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Montag, 26. Juli 2010

Kluge Liebesgedanken von Niklas Luhmann

Liebe ist ein Gefühl, das wir gut beschreiben können, weil wir mit Liebe Erfahrungen gemacht haben. Mit den „Schmetterlingen im Bauch“ beim romantischen Verliebtsein. Mit dem Herz, das einem aufgeht, wenn wir Umgang mit einer vertrauten, geliebten Person haben. Wer liebt, kennt auch Mitgefühl und Freude, hat Angst vor dem Verlust der Geliebten. Liebe widerfährt uns, sie trifft wie Amor mit seinem Pfeil ins Herz. Wir suchen die Nähe der Geliebten, die Liebe fällt ganz mit der Person, die wir lieben in eins. Wenn wir geliebt werden – und diese Liebe erwidern können – fühlen wir uns stärker, selbstsicherer, zuversichtlicher, wertvoller. Viel noch könnte man zur Psychologie der Liebe sagen.
Weniger vertraut – so scheint mir – sind wir mit der Soziologie der Liebe. Wie kommunizieren wir Liebe? Wie können wir uns gegenseitig zeigen, daß wir uns lieben? Woran kann die Geliebte erkennen, daß sie geliebt wird? Indem wir Gefühle benennen? Liebe bekennen? Geschenke schenken? Niklas Luhmann hat hierzu überraschende und zugleich ganz einleuchtende Beobachtungen gesammelt (u.a. Liebe als Passion, 1983)
Liebe ist daran zu erkennen, daß der Liebende sein Handeln ganz auf das Erleben des Geliebten einstellt. Das heißt: Man wird nicht nur alles tun, was verlangt wird, sondern man wird zuvorkommen. Die Liebe darf sich nicht erst auf Nachfrage zu erkennen geben, sie muss allem Bitten und Fragen zuvorkommen, um nicht als Pflicht zu erscheinen. Liebe handelt nicht reaktiv, sondern proaktiv. Nur so kann sie auf das Erleben, auf die ganz persönliche Welterfahrung des Geliebten reagieren und sich in einer noch nicht definierten Situation frei bewegen. Der Liebende bleibt selbstbestimmt, indem er dem, auf den er sich ganz einstellt, zuvorkommt. Liebende lesen Wünsche von den Augen ab. Das geht nur, wenn der Liebende nicht nur etwas an dem anderen liebt, sondern die ganze andere Person in ihrer einzigartigen Individualität zur Voraussetzung ihres Handelns macht. Auch das, wie der Geliebte die geliebte Person wahrnimmt. Die ganze Welt des anderen ist wichtig. Ich sehe die Welt mit den Augen des Geliebten und also auch mich mit den Augen der anderen. Eigene Handlungen müssen in die Erlebniswelt eines anderen eingefügt werden. Diese Einstellung auf die Welt, wie sie der andere erlebt, darf von dem Geliebten nicht als Unterwerfung, Fügsamkeit, als Nachgiebigkeit oder als Konfliktvermeidungsverhalten erlebt werden. Mit einem „na meinetwegen“ ist keine Liebe zufrieden. Handeln aus Liebe passt sich nicht nur an, will nicht nur gefallen, erfüllt nicht nur Wünsche. Es geht darum, in der Welt eines anderen Sinn zu finden. Das ist nie unproblematisch. Liebe muss das Risiko eingehen, letztlich nicht zu wissen, was für den anderen gut ist. Sie hält sich daran, den anderen in dem zu bestätigen, wie er die Welt erlebt.
Wer liebt, hat die Welt, d.h. die Wünsche, Vorlieben, die Ängste, die Freuden, die Hoffnungen, das Glück und auch das Unglück des Geliebten in seine eigene Welt hinein verinnerlicht. Daraufhin zu handeln, das ist Liebe und dieses Handeln erfüllt seinen Sinn in sich selbst. Liebe erfüllt sich allein durch Liebe, wird lebendig, wenn Liebe und Liebe sich miteinander verweben. Wer Liebe testen will, kann fragen (aber wer so fragt, liebt nicht): „Handelt mein Liebespartner so, daß er/sie meine und nicht seine/ihre Welt zugrunde legt?“ (Er fährt zu schnell, obwohl er weiß, dass ich das nicht mag; sie arbeitet mehr, obwohl sie weiß, dass ich darunter leide). Wer liebt, muss seine Gewohnheiten und Interessen überschreiten, er wir immer wieder neu und überraschend im Blick auf den anderen handeln.
Ist all dies möglich? Ist das nicht eine Überforderung? Ja, das ist es. Zu wissen, dass es überfordert und dennoch zu lieben, das ist Liebe.

