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Mittwoch, 30. Dezember 2009

Freundschaft

Freundschaft ist eine wichtige Dimension menschlicher Beziehungsfähigkeit. Ich habe dieses Jahr wieder erleben dürfen, was dieses Geschenk bedeutet und bin zutiefst dankbar für diejenigen Menschen, die mir Freundschaft schenken.
Viel ist schon über Freundschaft geschrieben worden, ich möchte drei Punkte nennen, die mir zu guten, stabilen Freundschaften sofort einfallen:

1. Freundschaft ist geprägt von Offenheit, vom Sich-Anvertrauen, dass man davon erzählt, was einen innerlich beschäftigt, sowohl die Glückserfahrungen, aber auch das, was einen belastet, und auch diejenigen Themen, die man guten Bekannten nicht anvertrauen würde.
2. Freunde/Freundinnen schenken sich Wertschätzung. Sie ermutigen einander. Freunde sehen im anderen vielleicht sogar mehr, als er/sie in sich selber sieht, aber nicht weniger. Sie werten den Freund innerlich nie ab. Sie verstehen ihn.
3. Freundschaften vertragen Unterbrechungen. Sie sind nicht so intensiv wie eine Partnerschaft, von der man stärker eine "Komplettzugänglichkeit des anderen" (P. Fuchs) erwartet und daher auch stärker enttäuscht werden kann. Freundschaften sind unterbrechungsverträglich. Die Frequenz der Begegnungen kann recht hoch, kann aber auch niedrig sein - der Qualität der Offenheit und Wertschätzung tut das keinen Abbruch.
Freunde erwarten nicht alles von einem Freund, sondern können ihre Freundschaftserwartungen auf mehrere Freunde verteilen.

"Freundschaft mit Gott" - "Freundschaft von Gott": Ich denke, es ist ein Versuch wert, die Erfahrung von Freundschaft auch in Bezug zu Gott einmal durchzuspielen. Immerhin sagt Jesus: "Euch habe ich Freunde genannt, weil ich euch alles kundgetan habe, was ich von meinem Vater gehört habe." (Johannes-Evangelium 15,15). In jedem Fall ist Freundschaft eine Lebensqualität, die von Jesus stark gewürdigt wird und damit in den inneren Bereich christlicher Spiritualität fällt.

Samstag, 19. Dezember 2009

Gottesnähe - Spiritualität

Seit einiger Zeit schreibe ich an einer längeren Ausarbeitung zum Thema: "Gottesnähe erfahren. Urchristliche Spiritualität im Kontext ihrer Zeit." Auch in diesem Blog sind schon Bausteine dazu erschienen.
Kürzlich erneut ermutigt, diese Zugangsweise zu neutestamentlichen Texten zu beschreiten, hat mich die Lektüre einiger Seiten in Hans Weders "Neutestamentlichen Hermeneutik" aus dem Jahr 1986, S. 288-293:

"Die Nähe Gottes war grundlegend für das gesamte Wirken und Reden Jesu. Das Gebet in Getsemane reagiert auf die Nähe Gottes, statt sie erst herstellen zu wollen" ("Abba, mein Vater, alles ist dir möglich. Nimm diesen Kelch fort von mir! Aber nicht was ich will, sondern was du willst, soll sein." Markus 14,36).

"Das Gebet Jesu verdankt sich der Nähe Gottes. "

Man könnte das Gebet verstehen als konzentrierte Spiritualität des Menschen, als Gebärde, wo sich die Spiritualität sozusagen verdichtet. Spiritualität ist ein anderes Wort für Gottesbezug. Mann könnte auch sagen: Spiritualität ist die Erscheinungsform des Glaubens. Dazu ist das Gebet der Ort, wo der Glaube zugleich Gestalt annimmt und möglich wird."

"Das Beten Jesu scheint von der völligen Gewißheit auszugehen, daß es sich an den ganz nahen Gott wendet - an den Vater, über den Tisch hinweggesprochen. Von dieser Nähe lebt sein Gebet. Und diese Nähe schließt ein Beten aus, das meint, Gott erst noch bewegen zu müssen."

