Sonntag, 27. Februar 2011

Karen Duve - Anständig essen


"Meat is murder" - so hieß 1985 ein Album der großartigen englischen Band "The Smiths". Ihr Sänger war und ist strenger Vegetarierer. Im Buch "Anständig essen. Ein Selbstversuch", das vor kurzem erschienen ist, erzählt Karen Duve ihre Reise in die Welt anständigen Essens, die sie im Jahr 2010 unternommen hat. Mit viel Witz, Selbstironie und gleichzeitig einem tiefen Ernst bezüglich der Frage, was da moralisch eigentlich geschieht, wenn Menschen Tiere völlig für den Verbrauch verzwecken. In den ersten zwei Monaten kauft sie ökologisch ein, dann steigt sie auf vegetarische Ernährung um. Im Sommer folgt die veganische Lebensweise, schließlich der Lebensstil eines Fruktariers. Wie sich ihre innere Einstellung zum Essen aufgrund von Wahrnehmungen und Argumenten radikal wandelt und mit der Lektüre auch die Einstellung des von der Sache gepackten Lesers, ist schon erstaunlich. Das Fazit des Selbstversuchs fällt differenziert, aber nicht radikal aus. Dem Leser ist bald klar, was machbar und eigentlich unvermeidbar ist: vegetarisch essen mit ökologisch hergestellten Produkten. Denn: "Meat ist murder."

Sonntag, 30. Januar 2011

Bonhoeffer: Das neue Leben in der Welt des Vorletzten

"Jesus Christus, der Auferstandene, das bedeutet, dass Gott aus Liebe und Allmacht dem Tod ein Ende macht und eine neue Schöpfung ins Leben ruft, neues Leben schenkt. 'Das Alte ist vergangen' (2 Kor 5,17). 'Siehe, ich mache alles neu' (Off 21,5). Auferstehung ist schon mitten in der alten Welt angebrochen als letztes Zeichen ihres Endes und ihrer Zukunft, und zugleich als lebendige Wirklichkeit. Jesus ist als Mensch auferstanden, so hat er dem Menschen die Auferstehung geschenkt. So bleibt der Mensch Mensch, obwohl er ein neuer auferstandener, dem alten in keiner Weise gleicher Mensch ist. Aber freilich bis zur Grenze seines Todes bleibt er, der mit Christus schon auferstanden ist, in der Welt des Vorletzten, in die Jesus einging und in der das Kreuz steht. So hebt auch die Auferstehung, solange die Erde steht, das Vorletzte nicht auf, aber das ewige Leben, das neue Leben bricht immer mächtiger in das irdische Leben ein und schafft sich in ihm seinen Raum."

"Christliches Leben ist Leben mit dem menschgewordenen, gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus, dessen Wort als ganzes uns in der Botschaft von der Rechtfertigung des Sünders aus Gnaden begegnet. Christliches Leben heißt Menschsein inkraft der Menschwerdung, heißt gerichtet und begnadigt sein inkraft des Kreuzes, heißt ein neues Leben leben in der Kraft der Auferstehung. Eines ist nicht ohne das andere."

Zwei Zitate aus dem Kapitel "Die letzten und die vorletzten Dinge", die sich in der Ethik Dietrich Bonhoeffers finden (Dietrich Bonhoeffers Werke Bd. 6, 3. Auflage der Taschenbuchausgabe 2010), S. 137-162.

Samstag, 29. Januar 2011

Evangelisch glauben

Evangelisch glauben ist kein Privileg von Christen, die durch Mitgliedschaft der evangelischen Kirche angehören. Evangelisch glauben heißt, in einer ganz bestimmten Weise auf das Evangelium von Christus bezogen Christ zu sein.
Luther und seine Mitstreiter in Wittenberg haben in den Jahren 1512-1519 in besonders klarer Weise diesen Glaubensstil wiederentdeckt. Er besteht in einer Verknüpfung von vier sich gegenseitig stützenden und erklärenden Bausteinen:

Allein Christus (solus Christus): Christus ist die Mitte, das Zentrum des christlichen Glaubens, und zwar Christus, der Gekreuzigte und Auferstandene, als Tröster und Zuflucht in der Anfechtung und Orientierung in der Lebensführung.










Allein die Gnade (sola gratia): In Christus wendet sich Gott uns voller Erbarmen, in der Fülle seiner Gnade, zu. Er vergibt uns unsere Schuld und schenkt uns die Gewißheit, dass dies auch so ist.