Dienstag, 20. Juli 2010

Liebe und Freiheit

"Es gibt nur eine Macht, die uns von uns selbst befreit, und uns alle Angst wie alle Selbstverzweiflung nimmt. Sie heißt die Liebe.
Wir kennen schon in unserem menschlichen Gemeinschaftsleben, wenn es je von dem Strahl der göttlichen Liebe getroffen war, etwas vom Leben und Walten der Liebe. Und mancher weiß beschämt und dankbar, daß er nicht das ist, was er aus sich selbst gemacht hat, sondern das, was die ihm begegnende, ihm geschenkte Liebe aus ihm gemacht hat. Diese geheimnisvolle Kraft echter Liebe beruht darin, daß sie den begegnenden Menschen sieht und versteht und behandelt nicht als den, der er hier und jetzt ist, sondern als den, der er sein kann, sein soll, sein möchte, als den Zukünftigen. Das macht einen Menschen froh und gibt ihm Vertrauen, wenn er spürt, daß der andere ihn als den Zukünftigen nimmt; daß der andere hindurchschauen kann durch alles Äußerliche, alles Alltägliche, Kleinliche, alles Unvollkommen-Halbe, das jedem anhaftet: daß der andere auf ihn vertraut. Und einem Menschen Vertrauen schenken, das bedeutet ja: an seine Zukunft glauben. Solches Vertrauen macht den, der es erfährt, glücklich und frei.
So schenkt Liebe Zukunft, so schenkt Liebe zugleich Glauben an die Zukunft. Aber alle unsere Liebe ist doch nur ein schwacher Abglanz der Liebe Gottes, die da »beweget Sonn und Sterne«. Wie schwach und gebrochen ist unsere Kraft, Liebe zu schenken und Liebe zu wecken! Das aber ist die christliche Botschaft, daß Gottes Liebe erschienen ist in Jesus Christus. Hier tritt sie aus der Verborgenheit und wird in Wort und Tat verkündet allen, die in Angst und Qual sich nach Freiheit sehnen. Gottes Liebe, die uns nimmt - nicht als die, die wir sind, zu denen wir uns gemacht haben, sondern als die, die wir nicht sind, die wir sein sollen, sein wollen, sein werden. Und dadurch macht die göttliche Liebe all das, was wir sind zum Schein und schenkt uns dafür, was wir nicht sind, unser echtes, wirkliches Sein. Gottes Liebe ist nicht ein Ziel, um das wir ringen - wer könnte sie sich erringen! -, sie ist die Macht, die uns immer schon umfängt, für die uns nur die Augen aufgehen sollen; und wir sollen die Augen richten auf den, in dem sie erschienen und wirklich geworden ist in der Welt, auf Jesus Christus. Sich von dieser Liebe getragen wissen, heißt frei sein von der Vergangenheit, frei sein von sich selbst, frei für die Zukunft, die Gott schenken will, für die Herrlichkeit, die an uns soll offenbart werden."

Ausschnitt aus einer Predigt, die Rudolf Bultmann am 2. Juli 1938 zu Römer 8,18-27 gehalten hat (Marburger Predigten, Tübingen 1956, S. 68-69)

Mittwoch, 3. Februar 2010

Der zuversichtliche Sämann



Das Gleichnis vom Sämann in Markus 4 läßt sich auf zweierlei Weise lesen. Wir können unseren Blick auf die unterschiedliche Bodenbeschaffenheit lenken. Oder wir blicken auf den Sämann, der zuversichtlich den Samen ausstreut, ohne sich über den Boden allzuviel Gedanken zu machen. Seine Zuversicht wird belohnt. Der fruchtbare Boden trägt überreichlich. Der Sämann streut seine Liebe aus, Jesus verschenkt seine Liebe überall hin, ohne Berechnung. Er vertraut darauf, dass seine Liebe Frucht tragen wird. Wir lieben, immer wieder zuversichtlich, ohne zu berechnen, ohne in der Enttäuschung zu resignieren, und werden durch das Gleichnis ermutigt, dass es sich lohnt. Die Liebe wird Frucht tragen. Wenn wir so denken und handeln, ist das Reich Gottes schon gegenwärtig.
Der Sämann in den Bildern von Van Gogh sät aus vor dem Hintergrund einer riesigen Sonne, die viel Kraft hat, vor dem Licht (Gottes).