"In der Bitte findet der Beter Schutz davor, seiner Eigenmacht alles zuzutrauen."

Freitag, 11. Dezember 2009

Gebet im Lukasevangelium

Bei ihrer Darstellung der Geschichte Jesu setzten die vier Evangelisten je eigene Akzente. Dietrich Rusam (in: M. Ebner und S. Schreiber [Hrsg.], Einleitung in das Neue Testament, Stuttgart 2008, S.204) macht darauf aufmerksam, dass Lukas uns das Beten Jesu als Vorbild darstellt. Gerade in schwierigen Situationen als Stärkung! Eine spirituelle Grundpraxis, an die ich immer wieder denken und sie praktizieren möchte.

"Jesus ist in seinem Verhalten als Vorbild...dargestellt. Immer wieder - so berichtet Lukas - habe Jesus gebetet: 3,21; 5,16; 6,12; 9,18.28-29; 11,1. Und auch das letzte Wort Jesu am Kreuz ist ein Gebet und zeugt von der innigen Verbindung zwischen Gott und seinem Sohn (23,46): 'Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände'...Darüber hinaus ist das Gleichnis vom Richter und der Witwe (Lk 18,1-8) zufolge V.1 als Aufforderung zum anhaltenden Gebet zu verstehen. Vergleicht man Lk 11,13 mit Mt 7,11, so stellt man fest, dass den Bittenden bei Lukas nicht (irdische) Gaben in Aussicht gestellt werden, sondern der Heilige Geist....Schließlich lässt sich die Wirkung des Gebets auch an Jesus selbst ablesen: Der im Garten Getsemani Furchtsame erfährt nach seinem Gebet auf wunderbare Weise Stärkung durch einen Engel (22,43). Diese Stärkung ermöglicht ihm ein mutiges Auftreten gegenüber seinen Häschern (22,47-53). Ja im Grund ist Jesus derjenige, der bei seiner Gefangennahme handelt. Er stellt Judas zur Rede, beschwichtigt seine Jünger (22,51a) und heilt das Ohr des Hohenpriesterknechtes wieder an (22,51b). Und folgerichtig bekennt er sich - entsprechend seiner eigenen Forderung (12,812) - sowohl vor dem Hohen Rat zu seiner Gottessohnschaft (22,70) als auch vor Pilatus zu seinem Königtum (23,3). Am Kreuz hängend bittet er noch für seine Henker (23,34) - ähnlich wie in seiner Nachfolge Stephanus (Apg 7,60). "

Freitag, 6. November 2009

Selig sind die Sanftmütigen



Selig/Glücklich (griech. makarios) sind die Sanftmütigen/Freundlichen (griech. praeis), denn sie werden das Land/die Erde besitzen.

Die „Sanftmütigen“ können sich mit ihrer Freundlichkeit in andere Menschen einfühlen und ihnen nahe sein, ohne in den anderen gewaltsam einzudringen. Sie achten die Grenzen der anderen.
Obwohl es ein Tierbild ist, finde ich die Geste der Orang-Utan-Mutter so beispielhaft zärtlich. Zärtlichkeit ist eine Schwestertugend der Sanftmut und Freundlichkeit.

Quelle: http://knutisweekly.com/2009/09/sanftmut-ist-keine-waffe/comment-page-1/

Donnerstag, 22. Oktober 2009

Ausdruckformen von Spiritualität bei Kohelet (Prediger Salomo)

