Ehe ich zur Schule ging, hatte mein Vater mir schon viele biblische Geschichten, auch die von der Sintflut, erzählt. Als nun ein sehr regnerischer Sommer war, überfiel ich ihn mit der Bemerkung: „Wohl hat es jetzt auch bei uns schon an die vierzig Tage und vierzig Nächte geregnet, und das Wasser kommt nicht einmal an die Häuser, geschweige denn bis hinauf über die Berge." „Ja, damals", antwortete er, „zu Beginn der Welt, hat es eben nicht in Tropfen geregnet, wie jetzt, sondern wie wenn man Wasser aus Kübeln ausschüttet." Diese Erklärung leuchtete mir ein. Als dann die Lehrerin in der Schule auch die Geschichte von der Sintflut erzählte, wartete ich darauf, daß sie ebenfalls den Unterschied zwischen dem damaligen und dem jetzigen Regnen erwähnen würde. Sie unterließ es aber. Da konnte ich nicht mehr an mich halten. „Fräulein Lehrerin", rief ich von meinem Platze aus, „du musst die Geschichte auch richtig erzählen." Ohne mich zur Ruhe verweisen zu lassen, fuhr ich fort: „Du musst sagen, daß es damals nicht in Tropfen regnete, sondern wie wenn man Wasser aus Kübeln ausschüttet."
Als ich acht Jahre alt war, gab mir mein Vater, auf meine Bitten, ein neues Testament, in dem ich eifrig las. Zu den Geschichten, die mich am meisten beschäftigten, gehörte die von den Weisen aus dem Morgenland. Was haben die Eltern Jesu mit dem Gold und den Kostbarkeiten gemacht, die sie von diesen Männern bekamen? fragte ich mich. Wie konnten sie nachher wieder arm sein? Ganz unbegreiflich war mir, daß die Weisen aus dem Morgenland sich später um das Jesuskind gar nicht mehr bekümmerten. Auch daß von den Hirten zu Bethlehem nicht erzählt wird, sie seien nachher Jünger Jesu geworden, gab mir schweren Anstoß.
Den Religionsunterricht auf der Realschule in Münster erteilte Pfarrer Schäffer, eine bedeutende religiöse Persönlichkeit und ein in seiner Art hervorragender Redner. Er konnte die biblischen Geschichten hinreißend erzählen. Noch erinnere ich mich, wie er auf dem Pulte weinte und wir in den Bänken schluchzten, als Joseph sich seinen Brüdern zu erkennen gab.
Albert Schweitzer: Aus meiner Kindheit und Jugendzeit, in: ders., Selbstzeugnisse, München 1959, S.20 und S. 26.
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Samstag, 30. Januar 2010
Freitag, 7. August 2009
Kriton - eine Erzählung (4)
Im 7. Jahr des Claudius hielt er sich längere Zeit in Korinth auf. Gallio, der ältere Bruder des Philosophen Seneca, war damals Statthalter der Provinz Achaia. Dort geschah etwas Eigenartiges. Er war nach seiner Gepflogenheit regelmäßig in die Hauptsynagoge gegangen, deren Vorsteher Krispus war. Eines Sabbatnachmittags erklärte dieser Krispus, dass er sein Amt niederlegen werde und von nun an nur noch zur Gemeinde der Messiasgläubigen gehen werde. Sie versammle sich nebenan im Hause des Titius Justus, und jeder sei eingeladen, es wie er zu tun. Er habe sich taufen lassen zur Vergebung der Sünden und gehöre jetzt zur Gemeinschaft im Herrn Jesus. Wieder war Kriton dieser Jesus begegnet. Und diesmal spürte er in sich unversehens eine Hoffnung keimen, eine Antwort auf das Rätsel seines Lebens zu finden. Am nächsten Sabbatnachmittag besuchte er die Jesusgläubigen in ihrem Gottesdienst. Mit einem Kuß wurde er begrüßt. Es wurden Hymnen auf den Herrn gesungen. Etwa 50 Menschen, auffällig viele Frauen, und noch überraschender Juden und Heiden saßen zusammen und völlig gemischt auf den Bänken an den vier Wänden eines großen Kultraumes. Aber der Götteraltar fehlte. Nach dem Gesang und Gebeten wurde ein großer Tisch in den Raum getragen und vorbereitetes Essen wurde aufgetafelt. Alle aßen miteinander, Juden und Heiden. Kriton machte einfach mit. Es war wie vor 22 Jahren in Galiläa, als er das Brot aß, das die Anhänger Jesu verteilt hatten. Ihm war es, als ob der Geist Jesu hier wieder anwesend war. Der gleiche Frieden, die gleiche Freude, die gleiche Achtung und Wertschätzung untereinander. (Ihm waren zu der Zeit die starken Konflikte in Korinth noch nicht bekannt). Zum Ende des Mahles stand ein mittelgroßer älterer Mann auf, begann zu sprechen, und es wurde sehr still:
„Meine geliebten Brüder und Schwestern! Freut euch immerzu, mit der Freude, die vom Herrn kommt. Noch einmal sage ich euch: Freut euch! Alle sollen sehen, wie freundlich und gütig ihr zueinander seid. Der Herr kommt bald. Macht euch keine Sorgen, sondern wendet euch in jeder Lage an Gott und bringt eure Bitten vor ihn. Dann wird der Frieden Gottes, der alles menschliche Begreifen weit übersteigt, euer Denken und Wollen mit Guten bewahren, geborgen in der Gemeinschaft mit Christus.