Allein der Glaube (sola fide): Im Glauben gehen wir eine direkte Beziehung zu Christus ein und sind uns des Zuspruchs Gottes völlig gewiss. Der Glaube ist damit keine Autoritätshörigkeit, sondern das Erlebnis, sich ganz von Gott geliebt, angenommen und erneuert zu wissen.

Allein die Schrift (sola scriptura): Christus, Gnade und Glaube sind das, wofür die Schrift als apostolisches Zeugnis des Evangeliums die Augen öffnet. Die Schrift ersetzt die Tradition als Autorität, nicht um zu einer erneuten Gefangenschaft zu führen, sondern das Gewissen zu einer Bindung allein an Christus zu befreien.

Luther in der Leipziger Disputation 1519:
"Für einen Katholiken [= Christen, gleich welcher Konfession] ist es nicht notwendig, über die Dinge hinaus, die ihm durch die Schrift bezeugt werden, noch weitere zu glauben." (16. These)
"Die Autorität der Konzilien [der nachapostolischen Autoritäten] steht unter der Autorität der Schrift" (These 17)

Lektüretipp: Volker Leppin, Martin Luther, 2. Auflage, Wissenschaftliche Buchgesellschaft: Darmstadt 2010, 72-164.

Freitag, 7. Januar 2011

Glaubensweisheit

"Das ist doch das Vorletzte!"
so spricht die Gelassenheit des Glaubens

Dienstag, 4. Januar 2011

Presence of God

Seit einigen Wochen lese ich intensiver Texte von Ingolf Dalferth, der immer wieder danach fragt, in welcher Weise sich im christlichen Glauben "Gottes Gegenwart" zeigt. Er denkt dem, was das Wesen des Evangeliums ausmacht, mit philosophischer Ausdrucksfähigkeit nach, was seine Texte nicht leicht oder schnell lesbar macht, aber weil man lange und an Gehaltvollem "kaut", hat man gerade deshalb ein gutes "Sättigungsgefühl" nach der Lektüre.
Hier zunächst ein Zitat aus einem seiner eher ausnahmsweise in englischer Sprache geschriebenen Bücher.

"In all its varieties the Christian sense of the presence of God individualizes, i.e. transforms particular human beings into individual persons. When it dawns upon me that I live in the present, and can become present to my present, because God becomes present to me, I begin to realise my infinite dignity and uniqueness of being singled out by God. God becomes present to me as my God or God for me and places me as his singled-out creature in the presence of my creator. This marks me off from my physical, communal and personal environments but also relates me to them as one who is meant to live his life in this world in the presence of God."
(aus: Becoming present. An inquiry into the Christian Sense of the Presence of God, Leuven 2006, S. 29)

Die Art und Weise, wie er dies schreibt und entfaltet, spricht mich sehr an.

Sonntag, 2. Januar 2011

Gott mit offenen Augen sehen

Die spannende Geschichte einer Blindenheilung und die daran anschließenden Diskussionen und Worte Jesu finden wir in dem zusammenhängenden Textabschnitt
Johannes 9,1-10,39. Meine Fragestellung: Was sehen wir von Gott, wenn Jesus uns wie dem Blinden die Augen öffnet? Wenn wir spirituell sehend werden?

Wir erkennen Gott als den, der in „guten Werken“ heilt und schöpferisch wirkt (9,3-7; 9,32-33, 10,32)
Wir erkennen Gott als den, der in Jesus selbst erscheint.
Wir erkennen Jesus als Menschensohn und verehren ihn als Herrn (9,35-38)
Jünger des Mose erkennen im Gesetz Gottes wahres Wesen nicht; es erzeugt sogar falsche Beurteilung von Menschen: der Blinde sei ein Sünder (V.34); Jesus sei ein Sünder, weil er am Sabbat heilt (V.16)
Gott zeigt sich als Vater, der Jesus, den Sohn, sendet, damit wir Jesus als Sohn erkennen und so Leben und volle Genüge haben sollen (10,10)
Der Sohn und der Vater sind eins(10,30)
Der Sohn ist vom Vater in die Welt gesandt (10,36)
Jesus ist der Gute Hirte, der sein Leben lässt für die Schafe (10,11), er gibt sein Leben für uns 17)
Hier wie auch sonst wird deutlich: Das Thema der Johannesevangeliums ist Jesus selbst - Jesus als Offenbarung des Wesens Gottes: Gott kommt heilend und rettend auf uns zu und gibt sich für uns hin.

