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Samstag, 19. Dezember 2009

Gottesnähe - Spiritualität

Seit einiger Zeit schreibe ich an einer längeren Ausarbeitung zum Thema: "Gottesnähe erfahren. Urchristliche Spiritualität im Kontext ihrer Zeit." Auch in diesem Blog sind schon Bausteine dazu erschienen.
Kürzlich erneut ermutigt, diese Zugangsweise zu neutestamentlichen Texten zu beschreiten, hat mich die Lektüre einiger Seiten in Hans Weders "Neutestamentlichen Hermeneutik" aus dem Jahr 1986, S. 288-293:

"Die Nähe Gottes war grundlegend für das gesamte Wirken und Reden Jesu. Das Gebet in Getsemane reagiert auf die Nähe Gottes, statt sie erst herstellen zu wollen" ("Abba, mein Vater, alles ist dir möglich. Nimm diesen Kelch fort von mir! Aber nicht was ich will, sondern was du willst, soll sein." Markus 14,36).

"Das Gebet Jesu verdankt sich der Nähe Gottes. "

Man könnte das Gebet verstehen als konzentrierte Spiritualität des Menschen, als Gebärde, wo sich die Spiritualität sozusagen verdichtet. Spiritualität ist ein anderes Wort für Gottesbezug. Mann könnte auch sagen: Spiritualität ist die Erscheinungsform des Glaubens. Dazu ist das Gebet der Ort, wo der Glaube zugleich Gestalt annimmt und möglich wird."

"Das Beten Jesu scheint von der völligen Gewißheit auszugehen, daß es sich an den ganz nahen Gott wendet - an den Vater, über den Tisch hinweggesprochen. Von dieser Nähe lebt sein Gebet. Und diese Nähe schließt ein Beten aus, das meint, Gott erst noch bewegen zu müssen."

"In der Bitte findet der Beter Schutz davor, seiner Eigenmacht alles zuzutrauen."

Samstag, 5. Dezember 2009

Gottes Nähe erfahren - Hinweise des Matthäusevangeliums

Wie erfährt man - nach Vorstellung von Matthäus - schon heute Gottes Nähe?
1. Hier kommt zunächst einmal der Glaube an Jesus als Christus ins Spiel (Theologen sprechen von der „Christologie“). Jesus selbst ist „Gott mit uns“ (Immanuel, Mt 1,22). Gott ist also in Gestalt von Jesus in seinem Volk präsent, sichtbar und berührbar. Schon die Weisen aus dem Morgenland verehren den neugeborenen König der Juden, den Messias. Nach Kreuzigung und Auferstehung verheißt Jesus seinen Jüngern und allen, die sich von ihnen das Evangelium sagen lassen, sich taufen lassen und alles halten, was Jesus gesagt hat: „Ich bin bei euch (oder: „mit euch“) alle Tage bis zum (zeitlichen) Ende der Welt.“ (28,20). Diese begleitende Nähe gilt auch für das gemeinsame Gebet und den Gottesdienst: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich in ihrer Mitte (griech.: en meso autou).“ (18,20)
2. Der im Himmel inthronisierte Christus, der sagt: „Mir wurde (vom Vater) alle Macht im Himmel und auf der Erde gegeben“, er spricht zu den Menschen durch seine Lehre. Er ist gegenwärtig durch seine Lehre, an vorderster Stelle durch die Bergpredigt. Er ist der einzige Lehrer der Gemeinde: „Ihr sollt euch nicht Lehrer nennen lassen, denn einer ist euer Lehrer: Christus.“
3. Weil aber diese Lehrer, Jesus, der Christus, zu seinem Vater „mein Vater“ spricht, darum sind alle, die seinen Worten folgen ermächtigt, Gottes Vaternähe zu erleben, indem sie „mein Vater“ oder „unser Vater“ zu ihm sagen. Die Nähe Gottes wird Realität, sobald so zu Gott gesprochen wird. Darum heißt es aber auch: "Ihr sollt niemanden unter euch Vater nennen auf Erden; denn einer ist euer Vater, der im Himmel!"
4. Dieser durch Jesus und seine Worte nahe Vater, der doch im fernen Himmel „wohnt“, ist gleichwohl auch auf Erden anwesend: die Erde ist der „Schemel seiner Füße“ (Mt, 5,35) Jerusalem ist seine Stadt (5,35) und der Tempel „sein Haus“ (21,14). Ja, selbst im im Verborgenen ist er präsent und er sieht in das Verborgene. Gott ist zwar nicht einfach abstrakt oder grundsätzlich allgegenwärtig, aber sein Möglichkeitspielraum ist uneingeschränkt. Es gibt "Orte“ auf der Erde, die er bevorzugt: den Tempel in Jerusalem, aber auch einsame Orte, das Herz des Menschen in aller Abgeschiedenheit (Mt. 6,4; 6,6; 6.18). Gott ist vor allem auch dort, wo Männer auf ihre Männlichkeitsrituale verzichten müssen: im eigenen Stüblein, in der auf sich selbst zurückgeworfenen Seele.

