Das zweite Album kann über Amazon als mp 3 käuflich erworben werden. Es hat aber über weite Strecken nicht die spirituelle Qualität wie das erste Album (klingt zu sehr countrymäßig).
Montag, 25. Februar 2013
Lazarus
"Lazarus" war eine christliche Folk-Band, die Anfang der 70er Jahre ein außergewöhnlich schönes gleichnamiges Album aufgenommen hat (Harmoniegesang, traumhafte Bassläufe, mehrere akustische Gitarren, dezentes Schlagzeug, geistlich-geistreiche Texte). Ich habe es gerade mal wieder beim Lauftraining im frischen Schnee gehört. Leider ist es kaum erhältlich, man muss es irgendwie finden....

Das zweite Album kann über Amazon als mp 3 käuflich erworben werden. Es hat aber über weite Strecken nicht die spirituelle Qualität wie das erste Album (klingt zu sehr countrymäßig).
Das zweite Album kann über Amazon als mp 3 käuflich erworben werden. Es hat aber über weite Strecken nicht die spirituelle Qualität wie das erste Album (klingt zu sehr countrymäßig).
Freitag, 22. Februar 2013
Christliche Freiheit 3 - Jesus von Nazareth
Jesus von Nazareth greift diese
Verheißung auf und sieht sie in seinem Wirken sichtbar werden. Er hat einen
genauen Blick für die bedrückenden Zustände in Palästina. Er sieht die große Armut, in der die
Mehrheit der Bevölkerung lebt. Er sieht
auf den Gassen und außerhalb der Dörfer die Kranken, die Besessenen, die
Weinenden, die Trauernden, die Hungrigen. Er sieht ein Festhalten an falschen Sicherheiten: Er sieht unermesslichen Reichtum, satte und
zufriedene Menschen, die das Leid ausblenden und mit sich rundum zufrieden sind
und allein darum besorgt, ihren Besitz nicht zu verlieren. Er sieht die Gewalt der Mächtigen, die
unter allen Umständen an ihrer Macht festhalten wollen und danach streben,
Erster zu sein. Er sieht Fromme, die
den Leidenden ihr Leid als Folge von Sünde zuschreiben und sonst darauf bedacht
sind, minutiös Speise- und Reinigungsverordnungen einzuhalten, die im Laufe der
Zeit den biblischen Regeln hinzugewachsen waren. Er sieht einen Tempel, der zu einem Handelsunternehmen verkommen ist.
Jesus sieht einen tiefen Mangel an
Barmherzigkeit und Solidarität. Er sieht eine
Gesellschaft, in der Besitzende, Mächtige und Fromme nicht solidarische und
damit befreiende Gemeinschaft schaffen, sondern tiefere Gräben zwischen die Menschen
treiben.
In den Seligpreisungen stellt sich Jesus radikal auf die
Seite der Armen, Hungernden und Leidenden. Er verspricht ihnen eine baldige Änderung
ihrer Situation im Reich Gottes. (griech. basileia
theou). Das Reich Gottes ist die Welt und Gesellschaft universaler
Solidarität. In voller Kraft ist das Reich zwar noch eine zukünftige Größe (Mk 13,26–27), aber es bricht nach Jesus schon gegenwärtig an, vor allem auch in
seinem eigenen Wirken. Jesus ist von der Grundgewissheit getragen, dass die
heilvolle Gottesherrschaft nicht erst nach dem Weltgericht beginnt, sondern
schon in die Gegenwart hineinreicht, gewissermaßen aus der Zukunft in die Gegenwart hineinspringt. Jesus verkündet:
die Königsherrschaft Gottes ist im Anbruch. Den Gegenwartsaspekt des Reiches Gottes bindet Jesus an die heilenden
und befreienden Erfahrungen, die Menschen in der Begegnung mit ihm machen, vor
allem Kranke und Besessene. Jesus wendet sich als
Befreier (Exorzist) immer wieder diesen fremdbestimmten, dem eigenen Ich
verlustig gegangenen Menschen zu, um sie aus Gefangenschaft herauszuholen.
Die Spiritualität Jesu ist radikal auf Gottes Reich
ausgerichtet und bezieht von dort her eine befreiende „Sorglosigkeit“. Das zukünftige
Reich Gottes bestimmt für Jesus schon die Gegenwart: Und daher tritt an die
Stelle irdischer Sorge um die eigene Zukunft das absolute Vertrauen in die
Sorge des himmlischen Vaters. „Sorgt
euch nicht um das Leben, was ihr esst, noch um den Leib, was ihr anzieht! Denn
das Leben ist mehr als die Nahrung, und der Leib mehr als die Kleidung. Blickt
auf die Raben! Sie säen nicht, sie ernten nicht, noch haben sie eine Scheune.
