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Sonntag, 6. Januar 2013

Religion: gewaltanfällig oder friedenstiftend?

In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Zeichen  der Zeit 2013/1, S. 7-10 ist ein Artikel erschienen, in dem ich zum Problem der Gewalt in Religionen Stellung nehme. Hier ein Auszug:

"Mein Eindruck ist, dass es sich nicht zuletzt auch an den prägenden Vorstellungen, wie Gott fühlt und handelt, entscheidet, ob man mit Religion im politischen Feld eher Gewaltanwendungen oder eher Friedenaktivitäten begründet. 

Der Gott derjenigen, die politische Gewalt mit ihrem Glauben rechtfertigen, ist voller Zorn über Unrecht, das den Armen und den ihm Getreuen zugefügt wird. Er ist empört, wenn sein Name missbraucht wird, wenn Gegenstände, die auf ihn hinweisen, entweiht werden. Er erregt Fromme zum heiligen Zorn und zu Gewalt, damit sie sich in seinem Namen für den Kampf für das Gute gegen das Böse und die Gottlosigkeit einsetzen. Er hat ein Land oder Volk dazu erwählt, das Böse auf Erden zu bekämpfen, um Ziele wie Frieden oder Freiheit auch mit Waffengewalt durchzusetzen.

Der Gott derjenigen, die sich als Friedensstifter verstehen, lässt es regnen über Gerechte und Ungerechte. Er ist langmütig. Seine treue Liebe ist stärker als sein Zorn. Seinen Zorn über die Sünde trägt er an sich selbst aus, und so offenbart er sich als der Versöhner, der aus Feinden Freunde gemacht hat. Er ist der Gott des Friedens. Jesus hat ihn als „Vater“ offenbart, als Abba, als lieben Vater, der seine Kinder dazu einlädt, sanftmütig zu sein und so barmherzig, wie er selbst barmherzig ist, bis hin zum Gebot: Liebe deine Feinde.

Beide Gottesvorstellungen lassen sich mit Aussagen aus heiligen Texten der Religionen belegen. So kommen Gläubige nicht umhin, zu gewichten und zu entscheiden, wo sich Gott in seinem Wort verlässlich als der offenbart, der er wirklich ist, und welche Konsequenzen dies für das Verhalten auf dem politischen Feld hat.

Wenn ich Muslim wäre, würde ich darauf setzen, was zu Beginn jeder Sure insgesamt 114 Mal im Koran steht: „Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen.“ Gott ist im Wesen der Barmherzige.
Als Christ, als Nachfolger Jesu, vertraue ich darauf, dass mir Jesus von Nazareth, der Christus, sichtbar macht, wer Gott von Herzen ist: der barmherzige Vater.

Donnerstag, 21. Januar 2010

Albert Schweitzer - der Film

Bildrechte: © Deutsches Albert-Schweitzer-Zentrum Frankfurt

Heute Morgen habe ich den Film „Albert Schweitzer – ein Leben für Afrika“ gesehen, mit ReligionskollegInnen meiner Schule und überwiegend OberstufenschülerInnen. Wir haben zwei Kinosäle gefüllt!
Die Kritiken, die ich vorab las, hatten meine Erwartungen drastisch nach unten geschraubt. Ich stellte mich auf einen langweiligen Film und eine Zumutung für die Schüler ein. Aber ich wurde positiv enttäuscht. Der Film hat mich gepackt. Die Schauspieler agieren fast durchweg überzeugend, handwerklich ist der Film tadellos gemacht (Kameraführung, Motive, die Ausstattung versetzt ohne Irritation ins Jahr 1949, Musik). Der Plot ist wirklich spannend und sogar vielschichtig, die Biographie wird geschickt in den Handlungsstrang eingewoben, ohne dass es gekünstelt wirkt. Die wesentlichen Facetten der Person Albert Schweitzer fängt der Film mit leichter Hand ein (Ehemann, Vater, Orgelspieler, Theologie, Arzt, Patriarch, Pazifist, Entwicklungshelfer, Überzeugungstäter). Sein Leitmotto: „Ehrfurcht vor dem Leben“ wird allerdings öfters recht platt in Szene gesetzt.
Falls man die Biographie Schweitzers genauer kennt, entdeckt man natürlich schnell (oder nachträglich), dass der Plot, der dem Film die Spannung gibt, frei erfunden ist und wahre Aktivitäten Schweitzers anachronistisch ins Jahr 1949 gepackt werden. Die Story, die der Film erzählt, ist also fiktiv. Das erkennt der unbedarfte Zuschauer nicht. Die Idee dahinter ist, die Figur Albert Schweitzer und auch seine Frau (eine der Stärken des Films: sie wird ihm ebenbürtig dargestellt) zu Helden eines Spionagethrillers zu machen (gelingt es dem CIA, Schweitzer und sein Lebenswerk zu zerstören?). Wir stellen uns als Zuschauer auf die Seite der Schweitzers und identifizieren uns so recht bald mit ihren Idealen, aber auch Problemen.
Es gibt einen von Schweitzer selbst autorisierten Film über ihn, der über google videos angeschaut werden kann. Ich meine erkennen zu können, die die Macher des aktuellen Films sich hier Einiges „abgeschaut“ haben.