Freitag, 13. November 2009

Bergpredigt - zukünftige Gottesnähe

Die zukünftige (eschatische) Gottesnähe wird mit unterschiedlichen Bildern in den Glückselig-preisungen (Matthäus 5,3-11) sichtbar gemacht, die stark in der Anschauungswelt der Schriften Israels (AT) verwurzelt sind:

- „das Reich der Himmel besitzen“: Der Himmel ist der unbestrittene Machtbereich Gottes, er gehört ganz Gott, und so auch ganz den Seliggepriesenen. Damit gibt Gott an seinem Besitz völligen Anteil, verheißen wird eine engste „Besitzgemeinschaft“, d.h. „Machtteilhabe“, also „Throngemeinschaft“. Die räumliche Nähe zu Gott, konkret: neben ihm sitzen, sollte man sich hier vorstellen, eine nicht zu überbietende Statuserhöhung.

- „getröstet werden“, d.h. von Gott getröstet werden. Trösten ist eine Geste der zärtlichen Berührung, man wird in den Arm genommen, Tränen werden abgewischt, Worte der Beruhigung werden gesprochen.

- „die Erde ererben“: Das Reich Gottes umfasst nicht nur den Himmel, sondern auch die Erde, als Raum ist es der „neue Himmel und die neue Erde“, also eine Sphäre der Einheit von Geistlichkeit und Leiblichkeit. Darum kann man dort auch

- „satt werden“: Jesus vergleicht das Himmelreich oft mit einem edlen Festmahl, an dem man tatsächlich satt wird. Psalm 23,5: "Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein."

- „Barmherzigkeit erlangen“: Barmherzigkeit zeigt sich in Gesten Zuwendung, der Berührung und des Versorgens.

- „Gott schauen“. Dies ist die direkteste Aussage der heilvollen Gottesnähe, Gottes Angesicht sehen, die Schönheit der Schönheiten anblicken und dabei nicht sterben, sondern ewig leben – ein Genuß, keine Qual. Die Beter im alten Israel finden Gottes Angesicht in seinem Tempel: Psalm 27,8-10: "Mein Herz hält dir vor dein Wort: »Ihr sollt mein Antlitz suchen.« Darum suche ich auch, HERR, dein Antlitz. Verbirg dein Antlitz nicht vor mir, verstoße nicht im Zorn deinen Knecht! Denn du bist meine Hilfe; verlass mich nicht und tu die Hand nicht von mir ab, Gott, mein Heil! Denn mein Vater und meine Mutter verlassen mich, aber der HERR nimmt mich auf."

- „Gottes Kinder heißen“: Dies ist die Geste der Anerkennung durch Gott, die Annahme als Kinder, als Söhne Gottes. Hosea 2,1: "Doch die Zahl der Söhne Israel wird wie Sand am Meer werden, den man nicht messen und nicht zählen kann. Und es wird geschehen, an der Stelle, an der zu ihnen gesagt wurde: Ihr seid nicht mein Volk!, wird zu ihnen gesagt werden: Söhne des lebendigen Gottes." Die Söhne wiederum regieren mit Gott, sind also zum höchstmöglichen Status erhöht.

