewusstsein fest. Sie schleuderten es in eine neue Wirklichkeit. Es war, als ob eine Decke, die tagelang seine Augen vor dem Sonnenlicht getrennt hatte, beiseite genommen wurde. Hellstes, strömendes Licht überflutete seine Seele. Er glühte innerlich und hatte das Empfinden, ein Feuerball voll Erkenntnis und Freude geworden zu sein.
In der nächsten Versammlung der Jesusgläubigen rief er vor der versammelten Gemeinde aus: „Wahrhaftig, Gott ist mitten unter euch.“ Und dann betete er vor allen: „Gott, du bist die Liebe, du bist der Vater aller Menschen. Du schaffst es, dass das Getrennte zueinander findet. Das Mahl deines Sohnes verbindet alle Menschen. Du bist in den Schwachen mächtig. Du heilst die Einsamkeit, du erhebst die Seele, du verbindest die Menschen im gemeinsamen Mahl.“ Alle freuten sich und schlossen ihn in die Arme. Kriton ließ sich kurz danach taufen. Er hatte eine neue Heimat gefunden, die Gemeinschaft derer, die Gottes Herz durch dessen Sohn gefunden haben. Kriton erkannte den Gott Israels in seinem Wesen, vielmehr, sah sich durch ihn erkannt und erleuchtet. - - -