Aber Gott nährt sie doch. Wie viel mehr seid ihr wert als die Vögel! Also sorgt
euch nicht: Was sollen wir essen, was
trinken, was anziehen? Nach dem allen trachten nämlich die Völker. Euer
Vater weiß, dass ihr dessen bedürft. Sucht ihr nur seine Herrschaft, und dies
wird euch hinzugegeben werden.“ (Auszüge aus Mt 6,25-34)
Jesus führte die Männer und Frauen vor die Frage: Wer bin
ich angesichts der Gottesherrschaft? Einige rief er in besonderer Weise in
seine Nähe und damit in die Nachfolge und
Wanderschaft: „Folge mir nach!“ Jesus reißt sie aus traditionellen sozialen
Verpflichtungen heraus: „Folge mir nach und lass die Toten ihre Toten
begraben!“ (Mt 8,22 par). An die Stelle bürgerlicher, dörflicher Traditionen
tritt das Risiko, in der engen Gemeinschaft mit Jesus seinen Vater als
barmherzigen Gott kennenzulernen, dessen Reich unmittelbar bevorsteht. Das
bedeutet Konzentration auf die Gegenwart und das Zukünftige. In der Nähe Jesu,
in der Nachfolge, lernen sie Barmherzigkeit und die Fähigkeit, die
Ausgeschlossenen in ihre Gemeinschaft mit einzuschließen. Jesus lehrt sie, die
in ihrer Gesellschaft Unscheinbaren zu sehen, die vielen chronisch Kranken, Tagelöhner,
Frauen, die sich mit Prostitution über Wasser halten, Kinder mit ihren Müttern.
Sie lernen glauben, d.h. an der Seite Jesu verzichten sie auf die üblichen
Sicherheiten, um sich einer ungesicherten Freiheit im Vertrauen zum gütigen
Vatergott zu stellen. Sie lassen sich auf das Abenteuer ein, die sich nahende
„Gottesherrschaft“ zur alles bestimmenden Mitte ihrer Existenz werden zu
lassen. Gerade auch Frauen konnte Jesus eine befreiende Anerkennung vermitteln,
die sonst unüblich war. Man denke nur an Maria und Martha, Maria von Magdalena
oder an die samaritanische Frau am Jakobsbrunnen.
Eine Quäkerweisheit bringt den spirituellen Lebensstil Jesu
ziemlich gut auf den Punkt: „Grenzenlos glücklich, absolut furchtlos und immer
in Schwierigkeiten.“ Jesus thematisierte in einigen Gleichnissen die Gefährlichkeit
der von ihm gelebten Spiritualität, die ja in einem völlig ungesicherten
Vertrauen auf Gottes Güte und Vorsorge gründete und dabei die bestehenden
Machtstrukturen in Frage stellte. Er rechnete auch mit Verfolgung bin hin zum
Martyrium, das er dann schließlich mit seinen Zeichenhandlungen in Jerusalem
bewusst riskierte. Sein messianisches Wirken zielte nicht auf eine
realpolitische Machtergreifung in Jerusalem, sondern darauf, dass Gott, sein
Vater, rettend zum Heil der Welt eingreift. In Gewaltlosigkeit hat er dies bis
zum demütigenden und entwürdigenden Tod am Kreuz – von den Römern als „Herren
der Welt“ veranlasst – durchgehalten.
Gott hat seinen Sohn nicht im Tod gelassen, sondern
auferweckt und ihn zum wahren Herrn
der Welt eingesetzt: das bezeugen die ersten Apostel, die ihn als
Auferstandenen sahen. Ihr Evangelium lautet: In Jesu Geschick hat Gott
tatsächlich rettend und befreiend eingegriffen. Gott war in Christus, er hat
die Welt durch seinen Sohn mit sich selbst versöhnt, die Sünden vergeben und
das Tor zum neuen, ewigen Leben geöffnet. Wer an Jesus und mit ihm verbunden an
den barmherzigen Vater glaubt, gewinnt Anteil an Gottes neuer Schöpfung. Diese
Wahrheit macht spirituell frei und so erklärt Jesus im Johannesevangelium den
Juden, die ihm geglaubt hatten: Wenn ihr in meinem Wort bleibt, so seid ihr
wahrhaft meine Jünger; und ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit
wird euch frei machen. Sie antworteten ihm: Wir sind Abrahams Nachkommenschaft
und sind nie jemandes Sklaven gewesen. Wie sagst du: Ihr sollt frei werden?