(angeregt duch eine Andacht meines guten Freundes Roland)

Montag, 11. Januar 2010

Was Wertschätzung mit Liebe zu tun hat: Axel Honneth

Zur Post vom 9.1. zu Liebe als wechselseitiges Anerkennungsverhältnis habe ich heute in der Frankfurter Rundschau ein aufschlussreiches Interview mit Axel Honneth gelesen, hier ein längeres Zitat:

"Bei dem, was ich mit Anerkennung meine, geht es weder um die gegenseitige rechtliche Anerkennung von Staaten noch um die Anerkennung von Tatsachen. Es geht um die Anerkennung von Personen mit bestimmten normativen Ansprüchen.

Was heißt das?

Die Anerkennung, dass der Andere berechtigt ist, an mich Forderungen zu stellen. Ich muss anerkennen, dass er berücksichtigt werden muss. Ich kann nicht einfach an ihm vorbei, über ihn hinweg tun, was ich will. Das ist die Kernbedeutung. Da ist jemand, auf den ich Rücksicht zu nehmen habe. ....Hegel kam ja von Hölderlin. Die große Entdeckung dieser jungen Männer war, dass die Liebe als eine Form der wechselseitigen Anerkennung zu verstehen ist. Das war Hegels Ursprungserfahrung.

Liegt die eigentliche Errungenschaft aber nicht gerade in dem Verlassen dieser Ursprungserfahrung? Darin nämlich, dass ich den anderen nicht toll finden muss, um ihn anzuerkennen?

Ja, das ist, was wir heute als Anerkennung, als rechtlichen Respekt bezeichnen. Die unbedingte Anerkennung der Autonomie des Anderen. Unbedingt, also auch ohne die Voraussetzung unserer Zuneigung oder gar Liebe. Ich fände es allerdings fatal, wenn die anderen Formen der Anerkennung über dieser aus dem Blick gerieten. Für unser Selbstverständnis, für das Leben in der Gemeinschaft, für die soziale Integration haben diese anderen Dimensionen der Anerkennung mindestens eine ebenso große Bedeutung wie die rein rechtliche.

Ohne Liebe und auch ohne Wertschätzung fehlt den Gesellschaftsmitgliedern eine wesentliche Dimension des Einbezogenseins. Bei der Wertschätzung geht es ja darum, einem Anderen über die Anerkennung als ein anderes autonomes Subjekt hinaus einen Mehrwert zu geben, aufgrund bestimmter Eigenschaften oder Leistungen, die er anderen voraushat. Bei der Wertschätzung geht es also nicht um die Anerkennung unter Gleichen, sondern um die Anerkennung eines Besonderen."

Samstag, 9. Januar 2010

Liebe als wechselseitiges Anerkennungsverhältnis

Wenn wir heute von Liebe sprechen, haben wir zunächst Intimität und emotional intensive Beziehungen im Blick. Diese Vorstellung verstellt uns aber eine Verständnis dessen, was Liebe im neutestamentlichen Sinne meint.
Paulus schrieb den Hymnus der Liebe in 1.Kor 13 in eine Situation hinein, in der die Gemeinde Korinth von Status- und Anerkennungskämpfen absorbiert war: Wer hat den höchsten Rang, das höchste Ansehen: Paulus, oder diejenigen, die in Zungen reden, die Wundertäter, die Lehrer der Gemeinde? Der Möglichkeitsgrund, so zu fragen, war ein Denken in Hierarchien, in Über- und Abwertungen.
Das Konzept Liebe unterläuft nun dieses Denken. Liebe ist die Durchsetzung wechselseitiger vollständiger Anerkennung. Sie setzt an die Stelle asymmetrischer, hierarchischer Verhältnisse untereinander ein symmetrisches Verhältnis. Jeder hat eine einzigartige Würde. Jeder ist in seiner Eigentümlichkeit, Eigensinnigkeit, Andersartigkeit, Seltsamkeit, Begabung, Könnerschaft vollständig anerkannt.
Diese Liebe hat Gott in Jesus Christus gelebt. Gott anerkennt uns, und das eben nicht "von oben her", sondern von Angesicht zu Angesicht, als Bruder, als Freund. Gott nimmt uns im Glauben in seine Liebesgemeinschaft, in die Trinität hinein, die ein Symbol für absolute gegenseitige Anerkennung ist (Vater, Sohn, Heiliger Geist). In dieser Anerkennung werde ich frei und voller Frieden. In die Freiheit gestellt, bin ich in der Lage, wechselseitig-symmetrische Anerkennungsverhältnisse einzugehen, d.h. zu lieben und geliebt zu werden, und zu leiden, wenn meine Anerkennung nicht auf Gegenanerkennung stößt. Aber diese Liebe lässt sich nicht enttäuschen: Sie hofft alles, sie duldet alles. Sie weiß, sie hat den längeren Atem. Denn diese Liebe ist das Fundament aller Wirklichkeit.