Dienstag, 20. Oktober 2009

Gottesnähe bei Kohelet – Freude im dem von Gott geschenkten Glück trotz Mühe und Flüchtigkeit des Lebens

Der von Gott gewährte Besitz der Weisheit selbst als Erfahrung der Nähe Gottes, wie sie so euphorisch in Sprüche 1-8 beschrieben wird oder noch inniger in der Weisheit Salomos 7-8, lehnt Kohelet ab. Weisheit ist für ihn keine charismatische Gabe Gottes (in Sprüche 8 ist die Weisheit sogar das erste Geschöpf Gottes noch vor der Weltschöpfung; in Jesus Sirach 24 hat sich die Weisheit im Gesetz Gottes inkarniert), sondern nur eine menschliche, zwar von Gott geschaffene Fähigkeit, die aber „unter der Sonne“ in ihrer Erkenntnisfähigkeit erheblich begrenzt ist.

Gottesnähe, soweit sie „unter der Sonne“ überhaupt erfahrbar sein kann, stellt sich vielmehr dann ein, wenn Gott in den positiven Widerfahrnissen wahrgenommen wird (2,24-25): "Es gibt nichts Besseres für den Menschen, als dass er isst und trinkt und seine Seele Gutes sehen lässt bei seinem Mühen. Auch das sah ich, dass dies alles aus der Hand Gottes kommt."
Glück „unter der Sonne“ ist angesichts der Flüchtigkeit menschlichen Lebens eine unverfügbare Gabe Gottes. Gottes letztlich nicht ergründbares Handeln im persönlichen Lebenslauf und in den Zeitläuften ruft die „Furcht vor Gott“ hervor, ein Erschrecken vor dem aus menschlicher Sicht unberechenbaren Gott (7, 13-14): „Sieh das Werk Gottes an! Ja, wer kann gerade machen, was er gekrümmt hat? Am Tag des Glücks sei guter Dinge! Und am Tag des Unglücks bedenke: Auch diesen hat Gott ebenso wie jenen gemacht!“
In die Gottesfurcht einbezogen ist aber eben auch die Wahrnehmung des von Gott geschenkten Glücks. Die dabei entstehende gegenwärtige Freude, die Vergangenes und Zukünftiges vergessen lässt, deutet Kohelet als starkes Gefühl, das er dem Wirken Gottes verdankt – er erkennt, dass es Gott ist, der Menschen mit diesem Gefühl beschäftigt (5,19). Diese Stimmung der Freude durchbricht damit den Flüchtigkeitscharakter des Lebens. Noch weitere sechs mal nach 2,24-25, also insgesamt siebenmal, stimmt Kohelet in diese freudige Gefühlslage ein, ja ermutigt zur Freude angesichts der Undurchschaubarkeit dessen, was einem selbst und anderen widerfährt:

3,10-13: Ich habe das Geschäft gesehen, das Gott den Menschenkindern gegeben hat, sich darin abzumühen. Alles hat er schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt, nur dass der Mensch das Werk nicht ergründet, das Gott getan hat, vom Anfang bis zum Ende. Ich erkannte, dass es nichts Besseres bei ihnen gibt, als sich zu freuen und sich in seinem Leben gütlich zu tun. Aber auch, dass jeder Mensch isst und trinkt und Gutes sieht bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes.

3,20-22: Alles geht an einen Ort. Alles ist aus dem Staub geworden, und alles kehrt zum Staub zurück. Wer kennt den Odem der Menschenkinder, ob er nach oben steigt, und den Odem des Viehs, ob er nach unten zur Erde hinabfährt? Und ich sah, dass es nichts Besseres gibt, als dass der Mensch sich freut an seinen Werken; denn das ist sein Teil. Denn wer wird ihn dahin bringen, hineinzusehen in das, was nach ihm sein wird?