Jesus antwortete ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Jeder, der die Sünde
tut, ist der Sünde Sklave … Wenn nun der Sohn euch frei machen wird, so werdet
ihr wirklich frei sein (Joh 8,31-36; vgl. dazu auch Röm 6,14 und Röm 8,2). Seiner Gemeinde spricht er zu: „Ich
sage hinfort nicht, dass ihr Knechte seid; denn ein Knecht weiß nicht, was sein
Herr tut. Euch aber habe ich gesagt, dass ihr Freunde seid; denn alles, was ich
von meinem Vater gehört habe, habe ich euch kundgetan.“ Der Vater liebt den Sohn. In diese Liebe
wird die Gemeinde durch die Freundschaft Jesu hineingenommen. Sie kann somit
die Wahrheit bezeugen: Gott ist die
Liebe. Größte Gottesnähe und höchste Anerkennungserfahrung liegen hier ineinander.
Sonntag, 6. Januar 2013
Religion: gewaltanfällig oder friedenstiftend?
In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Zeichen der Zeit 2013/1, S. 7-10 ist ein Artikel erschienen, in dem ich zum Problem der Gewalt in Religionen Stellung nehme. Hier ein Auszug:
"Mein Eindruck ist, dass es sich nicht zuletzt auch an den prägenden Vorstellungen, wie Gott fühlt und handelt, entscheidet, ob man mit Religion im politischen Feld eher Gewaltanwendungen oder eher Friedenaktivitäten begründet.
Der Gott derjenigen, die politische Gewalt mit ihrem Glauben rechtfertigen, ist voller Zorn über Unrecht, das den Armen und den ihm Getreuen zugefügt wird. Er ist empört, wenn sein Name missbraucht wird, wenn Gegenstände, die auf ihn hinweisen, entweiht werden. Er erregt Fromme zum heiligen Zorn und zu Gewalt, damit sie sich in seinem Namen für den Kampf für das Gute gegen das Böse und die Gottlosigkeit einsetzen. Er hat ein Land oder Volk dazu erwählt, das Böse auf Erden zu bekämpfen, um Ziele wie Frieden oder Freiheit auch mit Waffengewalt durchzusetzen.
Der Gott derjenigen, die sich als Friedensstifter verstehen, lässt es regnen über Gerechte und Ungerechte. Er ist langmütig. Seine treue Liebe ist stärker als sein Zorn. Seinen Zorn über die Sünde trägt er an sich selbst aus, und so offenbart er sich als der Versöhner, der aus Feinden Freunde gemacht hat. Er ist der Gott des Friedens. Jesus hat ihn als „Vater“ offenbart, als Abba, als lieben Vater, der seine Kinder dazu einlädt, sanftmütig zu sein und so barmherzig, wie er selbst barmherzig ist, bis hin zum Gebot: Liebe deine Feinde.
Beide Gottesvorstellungen lassen sich mit Aussagen aus heiligen Texten der Religionen belegen. So kommen Gläubige nicht umhin, zu gewichten und zu entscheiden, wo sich Gott in seinem Wort verlässlich als der offenbart, der er wirklich ist, und welche Konsequenzen dies für das Verhalten auf dem politischen Feld hat.
Wenn ich Muslim wäre, würde ich darauf setzen, was zu Beginn jeder Sure insgesamt 114 Mal im Koran steht: „Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen.“ Gott ist im Wesen der Barmherzige.
Als Christ, als Nachfolger Jesu, vertraue ich darauf, dass mir Jesus von Nazareth, der Christus, sichtbar macht, wer Gott von Herzen ist: der barmherzige Vater.
"Mein Eindruck ist, dass es sich nicht zuletzt auch an den prägenden Vorstellungen, wie Gott fühlt und handelt, entscheidet, ob man mit Religion im politischen Feld eher Gewaltanwendungen oder eher Friedenaktivitäten begründet.