Sonntag, 15. November 2009

Gebet und Revolution

Dem 9. November 1989 wurde dieses Jahr zum "20. Jubiläum" besonders gedacht. Nicht vergessen werden sollte, dass ein Schlüsseldatum der friedlichen Revolution der 9. Oktober 1989 war.

Diesmal wollte der Demonstrationszug den ganzen Innenstadtring herummarschieren, auch am Gebäude der MfS (Stasi)-Bezirksverwaltung vorbei. Vor der Demonstration fanden in allen vier Leipziger Kirchen Friedengebete statt, in denen zu unbedingter Gewaltlosigkeit aufgerufen wurde. Es war "ein Aufbruch im Raum des Gebets." (R. Mau)

An diesem Tag wollte die Staatsführung der DDR den immer größer werdenden Montagsdemonstrationen in Leipzig Paroli bieten. Wasserwerfer [nicht Panzer, wie ich ursprünglich geschrieben habe: siehe Kommentar!] standen in den Seitenstraßen. Wie man sich verhalten sollte, wurde allerdings nicht entschieden, man wartete ab, war unsicher.



Zu Beginn der Demonstration erfuhr man über Lautsprechersäule am Leipziger Ring, dass engagierte Leipziger Bürger (u.a. Kurt Masur) mit der SED-Führung von Leipzig einen Aufruf zum freien Meinungsaustausch verfasst hatten und zur Besonnenheit aufriefen. Die Demonstranten hatte Kerzen in ihren Händen und riefen immer stärker und mutiger "Wir sind das Volk". Die Soldaten und die Polizei wagten/brauchten nicht einzugreifen.
Egon Krenz war für die Leipziger Funktionäre nicht zu erreichen, und so entschied man in Leipzig selbst, nicht einzugreifen, sofern keine Angriffe von Seiten der Demonstranten erfolgten, eine knappe Stunde später rief Krenz aus Berlin an und bejahte nachträglich die Entscheidung vor Ort.

Horst Sindermann, Präsident der Volkskammer, meinte später: "Mit allem haben wir gerechnet, nur nicht mit Kerzen und Gebeten. Sie haben uns wehrlos gemacht."

Angeregt durch: Rudolf Mau: Kirche als Raum der Befreiung zum eigenen Wort, in: Theologische Literaturzeitung 134/10 (2009), Sp.1025 und Sp. 1038f.
Bildquelle: http://www.welt.de/multimedia/archive/1223634339000/00679/leipzig_13_11__DW_R_679662g.jpg

Ergänzung aufgrund einer Richtigstellung (siehe Kommentar):


In der SED-Führung und NVA wurde in den Tagen zuvor zwar eine militärische Lösung diskutiert, aber eben nicht entschieden; die Hemmung, Todesopfer in der eigenen Bevölkerung zu riskieren, war groß; man beließ es bei polizeilich harten Durchgriffen am 6. und 7. Oktober gegenüber Demonstranten und plante so auch für den 9. Oktober in Leipzig. Auf Bezirksebene (Leipzig) und Stadt-Ebene (Plauen, Dresden: Bergmann) wollten die SED-Verantwortlichen ebenso keine militärische Gewalt ausüben und versuchten mit den demonstrierenden Bürgern ins Gespräch zu kommen.
Die erhöhte Einsatzbereitschaft von NVA und Stasi-Einsatzkommandos sprach sich allerdings herum und ließ auf Seiten der Bevölkerung (und auch bei vielen Soldaten/Polizisten) das Schlimmste befürchten. Es war klar, dass nur absolute Gewaltlosigkeit eingreifhemmend sein konnte. Die deshalb praktizierte Gewaltlosigkeit der Bürger hat es auch den politisch Verantwortlichen und den mobilisierten Soldaten/Polizisten ermöglicht, auf Gewalt zu verzichten.
So sieht im Moment meine geschichtliche Erkenntnis rund um den 9. Oktober 1989 aus, ich lasse mich aber gerne weiter eines Besseren belehren!

Ich habe vertiefend und für die Korrektur zu Rate gezogen: Ilko-Sascha Kowalczuk, Endspiel. Die Revolution von 1989 in der DDR, München: Beck 2009, S. 386-404.