Habt im Umgang miteinander stets vor Augen, was ihr in Jesus Christus seid: Er war in allem Gott gleich, und doch hielt er nicht gierig daran fest, so wie Gott zu sein. Er gab alle seine Vorrechte auf und wurde einem Sklaven gleich. Er wurde ein Mensch in dieser Welt und teilte das Leben dieser Menschen (Kriton erinnerte sich an die Szene in Galiläa vor über 20 Jahren am See Genezareth). Im Gehorsam gegen Gott erniedrigte er sich so tief, dass er sogar den Tod auf sich nahm, den Tod am Kreuz. Darum hat Gott ihn auch erhöht und ihm den Rang und Namen verliehen, der ihn hoch über alle stellt. Dieser Jesus hat uns den Weg des Glaubens und den Zugang zur Gnade Gottes eröffnet, in der wir jetzt festen Stand haben.
Wie sehr uns Gott liebt, beweist er uns damit, dass Christus für uns starb, als wir noch seine Feinde waren. Und nun seid ihr mit Gott durch Christus verbunden: Ihr wisst doch, was mit euch geschehen ist, als ihr getauft wurdet. Wir alle, die in Jesus Christus hinein getauft wurden, sind damit in seinen Tod hineingetauft. Und wie Christus durch die Macht Gottes vom Tod auferweckt wurde, hat er auch euch ein neues Leben geschenkt, in dem ihr nun auch leben sollt. Ihr alle seid jetzt mündige Söhne und Töchter Gottes, weil ihr durch den Glauben in engster Gemeinschaft mit Jesus Christus verbunden seid. Denn als ihr in der Taufe Christus übereignet wurdet, habt ihr Christus angezogen wie ein Gewand. Es hat darum auch nichts mehr zu sagen, ob ein Mensch Jude ist oder Nichtjude, ob im Sklavenstand oder frei, ob Mann oder Frau. Durch eure Verbindung mit Jesus Christus seid ihr alle ein neuer Mensch geworden. Und ich bin sicher, dass Gott, der dieses gute Werk in euch begonnen hat, es auch treu vollenden wird bis zum Tage Christi. So liebt nun einander. Helft einander, eure Lasten zu tragen. Freut euch immerzu. Lasst nicht nach im Beten. Dankt Gott in jeder Lebenslage. Das will Gott von euch, die ihr mit Jesus Christus verbunden seid. Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch, Amen.“
Die Anwesenden stimmten laut in dieses Amen ein. Kriton war verstummt. Er konnte nichts sagen. Er nahm die Verabschiedungen fast teilnahmslos entgegen, fast wie in Trance. Er fand irgendwie den Weg zu seinem Gasthaus, und saß dann einfach auf seiner Liege. Wie Widerhaken, wie Enterhaken krallten sich die Worte dieses Paulus in seinem Bewusstsein fest. Sie schleuderten es in eine neue Wirklichkeit. Es war, als ob eine Decke, die tagelang seine Augen vor dem Sonnenlicht getrennt hatte, beiseite genommen wurde. Hellstes, strömendes Licht überflutete seine Seele. Er glühte innerlich und hatte das Empfinden, ein Feuerball voll Erkenntnis und Freude geworden zu sein.
In der nächsten Versammlung der Jesusgläubigen rief er vor der versammelten Gemeinde aus: „Wahrhaftig, Gott ist mitten unter euch.“ Und dann betete er vor allen: „Gott, du bist die Liebe, du bist der Vater aller Menschen. Du schaffst es, dass das Getrennte zueinander findet. Das Mahl deines Sohnes verbindet alle Menschen. Du bist in den Schwachen mächtig. Du heilst die Einsamkeit, du erhebst die Seele, du verbindest die Menschen im gemeinsamen Mahl.“ Alle freuten sich und schlossen ihn in die Arme. Kriton ließ sich kurz danach taufen. Er hatte eine neue Heimat gefunden, die Gemeinschaft derer, die Gottes Herz durch dessen Sohn gefunden haben. Kriton erkannte den Gott Israels in seinem Wesen, vielmehr, sah sich durch ihn erkannt und erleuchtet. - - -
„Meine geliebten Brüder und Schwestern! Freut euch immerzu, mit der Freude, die vom Herrn kommt. Noch einmal sage ich euch: Freut euch! Alle sollen sehen, wie freundlich und gütig ihr zueinander seid. Der Herr kommt bald. Macht euch keine Sorgen, sondern wendet euch in jeder Lage an Gott und bringt eure Bitten vor ihn. Dann wird der Frieden Gottes, der alles menschliche Begreifen weit übersteigt, euer Denken und Wollen mit Guten bewahren, geborgen in der Gemeinschaft mit Christus.
Habt im Umgang miteinander stets vor Augen, was ihr in Jesus Christus seid: Er war in allem Gott gleich, und doch hielt er nicht gierig daran fest, so wie Gott zu sein. Er gab alle seine Vorrechte auf und wurde einem Sklaven gleich. Er wurde ein Mensch in dieser Welt und teilte das Leben dieser Menschen (Kriton erinnerte sich an die Szene in Galiläa vor über 20 Jahren am See Genezareth). Im Gehorsam gegen Gott erniedrigte er sich so tief, dass er sogar den Tod auf sich nahm, den Tod am Kreuz. Darum hat Gott ihn auch erhöht und ihm den Rang und Namen verliehen, der ihn hoch über alle stellt. Dieser Jesus hat uns den Weg des Glaubens und den Zugang zur Gnade Gottes eröffnet, in der wir jetzt festen Stand haben.
