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Montag, 2. November 2009

Kohelet als Philosoph

Noch ein Nachtrag zum Buch Kohelet, zu dem ich in den letzten Wochen eine Reihe von Texten gepostet habe. Ein regelmäßiger Leser des Blogs (Christian Wannenmacher) hat mich auf einen lesenswerten Artikel aufmerksam gemacht, der die auch von mir herausgestellte philosophische Dimension des Buches Kohelet (Prediger Salomo) betont und den Text als "Klassiker" jüdischer Philosophie bezeichnet. Hier ein Zitat:

"Sollte sich herausstellen, dass Kohelet »auch unter den Philosophen ist«, wie Saul unter den Propheten, sollte sich ergeben, dass das Buch Kohelet nicht nur zum biblischen Kanon, sondern zum Kanon der klassischen jüdischen Philosophie gehört, dann würde sich vom philosophischen Standpunkt die Frage erheben, welche Reflexionsressourcen in ihm verborgen liegen und wir müßten das Buch in der gleichen Weise abhandeln wie irgend einen Klassiker der Philosophie, nämlich als das Werk eines nach wie vor ernstzunehmenden Denkers. So wurde es zumeist in der Geschichte der jüdischen Philosophie rezipiert. Salomon galt schon im Altertum als eine Art Philosophenkönig und jüdische Philosophen fühlten sich durch seine »heiligen Schriften« immer angesprochen. Insbesondere das Buch Kohelet kam mit seinen allgemeinen Aussagen einem philosophischen Traktat am nächsten. Zugleich war es wegen seiner Skepsis hinsichtlich Unsterblichkeit und der Vergeltung für die jüdischen Philosophen, wie zuvor schon für die Rabbinen, ein dauernder Anstoß.
Ehe wir auf die Frage antworten können: »Ist auch Kohelet unter den Philosophen?« müssen wir deshalb grundsätzlich feststellen, was ein philosophischer Text sei. Uns drängen sich sieben Kriterien auf:
1. Die Philosophie fragt von Anfang an nach dem Ganzen des Seins und dem Nichts (Totalität)
2. und zwar vom fragenden Ich aus, das zugleich seinen Ort und das Ziel seines Daseins im Ganzen des Seins sucht (Subjektivität).
3. Dabei wird der Erkennende zugleich auf die Selbsterkenntnis und die Möglichkeiten und Grenzen der Erkenntnis zurückgeworfen (Reflexivität)
4. und stellt alle herkömmlichen Sinngebungen in Frage (Kritik)
5. Hierbei befreit es sich aus den beschränkten sozialen, nationalen und religiösen Grenzen (Universalität),
6. anerkennt aber zugleich auch die unhinterfragbaren Gegebenheiten des Bewußtseins und Seins (Positivität).
7. Die Philosophie entwickelt diese Gedanken in zusammenhängender Weise, auch wenn sie in sentenziöser oder aphoristischer Form daherkommt (System).
Von diesen Kriterien erfüllt das Buch Kohelet die sechs ersten beinahe in Reihenfolge und das siebte nach wohlwollender Prüfung."

aus: D. Krochmalnik, "Ist auch Kohelet unter den Philosophen?", in: Daniel Krochmalnik/Magdalena Schultz (Hrsg.), Ma-Tow Chelkenu. Wie gut ist unser Anteil. Gedenkschrift für Jehuda Radday, Heidelberg 2004, S. 87-104.

Samstag, 24. Oktober 2009

Die gegenwärtige Bedeutung des Buches Kohelet (Prediger Salomo)