Die Spiritualität bei Kohelet drückt sich vor allem durch Stimmungen/Gefühle aus.
1. Das Gefühl der Enttäuschung. Es wird ausgelöst durch die umfangreichen, eindrücklich entwickelten Reflexionen dazu, dass alles, was Menschen erleben und tun, flüchtig und vergänglich ist. Wir sind in vieler Hinsicht Ausgelieferte, Getriebene, mit Mühe Beladene. Für Kohelet ist diese Enttäuschung, vielleicht sogar ein Gefühl existentieller Frustration und Traurigkeit wichtig für eine realistische Wahrnehmung der Wirklichkeit. Seine Kultur- und Gesellschaftskritik, seine Infragestellung vorgeblicher Glückskonzepte, sein kritisches Abwägen will Enttäuschung hervorrufen. Auch in der Beziehung zu Gott will Kohelet seine Zuhörer und Leser enttäuschen: Du kannst Gottes Handeln in der Welt nicht begreifen und es bringt nichts, mit der Erwartung zu rechnen, dass sich Frömmigkeit „auszahlt“, während Gottlosigkeit bestraft wird (Tun-Ergehen-Zusammenhang). Wer so erwartet, wird zwangsläufig enttäuscht werden. Zurecht. Denn „unter der Sonne“ können wir Gottes Handeln nur hinnehmen, an guten, wie an bösen Tagen. So stellt sich
2. das Gefühl der Gotttesfurcht ein. Die Enttäuschung führt zur Gottesfurcht, zum Erschrecken vor dem unbegreifbaren Gott, der alles in allem wirkt, aber genau darin nicht verstanden werden kann. Gottes Handeln – besonders angesichts der Frage nach Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit in der Welt – ist verhüllt. Gottesfurcht heißt, vor dem allmächtig und gleichzeitig verborgen handelnden Gott zu erschrecken, aber auch von ihm fasziniert zu sein. Diese Faszination führt zu einem überraschenden nächsten Gefühl,
3. zum Gefühl der Freude. Freude stellt sich ein in der Erkenntnis, dass Gott Gutes im mühevollen, vergänglichen Leben gewährt. Essen, Trinken und Liebe genießen reicht, um sich zu freuen. Dazu bedarf es nicht einmal immensem Reichtum, den Gott aber auch durchaus gewähren kann. In der Freude akzeptiert man die von Gott zugeteilten Zeiten des Glücks und Unglücks, ja die Freude ist sogar ein Gefühl, dass Vergangenheit und Zukunft vergessen läßt und einen ganz auf die zu genießende Gegenwart fokussiert. Es ist für Kohelet Gott selbst, der unsere Seele mit der Freude beschäftigt läßt, um uns von Sorge und Mühe zu entlasten.
Eine weitere Ausdrucksform der Spiritualität Kohelets ist sein Lehrtext selbst. Offensichtlich muss es Kohelet Freude gemacht haben, seine Reflexionen über Flüchtigkeit und Freude zu dichten, im Gespräch mit seinen Weisheitsvorgängern „anders“ zu denken, obwohl es ja eigentlich gar nichts „Neues“ geben kann.
Kohelet empfiehlt weiter eine reduzierte Frömmigkeitspraxis. Gebete sollen kurz sein (5,1), im Tempel spielt nicht das Opferhandeln, sondern das Hören auf die Predigt die wesentliche Rolle (4,17), Gelübde soll man ernst nehmen und umstandslos erfüllen (5,3). Diese Praxis passt gut zum Gefühl der Gottesfurcht: „Gott ist im Himmel, und du bist auf der Erde.“

Dienstag, 15. September 2009

Prozession in Lucca - La Luminaria am 13. September


Viele Prozessionsteilnehmer haben eine Kerze in der Hand. Der Weg von der Kirche San Frediano durch die schmalen Straßen der Stadt zum Dom ist mit abertausenden von kleinen Kerzen geschmückt, die die verdunkelten Wege erleuchten.


Von Kerzen geschmückte und erleuchtete Fensterreihen. Ich habe diese Aufnahme gemacht, nachdem ich ich Mut hatte, mich in die Prozession einzureihen. Ich wollte nicht nur Beobachter sein, sondern teilnehmen. Ich habe dabei still gebetet oder die Melodie des Liedes mitgesummt, das eine Chorgruppe hinter mir immer wieder anstimmte. Ich empfand bald ein starkes "religiöses" Gemeinschaftsgefühl, die von Kerzen erleuchteten Gassen rührten in mir eine meditativ-feierliche Stimmung an.