Wie sehr uns Gott liebt, beweist er uns damit, dass Christus für uns starb, als wir noch seine Feinde waren. Und nun seid ihr mit Gott durch Christus verbunden: Ihr wisst doch, was mit euch geschehen ist, als ihr getauft wurdet. Wir alle, die in Jesus Christus hinein getauft wurden, sind damit in seinen Tod hineingetauft. Und wie Christus durch die Macht Gottes vom Tod auferweckt wurde, hat er auch euch ein neues Leben geschenkt, in dem ihr nun auch leben sollt. Ihr alle seid jetzt mündige Söhne und Töchter Gottes, weil ihr durch den Glauben in engster Gemeinschaft mit Jesus Christus verbunden seid. Denn als ihr in der Taufe Christus übereignet wurdet, habt ihr Christus angezogen wie ein Gewand. Es hat darum auch nichts mehr zu sagen, ob ein Mensch Jude ist oder Nichtjude, ob im Sklavenstand oder frei, ob Mann oder Frau. Durch eure Verbindung mit Jesus Christus seid ihr alle ein neuer Mensch geworden. Und ich bin sicher, dass Gott, der dieses gute Werk in euch begonnen hat, es auch treu vollenden wird bis zum Tage Christi. So liebt nun einander. Helft einander, eure Lasten zu tragen. Freut euch immerzu. Lasst nicht nach im Beten. Dankt Gott in jeder Lebenslage. Das will Gott von euch, die ihr mit Jesus Christus verbunden seid. Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch, Amen.“
Die Anwesenden stimmten laut in dieses Amen ein. Kriton war verstummt. Er konnte nichts sagen. Er nahm die Verabschiedungen fast teilnahmslos entgegen, fast wie in Trance. Er fand irgendwie den Weg zu seinem Gasthaus, und saß dann einfach auf seiner Liege. Wie Widerhaken, wie Enterhaken krallten sich die Worte dieses Paulus in seinem Bewusstsein fest. Sie schleuderten es in eine neue Wirklichkeit. Es war, als ob eine Decke, die tagelang seine Augen vor dem Sonnenlicht getrennt hatte, beiseite genommen wurde. Hellstes, strömendes Licht überflutete seine Seele. Er glühte innerlich und hatte das Empfinden, ein Feuerball voll Erkenntnis und Freude geworden zu sein.
In der nächsten Versammlung der Jesusgläubigen rief er vor der versammelten Gemeinde aus: „Wahrhaftig, Gott ist mitten unter euch.“ Und dann betete er vor allen: „Gott, du bist die Liebe, du bist der Vater aller Menschen. Du schaffst es, dass das Getrennte zueinander findet. Das Mahl deines Sohnes verbindet alle Menschen. Du bist in den Schwachen mächtig. Du heilst die Einsamkeit, du erhebst die Seele, du verbindest die Menschen im gemeinsamen Mahl.“ Alle freuten sich und schlossen ihn in die Arme. Kriton ließ sich kurz danach taufen. Er hatte eine neue Heimat gefunden, die Gemeinschaft derer, die Gottes Herz durch dessen Sohn gefunden haben. Kriton erkannte den Gott Israels in seinem Wesen, vielmehr, sah sich durch ihn erkannt und erleuchtet. - - -
Mittwoch, 5. August 2009
Kriton - eine Erzählung (3)
Ein Jahr später war Kriton wieder in Jerusalem, nachdem er geheiratet hatte und sein Vater ihm und seiner jungen Frau ein „Hochzeitsjahr“ ermöglicht hatte. Es war Sommer und heiß wie in Alexandria, aber die Luft auf den Bergen Judäas blies angenehm trocken. Wie üblich besuchte er am Sabbat die alexandrinische Synagoge, nachdem er erfolgreiche Geschäfte hatte abschließen können. Nach der Lesung in der Synagoge stand ein Mann auf und erklärte: „In der Vollmacht des Herrn verkündige ich euch heute: Jesus ist der Herr.“ Kriton runzelte die Stirn. Sprach dieser Mann von dem Jesus, dem er vor einem Jahr begegnet war? Und wenn ja, wie konnte er ihn als Herr, also als Gott bezeichnen? Kriton spitzte die Ohren: „Ihr habt eben das Wort der Tora gehört, dass Gott in keinem von Menschen gebauten Tempel wohnt. Jesus hat vor seinem Tod prophezeit: Reißt diesen Tempel nieder, und in drei Tagen werde ich ihn wieder aufbauen. Jesus wurde beim diesjährigen Passahfest gekreuzigt, und nach drei Tagen haben ihn seine Jünger und viele von uns wieder gesehen. Er ist von den Toten auferstanden! Damit hat sich sein Wort erfüllt. Er selbst ist der Tempel Gottes! Vergesst den Tempel hier in Jerusalem, der mit Händen gebaut ist. Vergebung eurer Sünden empfangt ihr nicht im Tempel, sondern wenn ihr in den Tempel eintretet, der Jesus ist. Gott wohnt in Jesus, das bezeugen wir. Durch seinen Tod ist er für unsere Sünden gestorben und durch seine Auferstehung hat ihn Gott der Vater zum Herrn, zum Messias, zum Christus eingesetzt. Kehrt um, und glaubt an ihn. Stimmt ein in das Bekenntnis: Jesus ist der Herr, Jesus ist der Christus, so werdet ihr gerettet.“ Das Murmeln in der Synagoge wurde immer lauter und nach diesem Satz schlug es in Empörung, aber auch Zustimmung um. Die Versammelten riefen durcheinander: „Schweig, Gotteslästerer, Tempelzerstörer.“ Andere riefen aber: „Jesus ist der Herr.“
So etwas hatte Kriton noch nicht erlebt. Was war hier los in Jerusalem? In Alexandria hielt man den Tempel zwar auch nicht für so wichtig wie die Tora, aber hier stand ein Mensch mit Namen Jesus, der für den Messias gehalten wurde, im Mittelpunkt der Schriftauslegung. Über so etwas hatte er noch nie nachgedacht. War nicht Mose der Mittler zwischen Gottes Willen und dem jüdischen Volk? Diese Leute aber meinten, Jesus sei der neue Mittler. Kriton verließ die Synagoge und mit wachsender Distanz machte er sich einen Reim darauf. Diese von Jesus verlassenen Juden waren fanatisiert, sie versuchten, ihren enttäuschten Glauben aufrechtzuerhalten. Aus einem echten Messias machten sie einen machtlosen, rein geistigen Messias. Eine kurze Begeisterung für einen unglücklich Verstorbenen, die wohl kaum länger anhalten wird, dachte er damals.