Kohelet ist dasjenige Buch des Alten Testaments, das am deutlichsten philosophisch argumentiert. Hier denkt jemand nach, sinniert und reflektiert über das Leben, auch mit Bezug zu Gott, aber immer von einem Standpunkt „unter der Sonne“ aus, sozusagen „empirisch“. Man könnte auch sagen: Gott spricht ihm nicht hinein, unterbricht ihn nicht, rügt ihn auch nicht. Er hält sich im Hintergrund, bleibt „im Himmel“. Und ein solcher Text ist Teil des biblischen Kanons! In der jüdischen Religion wird also nicht nur geglaubt (Gottes Worten) und gehorcht (seinem Gesetz), sondern auch nachgedacht und reflektiert (weisheitlich philosophiert). Glauben und Denken werden somit in ein fruchtbares Spannungsverhältnis gebracht. Die frühen Christen haben diese Weite der jüdischen Religion geerbt und fortgeführt. Heute theologisch denken bedeutet darum immer beides: Gottes Wort hören und verstehen, wie auch die Welt deuten und im Gespräch mit dem zeitgenössischen Denken verstehen.
Philosophisch denken heißt, sich interkulturell und interreligiös zu orientieren. Das Predigerbuch verwendet sprachliche Formen und gedankliche Inhalte, die auch in Ägypten, Mesopotamien und Griechenland durchdacht wurden. So ist es ein Zeugnis „interkultureller Theologie“ (Markus Witte), deren Charakter es ist, empirisch, vergleichend, skeptisch, kritisch und reflexiv vorzugehen. Diese philosophischen Tugenden – das ist das Bedeutende – finden sich innerhalb des biblischen Kanons; die Bibel als Offenbarungsurkunde schließt also einen Text ein, der selbst keine Offenbarung ist, sondern Philosophie und zu deren Tugenden auch einlädt!
Philosophie hält auf Distanz, sie engagiert sich in der Regel weniger, als dass sie beobachtet und ihre Schlüsse zieht (Marx hat ihr das zum Vorwurf gemacht, was aber die Qualität seiner Philosophie nicht verbessert hat; er hat die Differenz von Weisheit und Politik einebnen wollen). Sie hält auch Gott auf Distanz. Er darf nur verborgen wirken, bleibt rätselhaft, jedenfalls bei Kohelet. Das ist gute Philosophie aber magere Religion. Denn Religion, die verändernde Begegnung zwischen Gott und Mensch, verspricht Gottesnähe. Religion verheißt, dass es eine Bewegung vom Gott „über der Sonne“ hin zur Welt „unter der Sonne“ gibt. Christen glauben, dass sich diese Bewegung in Jesus Christus ereignet hat. Gott ist der liebende Vater und der menschgewordene Sohn.
Aber diese Nähe des liebenden Vaters und die Nachfolge Jesu kann auch Christen hin und wieder „verloren“ gehen, aufgrund von Lebenserfahrungen oder neuen gedanklichen Herausforderungen. Kohelet kann dann zu einem intellektuellen und existentiellen Aufenthaltsort „am Rande“, aber eben nicht außerhalb, der jüdisch-christlichen Religion werden – eine philosophische Religion ohne Erlösung, ohne Rettung, ohne ewiges Heil und dennoch in Bezug auf einen Gott, der einen selbst und die Welt, geheimnisvoll und unergründlich am Leben hält.
Schließlich der „Hedonismus“ des Buches. Das gewährte Leben genießen, sich trotz Mühe und Vergänglichkeit freuen, das ist ein Akzent, der in jeder jüdischen und christlichen Lebensform nicht fehlen darf. Denn in der Freude, die die Gegenwart ganz gegenwärtig sein läßt, ist doch – Gott – gegenwärtig. Das jedenfalls verrät uns Kohelet.


Die letzten 14 Tage haben sie viele meiner Posts um das Koheletbuch gedreht. Es hat mir Freude gemacht, es genauer zu lesen und unter einigen Gesichtspunkten zu analysieren (um alle Posts dazu in einer Reihe zu haben, einfach das Label "Kohelet" anklicken). Den nächsten biblischen Text habe ich schon im Blick - die Bergpredigt, angeregt durch das Heft 24 der ZNT (Zeitschrift für Neues Testament). Ich bin schon gespannt, was diese Rede (Matthäus 5-7) an Anregungen und Einsichten auslösen wird.

Flaming Lips - Do you realize?



Die Flaming Lips - eine Rockband zwischen melancholischem Pop und experimentellen Noise - singen im wunderbar melodiösen "Do you realize" ganz auf der Linie von Kohelet vom Leben zwischen Glück und Vergänglichkeit - aber ohne Bezug zu Gott, Transzendenz ist nun das Universum (we´re floating in space; the sun doesn't go down).

Do You Realize - that you have the most beautiful face
Do You Realize - we're floating in space -

Do You Realize - that happiness makes you cry
Do You Realize - that everyone you know someday will die


And instead of saying all of your goodbyes - let them know
You realize that life goes fast
It's hard to make the good things last
You realize the sun doesn't go down
It's just an illusion caused by the world spinning round

Do You Realize - Oh - Oh - Oh
Do You Realize - that everyone you know
Someday will die -

And instead of saying all of your goodbyes - let them know
You realize that life goes fast
It's hard to make the good things last
You realize the sun doesn't go down
It's just an illusion caused by the world spinning round

Do You Realize - that you have the most beautiful face
Do You Realize

Donnerstag, 22. Oktober 2009

Ausdruckformen von Spiritualität bei Kohelet (Prediger Salomo)