5,17-19: Siehe, was ich als gut, was ich als schön erkannt habe: Dass einer isst und trinkt und Gutes sieht bei all seiner Mühe, mit der er sich abmüht unter der Sonne, die Zahl seiner Lebenstage, die Gott ihm gegeben hat; denn das ist sein Teil. Auch jeder Mensch, dem Gott Reichtum und Güter gegeben und den er ermächtigt hat, davon zu genießen und sein Teil zu nehmen und sich bei seiner Mühe zu freuen - das ist eine Gabe Gottes. Denn er denkt nicht viel an die Tage seines Lebens, weil Gott ihn mit der Freude seines Herzens beschäftigt.

8,15 Und ich pries die Freude, weil es für den Menschen nichts Besseres unter der Sonne gibt, als zu essen und zu trinken und sich zu freuen. Und dies wird ihn begleiten bei seinem Mühen die Tage seines Lebens hindurch, die Gott ihm unter der Sonne gegeben hat.

9,7-10: Geh hin, iss dein Brot mit Freude und trink deinen Wein mit frohem Herzen! Denn längst hat Gott Wohlgefallen an deinem Tun. Deine Kleider seien weiß zu jeder Zeit, und das Salböl fehle nicht auf deinem Haupt. Genieße das Leben mit der Frau, die du liebst, alle Tage deines nichtigen Lebens, das er dir unter der Sonne gegeben hat, all deine nichtigen Tage hindurch! Denn das ist dein Anteil am Leben und an deinem Mühen, womit du dich abmühst unter der Sonne. Alles, was deine Hand zu tun findet, das tue in deiner Kraft! Denn es gibt weder Tun noch Berechnung, noch Kenntnis, noch Weisheit im Scheol, in den du gehst.

11,9-12,1: Freue dich, Jüngling, in deiner Jugend, und dein Herz mache dich fröhlich in den Tagen deiner Jugendzeit! Und lebe nach dem, was dein Herz wünscht und wonach deine Augen ausschauen! Doch wisse, dass um all dieser Dinge willen Gott dich zur Rechenschaft ziehen wird! Entferne den Unmut aus deinem Herzen und halte Übel von deinem Leib fern! Und denke an deinen Schöpfer in den Tagen deiner Jugendzeit, bevor die Tage des Übels kommen und die Jahre herannahen, von denen du sagen wirst: Ich habe kein Gefallen an ihnen!

Montag, 21. September 2009

Wo erlebst Du die Nähe Gottes?

Ich habe das im Rahmen eines Gottesdienstes im kleinen Kreis gefragt. Folgende Antworten wurden ein Blatt Papier geschrieben:



"Die Nähe Gottes erlebe ich hauptsächlich in ruhigen Stunden, wenn ich draußen (Natur) sein kann und mit ihm reden kann. Ich erlebe diese Nähe jedoch auch sehr in meinen Beziehungen, bei Freunden oder in der Familie"


"Die Nähe Gottes erlebe ich jedesmal, wenn ich mir seine Gegenwart bewusst mache, besonders beim Lobpreis oder in der Natur."


"Die Nähe Gottes verstärkt sich bei gemeinsamen Gesprächen beziehungsweise in einer Gemeinschaft."


"Die Nähe Gottes erlebe ich im Gebet."


"Nach perfekten Tagen fühle ich mich Gott am nächsten."


"Ich erlebe die Nähe Gottes hauptsächlich in der Natur, wenn ich etwas Besonderes, Neues oder auch Schönes sehe (ich muss aber offen dafür sein)."


"Ich erlebe die Nähe Gottes in meiner persönlichen Beziehung zu Gott: Gebet, Bibel lesen u.a."


"Ich erlebe die Nähe Gottes, wenn mir nach bestimmten Situationen klar wird, wie sehr er mir eigentlich geholfen hat. Also oft erst im Nachhinein."

Samstag, 29. August 2009

Gute Gotteserfahrungen

Von Gott
(vom Vater, von Jesus, vom Geist)

adoptiert werden
angeredet werden
beauftragt werden
befreit werden
bewahrt werden
erhört werden
erinnert werden
ermahnt werden
erneuert werden
erwählt werden
freigesprochen werden
geführt werden
geheilt werden
gelehrt werden
geliebt werden
gesendet werden
geschützt werden
getragen werden
getröstet werden
versöhnt werden
verwandelt werden
vollendet werden

Was könnte noch ergänzt werden?

