Der Alltag bringt in Beruf und Privatleben immer wieder Konflikte mit sich, die belastend sind und in denen man sich wie gefangen fühlt. Gespräche und Klärungen helfen natürlich, Lösungen zu finden und die gemeinsame Sache weiter aber auch nun anders verstanden verändert anzugehen.
Für mich ist darüber hinaus das Finden meiner geistlichen Mitte hilfreich und entlastend. Folgendes Zitat des Theologen Ingolf Dalferth spricht mich an:
"Glaube ist das alles bestimmende Konkretwerden des Evangeliums in einem menschlichen Leben. Dieses Konkretwerden vollzieht sich als die effektive Um- und Neuorientierung des Lebens, indem es durch Gottes wirksame Gegenwart auf Gott und seinen Gegenwart hin geöffnet, in ihr verankert und für so sensibilisiert wird, das es seine Verhältnisse zu anderen, zur Um- und Mitwelt und zu sich selbst nicht mehr unter Absehung von ihr vollziehen und gestalten kann und will. Mit Evangelium ist daher die Kraft der Veränderung eines Lebens durch Gottes Gegenwart gemeint, durch die ein Leben neu, offen für Gott und für die Nächsten, eben: zum Glaubensleben wird."
(Malum, 2008, S. 335).
Vergebungsbereit macht mich auch folgendes Zitat:
"Ist Gott aber überhaupt gnädig, und von dieser Erfahrung der unverdienten Überfülle lebt die Wirklichkeit des Glaubens, dann ist Gott immer gnädig (denn seine Gnade gründet ja allein in seinem eigenen gütigen Verhalten zum Menschen und nicht in irgendeiner Güte dessen, zu dem er sich gnädig verhält), und verhält sich Gott einem Menschen gegenüber so, dann tut er das auch jedem anderen gegenüber. Deshalb sind nach Einsicht des christlichen Glaubens nicht nur die Glaubenden, sondern alle Menschen dazu bestimmt und ausersehen, im Glauben zu leben. Denn Glauben heißt nichts anderes, als aus der Überfülle von Gottes Gnade zu leben, also durch das bestimmt zu werden, was Gott in einem Leben Gutes wirkt." (Malum, 2008, S. 332).
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Samstag, 23. März 2013
Samstag, 29. Januar 2011
Evangelisch glauben
Evangelisch glauben ist kein Privileg von Christen, die durch Mitgliedschaft der evangelischen Kirche angehören. Evangelisch glauben heißt, in einer ganz bestimmten Weise auf das Evangelium von Christus bezogen Christ zu sein.
Luther und seine Mitstreiter in Wittenberg haben in den Jahren 1512-1519 in besonders klarer Weise diesen Glaubensstil wiederentdeckt. Er besteht in einer Verknüpfung von vier sich gegenseitig stützenden und erklärenden Bausteinen:
Allein Christus (solus Christus): Christus ist die Mitte, das Zentrum des christlichen Glaubens, und zwar Christus, der Gekreuzigte und Auferstandene, als Tröster und Zuflucht in der Anfechtung und Orientierung in der Lebensführung.

Allein die Gnade (sola gratia): In Christus wendet sich Gott uns voller Erbarmen, in der Fülle seiner Gnade, zu. Er vergibt uns unsere Schuld und schenkt uns die Gewißheit, dass dies auch so ist.
Allein der Glaube (sola fide): Im Glauben gehen wir eine direkte Beziehung zu Christus ein und sind uns des Zuspruchs Gottes völlig gewiss. Der Glaube ist damit keine Autoritätshörigkeit, sondern das Erlebnis, sich ganz von Gott geliebt, angenommen und erneuert zu wissen.
Allein die Schrift (sola scriptura): Christus, Gnade und Glaube sind das, wofür die Schrift als apostolisches Zeugnis des Evangeliums die Augen öffnet. Die Schrift ersetzt die Tradition als Autorität, nicht um zu einer erneuten Gefangenschaft zu führen, sondern das Gewissen zu einer Bindung allein an Christus zu befreien.
Luther in der Leipziger Disputation 1519:
"Für einen Katholiken [= Christen, gleich welcher Konfession] ist es nicht notwendig, über die Dinge hinaus, die ihm durch die Schrift bezeugt werden, noch weitere zu glauben." (16. These)
"Die Autorität der Konzilien [der nachapostolischen Autoritäten] steht unter der Autorität der Schrift" (These 17)
Lektüretipp: Volker Leppin, Martin Luther, 2. Auflage, Wissenschaftliche Buchgesellschaft: Darmstadt 2010, 72-164.
Luther und seine Mitstreiter in Wittenberg haben in den Jahren 1512-1519 in besonders klarer Weise diesen Glaubensstil wiederentdeckt. Er besteht in einer Verknüpfung von vier sich gegenseitig stützenden und erklärenden Bausteinen:
Allein Christus (solus Christus): Christus ist die Mitte, das Zentrum des christlichen Glaubens, und zwar Christus, der Gekreuzigte und Auferstandene, als Tröster und Zuflucht in der Anfechtung und Orientierung in der Lebensführung.

Allein die Gnade (sola gratia): In Christus wendet sich Gott uns voller Erbarmen, in der Fülle seiner Gnade, zu. Er vergibt uns unsere Schuld und schenkt uns die Gewißheit, dass dies auch so ist.
Allein der Glaube (sola fide): Im Glauben gehen wir eine direkte Beziehung zu Christus ein und sind uns des Zuspruchs Gottes völlig gewiss. Der Glaube ist damit keine Autoritätshörigkeit, sondern das Erlebnis, sich ganz von Gott geliebt, angenommen und erneuert zu wissen.
Allein die Schrift (sola scriptura): Christus, Gnade und Glaube sind das, wofür die Schrift als apostolisches Zeugnis des Evangeliums die Augen öffnet. Die Schrift ersetzt die Tradition als Autorität, nicht um zu einer erneuten Gefangenschaft zu führen, sondern das Gewissen zu einer Bindung allein an Christus zu befreien.
Luther in der Leipziger Disputation 1519:
"Für einen Katholiken [= Christen, gleich welcher Konfession] ist es nicht notwendig, über die Dinge hinaus, die ihm durch die Schrift bezeugt werden, noch weitere zu glauben." (16. These)
"Die Autorität der Konzilien [der nachapostolischen Autoritäten] steht unter der Autorität der Schrift" (These 17)
Lektüretipp: Volker Leppin, Martin Luther, 2. Auflage, Wissenschaftliche Buchgesellschaft: Darmstadt 2010, 72-164.
Dienstag, 16. März 2010
Der Glaube: freie Entscheidung oder Gabe Gottes? Eine Spurensuche in der Apostelgeschichte
Wenn ich Paulus lese, fällt mir auf, wie stark er den Glauben als Geschenk und Gabe Gottes ansieht. An keiner Stelle betont Paulus die Entscheidung der Gläubigen, sondern er führt ihren Glauben immer auf das Wirken Gottes zurück.
Das steht in Widerspruch zum Denken vieler Christen, die betonen, dass Glaube ein Akt der freien Entscheidung sei: Gott biete uns das Heil an, wir können es bejahen oder ablehnen. Der Glaube sei doch kein Zwang, sondern etwas Freiwilliges, ein freies Ja zum Liebesangebot Gottes. Auch sei mit der Glaubensentscheidung eine große, ja entscheidende Verantwortung verbunden: Ich bin für Heil oder Unheil selbst verantwortlich, nicht Gott.
Warum aber legt Paulus auf diese ernstzunehmenden Überlegungen so wenig wert? Offensichtlich sah er die Gefahr, dass der Glaube Anlass zum Rühmen wird und so zur Überheblichkeit führt, wenn Menschen sich für ihren Glauben selbst verantwortlich fühlen. Glaube aber ist immer Verweis auf Christus, nie auf mich selbst. Er löst mich von mir selbst. Außerdem wollte Paulus die Verantwortlichkeit Gottes für den Glauben hervorheben. Gottes Wirken, seine Heilsmacht möchte er loben, erzählen und im Erleben seiner Gemeinden verankern.
Vertritt der Paulus, den Lukas in der Apostelgeschichte lebendig werden lässt, die gleiche Sichtweise? Sieht Lukas es wie Paulus?
Von Lydia heißt es in Apg 16,14: „Der Herr öffnete ihr das Herz, so daß sie den Worten des Paulus aufmerksam lauschte.“ Gott also bewirkte ihren Glauben, den sie dann selbst gleich bekennt (V.15). Apg 14,1 führt den Glauben auf die Verkündigung zurück: „Es geschah aber in Ikonion, dass sie wieder in die Synagoge der Juden gingen und so predigten, dass eine große Menge Juden und Griechen gläubig wurde.“ Die Haltung des Paulus war dabei: „ Sie lehrten frei und offen im Vertrauen auf den Herrn, der das Wort seiner Gnade bezeugte und ließ Zeichen und Wunder geschehen durch ihre Hände.“ (14,3)
Mehrmals sind es mächtige Taten, die Menschen dazu bewegen, der Lehre des Apostels zu glauben (Sergius Paulus in Apg 13,7-12; der Kerkermeister von Philippi, Apg 16).
Den Unglauben der Juden führt Lukas zwar einerseits auf ihr neidisches und verächtliches Denken zurück, dieses wiederum aber auf Prophezeiungen Gottes, in denen Gott selbst aktiv den Glauben verschließt (Hab 1,5 in Apg 13,41: „Denn ich tue ein Werk zu euren Zeiten, dass ihr nicht glauben werdet, wenn es euch jemand erzählt“; Jes 6,9f. in Apg 28,27: Denn das Herz dieses Volkes ist verstockt….“)
Der Glaube der Heiden wiederum verdankt sich dem Ratschluss Gottes: „Alle wurden gläubig, die zum ewigen Leben bestimmt waren.“ Lukas lässt Paulus berichten, wie Gott ihm zusagt: „Ich will dich erretten von deinem Volk und von den Heiden, zu denen ich dich sende, um ihnen die Augen aufzutun, daß sie sich bekehren von der Finsternis zum Licht“ (Apg 26,17-18)
Auch Lukas hebt also wie Paulus die Aktivität Gottes bei der Bekehrung der Menschen hervor. Immer wieder erzählt er vom aktiven Wirken des Heiligen Geistes.