Angeregt durch: Falk Wagner, Selbstdarstellung, in: Henning, Christian/Lehmkühler, Karsten (Hrsg.), Systematische Theologie der Gegenwart in Selbstdarstellungen, Tübingen 1998, S. 276-299.

Sonntag, 6. Dezember 2009

Beziehungsreichtum - Beziehungslosigkeit

Um wieder tiefer zu verstehen, wie der Tod Jesus am Kreuz zu verstehen ist, habe ich das Lexikon RGG (Religion in Geschichte und Gegenwart, 4. Auflage) zu Rate gezogen und einen sehr gehaltvollen Artikel von Eberhard Jüngel zum Stichwort "Rechtfertigung" gefunden. Daraus zwei Zitate, die man ruhig mehrmals lesen sollte, weil sie Vieles auf wenig Platz, typisch für Lexikonartikel, sagen möchten. Besonders gut gefallen hat mir die Verwendung der Worte "Beziehungsreichtum" und "Beziehungslosigkeit", weil sie so gut geeignet sind, das zu beschreiben, worum es bei Sünde und Heil geht, um ein Beziehungsgeschehen zwischen Gott und Mensch:

"Unter Gerechtigkeit ist diejenige Ordnung des Beziehungsreichtums des Lebens zu verstehen, durch die die grundlegenden Lebensverhältnisse (das Verhältnis des Menschen zu Gott, zu seiner sozialen und natürlichen Umwelt und zu sich selbst) so zu ihrem Recht kommen, daß sie sich gegenseitig begünstigen. Ungerechtigkeit tritt dann ein, wenn eines dieser fundamentalen Lebensverhältnisse sich auf Kosten anderer durchzusetzen versucht, beispielsweise dann, wenn das Selbstverhältnis des Menschen zu rücksichtsloser Selbstverwirklichung verkommt und Gottesverhältnis wie Weltverhältnis dieser rücksichtslosen Selbstverwirklichung dienstbar gemacht und instrumentalisiert werden...in der Welt ist nichts mehr um seiner selbst willen interessant. Interessant ist nur noch, was man damit oder daraus machen kann. An die Stelle von Beziehungsreichtum tritt wachsende Beziehungslosigkeit. Die Bibel nennt diesen Drang in die Beziehungslosigkeit Sünde. "

"Gottes den Gottlosen rechtfertigende Gerechtigkeit wird im Evangelium offenbar, das als Wort vom Kreuz (1Kor 1,18) den Tod Jesu Christi als dasjenige Heilsereignis proklamiert, in dem der Gott, der sich hingebende Liebe ist, die selbstverschuldete tödliche Beziehungslosigkeit des Sünders an unserer Stelle erlitten und kraft seiner schöpferischen Liebe mitten im Tode neue Beziehungen und neues Leben geschafffen hat.
Indem er, von seiner hingebungsvollen Liebe bewegt, den als 'der Sünde Sold' (Röm 6,23) in die Welt gekommenen (Röm 5,12), über den Sünder verhängten Fluchtod erleidet, wird die Sünde zum Vergehen verurteilt und zum Vergehen gebracht.
Indem er, von seiner schöpferischen Liebe bewegt, mitten im Tode den Beziehungsreichtum des göttlichen Lebens durchsetzt, entstehen im geschöpflichen Raum neue Beziehungen und Lebensverhältnisse, in die der gerechtfertigte Sünder einbezogen wird: der aus Glauben Gerechte wird leben (Röm 1,17), weil er mit Gott zusammenleben kann und wird. "