Die Spiritualität bei Kohelet drückt sich vor allem durch Stimmungen/Gefühle aus.
1. Das Gefühl der Enttäuschung. Es wird ausgelöst durch die umfangreichen, eindrücklich entwickelten Reflexionen dazu, dass alles, was Menschen erleben und tun, flüchtig und vergänglich ist. Wir sind in vieler Hinsicht Ausgelieferte, Getriebene, mit Mühe Beladene. Für Kohelet ist diese Enttäuschung, vielleicht sogar ein Gefühl existentieller Frustration und Traurigkeit wichtig für eine realistische Wahrnehmung der Wirklichkeit. Seine Kultur- und Gesellschaftskritik, seine Infragestellung vorgeblicher Glückskonzepte, sein kritisches Abwägen will Enttäuschung hervorrufen. Auch in der Beziehung zu Gott will Kohelet seine Zuhörer und Leser enttäuschen: Du kannst Gottes Handeln in der Welt nicht begreifen und es bringt nichts, mit der Erwartung zu rechnen, dass sich Frömmigkeit „auszahlt“, während Gottlosigkeit bestraft wird (Tun-Ergehen-Zusammenhang). Wer so erwartet, wird zwangsläufig enttäuscht werden. Zurecht. Denn „unter der Sonne“ können wir Gottes Handeln nur hinnehmen, an guten, wie an bösen Tagen. So stellt sich
2. das Gefühl der Gotttesfurcht ein. Die Enttäuschung führt zur Gottesfurcht, zum Erschrecken vor dem unbegreifbaren Gott, der alles in allem wirkt, aber genau darin nicht verstanden werden kann. Gottes Handeln – besonders angesichts der Frage nach Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit in der Welt – ist verhüllt. Gottesfurcht heißt, vor dem allmächtig und gleichzeitig verborgen handelnden Gott zu erschrecken, aber auch von ihm fasziniert zu sein. Diese Faszination führt zu einem überraschenden nächsten Gefühl,
3. zum Gefühl der Freude. Freude stellt sich ein in der Erkenntnis, dass Gott Gutes im mühevollen, vergänglichen Leben gewährt. Essen, Trinken und Liebe genießen reicht, um sich zu freuen. Dazu bedarf es nicht einmal immensem Reichtum, den Gott aber auch durchaus gewähren kann. In der Freude akzeptiert man die von Gott zugeteilten Zeiten des Glücks und Unglücks, ja die Freude ist sogar ein Gefühl, dass Vergangenheit und Zukunft vergessen läßt und einen ganz auf die zu genießende Gegenwart fokussiert. Es ist für Kohelet Gott selbst, der unsere Seele mit der Freude beschäftigt läßt, um uns von Sorge und Mühe zu entlasten.
Eine weitere Ausdrucksform der Spiritualität Kohelets ist sein Lehrtext selbst. Offensichtlich muss es Kohelet Freude gemacht haben, seine Reflexionen über Flüchtigkeit und Freude zu dichten, im Gespräch mit seinen Weisheitsvorgängern „anders“ zu denken, obwohl es ja eigentlich gar nichts „Neues“ geben kann.
Kohelet empfiehlt weiter eine reduzierte Frömmigkeitspraxis. Gebete sollen kurz sein (5,1), im Tempel spielt nicht das Opferhandeln, sondern das Hören auf die Predigt die wesentliche Rolle (4,17), Gelübde soll man ernst nehmen und umstandslos erfüllen (5,3). Diese Praxis passt gut zum Gefühl der Gottesfurcht: „Gott ist im Himmel, und du bist auf der Erde.“

Dienstag, 20. Oktober 2009

Gottesnähe bei Kohelet – Freude im dem von Gott geschenkten Glück trotz Mühe und Flüchtigkeit des Lebens

Der von Gott gewährte Besitz der Weisheit selbst als Erfahrung der Nähe Gottes, wie sie so euphorisch in Sprüche 1-8 beschrieben wird oder noch inniger in der Weisheit Salomos 7-8, lehnt Kohelet ab. Weisheit ist für ihn keine charismatische Gabe Gottes (in Sprüche 8 ist die Weisheit sogar das erste Geschöpf Gottes noch vor der Weltschöpfung; in Jesus Sirach 24 hat sich die Weisheit im Gesetz Gottes inkarniert), sondern nur eine menschliche, zwar von Gott geschaffene Fähigkeit, die aber „unter der Sonne“ in ihrer Erkenntnisfähigkeit erheblich begrenzt ist.