Die Aktivität des Menschen im Glauben betont Lukas aber auch: Der Kerkermeister von Philippi fragte: „Was muß ich tun, daß ich gerettet werde? Sie sprachen: Glauben an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig.“ Dann aber seine Reaktion: „er freute sich mit seinem ganzen Hause, daß er zum Glauben an Gott gekommen war“. Die Freude ist Reaktion auf die Erfahrung der Gnade Gottes. In Apg 17,4 berichtet Lukas: „Einige von ihnen ließen sich überzeugen.“ Von Juden in Beröa heißt es: „Diese aber waren freundlicher als die in Thessalonich; sie nahmen das Wort bereitwillig auf und forschten täglich in der Schrift, ob sich´s so verhielte. So glaubten nun viele von ihnen…“(Apg 17,11-12)
Das der Glaube freie Entscheidung des Menschen sei, davon ist aber auch bei Lukas nichts zu lesen. Lukas ist wie Paulus davon überzeugt: „So breitete sich das Wort aus durch die Kraft des Herrn und wurde mächtig“ (19,20).
Das Evangelium ermöglicht mir ein Losgelöstsein von mir selbst, auch bezüglich der Frage, wie weit ich für meinen Glauben selbst verantwortlich bin. Das Evangelium stimmt uns in eine Haltung der Dankbarkeit und Freude ein, dass Gott befreiend an uns wirkt.
Das steht in Widerspruch zum Denken vieler Christen, die betonen, dass Glaube ein Akt der freien Entscheidung sei: Gott biete uns das Heil an, wir können es bejahen oder ablehnen. Der Glaube sei doch kein Zwang, sondern etwas Freiwilliges, ein freies Ja zum Liebesangebot Gottes. Auch sei mit der Glaubensentscheidung eine große, ja entscheidende Verantwortung verbunden: Ich bin für Heil oder Unheil selbst verantwortlich, nicht Gott.
Warum aber legt Paulus auf diese ernstzunehmenden Überlegungen so wenig wert? Offensichtlich sah er die Gefahr, dass der Glaube Anlass zum Rühmen wird und so zur Überheblichkeit führt, wenn Menschen sich für ihren Glauben selbst verantwortlich fühlen. Glaube aber ist immer Verweis auf Christus, nie auf mich selbst. Er löst mich von mir selbst. Außerdem wollte Paulus die Verantwortlichkeit Gottes für den Glauben hervorheben. Gottes Wirken, seine Heilsmacht möchte er loben, erzählen und im Erleben seiner Gemeinden verankern.
Vertritt der Paulus, den Lukas in der Apostelgeschichte lebendig werden lässt, die gleiche Sichtweise? Sieht Lukas es wie Paulus?
Von Lydia heißt es in Apg 16,14: „Der Herr öffnete ihr das Herz, so daß sie den Worten des Paulus aufmerksam lauschte.“ Gott also bewirkte ihren Glauben, den sie dann selbst gleich bekennt (V.15). Apg 14,1 führt den Glauben auf die Verkündigung zurück: „Es geschah aber in Ikonion, dass sie wieder in die Synagoge der Juden gingen und so predigten, dass eine große Menge Juden und Griechen gläubig wurde.“ Die Haltung des Paulus war dabei: „ Sie lehrten frei und offen im Vertrauen auf den Herrn, der das Wort seiner Gnade bezeugte und ließ Zeichen und Wunder geschehen durch ihre Hände.“ (14,3)
Mehrmals sind es mächtige Taten, die Menschen dazu bewegen, der Lehre des Apostels zu glauben (Sergius Paulus in Apg 13,7-12; der Kerkermeister von Philippi, Apg 16).
Den Unglauben der Juden führt Lukas zwar einerseits auf ihr neidisches und verächtliches Denken zurück, dieses wiederum aber auf Prophezeiungen Gottes, in denen Gott selbst aktiv den Glauben verschließt (Hab 1,5 in Apg 13,41: „Denn ich tue ein Werk zu euren Zeiten, dass ihr nicht glauben werdet, wenn es euch jemand erzählt“; Jes 6,9f. in Apg 28,27: Denn das Herz dieses Volkes ist verstockt….“)
Der Glaube der Heiden wiederum verdankt sich dem Ratschluss Gottes: „Alle wurden gläubig, die zum ewigen Leben bestimmt waren.“ Lukas lässt Paulus berichten, wie Gott ihm zusagt: „Ich will dich erretten von deinem Volk und von den Heiden, zu denen ich dich sende, um ihnen die Augen aufzutun, daß sie sich bekehren von der Finsternis zum Licht“ (Apg 26,17-18)
Auch Lukas hebt also wie Paulus die Aktivität Gottes bei der Bekehrung der Menschen hervor. Immer wieder erzählt er vom aktiven Wirken des Heiligen Geistes.
Die Aktivität des Menschen im Glauben betont Lukas aber auch: Der Kerkermeister von Philippi fragte: „Was muß ich tun, daß ich gerettet werde? Sie sprachen: Glauben an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig.“ Dann aber seine Reaktion: „er freute sich mit seinem ganzen Hause, daß er zum Glauben an Gott gekommen war“. Die Freude ist Reaktion auf die Erfahrung der Gnade Gottes. In Apg 17,4 berichtet Lukas: „Einige von ihnen ließen sich überzeugen.“ Von Juden in Beröa heißt es: „Diese aber waren freundlicher als die in Thessalonich; sie nahmen das Wort bereitwillig auf und forschten täglich in der Schrift, ob sich´s so verhielte. So glaubten nun viele von ihnen…“(Apg 17,11-12)
Das der Glaube freie Entscheidung des Menschen sei, davon ist aber auch bei Lukas nichts zu lesen. Lukas ist wie Paulus davon überzeugt: „So breitete sich das Wort aus durch die Kraft des Herrn und wurde mächtig“ (19,20).
Das Evangelium ermöglicht mir ein Losgelöstsein von mir selbst, auch bezüglich der Frage, wie weit ich für meinen Glauben selbst verantwortlich bin. Das Evangelium stimmt uns in eine Haltung der Dankbarkeit und Freude ein, dass Gott befreiend an uns wirkt.
Montag, 15. Februar 2010
Glaube bei Paulus (4)
Wenn wir durch das Evangelium an Jesus Christus glauben, dann treten wir in eine tiefe Liebesbeziehung zu Gott ein. Paulus kann diesen Glauben auch als „Erkennen“ bezeichnen. So spricht er davon, dass er Christus als Gekreuzigten und Auferstandenen erkennen möchte. Damit meint er nicht eine intellektuelle Erkenntnis, sondern eher ein „Sehen“, ein „Anschauen“, so wie sich Liebende einander in tiefer Freude und ohne Verlegenheit anschauen können und einander ganz nahe sind. In Philipper 3,6-11 wechseln sich „erkennen“ und „glauben“ ab:
Aber was auch immer für mich Gewinn [wertvoll] war, das habe ich wegen des Christus für Verlust [wertlos] gehalten; ja wirklich, ich halte auch alles für Verlust [wertlos] aufgrund der unübertrefflichen Größe der Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, um dessentwillen mir alles wertlos wurde und ich es für Dreck halte, damit ich Christus gewinne und mich in ihm befinde, indem ich nicht meine Gerechtigkeit habe, die vom Gesetz her kommt, sondern die [Gerechtigkeit] durch den Glauben an Christus, die Gerechtigkeit, die von Gott her kommt, mittels des Glaubens, um ihn zu erkennen: sowohl die Kraft seiner Auferstehung als auch die Gemeinschaft seiner Leiden; gleichgestaltet seinem Tode [bin ich/möchte ich sein] damit ich die Auferstehung aus den Toten erreiche werde.
Dass Paulus an ein Schauen denkt, verdeutlicht 2. Korinther 3,18. Hier spricht Paulus direkt von einem gegenseitigen Anschauen, das für den Gläubigen verwandelnden Charakter hat:
Wir alle aber schauen mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn an und werden so verwandelt in dasselbe Bild von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, wie es vom Herrn, dem Geist, geschieht.
In Gal 4,9 nimmt Paulus diese Vorstellung, sich gegenseitig anzublicken, auf und hebt hervor, wer zuerst anschaut – nicht wir Menschen, sondern Gott. Wer glaubt, weiß sich von Gott erkannt, das heißt liebevoll, gütig, rettend angeblickt.
„Nun aber erkennt ihr Gott, vielmehr ihr seid von Gott erkannt.“
Das Bewußtsein, Christus durch Schau gleichgestaltet zu werden, ist eine außergewöhnliche Erfahrung, die Gefühl, Verstand und Wille ganzheitlich umfasst. Dieses Erkennen Christi und Gottes ist die Gipfelerfahrung des Glaubens, weil sie Ewigkeit in der Gegenwart erfahren lässt. Sie trägt aber eine mögliche Gefahr in sich, nämlich zu meinen, schon am Ziel angekommen zu sein, vollendet zu sein. Wer sich vollkommen wähnt, beginnt überheblich zu werden und verliert augenblicklich das, was die Gottesschau geschenkt hat, nämlich die Freiheit von aller Selbstbezogenheit, das Hineingenommensein in die Liebe Gottes. Den Korinthern, die in dieser Gefahr standen, musste Paulus ins Stammbuch schreiben:
„Die Erkenntnis bläht auf, die Liebe aber baut auf. Wenn jemand meint, er habe etwas erkannt, hat er noch nicht so erkannt, wie man erkennen muss. Wenn einer aber Gott liebt, dieser ist von ihm erkannt.“ (1 Kor 8,1-3 eÜ)
Für Paulus ist die Erkenntnis des Glaubens die Erkenntnis der Liebe Gottes, wie sie sich unüberbietbar am Kreuz offenbart hat. Darum möchte Paulus auch dem Tode Christi gleichgestaltet werden. Die Gemeinschaft mit Christus im Leiden zeigt auch, dass das endgültige, leibhaftige Schauen Christi noch zukünftig ist. Wiederum den Korinthern verdeutlicht er:
Solange wir im Leibe wohnen, weilen wir fern vom Herrn, denn wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen. (2 Kor 5,7)
Diese gegen einen überheblichen Enthusiasmus gerichtete Einschränkung finden wir auch in 1. Korinther 13,12:
Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.