Freitag, 23. Oktober 2009

Yoko Ono - Liebe als Antrieb


Yoko Ono - das ist für Beatles-Fans die Frau, die die Beatles auseinander brachte. Für John Lennon war sie die Frau, durch die er Liebe lernte. Für Kunstkenner ist sie eine der bedeutensten Fluxus-Künsterinnen. Ein zentrales Konzept sind für sie "Instructions", Anweisungen an die Besucher ihrer Austellung wie z.B. "Reiße ein Loch in ein Blatt Papier und betrachte dadurch den Himmel." - "Höre auf einen Herzschlag"- "Hämmere einen aus der Wand heraushängenden Nagel in die Wand". Das bedeutet für sie Lebendigkeit (vgl. http://100acorns.blogspot.com/)

Im neuen Spex 323, S. 40-43, findet sich ein spannendes Interview mit Yoko Ono, in dem ich sie zum erstenmal selbst höre (nicht nur ihre Stimme, die mir in Songs immer zu sirenenhaft war) und ich bin schwer beeindruckt. Sie ist mittlerweile 76 Jahre alt.


Der Interviewer Max Dax fragt: "Sie gehen auch immer weiter, kommen künstlerisch nie zum Stillstand. Woher beziehen sie ihre Inspiration?" Sie antwortet:
"Meine Liebe zum Leben gibt mir die Kraft und die Energie. Wenn man die Liebe als Antrieb wählt, ist es leichter, Kunst zu produzieren. Viele Leute werden Künstler, weil sie reich werden wollen oder weil sie denken, sie könnten berühmt werden. Das mag ihnen sogar gelingen. Aber ich bin felsenfest der Überzeugung, dass Liebe der beste Antrieb ist, um gute Kunst zu machen. Liebe ist so eine unglaubliche Kraft. Die Kraft liegt im Lächeln. Kommt einem, ganz generell gesprochen, die Liebe abhanden, dann wird man krank. Erst verliert man seine Identität, anschließend die Gesundheit. Die Leute lachen immer, wenn ich so rede, aber ich glaube nun mal fest an die heilende Kraft der Liebe und an Liebe als Antrieb und Währung. Liebe ist eine sehr starke Währung. Auf alle Fälle ist Liebe eine stärkere Währung als Geld. Auch meine Kunst entsteht nicht als Beitrag zum Kunstmarkt, sondern um einen spirituellen Beitrag zu leisten. Die heilende Kraft, die auf diese Weise freigesetzt wird, wird sich in Weltfrieden manifestieren."
Nun ja, der letzte Satz erscheint mir etwas hochgegriffen, eine bei Künstlern nicht selten zu findende religiöse Überhöhung der Fähigkeiten von Kunst. Aber dennoch, ihr Statement hat mich ermutigt. Liebe als Antrieb für die Arbeit, nicht Anerkennung oder Geld.

Mittwoch, 30. September 2009

Berührt-sein

Heute greife ich zu einem älteren Heft des Materialdienstes der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (12/2006) und entdecke darin einen Artikel der von mir sehr geschätzten Psychotherapeutin Eva Jaeggi (S. 463-470). Sie fragt darin, welche Hilfe die Psychotherapie bei der Suche nach einem „sinnvollen“ Leben bieten kann. Ich zitiere daraus Absätze, die das Phänomen des "Berührt-seins" bewußtmachen und als besonders sinnerfüllt die Verknüpfung von Berührt-sein und Verantwortung/Verpflichtung hervorheben.