Gottesnähe, soweit sie „unter der Sonne“ überhaupt erfahrbar sein kann, stellt sich vielmehr dann ein, wenn Gott in den positiven Widerfahrnissen wahrgenommen wird (2,24-25): "Es gibt nichts Besseres für den Menschen, als dass er isst und trinkt und seine Seele Gutes sehen lässt bei seinem Mühen. Auch das sah ich, dass dies alles aus der Hand Gottes kommt."
Glück „unter der Sonne“ ist angesichts der Flüchtigkeit menschlichen Lebens eine unverfügbare Gabe Gottes. Gottes letztlich nicht ergründbares Handeln im persönlichen Lebenslauf und in den Zeitläuften ruft die „Furcht vor Gott“ hervor, ein Erschrecken vor dem aus menschlicher Sicht unberechenbaren Gott (7, 13-14): „Sieh das Werk Gottes an! Ja, wer kann gerade machen, was er gekrümmt hat? Am Tag des Glücks sei guter Dinge! Und am Tag des Unglücks bedenke: Auch diesen hat Gott ebenso wie jenen gemacht!“
In die Gottesfurcht einbezogen ist aber eben auch die Wahrnehmung des von Gott geschenkten Glücks. Die dabei entstehende gegenwärtige Freude, die Vergangenes und Zukünftiges vergessen lässt, deutet Kohelet als starkes Gefühl, das er dem Wirken Gottes verdankt – er erkennt, dass es Gott ist, der Menschen mit diesem Gefühl beschäftigt (5,19). Diese Stimmung der Freude durchbricht damit den Flüchtigkeitscharakter des Lebens. Noch weitere sechs mal nach 2,24-25, also insgesamt siebenmal, stimmt Kohelet in diese freudige Gefühlslage ein, ja ermutigt zur Freude angesichts der Undurchschaubarkeit dessen, was einem selbst und anderen widerfährt:

3,10-13: Ich habe das Geschäft gesehen, das Gott den Menschenkindern gegeben hat, sich darin abzumühen. Alles hat er schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt, nur dass der Mensch das Werk nicht ergründet, das Gott getan hat, vom Anfang bis zum Ende. Ich erkannte, dass es nichts Besseres bei ihnen gibt, als sich zu freuen und sich in seinem Leben gütlich zu tun. Aber auch, dass jeder Mensch isst und trinkt und Gutes sieht bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes.

3,20-22: Alles geht an einen Ort. Alles ist aus dem Staub geworden, und alles kehrt zum Staub zurück. Wer kennt den Odem der Menschenkinder, ob er nach oben steigt, und den Odem des Viehs, ob er nach unten zur Erde hinabfährt? Und ich sah, dass es nichts Besseres gibt, als dass der Mensch sich freut an seinen Werken; denn das ist sein Teil. Denn wer wird ihn dahin bringen, hineinzusehen in das, was nach ihm sein wird?

5,17-19: Siehe, was ich als gut, was ich als schön erkannt habe: Dass einer isst und trinkt und Gutes sieht bei all seiner Mühe, mit der er sich abmüht unter der Sonne, die Zahl seiner Lebenstage, die Gott ihm gegeben hat; denn das ist sein Teil. Auch jeder Mensch, dem Gott Reichtum und Güter gegeben und den er ermächtigt hat, davon zu genießen und sein Teil zu nehmen und sich bei seiner Mühe zu freuen - das ist eine Gabe Gottes. Denn er denkt nicht viel an die Tage seines Lebens, weil Gott ihn mit der Freude seines Herzens beschäftigt.

8,15 Und ich pries die Freude, weil es für den Menschen nichts Besseres unter der Sonne gibt, als zu essen und zu trinken und sich zu freuen. Und dies wird ihn begleiten bei seinem Mühen die Tage seines Lebens hindurch, die Gott ihm unter der Sonne gegeben hat.

9,7-10: Geh hin, iss dein Brot mit Freude und trink deinen Wein mit frohem Herzen! Denn längst hat Gott Wohlgefallen an deinem Tun. Deine Kleider seien weiß zu jeder Zeit, und das Salböl fehle nicht auf deinem Haupt. Genieße das Leben mit der Frau, die du liebst, alle Tage deines nichtigen Lebens, das er dir unter der Sonne gegeben hat, all deine nichtigen Tage hindurch! Denn das ist dein Anteil am Leben und an deinem Mühen, womit du dich abmühst unter der Sonne. Alles, was deine Hand zu tun findet, das tue in deiner Kraft! Denn es gibt weder Tun noch Berechnung, noch Kenntnis, noch Weisheit im Scheol, in den du gehst.