Freitag, 11. September 2009

Kathedralen als Erinnerungsraum


Innenraum des Doms in Pisa

Zusammen mit meinem Religions-LK geniesse ich die Toskana, die Landschaft - Septembersonne mit angenehmster Waerme, das silberne Licht, hellsten Carrara-Marmor, Weintrauben, Feigen am Strassenrand, Sandstrand, Steilkueste bei den Cinque Terre und selbstverstaendlich Kultur: Florenz, Pisa, Lucca... Schwerpunkt ist die Erkundung und das Erleben von Kirchen, deren Baugeschichte bis ins Mittelalter zurueckreicht. San Lorenzo in Florenz zum Beispiel haben wir lange auf uns einwirken lassen. Sitzen, beobachten, den Raum auf sich wirken lassen. Marmorboden, goldverzierte Stuckdecke. Breite Seitenschiffe, schlanke Saeulen, die die Kirche hallenaehnlich wirken lassen. In dieser weiten, breiten Halle hallt es hell beim kleinsten Laut. Der Raum strahlt in seiner dezenten Farbgebung Ruhe aus. Es ist viel dunkler als die sonnendurchfluteten Toskana. Einstimmung in eine andere Wirklichkeit, die vor allem von der Vergangenheit gepraegt ist. Die Zeichen verweisen in die Vergangenheit: die Gemaelde in den zahllosen Seitenaltaeren, Reliquien, Saerge, Grabsteine, das Kreuz mit dem Gekreuzigten ueber dem gewaltigen Altar. In einer solchen Kirche erscheint der christliche Glaube als Religionsform, die sich vor allem im Vergangenen, im Erinnern sich findet.

Sonntag, 16. August 2009

Jakobusbrief (5): Ausdrucksformen von Spiritualität

In den letzten Wochen habe ich Texte zur Spiritualität des 1. Johannesbriefes und des Jakobusbriefes gepostet. Es sind kleine Bausteine für einen längeren Text: "Urchristliche Spiritualität. Erfahrungen der Nähe Gottes im Kontext ihrer Zeit."
"Ausdrucksformen von Spiritualität" sind Haltungen und Praktiken, die man tatsächlich beobachten kann, selbst wenn man in die Person(en) nicht "hineinschauen" kann; aber am Äußeren, am "Ausdruck" der Person(en) ist zumindest erkennbar, dass Spiritualität praktiziert wird.