Hier wird auch deutlich, dass der Glauben keine Weltanschauung ist, mit der alles erklärt werden kann – keine Prophezeiung, keine charismatische Erkenntnis reicht so weit. Das Evangelium ist gerade kein Herrschaftswissen, das Überlegenheit schafft. Aber was das Evangelium gewiss vermittelt, ist die rettende Erkenntnis, von Gott erkannt zu sein. Gott sieht mich ganz, erkennt mich völlig, aber diese Erkenntnis führt in Christus nicht zum Tod, sondern zum ewigen Leben. Von Gottes Liebe erkannt zu sein, von der Liebe Christi ergriffen zu sein (Phil 3,12), diese Erkenntnis schenkt das Evangelium ganz gewiss. Darum kann Paulus in Galater 2,20 zuversichtlich bekennen:
Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dahingegeben.
Aber was auch immer für mich Gewinn [wertvoll] war, das habe ich wegen des Christus für Verlust [wertlos] gehalten; ja wirklich, ich halte auch alles für Verlust [wertlos] aufgrund der unübertrefflichen Größe der Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, um dessentwillen mir alles wertlos wurde und ich es für Dreck halte, damit ich Christus gewinne und mich in ihm befinde, indem ich nicht meine Gerechtigkeit habe, die vom Gesetz her kommt, sondern die [Gerechtigkeit] durch den Glauben an Christus, die Gerechtigkeit, die von Gott her kommt, mittels des Glaubens, um ihn zu erkennen: sowohl die Kraft seiner Auferstehung als auch die Gemeinschaft seiner Leiden; gleichgestaltet seinem Tode [bin ich/möchte ich sein] damit ich die Auferstehung aus den Toten erreiche werde.
Dass Paulus an ein Schauen denkt, verdeutlicht 2. Korinther 3,18. Hier spricht Paulus direkt von einem gegenseitigen Anschauen, das für den Gläubigen verwandelnden Charakter hat:
Wir alle aber schauen mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn an und werden so verwandelt in dasselbe Bild von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, wie es vom Herrn, dem Geist, geschieht.
In Gal 4,9 nimmt Paulus diese Vorstellung, sich gegenseitig anzublicken, auf und hebt hervor, wer zuerst anschaut – nicht wir Menschen, sondern Gott. Wer glaubt, weiß sich von Gott erkannt, das heißt liebevoll, gütig, rettend angeblickt.
„Nun aber erkennt ihr Gott, vielmehr ihr seid von Gott erkannt.“
Das Bewußtsein, Christus durch Schau gleichgestaltet zu werden, ist eine außergewöhnliche Erfahrung, die Gefühl, Verstand und Wille ganzheitlich umfasst. Dieses Erkennen Christi und Gottes ist die Gipfelerfahrung des Glaubens, weil sie Ewigkeit in der Gegenwart erfahren lässt. Sie trägt aber eine mögliche Gefahr in sich, nämlich zu meinen, schon am Ziel angekommen zu sein, vollendet zu sein. Wer sich vollkommen wähnt, beginnt überheblich zu werden und verliert augenblicklich das, was die Gottesschau geschenkt hat, nämlich die Freiheit von aller Selbstbezogenheit, das Hineingenommensein in die Liebe Gottes. Den Korinthern, die in dieser Gefahr standen, musste Paulus ins Stammbuch schreiben:
„Die Erkenntnis bläht auf, die Liebe aber baut auf. Wenn jemand meint, er habe etwas erkannt, hat er noch nicht so erkannt, wie man erkennen muss. Wenn einer aber Gott liebt, dieser ist von ihm erkannt.“ (1 Kor 8,1-3 eÜ)
Für Paulus ist die Erkenntnis des Glaubens die Erkenntnis der Liebe Gottes, wie sie sich unüberbietbar am Kreuz offenbart hat. Darum möchte Paulus auch dem Tode Christi gleichgestaltet werden. Die Gemeinschaft mit Christus im Leiden zeigt auch, dass das endgültige, leibhaftige Schauen Christi noch zukünftig ist. Wiederum den Korinthern verdeutlicht er:
Solange wir im Leibe wohnen, weilen wir fern vom Herrn, denn wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen. (2 Kor 5,7)
Diese gegen einen überheblichen Enthusiasmus gerichtete Einschränkung finden wir auch in 1. Korinther 13,12:
Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.
Hier wird auch deutlich, dass der Glauben keine Weltanschauung ist, mit der alles erklärt werden kann – keine Prophezeiung, keine charismatische Erkenntnis reicht so weit. Das Evangelium ist gerade kein Herrschaftswissen, das Überlegenheit schafft. Aber was das Evangelium gewiss vermittelt, ist die rettende Erkenntnis, von Gott erkannt zu sein. Gott sieht mich ganz, erkennt mich völlig, aber diese Erkenntnis führt in Christus nicht zum Tod, sondern zum ewigen Leben. Von Gottes Liebe erkannt zu sein, von der Liebe Christi ergriffen zu sein (Phil 3,12), diese Erkenntnis schenkt das Evangelium ganz gewiss. Darum kann Paulus in Galater 2,20 zuversichtlich bekennen:
Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dahingegeben.
Sonntag, 14. Februar 2010
Glaube bei Paulus (3)
Der Glaube ist als Bindung unseres Herzens an Gott, als Offenheit zu Gott hin, zu begreifen. Sind wir aber dazu überhaupt fähig? Wer von uns vermag sich in dieser existentiellen Weise an Gott zu binden, sich ihm und seiner Heilstat zu öffnen? Wer kann sich selber aus den Strukturen der Gottlosigkeit befreien, um sich ganz an Christus festzumachen? Wie könnte unser ichzentriertes Herz, dessen Wesen ja die Selbstbezogenheit ist, sich selbst dazu bekehren, nicht mehr ichzentriert zu sein?
Paulus versteht darum unseren Glauben, unsere Bekehrung zu Gott, als Gnade und Gabe Gottes. Der Glaube ist nicht eine von uns zu leistende Vorbedingung dafür, dass wir an der rettenden Gemeinschaft mit Gott teilnehmen können. Vielmehr wird die Gemeinschaft mit Gott von uns im Glauben vollzogen. Der Glaube ist nicht Bedingung, sondern Teil des Heilsgeschehens. Glauben wir, befinden wir uns schon ganz im Raum des Heils. Wir treten nicht durch den Glauben als Einlassbedingung in diesen Raum des Heils hinein, sondern wir sind in diesen Raum als Glaubende hineingestellt.
Wie aber kann es dazu kommen, dass wir glauben, wenn wir unsere Bekehrung, die Umkehr des Herzens, nicht selbst bewirken können? Die Antwort ist: Gott entzündet unseren Glauben durch sein Wort, durch das Evangelium. In 1. Korinther 2,4–5 beschreibt Paulus dessen Wirkung:
… mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten menschlicher Weisheit, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft, damit euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft.
Den Glauben der Korinther hat also Gottes Geist durch die Predigt des Evangeliums bewirkt. Die Verkündigung wurde für sie zu einem Wort, das sie in die Gemeinschaft mit Christus hineingenommen hat. Das Wort von Christus ist auch nach Römer 10,17 die Quelle des Glaubens:
So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Christi [durch das Evangelium als Wort von Christus].
In Philipper 1,29 deutet Paulus an, dass unser Glaube eine von Gott gegebene Erfahrung ist:
Denn euch ist es gegeben um Christi willen, nicht allein an ihn zu glauben, sondern auch um seinetwillen zu leiden.
Weil Gottes Wort ein schöpferisches Wort ist, ist der Glaube das Werk der Schöpfungsmacht Gottes. Wenn wir glauben, dann ist etwas mit unserem Herzen geschehen, was dieses Herz nicht selbst bewirken konnte. Wir können uns nicht selbst mit dem Schopf aus dem Sumpf der Gottlosigkeit ziehen. Es ist das Evangelium, Gottes Wort, das uns in ein neues Leben ruft. Neu werden wir, weil wir uns im Glauben, der durch das Hören des Evangeliums ausgelöst wird, an Jesus Christus und an dessen Geschichte hängen. So ist der Glaube die Art und Weise („der Modus“), wie wir gegenwärtig im Heil stehen. Das Leben mit Christus folgt daher nicht einem anfänglichen Glauben, sondern der Glaube selbst ist das Leben mit Christus.
Der Geist Gottes ist in diesem Geschehen die Kraft des Wortes Gottes. Gottes Geist macht es zu einem lebendigen, schöpferischen Wort. Darum kann Paulus auch sagen, dass der Geist Gottes unseren Glauben ermöglicht. In 1. Korinther 12,3 erinnert Paulus daran: „… niemand kann Jesus den Herrn nennen außer durch den Heiligen Geist.“ Der Geist Gottes ist darum die bewegende Kraft, die durch das Evangelium zu uns kommt und uns zu glaubenden, Gott vertrauenden Menschen macht. Durch den Geist erkennen wir, was Gott im Evangelium schenkt.