Dienstag, 18. August 2009

Eine ungewöhnliche Predigt

Die folgende chassidische Geschichte berührt mich immer wieder, wenn ich sie lese:

Die Juden in einer kleinen Stadt in Russland warteten sehnsüchtig auf die Ankunft ihres Rabbi. Sie hatten so viele Fragen, die sie dem gelehrten Mann stellen wollten. Als er schließlich bei ihnen eintraf und sie im Lehrhaus der Stadt zusammen waren, konnte der Rabbi die Spannung spüren, in der die Leute auf seine Antworten warteten. Zuerst sagte er nichts, er schaute den fragenden Menschen in die Augen, summte eine schwermütige Melodie. Langsam fielen alle Menschen ein und summten mit. Dann begann der Rabbi zu singen, und alle sangen mit ihm. Dann wiegte er seinen Körper, und schließlich tanzte er mit feierlichen Schritten. Die Gemeinde folgte seinem Beispiel. Bald waren sie so vom Singen und gottesdienstlichen Tanz gefangen, dass sie auf nichts mehr achteten. Die Spannung wich einer wunderbaren Erlösung. Die Menschen wurden innen angerührt und von ihrer Zerrissenheit geheilt. Die vielen Fragen kamen zur Ruhe. Gut eine Stunde war vergangen, als das Singen und Tanzen langsam aufhörte. Die Menschen tauchten in einen schweigenden Frieden ein, der den ganzen Raum und ihre Herzen erfüllte. Dann sagte der Rabbi die einzigen Worte an dem Abend: „Ich hoffe, dass eure vielen Fragen beantwortet sind!”

Aus Axel Kühner: Hoffen wir das Beste, S.228, © Aussaat-Verlag, Neukirchen-Vluyn.

Erläuterungen zum Chassidismus im Wikipedia-Artikel:
Chassidismus kommt von dem hebräischen Wort חסידים / Chassidim, „Fromme“ und bezeichnet verschiedene voneinander unabhängige Bewegungen im Judentum. Gemeinsam ist diesen Bewegungen der hohe Standard religiöser Observanz, der hohe moralische Anspruch sowie eine besondere Gottesnähe, die häufig mystische Ausprägung gefunden hat. Begründer des osteuropäischen Chassidismus ist Israel ben Elieser (um 1700-1760), genannt Baal Schem Tow („Meister des guten Namens“). Innerhalb weniger Jahrzehnte verbreitete sich der Chassidismus in jüdischen Gemeinden in der Ukraine, in Polen, Weißrussland, Russland, Österreich und Deutschland. Der Baal Schem Tow und seine Nachfolger betonten den Wert des traditionellen Studiums der Tora und der mündlichen Überlieferung, des Talmud und seiner Kommentare. Daneben gewann die mystische Tradition der Kabbala erheblichen Einfluss. Über dieses Studium hinaus steht im Chassidismus das persönliche und gemeinschaftliche religiöse Erlebnis an vorderster Stelle.
Die Chassidim (Mehrzahl von Chassid) versammeln sich besonders am Sabbat und den jüdischen Festtagen um ihren Rabbi (jiddisch „Rebbe“), um in Gebet, Liedern und Tänzen und auch religiöser Ekstase Gott näher zu kommen. Der chassidische Rabbi, genannt „Zaddik“ („Gerechter, Bewährter“, von hebräisch „zedek“ = „Gerechtigkeit“), ist ein charismatischer Führer und Mittelpunkt der Gemeinde und gibt die chassidischen Lehren – oftmals in Form von Erzählungen und Gleichnissen – an seine Schüler weiter.