Sein Vater starb im folgenden Winter und darum war Kriton die nächsten Jahre in Alexandria festgebunden. Er besuchte gerne eine Synagoge, in der ein Weisheitslehrer namens Philo die Tora auslegte. Es sprach ihn an, wenn Philo den Tiefensinn der Tora aufdeckte. So zeigte dieser Gelehrte auf, dass Sara die göttliche Weisheit sei und Abraham ihr Schüler. Wenn er mit der Weisheit verkehre, zeuge er mit ihr das Lachen, die Freude der Erleuchtung, Isaak genannt. Philo richtete seine Frömmigkeit ganz auf Gott aus, den Unerkennbaren, von dem man nur wissen konnte, dass er ist, aber nicht, wer er in seinem Wesen ist. Kriton kam bei Philo zur Überzeugung, dass die Tora aller griechischen Weisheit überlegen sei, auch einem Platon oder Sokrates. Mose hatte all das, was diese großen Hellenen geschrieben hatten, schon viel früher verschlüsselt in der Tora aufgeschrieben. Kriton meditierte häufig in der Synagoge Philos, und das half ihm, den anstrengenden Arbeitsalltag zu bewältigen.
Dann aber schlug das Schicksal unbarmherzig zu. Im 2. Jahr des Caligula brach der Zorn der Ägypter und Hellenen über die Juden in Alexandria herein. Sie neideten ihnen ihren Wohlstand und ihre Festigkeit im Glauben. In einem Massaker töteten sie Tausende, Kriton überlebte, jedoch nicht seine Mutter, seine Frau und seine Kinder. Der Pogrom dauerte mehrere Tage an, und die römischen Soldaten griffen nicht zum Schutz der Juden ein, obwohl dies ihre Pflicht war. Es war grauenhaft. Erst nach Tagen legte sich der Zorn der Heiden.
Wie konnte Gott das zulassen? Gab es überhaupt seine Vorsehung? Warum hatte er überlebt? So fragte Kriton. Seine innere Ruhe der Jahre vorher war dahin. Er wurde wieder ein Reisender, und besuchte die großen Städte des Römischen Reiches. An Wohlstand und Reichtum lag ihm nicht mehr. Er wurde ein rastloser Händler, um den Schmerz und die Trauer zu verdrängen. Gott blieb ihm fern. Trost spendete ihm allein das Buch des Predigers, das Sätze enthielt wie „Völlig sinnlos ist alles, völlig sinnlos. Was auch geschieht, es hat keinen Sinn. Der Mensch müht und plagt sich sein Leben und was hat er davon?“ Die Sabbatgottesdienste ließ er an sich vorüberziehen, aber Gott sprach nicht mehr zu ihm und Kriton verlangte nicht mehr nach ihm.
So etwas hatte Kriton noch nicht erlebt. Was war hier los in Jerusalem? In Alexandria hielt man den Tempel zwar auch nicht für so wichtig wie die Tora, aber hier stand ein Mensch mit Namen Jesus, der für den Messias gehalten wurde, im Mittelpunkt der Schriftauslegung. Über so etwas hatte er noch nie nachgedacht. War nicht Mose der Mittler zwischen Gottes Willen und dem jüdischen Volk? Diese Leute aber meinten, Jesus sei der neue Mittler. Kriton verließ die Synagoge und mit wachsender Distanz machte er sich einen Reim darauf. Diese von Jesus verlassenen Juden waren fanatisiert, sie versuchten, ihren enttäuschten Glauben aufrechtzuerhalten. Aus einem echten Messias machten sie einen machtlosen, rein geistigen Messias. Eine kurze Begeisterung für einen unglücklich Verstorbenen, die wohl kaum länger anhalten wird, dachte er damals.
Sein Vater starb im folgenden Winter und darum war Kriton die nächsten Jahre in Alexandria festgebunden. Er besuchte gerne eine Synagoge, in der ein Weisheitslehrer namens Philo die Tora auslegte. Es sprach ihn an, wenn Philo den Tiefensinn der Tora aufdeckte. So zeigte dieser Gelehrte auf, dass Sara die göttliche Weisheit sei und Abraham ihr Schüler. Wenn er mit der Weisheit verkehre, zeuge er mit ihr das Lachen, die Freude der Erleuchtung, Isaak genannt. Philo richtete seine Frömmigkeit ganz auf Gott aus, den Unerkennbaren, von dem man nur wissen konnte, dass er ist, aber nicht, wer er in seinem Wesen ist. Kriton kam bei Philo zur Überzeugung, dass die Tora aller griechischen Weisheit überlegen sei, auch einem Platon oder Sokrates. Mose hatte all das, was diese großen Hellenen geschrieben hatten, schon viel früher verschlüsselt in der Tora aufgeschrieben. Kriton meditierte häufig in der Synagoge Philos, und das half ihm, den anstrengenden Arbeitsalltag zu bewältigen.