Uns hat Gott dieses Geheimnis enthüllt durch seinen Geist, den er uns gegeben hat. Denn der Geist erforscht alles, auch die geheimsten Absichten Gottes. Wie die Gedanken eines Menschen nur seinem eigenen Geist bekannt sind, so weiß auch nur der Geist Gottes, was in Gott vorgeht. Wir haben aber nicht den Geist dieser Welt erhalten, sondern den Geist, der von Gott kommt. Darum können wir erkennen, was Gott uns geschenkt hat. (1 Kor 2,10–12)
Der Geist wirkt so in unserem Herzen, dass wir als Geisterfüllte über uns hinaus schauen können und uns auf Jesus Christus und seinen Vater ausrichten. Der Geist Gottes ist es, der uns den angstfreien Status der Kinder Gottes verleiht und dieses Wissen in unseren Herzen kräftigt: Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsst, sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater! (Röm 8,15)
Weil also der Glaube ein durch das Evangelium selbst ermöglichtes Verstehen ist, können wir uns nicht selbst unseres Glaubens rühmen. Das wäre ein Widerspruch in sich selbst. Von mir kann ich nur sagen, dass ich einer bin, den Gott in seiner Liebe gefunden hat. Auf meinen Glauben kann und will ich keineswegs stolz sein. Ich klopfe mir nicht selber auf die Schulter, sondern staune vielmehr darüber, dass Gottes Wort und Gottes Geist meinen Glauben erwecken konnte. Für unseren Glauben, für unser freies, ohne jeden Zwang ermöglichtes beständiges Ja zu Jesus Christus, danken wir Gott, weil wir ihn im Glauben als den Geber aller guten Gaben begriffen haben.
Die Ermunterung „Lass dich versöhnen mit Gott“ (2 Kor 5, 20) spricht Christus selbst durch die Verkündigung. Der Glaube liegt nicht im Herzen der Hörer verborgen, sondern im Herzen des Evangeliums – in Christus selbst. Darum ist es so wichtig, von seiner Geschichte zu erzählen und zu berichten, im Vertrauen darauf, dass sich Gott selbst in der Verkündigung Raum zum Glauben schafft. Auch Christen, die im Glauben stehen (vgl. 1Kor 16,13; 2Kor 1,24) bedürfen der ständigen Erinnerung an das Evangelium. Denn der Glaube hat keinen Stand in sich selbst, sondern ist nur fest im Bezug auf das Wort des Evangeliums. Darum ist die Glaubensstärkung durch die Predigt, die die Heilstat Gottes vergegenwärtigt, die Grundlage der Seelsorge in der Gemeinde.
Paulus versteht darum unseren Glauben, unsere Bekehrung zu Gott, als Gnade und Gabe Gottes. Der Glaube ist nicht eine von uns zu leistende Vorbedingung dafür, dass wir an der rettenden Gemeinschaft mit Gott teilnehmen können. Vielmehr wird die Gemeinschaft mit Gott von uns im Glauben vollzogen. Der Glaube ist nicht Bedingung, sondern Teil des Heilsgeschehens. Glauben wir, befinden wir uns schon ganz im Raum des Heils. Wir treten nicht durch den Glauben als Einlassbedingung in diesen Raum des Heils hinein, sondern wir sind in diesen Raum als Glaubende hineingestellt.
Wie aber kann es dazu kommen, dass wir glauben, wenn wir unsere Bekehrung, die Umkehr des Herzens, nicht selbst bewirken können? Die Antwort ist: Gott entzündet unseren Glauben durch sein Wort, durch das Evangelium. In 1. Korinther 2,4–5 beschreibt Paulus dessen Wirkung:
… mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten menschlicher Weisheit, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft, damit euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft.
Den Glauben der Korinther hat also Gottes Geist durch die Predigt des Evangeliums bewirkt. Die Verkündigung wurde für sie zu einem Wort, das sie in die Gemeinschaft mit Christus hineingenommen hat. Das Wort von Christus ist auch nach Römer 10,17 die Quelle des Glaubens:
So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Christi [durch das Evangelium als Wort von Christus].
In Philipper 1,29 deutet Paulus an, dass unser Glaube eine von Gott gegebene Erfahrung ist:
Denn euch ist es gegeben um Christi willen, nicht allein an ihn zu glauben, sondern auch um seinetwillen zu leiden.
Weil Gottes Wort ein schöpferisches Wort ist, ist der Glaube das Werk der Schöpfungsmacht Gottes. Wenn wir glauben, dann ist etwas mit unserem Herzen geschehen, was dieses Herz nicht selbst bewirken konnte. Wir können uns nicht selbst mit dem Schopf aus dem Sumpf der Gottlosigkeit ziehen. Es ist das Evangelium, Gottes Wort, das uns in ein neues Leben ruft. Neu werden wir, weil wir uns im Glauben, der durch das Hören des Evangeliums ausgelöst wird, an Jesus Christus und an dessen Geschichte hängen. So ist der Glaube die Art und Weise („der Modus“), wie wir gegenwärtig im Heil stehen. Das Leben mit Christus folgt daher nicht einem anfänglichen Glauben, sondern der Glaube selbst ist das Leben mit Christus.
Der Geist Gottes ist in diesem Geschehen die Kraft des Wortes Gottes. Gottes Geist macht es zu einem lebendigen, schöpferischen Wort. Darum kann Paulus auch sagen, dass der Geist Gottes unseren Glauben ermöglicht. In 1. Korinther 12,3 erinnert Paulus daran: „… niemand kann Jesus den Herrn nennen außer durch den Heiligen Geist.“ Der Geist Gottes ist darum die bewegende Kraft, die durch das Evangelium zu uns kommt und uns zu glaubenden, Gott vertrauenden Menschen macht. Durch den Geist erkennen wir, was Gott im Evangelium schenkt.
Uns hat Gott dieses Geheimnis enthüllt durch seinen Geist, den er uns gegeben hat. Denn der Geist erforscht alles, auch die geheimsten Absichten Gottes. Wie die Gedanken eines Menschen nur seinem eigenen Geist bekannt sind, so weiß auch nur der Geist Gottes, was in Gott vorgeht. Wir haben aber nicht den Geist dieser Welt erhalten, sondern den Geist, der von Gott kommt. Darum können wir erkennen, was Gott uns geschenkt hat. (1 Kor 2,10–12)
Der Geist wirkt so in unserem Herzen, dass wir als Geisterfüllte über uns hinaus schauen können und uns auf Jesus Christus und seinen Vater ausrichten. Der Geist Gottes ist es, der uns den angstfreien Status der Kinder Gottes verleiht und dieses Wissen in unseren Herzen kräftigt: Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsst, sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater! (Röm 8,15)
Weil also der Glaube ein durch das Evangelium selbst ermöglichtes Verstehen ist, können wir uns nicht selbst unseres Glaubens rühmen. Das wäre ein Widerspruch in sich selbst. Von mir kann ich nur sagen, dass ich einer bin, den Gott in seiner Liebe gefunden hat. Auf meinen Glauben kann und will ich keineswegs stolz sein. Ich klopfe mir nicht selber auf die Schulter, sondern staune vielmehr darüber, dass Gottes Wort und Gottes Geist meinen Glauben erwecken konnte. Für unseren Glauben, für unser freies, ohne jeden Zwang ermöglichtes beständiges Ja zu Jesus Christus, danken wir Gott, weil wir ihn im Glauben als den Geber aller guten Gaben begriffen haben.
Die Ermunterung „Lass dich versöhnen mit Gott“ (2 Kor 5, 20) spricht Christus selbst durch die Verkündigung. Der Glaube liegt nicht im Herzen der Hörer verborgen, sondern im Herzen des Evangeliums – in Christus selbst. Darum ist es so wichtig, von seiner Geschichte zu erzählen und zu berichten, im Vertrauen darauf, dass sich Gott selbst in der Verkündigung Raum zum Glauben schafft. Auch Christen, die im Glauben stehen (vgl. 1Kor 16,13; 2Kor 1,24) bedürfen der ständigen Erinnerung an das Evangelium. Denn der Glaube hat keinen Stand in sich selbst, sondern ist nur fest im Bezug auf das Wort des Evangeliums. Darum ist die Glaubensstärkung durch die Predigt, die die Heilstat Gottes vergegenwärtigt, die Grundlage der Seelsorge in der Gemeinde.
Samstag, 13. Februar 2010
Glaube bei Paulus (2)
Paulus unterscheidet den Glauben deutlich von „Werken des Gesetzes“, so z. B. in Römer 3,28:
So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird [das Heil empfängt] ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.
Die Wendung „Werke des Gesetzes“ bezeichnet für Paulus eine Lebensform, die sich an allen Forderungen des mosaischen Gesetzes ausrichtet und versucht, diese einzuhalten. Es handelt sich um die Beobachtung aller Gebote in der persönlichen Lebensführung als Jude. Er selbst hatte dies praktiziert und erhofft, dadurch einen Anspruch auf Anerkennung („Ruhm“) bei Gott erworben zu haben. Er erwartete fest, aufgrund der genauen Befolgung der von Gott gegebenen Gesetze von Gott belohnt zu werden. Diese Form der Gottesbeziehung war damit von klaren Verhaltenserwartungen bestimmt und mit Belohnung verknüpft. Im Nachhinein deutete er dieses Beziehungsgefüge zu Gott als „Knechtschaft“. Für Paulus vor seiner Berufung scheinen Begriffe wie Glaube, Gnade und Liebe keine zentrale Rolle gespielt zu haben.