Samstag, 8. August 2009

Jakobusbrief (2): Beschreibungen der Gottesnähe

Jakobus ist zurückhaltend in der Beschreibung von starken Erfahrungen der Gottesnähe. Kein „in Christus sein“ wie bei Paulus, kein „wir in Gott und Gott in uns“ wie im 1. Johannesbrief. Gott ist im Himmel, als „Vater der Lichter“, bei dem Jesus Christus ist, „unser Herr der Herrlichkeit“. Im „unser“ deutet sich aber auch an, dass die Gläubigen, die Jakobus immer „die Brüder“ (Geschwister) nennt, mit ihm in Verbindung stehen. Wie nun kommt Gott nahe? Ich möchte vier wesentliche Erfahrungen herausheben.
1. Gott ist den Glaubenden nahe durch das „Wort der Wahrheit“: „Nach seinem Willen hat er uns (neu) geboren durch das Wort der Wahrheit, damit wir gleichsam die Erstlingsfrucht seiner Geschöpfe seien“ (1,18). Dieses Wort ist in V.21 das „eingepflanzte Wort“, das die Macht hat, die Seele zu retten. Gott ist also in diesem Wort nahe, ein Wort, das erneuert und rettet. Was genau dieses Wort ist, verrät Jakobus nicht. Eine Parallele im 1. Petrusbrief ist da deutlicher: „Ihr seid wiedergeboren…durch das lebendige und bleibende Wort Gottes – Die ist das Wort, das unter euch verkündet wurde (euangelisthen). Die Anspielung auf das Evangelium ist hier offensichtlich, während für Jakobus das rettende Wort engstens verbunden ist mit dem Gesetz, und zwar mit dem „vollkommenen Gesetz der Freiheit“: „Seid aber Täter des Worts und nicht Hörer allein…Wer aber hineinschaut ins vollkommene Gesetz der Freiheit und an ihm festhält, wer es nicht nur hört, um es wieder zu vergessen, sondern Täter des Worts ist, dieser wird selig sein in seinem Handeln.“ (V.22.25) Das Wort ist also Zuspruch und Anspruch zugleich, erneuert und nimmt zugleich in die Pflicht. Die Nähe des Wortes Gottes ist für Jakobus also nicht ohne das Gesetz zu haben, wenn es auch ein Gesetz der Freiheit ist. Warum „der Freiheit“? Sowohl in Kapitel 1,22-27 wie auch in 2,12-13 wird deutlich, dass Jakobus Freiheit und Barmherzigkeit zusammendenkt. Hat er hier von seinem Bruder Jesus gelernt? Mit Sicherheit. Jesus ging es um eine Praxis des Gesetzes, die zur Barmherzigkeit befreit. Frei ist der Mensch, der aus Barmherzigkeit handelt. Denn es sind die Armen in der Welt, die Gott erwählt hat (2,5-6). Darum sind wir Gott nahe, wenn wir in Barmherzigkeit den Armen nahe sind.
2. Gott schenkt „von oben her“ seine Weisheit. Diese „Weisheit von oben her“ (sophia anothen), die himmlische Weisheit, die von Gott selbst kommt, hat als Gabe zugleich eine ganz besondere Qualität. „Die Weisheit von oben her ist erstens heilig, dann friedfertig, freundlich, folgsam, voller Erbarmen und guter Früchte, unparteiisch, ohne Heuchelei.“ Das erinnert an die Frucht des Geistes Gottes, von der Paulus in Galater 5,22-23 spricht: „Die Frucht des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Selbstbeherrschung.“ Die „Weisheit von oben“ kann also mit der Gabe des Geistes Gottes gleichgesetzt werden (zur Identität von Weisheit Gottes und Geist Gottes vgl. 1. Korinther 2,6-16). Gottes Nähe wird da erfahren, wo die Eigenschaften dieser „Weisheit von oben“ von Menschen gelebt und praktiziert werden.
3. Weise Menschen sind nach jüdischer Tradition Freunde Gottes. Sie lieben Gott. So kann auch Jakobus von den Gläubigen sprechen, die Gott „lieb haben“ (1,12; 2,5). Sie sind Gott nahe, weil sie Gottes guten Eigenschaften nahe sind. Die Freundschaft mit Gott wird indirekt in 4,4-5 thematisiert: „Wißt ihr nicht, dass Freundschaft mit der Welt Feindschaft mit Gott ist? Wer der Welt Freund sein will, der wird zum Feind Gottes.“ Die Freundschaft mit Gott ist aber nicht Freundschaft unter Ebenbürtigen. Der Geist Gottes (4,5) befähigt Menschen dazu, die freundschaftliche Nähe Gottes zu erfahren. Aber nach Jakobus nur, indem man Gott gehorcht, sich im unterordnet (4,7). In Ehrfurcht, im Bewusstsein, Sünder zu sein, in Demut, dürfen sich die Menschen Gott nahen: „Naht euch Gott und er wird euch nahe kommen. Reinigt die Hände, ihr Sünder, und heiligt eure Herzen, ihr Menschen mit zwei Seelen.“ (4,8)
4. Jakobus ist schließlich mit allen anderen Aposteln der Überzeugung, dass die Ankunft des Herrn nahe ist (5,8), d.h. dass das barmherzige und zugleich strenge Gericht Gottes zeitlich nahe bevorsteht: „Siehe, der Richter steht vor der Tür!“ (5,9)