"Das Erlebnis der Sinnlosigkeit des eigenen Lebens bedeutet…, allen Vorstellungen zufolge, die ich gefunden habe, dass man innerlich von nichts mehr berührt werden kann, dass man das Gefühl, mit einer Sache verbunden zu sein, nicht mehr erreichen kann.
Ich denke, dass jeder Mensch das Gefühl des intensiven Berührt-seins irgendwann einmal gekannt hat — und sei es in der Kindheit. Die Vorfreude auf Weihnachten oder den Geburtstag, der Eifer, mit dem Kinder sehr ernsthaft und glücklich an einem Bauwerk arbeiten oder eine Babypuppe wickeln — das alles sind, sofern ein Kind nicht psychisch sehr krank ist - Tätigkeiten, die den von Huizinga so genannten „heiligen Ernst" des Spiels verkörpern, in dem Person und Werk sich nahtlos verbinden.
Jeder Mensch weiß zumindest aus der kindlichen Erinnerung, wie solch ein „Berührt-sein" aussieht, die meisten aber kennen es natürlich auch aus späteren Zeiten: das Anhören von Musik, das Glück einer Verliebtheit oder ein Naturerlebnis können so stark sein, dass daraus sehr glückliche Stunden oder Tage entstehen, in denen die Frage „wie sinnvoll" das Leben sei, gar nicht auftaucht.
Nun wäre es unsinnig zu verlangen, dass man diese meist mit Euphorie verbundenen Erfahrungen sehr häufig macht. Man kann nicht im Dauerzustand der Erregung leben. Das „Berührt-sein", so müsste man sagen, kann nicht nur in den „Peak-Erlebnissen" des Außergewöhnlichen bestehen. Das „Berührt-sein" kann still vor sich gehen, kontinuierlich — wie in der Zufriedenheit mit einer Arbeit, mit einer schönen Reise, einem interessanten Gespräch, oder eben mit dem Alltäglichen. Das „Berührt-werden" muss nicht dauernd spürbar sein.
Wenn wir es in der Sprache der Psychoanalyse ausdrücken: dem eigenen Leben Sinn zu geben heißt: Dinge, Aktivitäten und Geschehnisse libidinös besetzen zu können, also psychische Energie (wir können natürlich auch Interessen sagen) - und dies scheint mir außerordentlich wichtig — von sich selbst abziehen zu können, mit einer Sache, einer Aktivität, einem anderen Menschen zeitweise verschmelzen zu können ohne dass nur die eigene Person dabei wichtig ist.
Wenn wir also imstande sind, unsere narzisstische Liebe, also die auf uns selbst gerichteten Interessen, zurückzustellen, indem wir eine andere Sache in den Mittelpunkt stellen — dann würden wir wohl das erreichen, was man mit erlebtem „Sinn" bezeichnen könnte. Diesen Zustand könnte man auch Selbsttranszendenz nennen, und viele Religionswissenschaftler sehen darin die Essenz der religiösen Erfahrung.
Die Unfähigkeit, von sich selbst abzusehen, alles, was man tut oder erlebt, immer nur auf die eigene Person zu beziehen, macht auf Dauer gesehen unglücklich und erzeugt das Gefühl, es sei alles „sinnlos". Der Narziss ist, wie man weiß, alles andere als glücklich. Die Welt und alle Tätigkeiten nur immer wieder unter dem Gesichtspunkt der eigenen Person zu betrachten — also bewusst oder unbewusst zu fragen: Nützt es mir? Stehe ich dabei im Mittelpunkt? Bekomme ich genügend Prestige – erzeugt auf die Dauer Leere und Langeweile.

Was immer uns berührt und heraushebt aus der Alltäglichkeit, kann in einer guten Psychotherapie durch die längere Überprüfung im Dialog auf seine Tauglichkeit für ein individuelles Leben geprüft werden. Die aufmerksame Begleitung, die ein Mensch durch die Therapie erfährt, zwingt ihn zur sorgfältigen Überprüfung dessen, was er erfahren hat an Transzendieren seiner Person und dessen, woran er sein Herz gehängt hat; eine Überprüfung auch dessen, was er für so wertvoll hält, dass er sich selbst in einen „Dienst" dieses Wertes stellt, dafür viel opfert und anderes darüber vielleicht vernachlässigt (so wie workaholics das oft tun). Aber auch Erfahrungen der Selbsttranszendenz in der Musik, im Gebet oder im Verständnis für einen Gedanken (vielleicht sogar im selbständigen Erarbeiten eines solchen) zu erringen — das alles bedarf einer sehr sorgsamen Überprüfung im eigenen Leben.
Wie wir aus der Psychoanalyse wissen, kann sehr vieles der Abwehr dienen: der Abwehr von Konflikten, von Ambivalenzen, von unerträglicher Trauer und Angst. Eine Überprüfung daraufhin, ob diese Selbsttranszendenz die Möglichkeit, sich autonom zu entfalten, sich freizumachen von beengenden Vorurteilen und kreativer mit der Welt umzugehen, bietet: das alles lässt sich nur in einem längeren Prozess der Überwachung des eigenen Lebens - am besten im Angesicht eines wohlwollenden und unbestechlichen Anderen, z.B. eines Therapeuten — feststellen. Auch Selbsttranszendenz, das Aufsuchen von die Person übersteigenden Möglichkeiten kann dem Narzissmus dienen. So betrachtet, ist es nicht nur ein Augenblicksgefühl, das Sinn verleiht, sondern die Summe vieler Erfahrungen, die langsam dazu beitragen, dass das eigene Leben einem als eines erscheint, das erfüllt ist, auch im Zusammenhang mit anderen Menschen und wo die Frage nach dem „Sinn" des eigenen Lebens gar nicht mehr auftaucht. Wo Verantwortung gefühlt wird und diese ernst genommen und in Handlung übersetzt wird, verblasst die Sinnfrage.
Spirituelle Erfüllung, also die libidinöse Besetzung einer Idee, einer Verpflichtung oder eines Ideals, das die eigene Personen transzendiert, kann dann nie Selbstzweck bleiben. Immer gründet das Sinnerleben letztlich in Verpflichtungen, die außerhalb der narzisstischen Besetzung der eigenen Person stehen."