Das Evangelium änderte für Paulus alles: Die Anerkennung bei Gott, seine heilschaffende Gerechtigkeit und Gottes rettendes Ja zu uns wird nicht durch Orientierung am Gesetz, sondern – egal, ob Jude oder Grieche – durch den Glauben an Jesus Christus empfangen:
Nun aber ist, unabhängig vom Gesetz, die [rettende] Gerechtigkeit Gottes offenbar geworden, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten; Gerechtigkeit Gottes aber durch den Glauben an Jesus Christus zu allen Glaubenden. (Röm 3,21-22)
Wer an Jesus Christus glaubt, erfährt eine enge Gemeinschaft mit Gott als tiefe Erfahrung der Liebe und Gnade Gottes, die sich in Jesus Christus allen Menschen, unabhängig von ihrer Herkunft, offenbart:
Weil ihr nun Kinder seid, hat Gott den Geist seines Sohnes gesandt in unsere Herzen, der das ruft: Abba, lieber Vater! So bist du nun nicht mehr Knecht, sondern Kind. (Gal 4,6–7a)
Glaubende orientieren sich völlig daran, dass das Evangelium sie in die Liebesgemeinschaft mit Gott führt. Dieses Geschehen ist die Geschichte des Gottessohnes, sein Sterben und Auferstehen für uns Gottlose. Glaube ist darum nicht allgemeines Gottvertrauen, sondern ganz konkret gehorsame Hinwendung zum Herrn Jesus Christus:
Denn so du mit deinem Munde bekennst Jesus, dass er der Herr sei, und glaubst in deinem Herzen, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet. (Röm 10,9–10)
Diese Hingabe geschieht in doppelter Weise: einmal als äußeres öffentliches Bekenntnis („mit dem Mund bekennen“) wie auch als innere, ganz persönliche Bekehrung des Herzens. Mit diesem Glauben geben wir Gott, dem Schöpfer und Neuschöpfer die Ehre. Wir trauen ihm zu, dass er uns das ewige Leben durch Christus bereitet hat. Wir öffnen uns seinen Möglichkeiten. Wir erkennen, dass Gott uns tatsächlich in Jesus Christus ein neues Leben geschenkt hat. Im Glauben geben wir Gott die Ehre, weil wir in ihm Schutz und Sicherung unseres Lebens finden. Im Glauben erfüllen wir damit das erste Gebot: „Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst keine anderen Götter neben mir haben“ (2 Mo 20,2). Von Abraham sagt Paulus daher:
Denn er zweifelte nicht an der Verheißung Gottes durch Unglauben, sondern wurde stark im Glauben und gab Gott die Ehre. (Röm 4,20 LB)
An die Stelle des eigenmächtigen Hochmutes oder der entmutigten Verzweiflung als Folge der Selbst-Zentrierung tritt die Hingabe an Gott, das gottzentrierte Leben.
So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird [das Heil empfängt] ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.
Die Wendung „Werke des Gesetzes“ bezeichnet für Paulus eine Lebensform, die sich an allen Forderungen des mosaischen Gesetzes ausrichtet und versucht, diese einzuhalten. Es handelt sich um die Beobachtung aller Gebote in der persönlichen Lebensführung als Jude. Er selbst hatte dies praktiziert und erhofft, dadurch einen Anspruch auf Anerkennung („Ruhm“) bei Gott erworben zu haben. Er erwartete fest, aufgrund der genauen Befolgung der von Gott gegebenen Gesetze von Gott belohnt zu werden. Diese Form der Gottesbeziehung war damit von klaren Verhaltenserwartungen bestimmt und mit Belohnung verknüpft. Im Nachhinein deutete er dieses Beziehungsgefüge zu Gott als „Knechtschaft“. Für Paulus vor seiner Berufung scheinen Begriffe wie Glaube, Gnade und Liebe keine zentrale Rolle gespielt zu haben.
Das Evangelium änderte für Paulus alles: Die Anerkennung bei Gott, seine heilschaffende Gerechtigkeit und Gottes rettendes Ja zu uns wird nicht durch Orientierung am Gesetz, sondern – egal, ob Jude oder Grieche – durch den Glauben an Jesus Christus empfangen:
Nun aber ist, unabhängig vom Gesetz, die [rettende] Gerechtigkeit Gottes offenbar geworden, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten; Gerechtigkeit Gottes aber durch den Glauben an Jesus Christus zu allen Glaubenden. (Röm 3,21-22)
Wer an Jesus Christus glaubt, erfährt eine enge Gemeinschaft mit Gott als tiefe Erfahrung der Liebe und Gnade Gottes, die sich in Jesus Christus allen Menschen, unabhängig von ihrer Herkunft, offenbart:
Weil ihr nun Kinder seid, hat Gott den Geist seines Sohnes gesandt in unsere Herzen, der das ruft: Abba, lieber Vater! So bist du nun nicht mehr Knecht, sondern Kind. (Gal 4,6–7a)
Glaubende orientieren sich völlig daran, dass das Evangelium sie in die Liebesgemeinschaft mit Gott führt. Dieses Geschehen ist die Geschichte des Gottessohnes, sein Sterben und Auferstehen für uns Gottlose. Glaube ist darum nicht allgemeines Gottvertrauen, sondern ganz konkret gehorsame Hinwendung zum Herrn Jesus Christus:
Denn so du mit deinem Munde bekennst Jesus, dass er der Herr sei, und glaubst in deinem Herzen, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet. (Röm 10,9–10)
Diese Hingabe geschieht in doppelter Weise: einmal als äußeres öffentliches Bekenntnis („mit dem Mund bekennen“) wie auch als innere, ganz persönliche Bekehrung des Herzens. Mit diesem Glauben geben wir Gott, dem Schöpfer und Neuschöpfer die Ehre. Wir trauen ihm zu, dass er uns das ewige Leben durch Christus bereitet hat. Wir öffnen uns seinen Möglichkeiten. Wir erkennen, dass Gott uns tatsächlich in Jesus Christus ein neues Leben geschenkt hat. Im Glauben geben wir Gott die Ehre, weil wir in ihm Schutz und Sicherung unseres Lebens finden. Im Glauben erfüllen wir damit das erste Gebot: „Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst keine anderen Götter neben mir haben“ (2 Mo 20,2). Von Abraham sagt Paulus daher:
Denn er zweifelte nicht an der Verheißung Gottes durch Unglauben, sondern wurde stark im Glauben und gab Gott die Ehre. (Röm 4,20 LB)
An die Stelle des eigenmächtigen Hochmutes oder der entmutigten Verzweiflung als Folge der Selbst-Zentrierung tritt die Hingabe an Gott, das gottzentrierte Leben.
Freitag, 12. Februar 2010
Glaube bei Paulus (1)
„Wenn ich doch nur glauben könnte!“, das wünschen sich nicht wenige Menschen, die glauben möchten, aber den Zugang zum Glauben noch nicht gefunden haben. „Ich kann nicht mehr glauben“, das vertrauen manche Christen ihrem Seelsorger oder guten Freunden an. Solche Bekenntnisse zeigen, dass Glaube ein wesentlicher Schlüssel für den Zugang zu dem ist, was Gott in seinem Heilswerk für uns getan hat. Doch was zeichnet diesen Glauben aus, der rettet und eine so zentrale Rolle in der christlichen Religion spielt?
Drei wesentliche Dimensionen des Glaubens lassen sich bei Paulus entdecken. Erstens ist der Glaube ganz auf einen bestimmten Sachinhalt, auf das Evangelium bezogen. Zweitens hebt Paulus den Glauben von „Werken des Gesetzes“ ab. Mit dieser Unterscheidung möchte er die Beziehungsqualität verdeutlichen, die im Glauben zum Ausdruck kommt. Schließlich unterscheidet er zeitlich den heutigen Glauben vom zukünftigen Schauen.
Glaube – am Evangelium orientiert
Der Glaube ist auf einen ganz bestimmten Inhalt bezogen – auf das Evangelium. Das Evangelium versteht sich als die sachgemäße, lehrhaft richtige Darstellung der Heilstat Gottes, die sich in der Geschichte Jesu Christi für uns vollzogen hat. Sie umfasst die Erniedrigung des Gottessohnes, sein Tod am Kreuz, seine Auferstehung und seine Verherrlichung zum Herrn der Welt. Glaube ist daher das Empfangen und die Annahme einer „Lehre“, deren dogmatische Gestalt verbindlichen, ja unveränderlichen Charakter hat. Sehr deutlich, geradezu nachdrücklich betont das Paulus gegenüber den Korinthern:
Ich erinnere euch aber, liebe Brüder, an das Evangelium, das ich euch verkündigt habe, das ihr auch angenommen habt, in dem ihr auch fest steht, durch das ihr auch selig werdet, wenn ihr's festhaltet in der Gestalt, in der ich es euch verkündigt habe; es sei denn, dass ihr umsonst gläubig geworden wärt. Denn als Erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe: Dass Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift; und dass er begraben worden ist; und dass er auferstanden ist am dritten Tage nach der Schrift; und dass er gesehen worden ist von Kephas, danach von den Zwölfen. Danach ist er gesehen worden von mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch heute leben, einige aber sind entschlafen. Danach ist er gesehen worden von Jakobus, danach von allen Aposteln. Zuletzt von allen ist er auch von mir als einer unzeitigen Geburt gesehen worden. Denn ich bin der geringste unter den Aposteln, der ich nicht wert bin, dass ich ein Apostel heiße, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe. Aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Und seine Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe viel mehr gearbeitet als sie alle; nicht aber ich, sondern Gottes Gnade, die mit mir ist. Es sei nun ich oder jene: so predigen wir und so habt ihr geglaubt. (1Kor 15,1-11)
Dass der Glaube sich an einer festen, unveränderlichen Lehre orientiert, das hebt Paulus auch im Galaterbrief hervor:
Wie wir eben gesagt haben, so sage ich abermals: Wenn jemand euch ein Evangelium predigt, anders als ihr es empfangen habt, der sei verflucht. - O ihr unverständigen Galater! Wer hat euch bezaubert, denen doch Jesus Christus vor die Augen gemalt war als der Gekreuzigte? (Gal 1,9 und 3,1)
Im ersten Thessalonicherbrief gibt uns Paulus einen kleinen Einblick in die Missionsverkündigung unter Heiden. Bei ihnen spielte auch die Verkündigung der Einzigartigkeit Gottes anstelle eines Vielgötterglaubens eine wesentliche Rolle. Hier wird deutlich, dass das Evangelium neben dem Heilsgeschehen in Christus auch den Glauben an Gott, den Vater, als Schöpfer und Richter der Welt umfasst:
Und ihr seid unserm Beispiel gefolgt und dem des Herrn und habt das Wort aufgenommen in großer Bedrängnis mit Freuden im Heiligen Geist, sodass ihr ein Vorbild geworden seid für alle Gläubigen in Mazedonien und Achaja. Denn von euch aus ist das Wort des Herrn erschollen nicht allein in Mazedonien und Achaja, sondern an allen Orten ist euer Glaube an Gott bekannt geworden, sodass wir es nicht nötig haben, etwas darüber zu sagen. Denn sie selbst berichten von uns, welchen Eingang wir bei euch gefunden haben und wie ihr euch bekehrt habt zu Gott von den Abgöttern, zu dienen dem lebendigen und wahren Gott und zu warten auf seinen Sohn vom Himmel, den er auferweckt hat von den Toten, Jesus, der uns von dem zukünftigen Zorn errettet. (1Ths 1,6-10)
Der Glaube ist also an einen bestimmten, nicht zu verändernden Inhalt und damit an eine wahrheitsgetreue Lehre gebunden. Darum kann Paulus auch vom Gehorsam des Glaubens sprechen (Röm 1,5; 15,18) Diese Lehre aber informiert nicht einfach über etwas, so dass wir dazu auf Distanz bleiben könnten, sondern sie eröffnet uns ein rettendes Beziehungsgeschehen, das von Gott aus geht. Das Evangelium ist nicht weniger als Gottes Liebesbekenntnis zu uns. Darum nimmt uns die Lehre des Evangeliums in eine ewige Liebesbeziehung hinein. Die Sache des Glaubens betrifft nicht nur unser Wissen und Verstehen, sondern unser Herz, unsere ganze Existenz, und das sowohl in zeitlicher wie in ewiger Hinsicht. Diese Lehre zielt auf unsere Bekehrung, auf eine Umkehr unseres Herzens.