Dann aber schlug das Schicksal unbarmherzig zu. Im 2. Jahr des Caligula brach der Zorn der Ägypter und Hellenen über die Juden in Alexandria herein. Sie neideten ihnen ihren Wohlstand und ihre Festigkeit im Glauben. In einem Massaker töteten sie Tausende, Kriton überlebte, jedoch nicht seine Mutter, seine Frau und seine Kinder. Der Pogrom dauerte mehrere Tage an, und die römischen Soldaten griffen nicht zum Schutz der Juden ein, obwohl dies ihre Pflicht war. Es war grauenhaft. Erst nach Tagen legte sich der Zorn der Heiden.
Wie konnte Gott das zulassen? Gab es überhaupt seine Vorsehung? Warum hatte er überlebt? So fragte Kriton. Seine innere Ruhe der Jahre vorher war dahin. Er wurde wieder ein Reisender, und besuchte die großen Städte des Römischen Reiches. An Wohlstand und Reichtum lag ihm nicht mehr. Er wurde ein rastloser Händler, um den Schmerz und die Trauer zu verdrängen. Gott blieb ihm fern. Trost spendete ihm allein das Buch des Predigers, das Sätze enthielt wie „Völlig sinnlos ist alles, völlig sinnlos. Was auch geschieht, es hat keinen Sinn. Der Mensch müht und plagt sich sein Leben und was hat er davon?“ Die Sabbatgottesdienste ließ er an sich vorüberziehen, aber Gott sprach nicht mehr zu ihm und Kriton verlangte nicht mehr nach ihm.
Montag, 3. August 2009
Kriton - eine Erzählung (2)
Es geschah im 15. Jahr des Tiberius, als er 24 Jahre alt war. Er kam mit einem Pharisäer ins Gespräch, der für seine Synagogenschule Papyrusbögen bestellt hatte. Er stöhnte: „Ständig sind hier in Galiläa religiöse Spinner unterwegs. Sie verwirren die Gedanken meiner Gemeindeglieder. Letzte Woche kam eine ganze Gruppe vorbei, Frauen und Männer, die sich um einen Jesus – aus Nazareth soll er stammen – geschart haben und die Gegend unsicher machen. Sie nahmen am Synagogengottesdienst teil und dieser Jesus stand bei der Lesung auf und las aus der Jesajaschriftrolle vor: ‚Der Geist des Herrn hat von mir Besitz ergriffen. Denn der Herr hat mich gesalbt und dadurch bevollmächtigt, den Armen gute Nachricht zu bringen. Er hat mich gesandt, den Verzweifelten neuen Mut zu machen, den Gefangenen zu verkünden: Ihr seid frei! Eure Fesseln werden gelöst! Er hat mich gesandt, um das Jahr auszurufen, in dem der Herr sich seinem Volk gnädig zuwendet.‘ Und dann sagte er mit vollem Ernst: ‚Das ist jetzt unter euch erfüllt.‘ Ich dachte, mich trifft der Schlag. Nach dem Gottesdienst hielt sich dieser Jesus auf dem Dorfplatz auf und gab sich mit den Bettlern und Behinderten unseres Dorfes ab. Einige chronisch Kranke liefen herzu und riefen: ‚Jesus, heile uns!‘ Es war nicht zum Aushalten. Aus dem Gewühl platzte nach einiger Zeit Bartholomäus heraus – seit dem 6. Lebensjahr war er blind – und schrie: ‚Ich kann sehen, ich kann sehen!‘ Wenn hinter solchen Aktionen nicht der Beelzebul selbst steht!“
Schon in Alexandria war Kriton auf den Straßen und Plätzen jüdischen Wunderheilern begegnet und er konnte darum die Klage des Gelehrten nachvollziehen. Einige Tage später besuchte er in Kapernaum einen römischen Hauptmann, der der örtlichen Synagoge Papryrusrollen schenken wollte. Kriton war überrascht, als dieser ihm fast erregt mitteilte: „Hast du eigentlich schon von Jesus gehört? Er hat meinen sterbenskranken Sohn geheilt, ja er war schon tot und er hat ihn wieder erweckt! Diesen Jesus mußt du kennenlernen. Ich kann wieder an einen Gott glauben.“ Da Kriton einige Tage Zeit hatte, beschloß er – neugierig geworden – den Spuren dieses Jesus nachzugehen. Er begann damit, auf dem Marktplatz bei kleineren Erledigungen die Bauern zu fragen, ob sie schon einmal etwas von Jesus gehört hätten. Ja, bestätigten sie, er würde Menschen heilen, Dämonen austreiben und unerhörte Lehren von sich geben. Einer der Bauern nahm ihn zur Seite und flüsterte ihm zu: „Seine Jünger glauben, er sei der Prophet Elia oder gar der Messias selbst. Er widerspricht der Tora des Mose. Er heilt am Sabbat. Er ist der neue Gesetzgeber. Er will in Jerusalem die Entscheidung suchen. Das Ende der Römerherrschaft ist nah.“ Dann legte er seinen Zeigefinger auf die Lippen. Er schaute sich um und nach kurzem Schweigen ergänzte er: „Du kannst ihn geradewegs nach Osten am See Genezareth finden, er predigt dort noch einige Tage. Wer Ohren hat, der höre!“ Kriton war wie elektrisiert, denn das hörte sich sehr seltsam und aufregend an. So wanderte er am nächsten Tag die 12 km hinunter zum See. An einem Hügel nahe des Strandes konnte er eine größere Menschenmenge erkennen. Er nahte sich ihr. Eine Stimme wurde von unten zu Kriton hoch getragen, und er verstand nur einige Wortfetzen: „...Glücklich ihr, die ihr weint, denn ihr werdet lachen... Wehe euch, die ihr jetzt lacht, ihr werdet weinen ... Ich bin nicht gekommen, den Gesunden zu helfen, sondern den Kranken ... Der Sohn spricht nichts, was nicht der Vater zu ihm gesagt hat ... Mit dem Reich meines Vaters verhält es sich wie mit einem Mann, der einen Schatz auf fremden Acker gefunden hatte. In seiner Freude verkaufte er alles, was er hatte, und kaufte dafür den Acker mit dem Schatz ... Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt wurde ... Ich aber sage euch: Verzichtet auf Gegenwehr, wenn euch jemand Böses tut ...“