Mittwoch, 29. Juli 2009

Gott ist gegenwärtig

Gerhard Tersteegen dichtete: „Gott ist gegenwärtig; lasset uns anbeten und in Ehrfurcht vor ihn treten. Gott ist in der Mitte; alles in uns schweige und sich innigst vor ihm beuge…Möcht’ wie die Engel immer vor dir stehen und dich gegenwärtig sehen! … Luft, die alles füllet, drin wir immer schweben, aller Dinge Grund und Leben … Du durchdringest alles; laß dein schönstes Lichte, Herr, berühren mein Gesichte! Wie die zarten Blumen willig sich entfalten Und der Sonne stille halten, laß mich so still und froh deine Strahlen fassen und dich wirken lassen! … Herr, komm in mir wohnen, laß mein’ Geist auf Erden Dir ein Heiligtum noch werden; Komm, du nahes Wesen, dich in mir verkläre, daß ich dich stets lieb’ und ehre! Wo ich geh’, sitz und steh’, laß mich dich erblicken.“

Tersteegen erlebt die Gegenwart Gottes und er sehnt sich nach ihr. Er betet sie herbei. Wir stehen mit ihm zunächst gemeinsam im Gottesdienst, genau so wie die Priester mit der Gemeinde im Tempel vor Gott standen und Psalmen sangen. Dann werden wir uns der allesumfassenden Gegenwart des Schöpfergottes bewußt. Gott ist in geheimnisvoller Weise allezeit anwesend. Schließlich lenkt Teerstegen die Aufmerksamkeit auf uns selbst, auf die Möglichkeit, dass unser Geist ein Ort der Gegenwart Gottes sein kann. Tersteegen greift in seinem Lied Motive aus dem Alten und Neuen Testament auf und verwebt sie zu einer ehrfürchtigen, stillen Wahrnehmung der Gegenwart Gottes, in der sich der Betende demütig ganz von Gottes Nähe umfangen weiß.

Dienstag, 28. Juli 2009

Gottesnähe im 1. Johannesbrief - in der Liebe Heimat finden

Die Gottesnähe im 1. Johannesbrief hat eine besondere Sprache für die Liebe gefunden, die sich im Sohn und im Vater offenbart. Die Erkenntnis, dass Gott die Liebe ist und er die Welt ganz in seine Liebe aufnehmen möchte, führt zu Beschreibungen der Gottesnähe, die ganz von dieser Liebeserfahrung gesprägt sind (ich in Dir, du in mir). Wer an Gottes Liebe glaubt, die sich im Vater und im Sohn offenbart hat, wird völlig in den Raum dieser Liebe, die Gott selbst ist, gestellt. Sie sind in Gott wie Gott in ihnen ist. Sie bleiben in ihm, wie er in ihnen. Welche psychischen Gefühle sind mit dieser Liebesnähe verbunden? An erster Stelle nennt der Brief die "Freude" (1,4), später die "Zuversicht" (2,28; 3,21; 4,17; 5,14), die das Gegenteil der Furcht ist. Die vollkommene Liebe treibt die Furcht, die Angst völlig aus. Diese jetzt schon durch die Erfahrung der Liebe Gottes geschenkte Zuversicht ist so stark, dass heute keine Angst mehr vor dem Gericht Gottes besteht (4,17). Die Gottesbeziehung soll und darf ganz von der Liebe durchflutet sein. In dieser Liebe, die das ewige Leben ist, wenn es die Liebe ist, die der Sohn und der Vater sind und schenken, läßt sich auf immer verweilen (menein). In ihr sind wir angekommen und es gibt keinen Grund, diese Gemeinschaft mehr zu verlassen - sie ist aber alsbald verlassen, wenn wir den Bruder hassen. Darum erkennen wir an unser Geschwisterliebe, dass wir Gemeinschaft mit Gott haben und tatsächlich angekommen sind. In der Ruhe dieser Liebe, im Angekommensein bei dieser Liebe sollen wir bleiben - sie ist der stabile Punkt, der die Welt aus den Angeln hebt. Näher können wir Gott nicht kommen -in seiner Liebe ausruhen und in der ewigen Gemeinschaft mit ihm lieben und seine Gebote halten.