Drei wesentliche Dimensionen des Glaubens lassen sich bei Paulus entdecken. Erstens ist der Glaube ganz auf einen bestimmten Sachinhalt, auf das Evangelium bezogen. Zweitens hebt Paulus den Glauben von „Werken des Gesetzes“ ab. Mit dieser Unterscheidung möchte er die Beziehungsqualität verdeutlichen, die im Glauben zum Ausdruck kommt. Schließlich unterscheidet er zeitlich den heutigen Glauben vom zukünftigen Schauen.
Glaube – am Evangelium orientiert
Der Glaube ist auf einen ganz bestimmten Inhalt bezogen – auf das Evangelium. Das Evangelium versteht sich als die sachgemäße, lehrhaft richtige Darstellung der Heilstat Gottes, die sich in der Geschichte Jesu Christi für uns vollzogen hat. Sie umfasst die Erniedrigung des Gottessohnes, sein Tod am Kreuz, seine Auferstehung und seine Verherrlichung zum Herrn der Welt. Glaube ist daher das Empfangen und die Annahme einer „Lehre“, deren dogmatische Gestalt verbindlichen, ja unveränderlichen Charakter hat. Sehr deutlich, geradezu nachdrücklich betont das Paulus gegenüber den Korinthern:
Ich erinnere euch aber, liebe Brüder, an das Evangelium, das ich euch verkündigt habe, das ihr auch angenommen habt, in dem ihr auch fest steht, durch das ihr auch selig werdet, wenn ihr's festhaltet in der Gestalt, in der ich es euch verkündigt habe; es sei denn, dass ihr umsonst gläubig geworden wärt. Denn als Erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe: Dass Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift; und dass er begraben worden ist; und dass er auferstanden ist am dritten Tage nach der Schrift; und dass er gesehen worden ist von Kephas, danach von den Zwölfen. Danach ist er gesehen worden von mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch heute leben, einige aber sind entschlafen. Danach ist er gesehen worden von Jakobus, danach von allen Aposteln. Zuletzt von allen ist er auch von mir als einer unzeitigen Geburt gesehen worden. Denn ich bin der geringste unter den Aposteln, der ich nicht wert bin, dass ich ein Apostel heiße, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe. Aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Und seine Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe viel mehr gearbeitet als sie alle; nicht aber ich, sondern Gottes Gnade, die mit mir ist. Es sei nun ich oder jene: so predigen wir und so habt ihr geglaubt. (1Kor 15,1-11)
Dass der Glaube sich an einer festen, unveränderlichen Lehre orientiert, das hebt Paulus auch im Galaterbrief hervor:
Wie wir eben gesagt haben, so sage ich abermals: Wenn jemand euch ein Evangelium predigt, anders als ihr es empfangen habt, der sei verflucht. - O ihr unverständigen Galater! Wer hat euch bezaubert, denen doch Jesus Christus vor die Augen gemalt war als der Gekreuzigte? (Gal 1,9 und 3,1)
Im ersten Thessalonicherbrief gibt uns Paulus einen kleinen Einblick in die Missionsverkündigung unter Heiden. Bei ihnen spielte auch die Verkündigung der Einzigartigkeit Gottes anstelle eines Vielgötterglaubens eine wesentliche Rolle. Hier wird deutlich, dass das Evangelium neben dem Heilsgeschehen in Christus auch den Glauben an Gott, den Vater, als Schöpfer und Richter der Welt umfasst:
Und ihr seid unserm Beispiel gefolgt und dem des Herrn und habt das Wort aufgenommen in großer Bedrängnis mit Freuden im Heiligen Geist, sodass ihr ein Vorbild geworden seid für alle Gläubigen in Mazedonien und Achaja. Denn von euch aus ist das Wort des Herrn erschollen nicht allein in Mazedonien und Achaja, sondern an allen Orten ist euer Glaube an Gott bekannt geworden, sodass wir es nicht nötig haben, etwas darüber zu sagen. Denn sie selbst berichten von uns, welchen Eingang wir bei euch gefunden haben und wie ihr euch bekehrt habt zu Gott von den Abgöttern, zu dienen dem lebendigen und wahren Gott und zu warten auf seinen Sohn vom Himmel, den er auferweckt hat von den Toten, Jesus, der uns von dem zukünftigen Zorn errettet. (1Ths 1,6-10)
Der Glaube ist also an einen bestimmten, nicht zu verändernden Inhalt und damit an eine wahrheitsgetreue Lehre gebunden. Darum kann Paulus auch vom Gehorsam des Glaubens sprechen (Röm 1,5; 15,18) Diese Lehre aber informiert nicht einfach über etwas, so dass wir dazu auf Distanz bleiben könnten, sondern sie eröffnet uns ein rettendes Beziehungsgeschehen, das von Gott aus geht. Das Evangelium ist nicht weniger als Gottes Liebesbekenntnis zu uns. Darum nimmt uns die Lehre des Evangeliums in eine ewige Liebesbeziehung hinein. Die Sache des Glaubens betrifft nicht nur unser Wissen und Verstehen, sondern unser Herz, unsere ganze Existenz, und das sowohl in zeitlicher wie in ewiger Hinsicht. Diese Lehre zielt auf unsere Bekehrung, auf eine Umkehr unseres Herzens.
Dienstag, 29. September 2009
Unsicherheit aushalten
Im seinem aktuellen lesenswerten und stilsicheren Roman „Sieben Jahre“ (2009) lässt Peter Stamm die Erzählfiguren Sonja und Birgit sich über ihre frühere WG- Mitbewohnerin unterhalten: „Ein bisschen verklemmt war sie von Anfang an, sagte Birgit. Sie hat alles so wahnsinnig ernst genommen und hatte zu allem Möglichen eine Theorie und eine Meinung. Irgendwie hat sie keine Unsicherheiten ertragen. Wie alle Gläubigen, sagte ich [Alex, der Ich-Erzähler des Buches]. Sonja [seine Frau] sagte, es sei gemein, so etwas zu sagen. Es sind nicht die schlechtesten Menschen, die in Sekten landen, sagte Birgit. Es sind Suchende, denen etwas fehlt und die irgendwann nicht mehr mit diesem Mangel leben können. Und dann hängen sie ihr Herz an irgendeinen Guru oder an eine Sache, die gerade in der Luft liegt. Etwas, das ihnen Sicherheit gibt. Eine Beziehung gibt dir auch Sicherheit, sagte Sonja. Geld gibt Sicherheit, sagte Birgit. Ich [Alex] sagte, mein Ziel sei es, die Unsicherheit auszuhalten. Birgit lachte.“ (156)
Stimmt dieses Porträt „aller Gläubigen“: verklemmt, nehmen alles ernst, können keine Unsicherheiten ertragen…? Ist im Kontrast dazu der „gegenwärtige Mensch“ dadurch gekennzeichnet - im Roman durch den sich treiben lassenden Alex personifiziert - Unsicherheit auszuhalten?
Auf eine andere Spur bringt mich Werner Stegmaier, der in seinem Werk „Philosophie der Orientierung“ (Berlin 2008) Bemerkenswertes zu religiöser Orientierung festhält. Sie gibt jenseits der begrenzten Horizonte aller sonstigen Orientierungswelten (z.B. Kunst, Wissenschaft) Halt an einem überall und immer Gegenwärtigen – Gott/Transzendenz. Das bedeutet jedoch nicht, dass religiöse Orientierung direkt hilft, aus schwierigen Situationen herauszukommen.