11,9-12,1: Freue dich, Jüngling, in deiner Jugend, und dein Herz mache dich fröhlich in den Tagen deiner Jugendzeit! Und lebe nach dem, was dein Herz wünscht und wonach deine Augen ausschauen! Doch wisse, dass um all dieser Dinge willen Gott dich zur Rechenschaft ziehen wird! Entferne den Unmut aus deinem Herzen und halte Übel von deinem Leib fern! Und denke an deinen Schöpfer in den Tagen deiner Jugendzeit, bevor die Tage des Übels kommen und die Jahre herannahen, von denen du sagen wirst: Ich habe kein Gefallen an ihnen!

Montag, 19. Oktober 2009

Gottesferne bei Kohelet (Prediger Salomo) – Mühe in der Mühle der Flüchtigkeit

Die Rede Kohelets wird zu Beginn und zum Abschluss gerahmt von einer Grunderfahrung, an die in der Rede immer wieder erinnert wird, ja die den Hörern geradezu „eingebläut“ wird: “Nichtig und flüchtig (= völlige Nichtigkeit oder = völlige Flüchtigkeit), sprach Kohelet, nichtig und flüchtig, das alles ist nichtig.” (1,2) - “´Flüchtig und nichtig, sprach Kohelet, das alles ist flüchtig. (12,8). Das hebräische Wort kann mit „nichtig“, „vergänglich“, „flüchtig“ übersetzt werden. Mir gefällt das Wort „flüchtig“, weil es weniger pessimistisch klingt, aber genau das festhält, was im Bild gesprochen mit diesem Wort gemeint ist: Alles ist wie der Windhauch, wie der Wind oder der Hauch, der verschwindet: nicht fest, nicht bleibend, vielmehr unbeständig, vergänglich, und überraschend schnell in der Veränderung. Doch auch das, was andere Leser schon mitgehört haben, stellt sich bei diesen Worten ein: Absurdität des Lebens, Nihilismus, Pessimismus, Resignation, Skepsis, Verzweiflung, weil das Leben in der Flüchtigkeit mit Mühe, mit Übeln, mit Todesverfallenheit und Vergänglichkeit verbunden ist, ja, ein Hamsterrad, ein ewiges Auf und Ab, ein Hin und Her ist.
Der Mensch als Geschöpf Gottes ist der Mensch, der dem Tode unterworfen ist. Kohelet registriert die Bosheit des Menschen: “Es kommt nichts Gutes durch den Mensch zustande”, alle Menschen sind auch Sünder (7,20), für die ohne Ausnahme das Urteil aus der Sündenfallgeschichte gilt: Aus Staub bist du und zu Staub musst du werden.
Kohelet hat sich selbst als Mann in der mühevollen Haltung des „Habens“ erlebt: er war der Fürst, der reiche Mann, der in einem nur dem Fürsten vorbehaltenen großangelegten, kostspieligen “Glücksexperiment” alles dinghaft um sich herum aufbaute und benutzte (1,12-2,22): Häuser, Weinberge, Gärten, Parks, Wasserteiche, Sklavinnen und Sklaven, Vieherden, Silber, Gold, Sängerinnen und Sänger, Frauen. Alles wird von ihm benutzt und gibt ihm auch Freude. Glück scheint über das Prinzip “Haben” also bei optimalen Ausgangsbedingungen (Fürst sein) machbar. Gleichzeitig erkennt er in seiner Weisheit, dass dies alles vergänglich ist; schon sein Nachfolger kann alles verspielen (2,18-21). Freude lässt sich also nicht auf Dauer stellen. Darum erklärt er sein Glücksexperiment, die Machbarkeit und Zuverlässigkeit dauerhaft frohen Lebens, das “Habhaftwerden” glücklicher Existenz für gescheitert.
Das gottferne Leben unter der Sonne ist von einer Haltung des sich „hens“ geprägt. Das ganze Leben ist Mühe, d.h. ein Versuch, der Dinge „habhaft“ zu werden. Doch vergeblich! Der Mensch ist vielmehr dem Hin- und Her völlig ausgeliefert. Nichts ist stabil oder von fester Substanz – alles Geschöpfliche ist eben „nichtig“, „flüchtig“, „vergänglich“. Im Buddhismus würde man von der Unbeständigkeit aller Dinge sprechen. „Alles Dasein ist Leiden“, weil das Glück immer unbeständig, nie ein sicherer Besitz, immer begrenzt und nie von Dauer ist.
Kann es angesichts dieser Diagnose überhaupt so etwas wie Glück, wie Erfahrung der Nähe Gottes „unter der Sonne“ geben? Inmitten von Flüchtigkeit, Vergänglichkeit und Todesverfallenheit? Ist Kohelet ein verzweifelter Existentialist, der sich in ein Leben geworfen sieht, aus dem es kein glückliches Entrinnen gibt?