Montag, 27. Juli 2009

Gottesnähe im 1. Johannesbrief

Heute Vormittag habe ich mich in „meinen Garten“ gesetzt, eine großzügige Apfelplantage in Hanglage direkt hinter meiner Wohnung. Setze ich mich unter einen dieser Bäume und blicke auf die Rheinebene - 50 km entfernt schimmert der Donnersberg im Blau - höre und sehe die Insekten kreuz und quer fliegen, rieche das Gras, beobachte die Flugzeuge, die von der Startbahn West abfliegend schon beträchtlich an Höhe gewonnen haben, dann stellt sich sofort ein Gefühl ein, weit entfernt von zu Hause Urlaub zu machen. Dann las ich gründlich den 1. Johannesbrief im Novum Testamentum Graece, um Beobachtungen zur Spiritualität im 1. Johannesbrief fortsetzen zu können.

Beschreibungen der Gottesnähe im 1. Johannesbrief

Die zukünftige (eschatische) Gottesnähe wird im 1. Johannesbrief selten beschrieben. In 1. Joh 3,2 heißt es: „Noch nicht ist offenbar, was wir sein werden. Wir wissen: wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein, denn wir werden sehen, wie er ist.“ Hier liegt das Bild des Sehens von Angesicht zu Angesicht zugrunde, das mit der Vorstellung verbunden ist, dass dieses Sehen uns in den verwandelt, den wir anschauen: ewiges Leben sein, so wie er ewiges Leben ist.
Viel öfter spricht der Brief von der gegenwärtigen (präsentischen) Gottesnähe, z.B. auch in 3,2 am Anfang: „Geliebte, jetzt sind wir Kinder Gottes“. Was bedeutet es, in der Gegenwart Kinder Gottes zu sein? Der 1. Johannesbrief findet dafür Formulierungen größter Nähe: Es beginnt mit der Aussagen: „Gemeinschaft (koinonia) mit dem Vater und mit seinen Sohn Jesus Christus haben“ (1,3). Die Kinder Gottes „wandeln im Licht“ (Gott ist Licht!), sie „sind im Licht“ und „bleiben im Licht“. Sie „haben den Vater“. Sie bleiben „im Sohn und im Vater.“ (2,24). Sie „sind aus Gott“, und Gott ist „in ihnen“ (4,4); Gott bleibt „in ihnen“ (oder auch: „mitten unter ihnen“), seine Liebe ist in ihnen vollkommen. Die Spitzenaussage ist 4,16b: „Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“. Hier wird das Kriterium der Gottesnähe, des Wandelns im Licht deutlich und klar: Es ist die Liebe, die Agape-Liebe, im Johannesbrief vor allem die praktisch werdende Geschwisterliebe.

Welche Erfahrungen haben diese Sprachbilder hervorgerufen? Ist an geisterfüllte Inspirationen gedacht? 2,27 deutet darauf hin: „Und die Salbung, die ihr von ihm empfangen habt (den Heiligen Geist), bleibt in euch, und ihr habt nicht nötig, dass euch jemand lehrt, sondern, wie euch seine Salbung alles lehrt, so ist es wahr und keine Lüge. Und wie sie euch gelehrt hat, so bleibt in ihm.“