Die Worte klangen fremd in Kritons Ohren, aber sie besaßen eine urtümliche Kraft. Das war absolut neu. Da las keiner in der Tora und brachte dann eine Auslegung hervor. Nein, hier sprach einer mit einer ihm völlig selbstverständlichen Vollmacht. Es war provokativ, anders, aber nicht verrückt. Es war ihm, als sei einer der alten Propheten wieder auferstanden, ein Amos, Jeremia oder Hosea, aber das hier wirkte noch mächtiger, noch autoritärer, noch eigenmächtiger als es je ein Prophet als Bote Gottes hätte sagen können. Es irritierte Kriton. Was wollte dieser Mann? Er war kein Schriftgelehrter. Er war kein Zelot, kein Tempelpriester und kein Essener. Kriton fand keinen Begriff für ihn. Der Messias soll er sein? Dieser Mann mit einigen Männern und Frauen um sich, ohne Waffen und ohne Beziehungen zu Jerusalem, dieser Lehrer und Heiler, der Wehrlosigkeit predigt? Es kam Kriton absurd vor, daß dieser die Befreiung Israels von Rom, die Friedensherrschaft Israels über die ganze Welt aufrichten könnte. Da stand dieser junge Händler an einem milden Frühsommerabend am Rande einer Menge einfacher Menschen: Bauern, Tagelöhner, ein paar Pharisäer sah er auch, Zöllner, dann Krüppel, Irre, und viele Frauen, sogar mit Kindern. Sie fingen an zu essen, auch Kriton reichte man ein Stück Brot und man lagerte auf grünem Gras. Er fühlte sich plötzlich sehr wohl und geborgen. Er fragte einige Herumsitzende, für wen sie diesen Jesus halten: „Er ist Elia!“ – „Er ist ein neuer Prophet!“ – „Er ist der ‚Menschensohn‘!“ So antworteten sie sehr uneinig.
Kriton beschloß, noch am Abend zu seiner Herberge zurückzukehren. Er wollte alleine sein und in der Tora lesen. Er wollte wieder Frieden finden bei Mose. Die Worte dieses Jesus wühlten ihn doch zu sehr auf. Sie verwirrten ihn. Er brauchte Abstand. Es war nur wenig gewesen, aber Kriton ahnte, daß etwas Radikales ihn in seiner kaufmännischen, geordneten Welt massiv stören wollte. Er suchte Distanz und beschloß, möglichst bald nach Hause zu reisen. Tatsächlich versank das intensive Erlebnis langsam hinter dem Horizont der Vergangenheit.
Schon in Alexandria war Kriton auf den Straßen und Plätzen jüdischen Wunderheilern begegnet und er konnte darum die Klage des Gelehrten nachvollziehen. Einige Tage später besuchte er in Kapernaum einen römischen Hauptmann, der der örtlichen Synagoge Papryrusrollen schenken wollte. Kriton war überrascht, als dieser ihm fast erregt mitteilte: „Hast du eigentlich schon von Jesus gehört? Er hat meinen sterbenskranken Sohn geheilt, ja er war schon tot und er hat ihn wieder erweckt! Diesen Jesus mußt du kennenlernen. Ich kann wieder an einen Gott glauben.“ Da Kriton einige Tage Zeit hatte, beschloß er – neugierig geworden – den Spuren dieses Jesus nachzugehen. Er begann damit, auf dem Marktplatz bei kleineren Erledigungen die Bauern zu fragen, ob sie schon einmal etwas von Jesus gehört hätten. Ja, bestätigten sie, er würde Menschen heilen, Dämonen austreiben und unerhörte Lehren von sich geben. Einer der Bauern nahm ihn zur Seite und flüsterte ihm zu: „Seine Jünger glauben, er sei der Prophet Elia oder gar der Messias selbst. Er widerspricht der Tora des Mose. Er heilt am Sabbat. Er ist der neue Gesetzgeber. Er will in Jerusalem die Entscheidung suchen. Das Ende der Römerherrschaft ist nah.“ Dann legte er seinen Zeigefinger auf die Lippen. Er schaute sich um und nach kurzem Schweigen ergänzte er: „Du kannst ihn geradewegs nach Osten am See Genezareth finden, er predigt dort noch einige Tage. Wer Ohren hat, der höre!“ Kriton war wie elektrisiert, denn das hörte sich sehr seltsam und aufregend an. So wanderte er am nächsten Tag die 12 km hinunter zum See. An einem Hügel nahe des Strandes konnte er eine größere Menschenmenge erkennen. Er nahte sich ihr. Eine Stimme wurde von unten zu Kriton hoch getragen, und er verstand nur einige Wortfetzen: „...Glücklich ihr, die ihr weint, denn ihr werdet lachen... Wehe euch, die ihr jetzt lacht, ihr werdet weinen ... Ich bin nicht gekommen, den Gesunden zu helfen, sondern den Kranken ... Der Sohn spricht nichts, was nicht der Vater zu ihm gesagt hat ... Mit dem Reich meines Vaters verhält es sich wie mit einem Mann, der einen Schatz auf fremden Acker gefunden hatte. In seiner Freude verkaufte er alles, was er hatte, und kaufte dafür den Acker mit dem Schatz ... Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt wurde ... Ich aber sage euch: Verzichtet auf Gegenwehr, wenn euch jemand Böses tut ...“