"Sie gibt statt dessen Vertrauen, mit ihnen zurechtzukommen und nötigenfalls sich mit ihnen abzufinden…Der weite Horizont der Glaubensgewissheit erlaubt, sich auf weit mehr Lebensungewissheit einzulassen." (S. 535)
Stimmt dieses Porträt „aller Gläubigen“: verklemmt, nehmen alles ernst, können keine Unsicherheiten ertragen…? Ist im Kontrast dazu der „gegenwärtige Mensch“ dadurch gekennzeichnet - im Roman durch den sich treiben lassenden Alex personifiziert - Unsicherheit auszuhalten?
Auf eine andere Spur bringt mich Werner Stegmaier, der in seinem Werk „Philosophie der Orientierung“ (Berlin 2008) Bemerkenswertes zu religiöser Orientierung festhält. Sie gibt jenseits der begrenzten Horizonte aller sonstigen Orientierungswelten (z.B. Kunst, Wissenschaft) Halt an einem überall und immer Gegenwärtigen – Gott/Transzendenz. Das bedeutet jedoch nicht, dass religiöse Orientierung direkt hilft, aus schwierigen Situationen herauszukommen.
"Sie gibt statt dessen Vertrauen, mit ihnen zurechtzukommen und nötigenfalls sich mit ihnen abzufinden…Der weite Horizont der Glaubensgewissheit erlaubt, sich auf weit mehr Lebensungewissheit einzulassen." (S. 535)
Donnerstag, 24. September 2009
Warum religiös sein? Warum glauben?
Warum religiös sein? Diese Frage bewegt Freunde von mir, auch mich selbst. Hilfreich finde ich folgende Überlegungen von Isolde Karle, Pfarrerin und praktische Theologin, in denen sie Anregungen von Friedrich Schleiermacher und Niklas Luhmann zum Wesen der Religion fruchtbar macht:
„Religion hat keinen rein diesseitigen Charakter, sie verabsolutiert nichts Endliches, nicht die Vernunft und nicht die eigene Individualität, sondern hat es mit dem Unendlichen zu tun, insofern sie das diesseitige Leben und Erleben in seinem Bezug zu Gott interpretiert und versteht. Religion immunisiert deshalb auch gegen alle immanenten Selbstverabsolutierungen und verweist auf die Relativität allen Wissens und aller Erfahrung.“ (310)
Religion eröffnet die „Möglichkeit der Dankbarkeit, das heißt, für das Glück oder religiös gesprochen für die Bewahrung bei einem Unfall, für die Geburt eines Kindes, für alles empfangene Gute und unwahrscheinlich Gelingende im Leben eine angemessene Sprache zu finden….man kann sich mit Hilfe religiöser Sprache und Handlungsvollzüge – im Segen, im Gebet, im Lied – Gottes guten Mächten anvertrauen.“ (311)
„Die Religion macht als Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit bewusst, dass wir unser Sein nicht uns selbst verdanken, dass wir nicht in uns selbst be- und gegründet sind, sondern von anderwärts her. Religion bringt mithin zum Ausdruck, dass wir die Bedingungen, unter denen wir leben, nicht selbst hervorgebracht haben und hervorbringen können, dass wir Geschöpfe sind und nicht Schöpfer unserer selbst und unserer Welt. Religion setzt uns als Geschöpfe in ein realistisches Selbst- und Weltverhältnis, das uns die Grenzen unserer Möglichkeiten heilsam aufzeigt und die ganze Welt auf das Woher schlechthinniger Abhängigkeit, auf Gott selbst bezieht.“ (312)
„Gerade bei Erfahrungen des Scheiterns und des Abbruchs entsteht die Sehnsucht, dass mir von anderwärts her gesagt, was ich mir selbst nicht sagen kann. Der Segen markiert diesen Zuspruch ‚von anderwärts‘ in besonders eindrücklicher Weise, weil er die Worte und die körperliche Geste oder Berührung eines anderen Menschen voraussetzt und zugleich deutlich macht, dass allein Gott Subjekt des Segens ist und bleibende und verlässliche Zuwendung verheißt.“
„Es bedarf des Wohnens in einer konkreten Religion, um religiöse Kommunikation verstehen und begreifen zu können und dadurch als Individuum bereichert und gebildet zu werden…Religiöse Bildung ist ohne das Vertraut werden, ohne das sich Einlassen auf konkrete religiöse Kommunikationsformen nicht möglich.“
Zitate aus: Isolde Karle, Die markante Physiognomie der Religion, in: W. Härle u.a. (Hg.)Systematisch Praktisch, Marburg 2005, S. 305-314.
„Religion hat keinen rein diesseitigen Charakter, sie verabsolutiert nichts Endliches, nicht die Vernunft und nicht die eigene Individualität, sondern hat es mit dem Unendlichen zu tun, insofern sie das diesseitige Leben und Erleben in seinem Bezug zu Gott interpretiert und versteht. Religion immunisiert deshalb auch gegen alle immanenten Selbstverabsolutierungen und verweist auf die Relativität allen Wissens und aller Erfahrung.“ (310)
Religion eröffnet die „Möglichkeit der Dankbarkeit, das heißt, für das Glück oder religiös gesprochen für die Bewahrung bei einem Unfall, für die Geburt eines Kindes, für alles empfangene Gute und unwahrscheinlich Gelingende im Leben eine angemessene Sprache zu finden….man kann sich mit Hilfe religiöser Sprache und Handlungsvollzüge – im Segen, im Gebet, im Lied – Gottes guten Mächten anvertrauen.“ (311)
„Die Religion macht als Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit bewusst, dass wir unser Sein nicht uns selbst verdanken, dass wir nicht in uns selbst be- und gegründet sind, sondern von anderwärts her. Religion bringt mithin zum Ausdruck, dass wir die Bedingungen, unter denen wir leben, nicht selbst hervorgebracht haben und hervorbringen können, dass wir Geschöpfe sind und nicht Schöpfer unserer selbst und unserer Welt. Religion setzt uns als Geschöpfe in ein realistisches Selbst- und Weltverhältnis, das uns die Grenzen unserer Möglichkeiten heilsam aufzeigt und die ganze Welt auf das Woher schlechthinniger Abhängigkeit, auf Gott selbst bezieht.“ (312)
„Gerade bei Erfahrungen des Scheiterns und des Abbruchs entsteht die Sehnsucht, dass mir von anderwärts her gesagt, was ich mir selbst nicht sagen kann. Der Segen markiert diesen Zuspruch ‚von anderwärts‘ in besonders eindrücklicher Weise, weil er die Worte und die körperliche Geste oder Berührung eines anderen Menschen voraussetzt und zugleich deutlich macht, dass allein Gott Subjekt des Segens ist und bleibende und verlässliche Zuwendung verheißt.“
„Es bedarf des Wohnens in einer konkreten Religion, um religiöse Kommunikation verstehen und begreifen zu können und dadurch als Individuum bereichert und gebildet zu werden…Religiöse Bildung ist ohne das Vertraut werden, ohne das sich Einlassen auf konkrete religiöse Kommunikationsformen nicht möglich.“
Zitate aus: Isolde Karle, Die markante Physiognomie der Religion, in: W. Härle u.a. (Hg.)Systematisch Praktisch, Marburg 2005, S. 305-314.
Freitag, 18. September 2009
Angst und Glaube
Seit einigen Tagen trudeln vermehrt die Proseminararbeiten aus dem Sommersemester ein, die ich zu korrigieren habe, jede zu einem anderen Text aus den Evangelien. Werde ich die Korrektur nur als Mühe verstehen, oder nutze ich sie als Chance, mit Hilfe der sorgfältigen Beobachtungen der Studierenden für mich selbst etwas Neues an diesen Texten zu entdecken? So möchte ich es halten.
Matthäus 14,22-33:
Und alsbald trieb Jesus seine Jünger, in das Boot zu steigen und vor ihm hinüberzufahren, bis er das Volk gehen ließe. 23 Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er allein auf einen Berg, um zu beten. Und am Abend war er dort allein. 24 Und das Boot war schon weit vom Land entfernt und kam in Not durch die Wellen; denn der Wind stand ihm entgegen. 25 Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem See. 26 Und als ihn die Jünger sahen auf dem See gehen, erschraken sie und riefen: Es ist ein Gespenst!, und schrien vor Furcht. 27 Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin's; fürchtet euch nicht! 28 Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser. 29 Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu. 30 Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, hilf mir! 31 Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? 32 Und sie traten in das Boot und der Wind legte sich. 33 Die aber im Boot waren, fielen vor ihm nieder und sprachen: Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!
Zweimal wird hier die Angst zum Thema gemacht, die Angst der Jünger und die Angst des Petrus vor dem Wind und den Wellen. Jesus hingegen bleibt von diesen schweren äußeren Umständen völlig unberührt, sie scheinen gar nicht zu existieren. Es ist der Jesus, der vorher viele Nachtstunden auf einem Berg im Gebet verbracht hat. Wenn ich "Berg" und "Wasser" als Symbole verstehe, dann könnte ich so deuten: Die Gottesnähe des Berges, die Gebetsverbundenheit mit dem Vater trägt Jesus in die Chaoswasser, in die Gottesferne hinein, so dass sie ihn nicht vereinnahmen können. Er bleibt Herr der Situation und greift auch noch rettend für andere ein. Im Blick auf Jesus können wir auch in chaotischen Lebensituationen festen Stand gewinnen und müssen nicht in ihnen "versinken". Wir werden immer etwas einsinken, so wie sogar der "Fels" Petrus, aber genauso wie er an Jesu Hand wieder Halt gewinnen. Der Blick auf Jesus ist gleichzeitig der Blick zu Gott und die Erinnerung daran, dass die Gebetsverbindung zu Gott diese "Standfestigkeit" ermöglicht.