Donnerstag, 17. September 2009

Jochen Distelmeyer: Lass uns Liebe sein

Jochen Distelmeyer war der Kopf der herausragenden deutschen Band "Blumfeld", die von 1991-2006 mit eigener musikalischer Sprache, die von Album zu Album zugänglicher wurde, vor allem aber durch die poetische Sprachkraft von Distelmeyer beeindrucken konnte. Für mich einer der ganz wenigen unpeinlich in Deutsch singenden Poppoeten. Distelmeyer ist nicht religiös, dafür politisch klar links und humanistisch eingestellt. Er versucht, in seinem nichtreligiösen, politisch engagierten Daseinsentwurf dem Leben möglichst tiefen Sinn abzugewinnen. Linkssein impliziert ja immer auch die Sehnsucht nach einer anderen Wirklichkeit, das Leiden an der "Diktatur der Angepassten" (so ein Song vom Albun "Testament der Angst" von 2001). Immer wieder kommt er auf die Sinnerfüllung durch die Liebe zu sprechen. So auch in dem neuen Song aus dem ersten Soloalbum. Ich finde seine Text immer sehr wahrhaftig, von keiner "Anpassung", keiner "Vorsicht" oder "Rücksicht" entschärft. Ich finde einen Teil meiner Identität als moderner Mensch in seinen Texten gut repräsentiert. Auch wenn der "Mehrwert" eine spirituellen Existenz fehlt. Gleichwohl eine große Bereicherung. Das Video zum Song unterlegt den Text mit einer Stimmung der Freude am gemeinsamen Interagieren mit anderen Menschen, das auf nichts anderes aus ist, als gemeinsam - in gegenseitiger Wertschätzung und Beachtung und im gekonnten Zusammenspiel (der Tanz) - Glück zu erleben.

Dienstag, 4. August 2009

Gefühle (2): Liebe zu Gott

Im Buch „Philosophie der Gefühle“ wagen sich Christoph Demmerling und Hilge Landweer auch an eine phänomenologische Beschreibung der Liebe zu Gott (154-156). Einige Highlights möchte ich gerne zitieren und mit einigen Beispielen aus der Bibel ergänzen.

„Das…Kriterium, dass der Liebe das Bestreben eigentümlich ist, dem Objekt der Liebe nahe sein zu wollen, gilt sicherlich auch für die Liebe der Gläubigen zu Gott. Das Kriterium, dass Liebe auf etwas gerichtet ist, was dem Liebenden fehlt und wonach er sich sehnt, gilt ebenfalls für die Gottesliebe…Begehrt wird in der Liebe der Menschen zu Gott nicht mehr uns nicht weniger als die Teilhabe am Göttlichen, an dem, was den Menschen entweder ganz fehlt oder dessen sie jedenfalls nicht dauerhaft teilhaftig sein können, wonach sie sich aber sehnen.“ (155)
Paulus möchte Christus „erkennen“ und mit diesem Erkennen ist sicherlich ein liebendes Erkennen gemeint, das zu engster Lebensgemeinschaft mit Christus führt (Philipper 3,7-11). Sein größter Wunsch ist es, aufzubrechen und „mit Christus zu sein.“ (Philipper 1,23)

„Als ein weiteres Kriterium für die Liebe im Vollsinn hatten wir den Kontakt mit dem Objekt der Liebe, das Involviert-Sein in gemeinsame Situationen, genannt….Bei der Liebe der Gläubigen zu Gott kann man sicherlich sagen, dass mit der Nähe zu ihm auch gemeinsame Situationen angestrebt werden, dass Gläubige sich Gott etwa im Gebet nahe fühlen und hoffen, durch das Gebet erhört zu werden.“ (155)
Gutes Beispiel dafür ist 1. Johannes 5,14-15.