Die Worte klangen fremd in Kritons Ohren, aber sie besaßen eine urtümliche Kraft. Das war absolut neu. Da las keiner in der Tora und brachte dann eine Auslegung hervor. Nein, hier sprach einer mit einer ihm völlig selbstverständlichen Vollmacht. Es war provokativ, anders, aber nicht verrückt. Es war ihm, als sei einer der alten Propheten wieder auferstanden, ein Amos, Jeremia oder Hosea, aber das hier wirkte noch mächtiger, noch autoritärer, noch eigenmächtiger als es je ein Prophet als Bote Gottes hätte sagen können. Es irritierte Kriton. Was wollte dieser Mann? Er war kein Schriftgelehrter. Er war kein Zelot, kein Tempelpriester und kein Essener. Kriton fand keinen Begriff für ihn. Der Messias soll er sein? Dieser Mann mit einigen Männern und Frauen um sich, ohne Waffen und ohne Beziehungen zu Jerusalem, dieser Lehrer und Heiler, der Wehrlosigkeit predigt? Es kam Kriton absurd vor, daß dieser die Befreiung Israels von Rom, die Friedensherrschaft Israels über die ganze Welt aufrichten könnte. Da stand dieser junge Händler an einem milden Frühsommerabend am Rande einer Menge einfacher Menschen: Bauern, Tagelöhner, ein paar Pharisäer sah er auch, Zöllner, dann Krüppel, Irre, und viele Frauen, sogar mit Kindern. Sie fingen an zu essen, auch Kriton reichte man ein Stück Brot und man lagerte auf grünem Gras. Er fühlte sich plötzlich sehr wohl und geborgen. Er fragte einige Herumsitzende, für wen sie diesen Jesus halten: „Er ist Elia!“ – „Er ist ein neuer Prophet!“ – „Er ist der ‚Menschensohn‘!“ So antworteten sie sehr uneinig.
Kriton beschloß, noch am Abend zu seiner Herberge zurückzukehren. Er wollte alleine sein und in der Tora lesen. Er wollte wieder Frieden finden bei Mose. Die Worte dieses Jesus wühlten ihn doch zu sehr auf. Sie verwirrten ihn. Er brauchte Abstand. Es war nur wenig gewesen, aber Kriton ahnte, daß etwas Radikales ihn in seiner kaufmännischen, geordneten Welt massiv stören wollte. Er suchte Distanz und beschloß, möglichst bald nach Hause zu reisen. Tatsächlich versank das intensive Erlebnis langsam hinter dem Horizont der Vergangenheit.
Sonntag, 2. August 2009
Kriton - eine Erzählung (1)
Im 35. Jahr der Herrschaft des Augustus wurde ein jüdischer Junge in Alexandria geboren. Seine Eltern gaben ihm den Namen Kriton, was Richter, Schiedsrichter, Ausleger oder Beurteiler bedeutete. Obwohl seine Eltern gläubige Juden waren, gaben sie ihm einen griechischen Namen. Denn ihre Vorfahren lebten schon über 200 Jahre in Alexandria, einer riesigen griechischen Stadt am Nildelta, und sie sprachen deshalb nur noch Griechisch. Dort lebten zu Kritons Jugendzeit über 200 000 Jüdinnen und Juden in besonderen Stadtteilen, mehr also als in Jerusalem. Sein Vater war ein reicher Kaufmann, der mit ägyptischen Papyrus handelte und ein Ehrenamt im Synagogenvorstand innehatte. Er war ein Richter, der Streitfälle unter Juden zu entscheiden hatte.
Als Kind schon wünschte sich Kriton, die Tora, das Gesetzbuch des Mose, zu verstehen. Von einem Privatlehrer unterwiesen, lernte er lesen und schreiben, und so konnte er bald die heilige Übersetzung der Tora ins Griechische, die Septuaginta, lesen. Sein Vater ermöglichte ihm außerdem den Besuch bei Schriftgelehrten, die auch das Aramäische und Hebräische beherrschten. Kriton folgte recht schnell ihren Diskussionen und Vorträgen. Er lebte also in zwei, ja in drei Welten, in der Welt der Griechen und Römer, in der Welt der griechisch sprechenden Juden und in der Welt derjenigen Juden, die auch Hebräisch konnten. Sein Urteilsvermögen wurde daher herausgefordert. Zum Torastudium kam die praktische Ausbildung im Geschäft des Vaters. Kriton fing an, ihn auf Geschäftsreisen in die Großstädte des Römischen Reiches zu begleiten, schließlich auch nach Palästina. Dort waren Kritons Sprachkenntnisse von Vorteil.
Mit Anfang 20 erledigte Kriton für seinen Vater die Geschäfte in seinem Heimatland. Die unbeschriebenen Papryusrollen, die er vertrieb, hatten eine hohe Qualität und waren gerade bei Schriftgelehrten sehr geschätzt. Kriton reiste mit dem Schiff nach Joppe und ritt von dort aus nach Jerusalem. Damals stand Judäa unter römischer Oberherrschaft. Ständig begegnete er römischen Soldaten. Pontius Pilatus war der Statthalter, ein brutaler, raffgieriger aber auch intelligenter Politiker. Die Straßen nach Jerusalem wurden kontrolliert, weil immer wieder Zeloten, jüdische Terroristen, Anschläge auf die Soldaten des Pilatus verübten. Als er der Stadt nahe kam, war der riesige Tempelbau des Herodes unübersehbar. Sein Marmor glänzte in der Sonne. Wunderbar. Noch am Tag der Ankunft stieg er die gewaltigen Treppen in den großen Tempelbereich hinein. Die Tempelpriester, oft Sadduzäer, hatten sich mit den Römern arrangiert und betrieben den Tempel als großes Wirtschaftsunternehmen. Es war für Kriton kein Problem, hier hochwertige Papyrusrollen abzusetzen. In Jerusalem ging Kriton am liebsten in die Synagoge der Alexandriner, denn dort sprach man Griechisch und pflegte eine Frömmigkeit der Gottesliebe.