Im Vordergrund des Jakobusbriefes steht eine Spiritualität der Barmherzigkeit, die sich an einem bestimmten Habitus (3,17-18) und den daraus resultierenden praktischen Taten erkennen lässt.
„Redet so und handelt wie Menschen, die nach dem Gesetz der Freiheit gerichtet werden“ (2,12).
Zu beobachten ist dann ein Mensch, der in seiner Kommunikation „sanftmütige Weisheit“ (3,13 oder: weise Sanftmut) ausstrahlt; er oder sie kommt ohne Zorn, ohne Fluchen, ohne Verleumdung, ohne Klagen über die anderen aus. Geduld zeichnet sie oder ihn aus (5,7-11), dazu Freude am Frieden und eine gütige Freundlichkeit.
Damit untrennbar verbunden ist eine aktive Barmherzigkeit im Handeln: „Ein reiner und makelloser Dienst vor Gott, dem Vater, ist der: die Waisen und Witwen in ihrer Not besuchen.“ (1,27); zum Besuch gehört die wirtschaftliche Unterstützung für den notwendigen Bedarf – Versorgung mit Kleidung und täglichem Brot (2,15-17).
Der Brief selbst versteht sich auch als Ruf zur Umkehr (5,19-20). Wenn jemand durch die ernste Ermahnung des Briefes zum Einsicht kommt, und das ist die Erwartung des Jakobus, dann soll er Buße tun: „Klagt und trauert und weint! Euer Lachen verwandle sich in Trauer, eure Freude in Betrübnis. Macht euch klein vor dem Herrn, dann wird er euch erhöhen.“ (4,9-10; vgl. auch 5,1).
Zur Buße tritt das Gebet um die Weisheit Gottes, die das Reden und Handeln im oben genannten Sinn positiv verwandelt.
Der Brief möchte in die Sichtweise dieser Weisheit einüben. Der Autor verwendet dazu einen Stil, der in lebendiger und sehr anschaulicher Weise mal das eine und dann wieder das andere Thema anspricht und in recht kurzen Sequenzen argumentativ darlegt. Es liegt aber kein durchkomponierter Gedankengang vor, sondern eine lockere Zuordnung der Themen, die ihm am Herzen liegen. Verbindungen und Strukturen lassen sich durchaus erkennen, dennoch fällt der fast sprunghafte Wechsel vom einen zum anderen Thema auf, aber genauso die Wiederaufnahme und Vertiefung von Themen, die dem Autor besonders wichtig sind, vor allem das Verhalten der Reichen. Mit diesem Stil erreicht Jakobus ein sehr eindringliches Einwirken auf die Hörer und Leser seines Textes, das Umkehr von der Anpassung an die „Welt“ (Verweltlichung, Anpassung an die Normen der Mehrheitsgesellschaft) und Hinwendung zur „Weisheit von oben“ erreichen möchte.
Am Ende des Briefes (5,13-16) werden einige Übungen und Riten hervorgehoben, die dem Autor wichtig erscheinen, oder er möchte sie einführen, weil sie wenig bekannt sind:
Bei guter Laune soll man Lobpsalmen singen; wenn man bedrückt ist, Klage- oder Bittpsalmen beten.
Wer krank ist, soll das Gebet und die Salbung mit Öl durch die Ältesten der Gemeinde suchen.
Im Zusammenhang mit Krankheit, aber auch darüber hinaus empfiehlt Jakobus das gemeinsame, also öffentliche Sündenbekenntnis und die Fürbitte untereinander.
Die zu Beginn und am Ende des Briefes angemahnte Geduld bezieht sich auf die Prüfungen/Versuchungen, die aus dem eigenen Inneren hervortreten, wie auch auf die unsicheren Verläufe des Lebens: "Ihr soll sagen: Wenn der Herr will, werden wir leben und die oder das tun.“

Mittwoch, 29. Juli 2009

Ausdrucksformen von Spiritualität im 1. Johannesbrief

Sichtbare Ausdrucksformen der Spiritualität (praxis pietatis)

1. Dass Gott in mir bleibt und ich in Gott, diese ganz persönliche Liebeserfahrung mit Gott muss in der Geschwisterliebe sichtbar werden. „Geliebte, lasst uns einander lieb haben, denn die Liebe ist von Gott, und wer liebt, der ist von Gott geboren und kennt Gott. Wer nicht liebt, der kennt Gott nicht, denn Gott ist die Liebe“ (4,7-8) An ihr ist zu erkennen, dass tatsächlich eine Erfahrung mit der Agape-Liebe Gottes gemacht wird. Wie zeigt sich die Geschwisterliebe? „Wer sagt, dass er in ihm bleibt, muss auch leben, wie er gelebt hat.“ (2,6) Wie hat er gelebt? In welcher Weise ist er Vorbild? „Daran haben wir die Liebe erkannt, dass er sein Leben für uns hingegeben hat. Wir sollen auch das Leben für die Brüder lassen. Wenn jemand Vermögen hat und sieht die Notlage des Bruders und verschließt dann sein Herz vor ihm, wie kann die Liebe Gottes in ihm bleiben? Kinder, lasst uns nicht mit dem Wort und mit der Zunge lieben, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit (nicht wortreich, sondern tatenreich).“ (3,16-18) Die Wertschätzung der Geschwister, die Wahrnehmung ihres unendlichen Wertes, beweist sich in der praktischen (auch finanziellen) Tat. Allein hier wird sie sichtbar, so sehr natürlich auch tröstende, ermutigende, aufbauende Worte in einem Gespräch ganz praktisch sein können. Sichtbar wird die Erfahrung der Liebe Gottes weiterhin in der „Gemeinschaft untereinander“ (1,7). Sie zeigt sich auch in Höflichkeit und liebevoller Anrede: „Meine Kinder“ (3,7), „Geliebte“ (2,7; 4,1).