Samstag, 11. Dezember 2010

Für uns geschehen - das Evangelium mit Paulus verstehen

Ich freue mich sehr, dass dieses Buch jetzt erscheinen kann. Hier habe ich meine wesentlichen Erkenntnisse zur Theologie und Spiritualität bei Paulus formuliert.

Auf dem Rückcover stehen Auszüge aus dem Geleitwort von Rolf Pöhler:
"Dieses Buch lädt ein, sich mit den Hauptlinien paulinischer Theologie gründlich zu beschäftigen. Es nimmt die Leser mit hinein in ein aufmerksames Hören auf den großen Apostel und seine Botschaft von Jesus Christus als dem tragenden Grund christlicher Existenz. Es will dazu anleiten, die Briefe von Paulus aufmerksam zu lesen, sie näher zu betrachten, ihre Botschaft neu zu verstehen und auch existenziell zu erfahren. Was Christus für uns getan hat, nimmt uns persönlich so mit hinein in seine Lebensgeschichte, dass sie zu unserer eigenen Geschichte wird."
Weitere Informationen: Inhaltsverzeichnis(PDF) und Leseprobe: Kapitel 7 "An Christus glauben" (PDF)

Sonntag, 5. Dezember 2010

Matthäus 5,3 im Licht von Psalm 33,19 (LXX)

In der griechischen Bibelübersetzung von Psalm 34,19 (Psalm 33,19 LXX/Septuaginta) steht:

"Nahe ist der Herr denen, die im Herzen verwundet sind (im Herzen zerschlagen sind),
und die Niedrigen/Demütigen im Geist (tous tapeinous to pneumati) wird er retten!"

Das ist mir sofort als erhellende Parallelstelle zu Matthäus 5,3 aufgefallen: "Selig sind die Armen im Geist". Der parallelismus membrorum in Psalm 33,19 (LXX) macht die erste Zeile zur Erläuterung der zweiten Zeile. "Arm im Geist" ist der, der im Herzen verwundet ist. Was aber ist damit gemeint? Im Kontext von Psalm 34 (33 LXX) ist eine Notsituation, eine Bedrängnis gemeint, die die innere Stärke geschwächt hat, gedacht sein könnte aber auch an die Sündenerkenntnis. In jedem Fall geht es um Menschen, die sich in einer inneren oder äußeren Schwächesituation befinden, aus der heraus sie der gütige Gott rettet (Psalm 34, 7-9).

Sonntag, 7. November 2010

Nachhaltiger Lebensstil

Was motiviert Christen dazu, nachhaltig im ökologischen Sinne zu leben?
Ich möchte diese Motivation an der Kennzeichnung als "Ebenbild" Gottes verdeutlichen.
Im biblischen Schöpfungsbericht wird menschliche Existenz als geschöpfliche Existenz gedeutet: Ich bin Geschöpf inmitten von anderen Geschöpfen. Alle verdanken ihr Leben Gott. Der Mensch wird von den anderen Geschöpfen - den Tieren unter dem Himmelszelt, in den Meeren und auf dem Land - dadurch ausgezeichnet, dass er "Ebenbild Gottes" ist. Im Alten Orient wurde diese Auszeichnung in der Regel nur den Königen verliehen. Die Bibel sagt nun, dass alle Menschen Königsstatus und damit Herrschaftsrechte haben. Aber ihre Herrschaft sollen sie nicht untereinander ausüben, sondern gegenüber den Tieren. Allerdings nicht, um sie zu töten, sondern um die zu "beherrschen" und damit zu bewahren. Gen 1,28-31 setzt Vegetarismus voraus.
Der Mensch hat diese Ebenbildlichkeit verloren, weil er die seiner Herrschaft gesetzten Grenzen überschreiten wollte und überschritten hat. Davon berichten die Kapitel 3-11 in 1. Buch Mose. Alle nun "mangeln der Herrlichkeit, die sie bei Gott haben sollten", schreibt Paulus in Römer 3 und spielt damit auf die verlorene Ebenbildlichkeit an. An die Stelle bewahrender trat die zerstörerische, ausbeutende Herrschaft des Menschen gegenüber sich selbst, gegenüber seinen Mitgeschöpfen und gegenüber der Natur.
Das neue und endgültige Ebenbild Gottes ist Gottes Sohn, der Mensch Jesus. Er hat vertieft definiert, was Ebenbildlichkeit Gottes bedeutet: Barmherzigkeit ("Seid barmherzig, wie Gott barmherzig ist"), Erbarmen, Feindesliebe, Hingabe, Versöhnung. Nachfolge, das ist Leben im Dasein für andere (Bonhoeffer).
Im Glauben werden wir mit Christus verbunden, und damit auch mit seiner Barmherzigkeit und seinem Erbarmen in Beziehung gesetzt. Wir sind "in Christus" erneuerte Ebenbilder Gottes geworden, die in vertiefter Weise eine barmherzige und liebende Beziehung zur Mitwelt pflegen.
Ein ökologisch nachhaltiger Lebensstil gehört damit wesenhaft zum Sein als Christ. Versöhnung bezieht sich nicht nur auf den Mitmenschen, sondern auch auf die Tiere und die gesamte Mitschöpfung.