Freitag, 14. August 2009

Seligpreisungen - Ermutigung zu einer gewaltlosen Lebensform


Matthäus 5, 1: Als er aber das Volk sah, ging er auf einen Berg und setzte sich; und seine Jünger traten zu ihm. 2 Und er tat seinen Mund auf, lehrte sie und sprach:


3 Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.
4 Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.
5 Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.
6 Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.

7 Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.
8 Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.
9 Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen.
10 Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich

(Lutherübersetzung)

Diese 8 Seligpreisungen bei Matthäus sind kunstvoll gestaltet: die Wendung "Reich der Himmel" ("Himmelreich") wird in der 1. und 8., das Wort "Gerechtigkeit" in der 4. und 8. Seligpreisung verwendet. Meine These ist: Matthäus läßt Jesus Menschen glückselig sprechen, die in ihrem Verhalten auf Gewalt verzichten, weil sie sich am Reich Gottes (an der Herrschaft Gottes) orientieren. Jesus hebt Einstellungen und Verhaltensweisen hervor, die gewaltlos sind oder der Gewalt entgegenstehen. Diese Behauptung möchte ist jetzt kurz für jede Glücklichpreisung begründen:

Die „im Geist Armen“ sind nicht die Beschränkten oder Naiven, sondern Menschen, die bewusst darauf verzichten, andere Menschen ausgrenzende Gewalt durch Arroganz und Verachtung auszuüben. Wer „geistig arm“ ist, bläht sich nicht auf, sondern denkt von sich selbst bescheiden und lässt damit auch anderen ihren Raum.

Die „Trauernden“ (das ist genauer als die Formulierung "die da Leid tragen" bei Luther) weinen über unterschiedliche Formen der Gewalt. Sie spüren die Gewalt, die ihnen selbst angetan wird. Sie haben sich kein „dickes Fell“ zugelegt, sie nehmen auch subtile Formen der Gewalt wahr (Kränkungen, Ausgrenzungen, Übersehen werden). Die Trauernden sind aber auch genauso sensibel für Gewalt, die sie selbst ausüben, und darunter leiden sie. Schließlich haben sie einen Blick für die Gewalt, die anderen angetan wird. Sie leiden mit den Opfern. Sie schauen nicht weg, sondern weinen mit ihnen.

Die „Freundlichen“ (oder: Sanftmütigen) können sich mit ihrer Sanftmut in andere Menschen einfühlen und ihnen nahe sein, ohne das Innere des Mitmenschen gewaltsam einzudringen. Sie achten die Grenzen der Anderen.

Wer nach „Gerechtigkeit hungert und dürstet“, hält in sich die Sehnsucht nach einer Welt wach, in der Fairness das gegenseitige Verhalten bestimmt. Aber er will diese bessere Welt nicht mit Gewalt durchsetzen. Vielmehr unterstützt er Menschen, die sich für Fairness einsetzen und bemüht sich selbst darum.

Die „Barmherzigen“ wenden sich der Not von Gewaltopfern zu, ohne selbst Gewalt anzuwenden. Sie helfen Misshandelten, Ausgeraubten oder Mobbing-Opfern wieder auf die Beine. Jesus hat dies im Gleichnis vom barmherzigen Samariter anschaulich beschrieben. Der Samariter sieht den halbtot am Wegerand liegenden Überfallenen, versorgt vorsichtig seine Wunden und bringt ihn dann an einen Ort, wo er wieder zu Kräften kommen kann.

Wer „im Herzen rein“ ist, dessen Gefühle sind frei von Gewaltphantasien. Sein Denken kennt keine Rachepläne. Der Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt, von Vergeltung und Rache wird von denen, die reinen Herzens sind, unterbrochen.

Die „Friedensstifter“ (die Übersetzung Luthers "die Friedfertigen" ist zu wenig aktiv formuliert) suchen nach Wegen, zerstörerischen Streit zu verhindern oder zu beenden. Wenn sie selbst in einen destruktiven Streit verstrickt sind, wollen sie nicht Sieger sein, sondern aus dem Gegner einen Freund machen. Wenn sie im Streit vermitteln, haben sie nicht nur eine Feuerpause, sondern Freundschaft im Blick. Denn wirklicher Friede ist nur dort zu Hause, wo Menschen einzeln oder in Gruppen einander als Freunde betrachten.

Die „um der Gerechtigkeit willen Verfolgten“ sind Menschen, die das Risiko auf sich nehmen, im Engagement für Gerechtigkeit Gewalt selbst Gewalt zu erfahren. Sie erdulden Leid, ohne zurückzuschlagen.

Was Jesus hier im Blick hat, ist keine schwächliche, sondern eine "starke" und aktive Gewaltlosigkeit, die von Liebe und Barmherzigkeit motiviert ist.