2. Sichtbar sind Freude (1,4) und Zuversicht (2,28; 3,21; 4,17; 5,14) in den Gesichtern der Geliebten, so jedenfalls wünscht es sich der Briefautor. Aufgrund der Geschwisterliebe sind gesellschaftliche Statusunterschiede in der Gemeinde unbedeutend, die intensive Erfahrung der Liebe Gottes löscht sie aus.

3. Zur Erfahrung der Liebe Gottes in Christus gehört das Sündenbekenntnis: „Wenn wir aber unsere Sünden bekennen, ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und und von aller Ungerechtigkeit reinigt.“ Das Sündenbekenntnis ist ein Mittel, geistliche Arroganz in der Gemeinde zu unterbinden. Es schafft eine Egalität, in der die Geschwisterliebe besser gedeiht.

4. Die Erfahrung, in der Liebe Gottes zu leben, führt zur Zuversicht: „Wenn wir etwas erbitten, was seinem Willen entspricht, so hört er uns.“ Johannes ermutigt zum Bittgebet.

5. Ein sittlicher Lebensstil ist ebenfalls die sichtbare Ausdrucksform der erlebten Liebe Gottes: seine Gebote halten, (3,24), sich reinigen (3,3), Distanz zur „Begierde des Fleisches, zur Begierde der Augen und zur Prahlsucht“ (2,16): im Mittelalter wurde für die Mönche daraus eine Distanz zu Wolllust, Habsucht und Hoffartvoluptas, avaritia, superbia – an deren Stelle traten die Gelübde bezüglich Keuschheit, Armut und Demut/Gehorsam).

6. Ganz wesentlich ist auch eine hörbare Verkündigung, die - wie der Brief selbst - Hörer und Leserinnen immer wieder in die Liebe Gottes hineinnimmt, sie real werden lässt: „Dies schreiben wir uns (und euch), dass unsere (und eure) Freude groß wird.“ (1,4) „Was ihr von Anfang an gehört habt, das bleibe in euch. Wenn das, was ihr von Anfang an gehört habt, in euch bleibt, so werdet ihr auch im Vater und im Sohn bleiben.“

7. Hörbar sind auch Worte von Propheten, die vom Geist Gottes inspiriert sind. Diese Worte sind zu prüfen: „Ein jeder Geist, der bekennt, dass Jesus Christus in das Fleisch gekommen ist, der ist von Gott“ (4,2). Johannes scheint davon auszugehen, dass jeder in der Gemeinde eine besondere Geisterfahrung gemacht hat: „Die Salbung, die ihr von ihm empfangen habt, bleibt in euch, und ihr braucht euch von niemandem belehren zu lassen. Alles, was seine Salbung euch lehrt, ist wahr und keine Lüge. Bleibt in ihm, wie es euch seine Salbung gelehrt hat.“ – „Daran erkennen wir, dass wir in ihm bleiben und er in uns, dass er uns von seinem Geist gegeben hat.“

8. Der Text des Briefes, für die Erstleser der Brief selbst, steht pars pro toto für den Apostel, der Augenzeuge ist, der das Wort Gottes selbst gesehen, gehört und betastet hat: „und wir haben gesehen und bezeugen und verkünden euch das Leben, das ewig ist, das beim Vater war und uns erschienen ist.“ (1,2)