Freitag, 5. November 2010

Lebensregeln finden

"Mit etwa 18 Jahren war ich überzeugt, dass der Mensch sich nur dann voll entwickelt und zu einer personalen Einheit findet, wenn er seinem Leben einige wesentliche Grundlinien vorgibt."
(Rex Brico: Taizé - Frère Roger und die Gemeinschaft, Freiburg/Basel/Wien 1979, S. 182)

"Lass in deinem Tag Arbeit und Ruhe vom Wort Gottes ihr Leben empfangen."
"Wahre in allem die innere Stille, um in Christus zu bleiben."
"Lass dich druchdringen vom Geist der Seligpreisungen: Freude, Barmherzigkeit, Einfachheit."
(Kathryn Spink, Frère Roger - Leben für die Versöhnung, Freiburg 2005, S. 75)

Donnerstag, 4. November 2010

November

Heute bin ich - bei frühlingshaften Temperaturen von fast 17 Grad - durch den Novemberwald gejoggt. Als Einstimmung in die "novemberliche" Zeit hier ein - wie ich finde - gelungenes Gedicht meines Kollegen Burkhard Mayer (mit freundlicher Genehmigung) zum November:



November

Hüllst dich ganz gern in Nebel
Bist kein Verkehrter
Du Jahresrestschönheitsverwerter
Entlauber mit eigenem Zauber
Du veranstaltest kein
Sommertheater
Betreibst lieber Windspiele
Und heulst im Wald und in Gassen
Lässt Wolken am Himmel verblassen
Zeigst deine erdigen Farben
zeigst deinen Reichtum im Kargen
Sammelst versäumtes Schweigen
Gibst der Stille Gewicht
Veredelst auch schwaches Licht
Verlangsamst den Jahreslauf
Und die Seele sie atmet auf.

Dienstag, 2. November 2010

Rezeptivität und Kreativität

Auf die Frage, was das Leben sinnhaft und glückerfüllt macht, gibt es unzählige Antworten. Als ich dazu vorgestern gefragt wurde, fielen mir aus meiner Erfahrung zwei wesentliche "Wege zum Glück" ein: Rezeptivität und Kreativität.
Rezeptivität ist die Fähigkeit, gezielt zu erleben, sich etwas anzueignen: Musik hören und in ihren melodischen und rhythmischen Strukturen spüren, Kunst mit ihren Formspielen genießen, gelungen formulierte Texte lesen, Zusammenhänge aller Art erkennen, eine imposante Landschaft erleben, sich geliebt wissen, Wertschätzung empfangen...
Kreativität wiederum ist die Fähigkeit, zu gestalten, etwas zu formen: ein Musikstück, ein Gemälde, eine Skulptur, einen Text, einen Garten, lieben, Wertschätzung schenken...eine Unterrichtsstunde, eine Gespräch, einen Geschäftsabschluss, eine Werkstück...
Im Wechsel von Rezeptivität und Kreativität liegt das Glück. Nur das eine oder das andere wäre zu einseitig. Nur Rezeptivität führt zum "Gammelleben", nur Kreativität zum Burnout (Übrigens: in einer Depression gehen beide Fähigkeiten verloren und können - in der Regel durch ärztliche Hilfe - nur langsam wiedergewonnen werden. Da helfen keine Ratschläge fürs Glück).
Ich denke daran, wie das Verhalten Gottes in Schöpfungsbericht 1. Mose 1/Genesis 1 beschrieben wird. Er ist kreativ und freut sich dann am Geschaffenen: er schaut es an und befindet es für sehr gut. Am siebenten Tag ruht er aus, heiligt den Sabbat als Tag der Rezeptivität.