Der Gott derjenigen, die politische Gewalt mit ihrem Glauben rechtfertigen, ist voller Zorn über Unrecht, das den Armen und den ihm Getreuen zugefügt wird. Er ist empört, wenn sein Name missbraucht wird, wenn Gegenstände, die auf ihn hinweisen, entweiht werden. Er erregt Fromme zum heiligen Zorn und zu Gewalt, damit sie sich in seinem Namen für den Kampf für das Gute gegen das Böse und die Gottlosigkeit einsetzen. Er hat ein Land oder Volk dazu erwählt, das Böse auf Erden zu bekämpfen, um Ziele wie Frieden oder Freiheit auch mit Waffengewalt durchzusetzen.
Der Gott derjenigen, die sich als Friedensstifter verstehen, lässt es regnen über Gerechte und Ungerechte. Er ist langmütig. Seine treue Liebe ist stärker als sein Zorn. Seinen Zorn über die Sünde trägt er an sich selbst aus, und so offenbart er sich als der Versöhner, der aus Feinden Freunde gemacht hat. Er ist der Gott des Friedens. Jesus hat ihn als „Vater“ offenbart, als Abba, als lieben Vater, der seine Kinder dazu einlädt, sanftmütig zu sein und so barmherzig, wie er selbst barmherzig ist, bis hin zum Gebot: Liebe deine Feinde.
Beide Gottesvorstellungen lassen sich mit Aussagen aus heiligen Texten der Religionen belegen. So kommen Gläubige nicht umhin, zu gewichten und zu entscheiden, wo sich Gott in seinem Wort verlässlich als der offenbart, der er wirklich ist, und welche Konsequenzen dies für das Verhalten auf dem politischen Feld hat.
Wenn ich Muslim wäre, würde ich darauf setzen, was zu Beginn jeder Sure insgesamt 114 Mal im Koran steht: „Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen.“ Gott ist im Wesen der Barmherzige.
Als Christ, als Nachfolger Jesu, vertraue ich darauf, dass mir Jesus von Nazareth, der Christus, sichtbar macht, wer Gott von Herzen ist: der barmherzige Vater.
Samstag, 29. Dezember 2012
Christliche Freiheit - Teil 2
Freiheit im Alten Testament
In 1. Mose
1,26-27 wird das altorientalische Exklusivrecht der Könige auf
Gottesebenbildlichkeit allen Menschen zugesprochen: „Und Gott sprach: Lasst uns
Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei ...Und Gott schuf den Menschen zu
seinem Bild, zum Bild Gottes schuf er ihn, und schuf sie als Mann und Frau“ (1.
Mo 1,26–27). Der Text stellt schlicht fest, dass alle Menschen Königen gleichen
und damit Adelsstatus haben. Dies ist eine starke durch Gott zugesprochene Form
der Anerkennung. Alle haben in ihrer Sozialität die Würde und die Vorrechte eines
Fürsten. Alle sind damit freie Menschen und Repräsentanten Gottes. Faszinierend
ist weiter die Aussage, dass sie es als Mann und Frau sind. Frau und Mann
gemeinsam sind das Ebenbild Gottes. Bild Gottes sind wir somit nicht als
Einzelwesen, sondern als Mitmenschen; wir sind Bild Gottes in unserer
Bezogenheit auf andere. Mann und Frau stehen nicht nur für sexuelle
Partnerschaft, Fruchtbarkeit und Ebenbürtigkeit der Geschlechter, sondern für
alle freien schöpferischen Beziehungen unter Menschen. Frau und Mann
symbolisieren, dass menschliche Beziehungen immer kreativ sind, nicht nur im
biologischen, sondern auch im kulturellen Sinn. Immer wenn Menschen einander in
wechselseitiger Anerkennung als Mitmenschen begegnen, werden sie gemeinsam schöpferisch
tätig.
Wenn wir als Gemeinschaftswesen Gottes Ebenbild sind, ist dann nicht Gott
selbst auch ein Gemeinschaftswesen?