Robbie Williams alias Kohelet

Auszug aus einem Interview von SPEX mit Robbie Williams (Spex 323, 11/2009, S. 58)
Sie sind mehr oder weniger berühmt, seit Sie 16 Jahre alt wurden.
"Stimmt. Seit meinem 16. Lebensjahr und dem schlagartigen Erfolg mit Take That kenne ich die Welt nicht anders als aus der Perspektive des Erfolgs. Die Schattenseite dieses Zustands ist leicht beschrieben: Ich beginne mich sehr, sehr schnell zu langweilen. Kaum etwas kann mich über einen längeren Zeitraum beeindrucken oder begeistern. Ich brauche also stets neue Thrills. Eine neue Platte herausbringen, kann für einen Moment ein solcher Thrill sein. Eine Platte, und alles, was damit zusammenhängt: die Maschinerie, der Wahnsinn, die Arbeit, das Reisen, das Nie-irgendwo-Ankommen. Aber ich sage Ihnen. In einer Woche werde ich mich bereits wieder langweilen. Und dann fängt das große Grübeln wieder an."

Kohelet 2, 4-11
"Ich unternahm große Werke: Ich baute mir Häuser, ich pflanzte mir Weinberge. Ich machte mir Gärten und Parks und pflanzte darin die unterschiedlichsten Fruchtbäume. Ich machte mir Wasserteiche, um daraus den aufsprießenden Wald von Bäumen zu bewässern. Ich kaufte Knechte und Mägde und hatte im Haus geborene Sklaven. Auch hatte ich größeren Besitz an Rindern und Schafen als alle, die vor mir in Jerusalem waren. Ich sammelte mir auch Silber und Gold und Schätze von Königen und Ländern. Ich beschaffte mir Sänger und Sängerinnen und die Vergnügungen der Menschenkinder: Frau und Frauen. Und ich wurde größer und reicher als alle, die vor mir in Jerusalem waren. Dazu verblieb mir meine Weisheit. Und alles, was meine Augen begehrten, entzog ich ihnen nicht. Ich versagte meinem Herzen keine Freude, denn mein Herz hatte Freude von all meiner Mühe, und das war mein Teil von all meiner Mühe. Und ich wandte mich hin zu all meinen Werken, die meine Hände gemacht, und zu der Mühe, mit der ich mich abgemüht hatte. Und siehe, das alles war Nichtigkeit und ein Haschen nach Wind. Also gibt es keinen Gewinn unter der Sonne."

Die Byrds singen Kohelet 3,1-8



"The Byrds" präsentieren hier live (kein Playback! ca. 1966) einen Folk-Song von Pete Seeger, der zu fast 100% die Worte aus Kohelet 3,1-8 aufnimmt. Die Byrds machen daraus einen unwiderstehlichen Pop-Song, mit herrlicher Rickenbacker-Gitarre (das Markenzeichen von Roger McGuinn). Das Tambourin schlägt Gene Clark, der als Solo-Künstler noch traumhaft schöne Songs schrieb und leider schon in den 90er Jahren verstorben ist.
Pete Seeger hat Kohelet wohl auch deshalb vertont, weil dieser Textabschnitt ganz unabhängigk vom Kontext im Predigerbuch als Lebensweisheit funktioniert und auf der Hand liegende Lebenserfahrungen aller Menschen beschreibt.



Hier wird der Text des Songs sehr anschaulich illustriert.

Sonntag, 18. Oktober 2009

Der Charakter des Koheletbuches (Prediger Salomo)

Welches Problem will der Text lösen?
Das Buch ist ein spannender Beitrag zur Diskussion eines heißdiskutierten altorientalischen und antiken Problems: Wie gelingt ein glückliches, wie gelingt ein gutes Leben? Das Buch positioniert sich mit einer ganz eigenständigen Lösung zu dieser Frage in einer regen weisheitlichen, philosophischen Gesprächslage. Es lehnt im Laufe der Ausführungen mehrere gängige und durchaus plausible Glückskonzepte ab. Gleichzeitig präsentiert es einen eigenen Entwurf zum Frage nach einer Lebensform, die Glück ermöglicht: Glück, d.h. essen, trinken, lieben können, ist eine hin und wieder gewährte Gabe Gottes inmitten der völligen Flüchtigkeit des Lebens.