Nach einer Woche ging die Reise weiter. Anstatt über Samaria nach Galiläa zu reisen, entschied sich Kriton für die Route durchs Jordantal. Der Weg von Jersualem nach Jericho war beeindruckend. Kriton hatte gehört, daß an den Berghängen südlich von Jericho die Essener eine Einsiedelei betrieben. Sie lehnten den offiziellen Tempelkult in Jerusalem ab; für sie war Jerusalem zu Babylon geworden. Es waren Fundamentalisten, die zwar ständig vom Heiligen Krieg sprachen (sie lasen gerne eine Schrift über den Endzeitkrieg), aber selbst gar keine Waffen besaßen. Auf dem Weg nach Norden begegnete er Pilgern, die einen Gerichtspropheten aufsuchen wollten. Johannes den Täufer nannten sie ihn, weil er den Menschen versprach, daß sie dem Gericht Gottes entrinnen könnten, wenn sie sich im Jordan taufen ließen.
Nach einigen Tagen hatte er Galiläa erreicht, das von Herodes Antipas regiert wurde, der allerdings der römischen Kontrolle unterstand. In den Synagogen der kleineren Städte oder größeren Dörfer Galiläas hatte Kriton es oft mit Pharisäern zu tun, die er für engagierte, untadelige, feine Leute hielt, und denen er es abnahm, daß sie es mit der Tora ernst meinten.
Und dort in Galiläa fing seine Geschichte mit Jesus an.
Als Kind schon wünschte sich Kriton, die Tora, das Gesetzbuch des Mose, zu verstehen. Von einem Privatlehrer unterwiesen, lernte er lesen und schreiben, und so konnte er bald die heilige Übersetzung der Tora ins Griechische, die Septuaginta, lesen. Sein Vater ermöglichte ihm außerdem den Besuch bei Schriftgelehrten, die auch das Aramäische und Hebräische beherrschten. Kriton folgte recht schnell ihren Diskussionen und Vorträgen. Er lebte also in zwei, ja in drei Welten, in der Welt der Griechen und Römer, in der Welt der griechisch sprechenden Juden und in der Welt derjenigen Juden, die auch Hebräisch konnten. Sein Urteilsvermögen wurde daher herausgefordert. Zum Torastudium kam die praktische Ausbildung im Geschäft des Vaters. Kriton fing an, ihn auf Geschäftsreisen in die Großstädte des Römischen Reiches zu begleiten, schließlich auch nach Palästina. Dort waren Kritons Sprachkenntnisse von Vorteil.
Mit Anfang 20 erledigte Kriton für seinen Vater die Geschäfte in seinem Heimatland. Die unbeschriebenen Papryusrollen, die er vertrieb, hatten eine hohe Qualität und waren gerade bei Schriftgelehrten sehr geschätzt. Kriton reiste mit dem Schiff nach Joppe und ritt von dort aus nach Jerusalem. Damals stand Judäa unter römischer Oberherrschaft. Ständig begegnete er römischen Soldaten. Pontius Pilatus war der Statthalter, ein brutaler, raffgieriger aber auch intelligenter Politiker. Die Straßen nach Jerusalem wurden kontrolliert, weil immer wieder Zeloten, jüdische Terroristen, Anschläge auf die Soldaten des Pilatus verübten. Als er der Stadt nahe kam, war der riesige Tempelbau des Herodes unübersehbar. Sein Marmor glänzte in der Sonne. Wunderbar. Noch am Tag der Ankunft stieg er die gewaltigen Treppen in den großen Tempelbereich hinein. Die Tempelpriester, oft Sadduzäer, hatten sich mit den Römern arrangiert und betrieben den Tempel als großes Wirtschaftsunternehmen. Es war für Kriton kein Problem, hier hochwertige Papyrusrollen abzusetzen. In Jerusalem ging Kriton am liebsten in die Synagoge der Alexandriner, denn dort sprach man Griechisch und pflegte eine Frömmigkeit der Gottesliebe.
Nach einer Woche ging die Reise weiter. Anstatt über Samaria nach Galiläa zu reisen, entschied sich Kriton für die Route durchs Jordantal. Der Weg von Jersualem nach Jericho war beeindruckend. Kriton hatte gehört, daß an den Berghängen südlich von Jericho die Essener eine Einsiedelei betrieben. Sie lehnten den offiziellen Tempelkult in Jerusalem ab; für sie war Jerusalem zu Babylon geworden. Es waren Fundamentalisten, die zwar ständig vom Heiligen Krieg sprachen (sie lasen gerne eine Schrift über den Endzeitkrieg), aber selbst gar keine Waffen besaßen. Auf dem Weg nach Norden begegnete er Pilgern, die einen Gerichtspropheten aufsuchen wollten. Johannes den Täufer nannten sie ihn, weil er den Menschen versprach, daß sie dem Gericht Gottes entrinnen könnten, wenn sie sich im Jordan taufen ließen.
Nach einigen Tagen hatte er Galiläa erreicht, das von Herodes Antipas regiert wurde, der allerdings der römischen Kontrolle unterstand. In den Synagogen der kleineren Städte oder größeren Dörfer Galiläas hatte Kriton es oft mit Pharisäern zu tun, die er für engagierte, untadelige, feine Leute hielt, und denen er es abnahm, daß sie es mit der Tora ernst meinten.
Und dort in Galiläa fing seine Geschichte mit Jesus an.
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