Eine erstaunliche Parallele dazu findet sich in einer sehr alten buddhistischen Tradition:
"Ein buddhistischer Laienbruder, unterwegs zu seinem Meister, kam an das Ufer eines Flusses. Der Fährmann war nicht mehr da. Vom freudigen Gedanken an Buddha getrieben, ging der Bruder über den Fluß. Als er aber in der Mitte angelangt war, sah er die Wellen. Da wurden seine freudigen Gedanken an Buddah schwächer und seine Füße begannen einzusinken. Doch er erweckte wieder stärkere Gedanken an Buddha und ging über die Oberfläche des Wassers." (im Evangelisch-Katholischen Kommentar von Ulrich Luz zum Matthäusevangelium, Band 2, S. 410)
Bezeichnend ist aber, dass es hier das eigene Erinnern an Buddha ist, dass wieder Standfestigkeit ermöglicht (im Buddhismus ist damit die Freiheit von Gier, Hass und Unwissenheit gemeint). Im christlichen Glauben ist es Jesus, der die Hand ausstreckt und wieder festen Stand gibt. Die Heilserfahrung verdankt sich im Buddhismus also dem stetigen eigenen Bemühen, im Christentum hingegen der ausgestreckten Hand Gottes.
Matthäus 14,22-33:
Und alsbald trieb Jesus seine Jünger, in das Boot zu steigen und vor ihm hinüberzufahren, bis er das Volk gehen ließe. 23 Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er allein auf einen Berg, um zu beten. Und am Abend war er dort allein. 24 Und das Boot war schon weit vom Land entfernt und kam in Not durch die Wellen; denn der Wind stand ihm entgegen. 25 Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem See. 26 Und als ihn die Jünger sahen auf dem See gehen, erschraken sie und riefen: Es ist ein Gespenst!, und schrien vor Furcht. 27 Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin's; fürchtet euch nicht! 28 Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser. 29 Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu. 30 Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, hilf mir! 31 Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? 32 Und sie traten in das Boot und der Wind legte sich. 33 Die aber im Boot waren, fielen vor ihm nieder und sprachen: Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!
Zweimal wird hier die Angst zum Thema gemacht, die Angst der Jünger und die Angst des Petrus vor dem Wind und den Wellen. Jesus hingegen bleibt von diesen schweren äußeren Umständen völlig unberührt, sie scheinen gar nicht zu existieren. Es ist der Jesus, der vorher viele Nachtstunden auf einem Berg im Gebet verbracht hat. Wenn ich "Berg" und "Wasser" als Symbole verstehe, dann könnte ich so deuten: Die Gottesnähe des Berges, die Gebetsverbundenheit mit dem Vater trägt Jesus in die Chaoswasser, in die Gottesferne hinein, so dass sie ihn nicht vereinnahmen können. Er bleibt Herr der Situation und greift auch noch rettend für andere ein. Im Blick auf Jesus können wir auch in chaotischen Lebensituationen festen Stand gewinnen und müssen nicht in ihnen "versinken". Wir werden immer etwas einsinken, so wie sogar der "Fels" Petrus, aber genauso wie er an Jesu Hand wieder Halt gewinnen. Der Blick auf Jesus ist gleichzeitig der Blick zu Gott und die Erinnerung daran, dass die Gebetsverbindung zu Gott diese "Standfestigkeit" ermöglicht.
Eine erstaunliche Parallele dazu findet sich in einer sehr alten buddhistischen Tradition:
"Ein buddhistischer Laienbruder, unterwegs zu seinem Meister, kam an das Ufer eines Flusses. Der Fährmann war nicht mehr da. Vom freudigen Gedanken an Buddha getrieben, ging der Bruder über den Fluß. Als er aber in der Mitte angelangt war, sah er die Wellen. Da wurden seine freudigen Gedanken an Buddah schwächer und seine Füße begannen einzusinken. Doch er erweckte wieder stärkere Gedanken an Buddha und ging über die Oberfläche des Wassers." (im Evangelisch-Katholischen Kommentar von Ulrich Luz zum Matthäusevangelium, Band 2, S. 410)
Bezeichnend ist aber, dass es hier das eigene Erinnern an Buddha ist, dass wieder Standfestigkeit ermöglicht (im Buddhismus ist damit die Freiheit von Gier, Hass und Unwissenheit gemeint). Im christlichen Glauben ist es Jesus, der die Hand ausstreckt und wieder festen Stand gibt. Die Heilserfahrung verdankt sich im Buddhismus also dem stetigen eigenen Bemühen, im Christentum hingegen der ausgestreckten Hand Gottes.
Montag, 7. September 2009
Geistliche Übungen (9): Glauben - die eigene Mitte in Christus finden
Die Besinnung auf das Zentrum des christlichen Glaubens hilft mir immer wieder, meine Mitte zu finden, "Christus in mir", was zugleich bedeutet, dass ich "in Christus" bin, also meine Identität also auf etwas außerhalb von mir gründe (Theologen haben für diese besondere Identität die schön klingende Formulierung "ekzentrische Existenz" gefunden)
Das „Herz“ des Menschen kann als Existenz-Zentrum verstanden werden, in dem unser Wissen, Wollen und Gefühl zusammentreffen und gemeinsam eine Grundeinstellung zur Wirklichkeit bilden.
Dieses Innerste kann nun auch als „Leerstelle“ begriffen werden, die mit unterschiedlichen existentiellen „Symbolen“ gefüllt werden muss. Ein Liebespartner kann es z. B. sein: „Du allein bist in meinem Herzen, ich allein bin in deinem Herzen.“ Oder ganz im Gegenteil spiegelt sich das eigene Ich im Herzen; Psychoanalytiker sprechen dann von einer narzisstischen Ich-Zentrierung. Zur Erfahrung heutiger Menschen, Christen eingeschlossen, gehört oft die Frustration, gar keine innere Mitte finden zu können, sondern von einer existentiellen „Leere“ bedroht zu sein. Jochen Distelmeyer z.B. dichtet: „… Du schließt Deine Augen/um Dich zu beschützen/ Dir schwinden die Sinne/ ein Zerfall, kein Verschwinden/ Du stürzt und versteinerst/ und sinkst ohne Frage/ durch schlaflose Nächte/ in grundlose Tage/ … Du bist nur die Abschrift/ dessen was man dir vorschreibt/ ein Nichts ohne outfit/ sobald du es abstreifst/ zum Schweigen gebracht …“ (aus dem Gedicht „Eines Tages“, zu finden auf der CD „Old Nobody“ der Musikgruppe "Blumfeld", 1999). Der Logotherapeut Victor Frankl spricht in seinen Veröffentlichungen von „existentieller Frustration“, „abgründigem Sinnlosigkeitsgefühl“, „Leeregefühl“, „existentiellem Vakuum“, „dem Gefühl einer inneren Leere“.
Wenn ich dem Evangelium begegne, wenn ich es höre oder lese (in der Bibel oder bei Autoren, die es erläutern), dann weckt es einen Glauben in mir, der mich ganz auf Gott, auf Gott in Christus, ausrichtet. Mein Herz füllt sich im Glauben mit Gott selbst (mit seinem Geist), aber so, dass ich über mich selbst hinausblicke auf Gott, mich durch den Glauben "in Christus" weiß. In dieser Hinwendung zu Gott werde ich in einer ganz besonderen Weise "frei". Es geschieht eine heilsame Selbstdistanzierung. An die Stelle eigenmächtigen Hochmutes oder entmutigter Verzweiflung tritt der Glaube, tritt Jesus Christus selbst. Er wird meine innere Mitte, füllt mein Herz, schenkt mir eine "ekzentrische Existenz" (ich liebe diese Formulierung!).
Das „Herz“ des Menschen kann als Existenz-Zentrum verstanden werden, in dem unser Wissen, Wollen und Gefühl zusammentreffen und gemeinsam eine Grundeinstellung zur Wirklichkeit bilden.
Dieses Innerste kann nun auch als „Leerstelle“ begriffen werden, die mit unterschiedlichen existentiellen „Symbolen“ gefüllt werden muss. Ein Liebespartner kann es z. B. sein: „Du allein bist in meinem Herzen, ich allein bin in deinem Herzen.“ Oder ganz im Gegenteil spiegelt sich das eigene Ich im Herzen; Psychoanalytiker sprechen dann von einer narzisstischen Ich-Zentrierung. Zur Erfahrung heutiger Menschen, Christen eingeschlossen, gehört oft die Frustration, gar keine innere Mitte finden zu können, sondern von einer existentiellen „Leere“ bedroht zu sein. Jochen Distelmeyer z.B. dichtet: „… Du schließt Deine Augen/um Dich zu beschützen/ Dir schwinden die Sinne/ ein Zerfall, kein Verschwinden/ Du stürzt und versteinerst/ und sinkst ohne Frage/ durch schlaflose Nächte/ in grundlose Tage/ … Du bist nur die Abschrift/ dessen was man dir vorschreibt/ ein Nichts ohne outfit/ sobald du es abstreifst/ zum Schweigen gebracht …“ (aus dem Gedicht „Eines Tages“, zu finden auf der CD „Old Nobody“ der Musikgruppe "Blumfeld", 1999). Der Logotherapeut Victor Frankl spricht in seinen Veröffentlichungen von „existentieller Frustration“, „abgründigem Sinnlosigkeitsgefühl“, „Leeregefühl“, „existentiellem Vakuum“, „dem Gefühl einer inneren Leere“.
Wenn ich dem Evangelium begegne, wenn ich es höre oder lese (in der Bibel oder bei Autoren, die es erläutern), dann weckt es einen Glauben in mir, der mich ganz auf Gott, auf Gott in Christus, ausrichtet. Mein Herz füllt sich im Glauben mit Gott selbst (mit seinem Geist), aber so, dass ich über mich selbst hinausblicke auf Gott, mich durch den Glauben "in Christus" weiß. In dieser Hinwendung zu Gott werde ich in einer ganz besonderen Weise "frei". Es geschieht eine heilsame Selbstdistanzierung. An die Stelle eigenmächtigen Hochmutes oder entmutigter Verzweiflung tritt der Glaube, tritt Jesus Christus selbst. Er wird meine innere Mitte, füllt mein Herz, schenkt mir eine "ekzentrische Existenz" (ich liebe diese Formulierung!).
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