Wer ist der Autor?
Der im Text von 1,3 an bis 12,7 implizierte Sprecher ist ein alter, erfahrener Mann, der König in Jersualem war (der Gedanke an Salomo liegt nahe, ist aber nicht zwingend). Er wird „Kohelet“ genannt, auch selbst nennt er sich „Kohelet“. Der Name „Koheletlässt an einen Philosophen denken, der im Kreis männlicher, junger Schüler seine Lebensweisheit weitergibt. Die Verse 1,1-2 und 12,8-12 stammen vom realen Autor des Buches. Er benutzt die Figur „Kohelet“ (die entweder ein echter Lehrer des Autors war – so wie Platon seine Lehre durch den Mund seines Lehrers Sokrates kund tut – oder eine vom Autor für den Text geschaffene fiktive Lehrerfigur ist), um seine Philosophie zu entfalten. Das Schlusswort 12,13-14 haben diejenigen Autoritäten hinzugesetzt, die das Buch in den biblischen Kanons eingereiht haben. Die Aussagen von 12,13-14 haben kaum etwas mit der Philosophie zu tun, die von Kohelet in 1,2-12,8 darlegt wird.
Im Mittelpunkt des Buches steht der Icherzähler „Kohelet“, der aus seiner reichhaltigen persönlichen Lebenserfahrung berichtet. Er erzählt von einem großangelegten Glücksexperiment, das nicht zum Erfolg führte, um dann das richtige Verständnis eines gelingenden Lebens zu vermitteln. Dabei zitiert er ältere Spruchweisheiten, manche korrigiert er, andere passen zu seiner eigenen Philosophie.

Wer sind die Adressaten?
Der Icherzähler „Kohelet“ richtet sich an einen jungen Mann, um ihm den richtigen Zugang zur Glückserfahrung „unter der Sonne“ zu vermitteln. Der reale Autor, der Kohelet sprechen lässt, hat alle Menschen im Blick, die Sehnsucht nach einem gelungen Leben haben. Er setzt zwar mit seiner hebräischen Sprache jüdische Hörer, präziser: besitzende, gebildete Männer, voraus, aber eigentlich richtet sich das Buch interreligiös an alle Glückssucher.

Donnerstag, 15. Oktober 2009

Gott im Koheletbuch (Prediger)

Der Zugang zu Gott ist philosophisch und nicht theologisch, denn es ist nicht Gott, der spricht oder sich offenbart, sondern der Weise, der von seinem menschlichen Standpunkt, von der Welt aus, Gott und Welt reflektiert.

Was zeichnet diesen philosophisch nachgedachten Gott aus? “Gott ist im Himmel, und du bist auf der Erde.” (5,1) Der Himmel wäre der Ort, von dem aus der Weise alles verstehen könnte, aber dieser Beobachterstandpunkt und Wirkungsort bleibt Gott allein vorbehalten; der Mensch betrachtet die Dinge von unten her, er sieht, was “unter der Sonne”, “unter dem Himmel” ist und daher ist sein Begreifen der Welt, aber auch Gottes, stark eingeschränkt: “Der Mensch kann das Werk, das Gott gemacht hat, nicht von Anfang bis Ende begreifen.” (3,11) Vom Himmel her lenkt Gott die Ereignisse der Welt, aber die Einsicht darin muss dem Weisen verwehrt bleiben: “Ich sah das ganze Werk Gottes: dass der Mensch das Tun unter der Sonne nicht begreifen kann.“ (8,17)

Es bleibt nur, als Faktum festzustellen: Alles kommt “aus der Hand Gottes.” (2,24) und ist “in der Hand Gottes” (9,1). Es ist - aus der Perspektive von unten her - Gottes “Willkür”, sein “wie es mir gefällt”, das über menschliche Schicksale entscheidet (2,26). Gott ist der Schöpfer (21,1) und hat jedem Menschen seinen Lebensgeist gegeben (12,7). Als Lenker der Welt und der Weltzeit hat er alles “so gemacht, dass es schön ist zu seiner Zeit.” (3,11) Alles was Gott macht, ist endgültig: Nichts ist ihm hinzuzufügen, und nichts davon wegzunehmen (3,14). In seinem souveränen Handeln in der Weltzeit ereignet sich auch das Gericht Gottes über Gerechte und Gottlose (3,17). Gott gibt die Lebenszeit (5,17). Er schenkt Reichtum und Freude daran (5,18-19), kann aber auch den Genuß des Reichtums verhindern (6,2). Den Tag des Glücks wie auch den Tag des Unglücks hat Gott gemacht (7,14).

Gott spielt also eine zentrale Rolle im Weltverständnis des Buches, er ist der Dreh- und Angelpunkt all dessen, was in der Zeit geschieht und Menschen widerfährt. Wie sieht nun nach Kohelet die Beziehung zu diesem Gott aus? Wie nahe kann man ihm kommen? Oder bleibt er fern im Himmel, machtvoll und gleichzeitig undurchschaubar?