Donnerstag, 21. Oktober 2010

Belle and Sebastian



Belle and Sebastian gehören zu den außergewöhnlichsten Bands der letzten 15 Jahre. Ihre aktuelle CD "Write about love" ist ein fast perfektes Popalbum geworden mit einer Musik, die ihre Wurzeln in einem geradezu kammermusikalischen Folk-Pop hat. Das gepostete Video dokumentiert den letzten wunderbaren Song des Albums "The life pursuit" von 2006. Der Bandleader und Komponist Stuart Murdoch ist Christ. In einem Interview (Musikexpress 2/2006, S. 27) berichtet er von der wöchentlichen Teilnahme am Gottesdienst, von der Bedeutung des Gebets für ihn und dann führt er aus:

"Ich war...lange Jahre sehr krank. Ich musste aufhören zu arbeiten, die Uni abbrechen, alles. Das war so von 1989 bis die Band (Anfang 1996) zusammenkam. Ziemlich die ganzen sieben Jahre war ich krank. Das war das größte, überwältigenste, was mir je passiert ist. Klar: wenn sich deine ganze Welt auf den Kopf stellt. Und in so einer Situation kommen dir Gedanken, die du vorher nicht hattest. Über spirituelle Dinge.
Was ist der Gott, den du dir vorstellst?Hm..Ich weiß nicht, ich fühle einfach, dass das etwas hinter dem ganzen Alltäglichen steckt. Ich tagträume gern. Aus diesen Tagträumen kommen die ganzen Songs und Ideen und guten Gefühle. Und ich hab das Gefühl, das ist derselbe Ort, wo ein anderer, größerer Geist wohnt."

Montag, 18. Oktober 2010

Was sind Helden?

Was sind Helden? Sieger?

"Helden sind für mich Leute, die Ziele haben, die unerreichbar wirken, und die diese Ziele dennoch angehen und erreichen. Mit einer großen positiven Sturheit, nicht mit Verbissenheit. Leute, die ihre Grenzen immer austesten, etwas schier Unmögliches erreichen - und das trotzdem auf eine sympathische Weise."

aus einem Interview mit dem Filmemacher Jan Tenhaven zu seinem Film "Herbstgold", einem Dokumentarfilm über 5 Sportler im Alter zwischen 82 und 100 Jahren.

Samstag, 9. Oktober 2010

Kaleb - ein anderer Geist ist in ihm

Kaleb ist ein Mann im besten Alter, noch sehr stark, aber auch schon erfahren, 40 Jahre alt. Er wird von Mose als Haupt des jüdischen Stammes mit 11 anderen Stammesfürsten dazu ausgewählt, das verheißene Land auszukundschaften. 40 Tage sind sie unterwegs, von der Wüste her in immer fruchtbareres und stark bewohntes Land. Vorsichtig erkunden sie die blühenden Landschaften im Spätsommer, zur Zeit der ersten reifen Weintrauben. Besonders beeindruckend war das Tal Eschkol. Hier wuchsen außergewöhnlich reich tragende Weinstöcke. Heimlich nahmen sie einen großen Weintraubenzweig mit, ebenso leckere reife Granatäpfel und Feigen. Welche Leckereien für Männer, die monatelang in der Wüste unterwegs gewesen waren. Mit diesen Zeichen, dass das verheißene Land tatsächlich fruchtbar ist, kamen sie zu Mose und zum Volk zurück. Die Wortführer der Gruppe berichten von ihrer Erkundung, äußern aber auch ihre Bedenken und Sorge: Die Bevölkerung sei stark, wohne in befestigten Städten und die Männer seien sehr groß. Mehrere Völker befänden sich zudem im zu erobernden Gebiet.
Erst jetzt schaltet sich Kaleb ein, als er spürt, dass sich die Sorge der Männer auf die Stimmung des Volkes zu übertragen beginnt und sich gegen Mose zu wenden beginnt. Er versucht zu beruhigen: Auf Leute, kein Verzug, seid zuversichtlich! Wir können der Herausforderung Herr werden. Wir schaffen das!“ Aber da widersprechen ihm die anderen Kundschafter. Sie beginnen zu dramatisieren: „Die sind zu stark!“ Die großen Männer im Land Kanaan werden in ihrer Phantasie zu Riesen, sie selbst zu Zwergen: „Sie sind über die Maßen groß! Gegen sie kamen wir uns vor wie kleine Heuschrecken.“ Damit kippt die Stimmung des Volkes endgültig, ihre Angst wird zur Panik, zur Verzweiflung, zur totalen frustrierten Enttäuschung: Die ganze Gemeinde brach in Geschrei aus und weint in die Nacht hinein. In die Tränen mischte sich Wut, ja Empörung gegenüber Mose und Gott; sie murrten gegen ihn und malen ihm den Tod vor, den sie bereits vor Augen sehen: „Wären wir doch nur in Ägypten oder in der Wüste gestorben. Warum will uns Gott in das Land da bringen, damit wir durch das Schwert fallen. Wir alle werden ihnen zur Beute werden. Auf, zurück nach Ägypten. Lasst uns neue Führer wählen.“
Im Lager beginnt mitten in der Nacht ein Machtkampf. Aber Aaron und Mose fallen nur von der Gemeinde auf ihr Angesicht. Demütig schweigen sie. Josua und Kaleb, die beiden mutigen Kundschafter, hingegen werden zornig, zerreißen ihre Kleider und ermahnen die Gemeinde mit ernsten Worten: Das Land ist sehr gut! Gott will uns in dieses Land führen. Empört euch also nicht gegen Gott und habt keine Furcht vor den Landesbewohnern. Nicht wir werden von ihnen, sondern sie werden von uns verschlungen werden. Gott ist mit uns!“ Aber das Volk hört nicht auf sie. Vielmehr machen sie sich auf, Mose und Aaron, Josua und Kaleb zu steinigen. Eine Revolte bricht aus! Im letzten Augenblick erscheint die Herrlichkeit Gottes, das Licht Gottes, vor allen an der Stiftshütte. Voller Zorn fragt Gott: Wie lange will dieses Volk noch gegen mich murren? Es folgen Gerichtsworte, Moses Fürsprache für das Volk und die Strafe für die Revolte. Nur zwei hatten nicht gemurrt, Josua und Kaleb. In der Gottesrede wird Kalebs Verhalten herausgehoben: Meinen Knecht Kaleb, den bringe ich in das Land, denn ein anderer Geist war in ihm und er stand völlig hinter mir