„Der Gläubige weiß sich von Gott geliebt, aber auch er liebt ihn nicht deswegen, als eine Art Gegenleistung, sondern darum, weil Gott derjenige ist, der er ist – er liebt ihn um seiner selbst willen. Das gleiche gilt für die Liebe von Gott zu den Menschen; auch diese Liebe ist im Christentum ausdrücklich nicht an bestimmte Eigenschaften oder Wohlverhalten gebunden, sondern auf die Person als ganze mit all ihren Fehlern. Damit ist ein weiteres zentrales Kriterium der Liebe erfüllt“ (155)
Ich denke hier an das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Der liebende Vater läuft ihm entgegen, sobald er ihn sieht und umarmt ihn.

„Das Kriterium, dass personaler Liebe am Wohlergehen des anderen gelegen ist, drückt das Interesse an seinen Belangen und an der Verwirklichung seiner Bestrebungen aus, genau das, was der Gläubige tut, wenn er Gottes Gebote befolgt.“ (156)
Das bestätigt z.B. 1. Johannes 5,1-3.

Montag, 3. August 2009

Gefühle (1): Liebe

Das Buch „Philosophie der Gefühle“ von Christoph Demmerling und Hilge Landweer wirft vertrautes und gleichzeitig überraschendes Licht auf die Frage, was Liebe ist (S. 127-165). Was zeichnet personale Liebe als Gefühl aus (d.h. nicht als Grundhaltung, sondern als etwas, was einem episodisch widerfährt und auch leiblich spürbar ist)?
1. Liebe strebt danach, der geliebten Person nahe sein zu wollen.
2. Liebe ist auf etwas gerichtet, was dem Liebenden fehlt und wonach er sich sehnt.
3. Liebe möchte mit der geliebten Person in gemeinsame Situationen involviert sein.
4. Liebe und hat das Bedürfnis, als Liebe wahrgenommen und angenommen zu werden, im besten Fall Gegenliebe zu erfahren.
5. Liebe richtet sich nicht auf bestimmte Eigenschaften aus, sondern an die gesamte Person um ihrer selbst willen. Sie zielt auf die Individualität des Geliebten.
6. Liebe wünscht der geliebten Person Gutes, hat Interesse an ihren Belangen und an der Verwirklichung ihrer Bestrebungen. „Der Wunsch, dem anderen im umfassenden Sinn Gutes zu tun, ist ausschließlich für die Liebe konstitutiv. Für die Umsetzung dieses Guten müssen aber die Bedürfnisse des Gegenübers bekannt sein.“ (S .136). Zum Wunsch, Gutes zu tun, gehört auch das Sorgen, das „Sich-kümmern-um“ („caring“).
7. Personale Liebe ist dauerhaft angewiesen auf gemeinsame kommunikative Situationen, auf Mitteilung, auf Gespräche („Diskurse“).
8. Körperlich wird Liebe als Weitung (im Gegensatz zur Engung, Bedrückung) erfahren, „das Herz geht einem auf“.
9. Liebe ist ein stärkeres Gefühl als Sympathie, Wohlwollen und Zuneigung, ist mit ihnen aber verwandt und scheint sie zur Voraussetzung zu haben. Liebe ist stärker auf die andere Person bezogen und will am stärksten mit der anderen Person in Verbindung treten.
Diese Merkmale gelten nicht nur für die Paarliebe, sondern auch für die Elternliebe, die Liebe der Kinder zu ihren Eltern, die Geschwisterliebe, für enge Freundschaften, und auch für die Liebe zu Gott (dazu bald mehr!)

Christoph Demmerling/Hilge Landweer, Philosophie der Gefühle. Von Achtung bis Zorn, Stuttgart: Metzler, 2007. ISBN 978-3-476-01767-3