Mittwoch, 14. Oktober 2009

Lesefrüchte aus dem Koheletbuch (Prediger)

Die Andacht gestern hat einen Text aus dem alttestamentlichen Predigerbuch (Kohelet) aufgenommen. Es ist dasjenige biblische Buch, dass einen von hohen, aus Sicht des Buches "überspannten" Erwartungen oder Ansprüchen an das Leben, auch an ein spirituelles Leben, herunterholt. In den nächsten Tagen dann mehr zur Spiritualität dieses für jüdische und christliche Normalüberzeugungen so ungewöhnlichen Textes.
Heute zunächst einige Lesefrüchte:

"Wer das Geld liebt, wird des Geldes nicht satt."

"Es gibt viele Worte, die das Nichtige vermehren."

"Kein Mensch hat Macht über den Wind, so dass er den Wind aufhalten könnte."

"Gelassenheit deckt große Verfehlungen zu."

“Die Weisheit eines Menschen lässt sein Gesicht leuchten, und seine harten Züge lösen sich.”

"Süß aber ist das Licht, und für die Augen ist es gut, die Sonne zu schauen."

(Alle Texte nach der Übersetzung von Thomas Krüger, Biblischer Kommentar Altes Testament BK XIX Sonderband, Neukirchen-Vluyn 2000)

Dienstag, 13. Oktober 2009

Morgenandacht: Essen und Trinken

„Ich bin zu der Erkenntnis gekommen, daß wir Menschen in dem kurzen Leben, das Gott uns zugemessen hat, nichts Besseres tun können als essen und trinken und es uns wohl sein lassen bei aller Mühe, die wir haben. So hat Gott es für uns bestimmt.“ Kohelet (Prediger Salomo) 5,17

Essen und Trinken gehören zu den absolut notwendigen Regelmäßigkeiten in unserem Leben. Die Frage ist, welchen Wert wir dieser Notwendigkeit zubilligen. Gott will, daß wir Wohlgefühle dabei haben, uns in Bezug auf das Essen geradezu hedonistisch verhalten.
Schon für die alten Israeliten lautete der von Gott angestiftete Traum „Genuß im Überfluß“: „Ich will mein Volk aus Ägypten führen und in ein fruchtbares und großes Land bringen, ein Land, das von Milch und Honig überfließt.“
Gott hat überhaupt eine ausgeprägte Nähe zu festlichen Mahlzeiten. Als Abraham von drei Männern besucht wird, die er sogleich als Gotteserscheinung erkennt, wird er ganz beflissen zu einem Gastwirt, der seine Frau zur Gourmetköchin macht: „Abraham lief sogleich ins Zelt und sagte zu Sara: Schnell, nimm drei Backschüsseln von deinem feinsten Mehl, mach einen Teig und backe Fladenbrot! Dann lief er zum Vieh, suchte eine schönes, gesundes Kalb aus und befahl dem Knecht, es zuzubereiten. Er holte süße und saure Milch, nahm das gekochte Fleisch und trug alles hinaus unter den Baum. Mit eigener Hand bediente er seine Gäste und stand dabei, während sie aßen“ (1.Mose 18,6–8).
Auch Jesus lebte nicht asketisch, sondern er liebte es, zu essen und zu trinken und mußte sich daher mit den Vorwürfen auseinandersetzen, die er sich damit einhandelte: „Der Menschensohn ist gekommen, ißt und trinkt, und sie sagen: Seht ihn euch an, diesen Vielfraß und Säufer, diesen Kumpan der Zolleinnehmer und Sünder.“ Jesus schien keine Gelegenheit auszulassen, einzuladen oder sich einladen zu lassen. Vor seinem Tod stiftete er das Abendmahl, daß Christen bis heute feiern, um Mahlgemeinschaft mit Jesus zu haben.

Das Essen und Trinken, im Kreis der Familie, der Freunde und darüber hinaus, ist sehr biblisch. Ja, man könnte fast sagen, daß sich in der Gastfreundschaft ein zentraler Sinn des Lebens erfüllt.

Freue dich heute auf dein Essen und Trinken, das du genießt. Danke Gott für die Gabe des Schmeckens. Schmecke und sehe, wie freundlich der Herr ist. Wenn es möglich ist, pflege dabei Gemeinschaft mit anderen Menschen, im Kreis deiner Familie oder mit Arbeitskollegen, mit Freunden oder Bekannten. So will es Gott.