Zwei Grundhaltungen stehen sich in der Geschichte gegenüber:

Das Volk Israel und 10 Kundschafter „murren“.
Sie sind besorgt und zweifeln am Erfolg. Sie steigern sich in Frust und Empörung hinein. Sie sind von Mutlosigkeit und Ohnmachtsgefühlen bestimmt. Sie haben Angst vor der Herausforderung. Im Angesicht der Herausforderung schauen sie zurück, verklären die Vergangenheit, das alte Leben in Ägypten. Unglaube ist also
Orientierung an der Sorge, zu erkennen am „Murren“.


Kaleb und Josua sind mutig und ermutigen andere. Ihr Verhalten steigert sich von Ermutigung zur dringlichen Mahnung. Sie sind verantwortungsbereit, sehen Perspektiven, öffnen sich den Möglicheiten Gottes, zeigen sich zukunftsorientiert und hoffnungsvoll. Glaube ist zuversichtliche Orientierung an der Zusage Gottes, zu erkennen am Mut und an Standhaftigkeit.

Paulus spielt in Phil 2 auf diese Wüstengeschichte an. In Phil 2,14-15 ermuntert er die Gemeinde in Philippi:

„Tut alles ohne Murren und ohne Zweifel, damit ihr ohne Tadel und lauter seid, Gottes Kinder, ohne Makel mitten unter einem verdorbenen und verkehrten Geschlecht, unter dem ihr scheint als Lichter in der Welt, dadurch dass ihr festhaltet am Wort des Lebens“.

Murren, das ist für Menschen „in Christus“, für Kinder Gottes, eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Denn sie leben aus dem Neuen, das Gott schenkt. Sie sind zu ihm emporgehoben. Sie sollen wie Lichter in der Welt scheinen: Lichter sind freundlich, sie erhellen das Leben, sie strahlen.
Du möchtest als Christ wachsen und reifen? Höre auf zu meckern, zu murren, dich zu beschweren, dich an der Sorge, am Unmut zu orientieren. Diese Haltung gehört zum alten Leben, zum murrenden Unglauben, den Du doch hinter dir lassen möchtest und "in Christus" schon hinter dir gelassen hast.
Gott ruft uns durch das Evangelium in eine andere Orientierung hinein: sein Geist will uns mit Zuversicht und mit Mut erfüllen. Das gilt ganz allgemein für alle Lebenssituationen. Wir empfangen von ihm eine zuversichtliche Tatkraft. Er befähigt uns zur Arbeit in der Liebe. Er macht uns nicht passiv, sondern initiativ, bereit zur Mitarbeit am Reich Gottes.