Der Text spricht es vorsichtig aus: "Lasset uns machen" fordert Gott
sich selbst auf. Hier deutet sich an, dass Gott in sich unterschieden ist. Gott
selbst ist eine Liebesgemeinschaft. Der gemeinschaftliche Gott ist somit das
Kreativitätszentrum der Welt. Als seine Ebenbilder sind wir Menschen als
Partner seiner Kreativität anerkannt. Mann und Frau gründen eine Familie,
Sängerinnen und Sänger bilden einen Chor, Handwerker organisieren einen
Betrieb, Kaufleute prägen eine Firma, Lehrer formen eine Schule, Musiker
spielen in einer Band oder in einem Orchester. Wenn wir als Mitmenschen partnerschaftlich
und ebenbürtig miteinander tätig sind, dann blühen wir auf, entdecken unsere
Gaben und entfalten sie. An dieser gemeinschaftlichen Kreativität ist unser
Bewusstsein beteiligt. Wir analysieren mit unserem Verstand und erkennen mit
unserer Vernunft das Ganze der Wirklichkeit. Wir können verstehen, wer wir sind
und wie die Wirklichkeit beschaffen ist, in der wir leben. Wenn wir als
Menschen die Welt in ihrer Ganzheit zu verstehen suchen, dann sind wir Ebenbild
Gottes. Gerade auch, wenn wir die Welt mit Leib und Seele als seine Schöpfung
erkennen und genießen – nicht zuletzt in der freien Zeit der Muße, des Sabbats, in der wir von Pflichten frei
die Spielräume der Schöpfung ausloten können.
Die Berufung Abrahams wird in 1.
Mose 12,1-3 als Herausführung durch Gott aus dem vertrauten sozialen Lebensraum
dargestellt. Gott ruft Abraham und Sara in eine größere Zukunft hinein und
macht sie deshalb zu Wanderern. Glaube wird im 1. Mose 12–50 als ein Wagnis
verstanden, Gottes Verheißungen als Anerkennung- und Öffnungserfahrung zu vertrauen
und daraufhin eingespielte Lebensbereiche zu verlassen (Jesus wird ebenfalls
diese Lebensform praktizieren).
Bei Hungersnöten zogen die
halbnomadisch lebenden Nachkommen Abrahams ins wasserreiche Ägypten. Dort
gerieten sie in Abhängigkeit und wurden zu Fronarbeitern gemacht (2. Mo 1). Die
Ägypter nannten sie abfällig „Hebräer“, was wohl „Fremdarbeiter“ oder
„Asoziale“ hieß. Sie wurden bei staatlichen Baumaßnahmen eingesetzt. Gott
solidarisierte sich mit diesen Hebräern (vgl. 2. Mo 3,18; 5,3; 7,16; 10,3). Das
2. Buch Mose berichtet, wie diese entmutigte, zum politischen Handeln unfähige,
unterdrückte Gruppe fremdländischer Fronarbeiter durch die Initiative des Gottes,
den sie Jahwe nennen, einen politischen Führer erhalten, der ihnen hilft, sich
aus ihrer Unterdrückung zu befreien. Der Exodus war eine religiös fundierte,
politische Befreiungsaktion, die von Ägypten mit militärischen Mitteln
erfolglos bekämpft wurde. Das gibt dem biblischen Glauben eine politische
Dimension, deren Kern die Sichtweise
und Sichtbarmachung der sozial
Erniedrigten und Gedemütigten ist. In Psalm 146,7 wird diese Präferenz Gottes[1]
gelobt: „Er schafft Recht den Bedrückten,
er gibt den Hungrigen Brot. Der Herr macht die Gefangenen frei.“ Der
Glaube an Gott diente nicht der Legitimation eines monarchischen Anspruchs auf
göttlichen Status, wie es der Fall in Ägypten oder Babylonien war, sondern
stellte übergriffige Herrschaft in Frage. Gott schenkte einer Gruppe von
Unterdrückten inneren Zusammenhalt und gab ihnen die Möglichkeit, Ägypten zu
verlassen, um eine freiere, gerechtere Gemeinschaft im „gelobten Land“
aufzubauen.
Das deuteronomistische
Geschichtswerk, das im babylonischen Exil konzipiert wurde und auf ältere
Quellen zurückgriff (es umfasst die Bücher Josua, Richter, 1. und 2. Samuel, 1.
Könige und 2. Könige) erzählt das Gelingen und Scheitern dieses Projekts. Die
freie und gerechte Gesellschaft stellte sich aufgrund notorischen Unglaubens
der Führungsschicht nicht ein. So wuchs die Hoffnung auf eine geistliche
Umwandlung durch Gott und auf einen gesalbten König (Messias), dessen
Herrschaft zur befreienden Gerechtigkeit führt. Jesaja 61,1 lässt diesen
ersehnten Messias eines neuen Bundes sprechen: „Der Geist des Herrn, ist auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er
hat mich gesandt, den Elenden frohe Botschaft zu bringen, zu verbinden, die
gebrochenen Herzens sind, Freilassung auszurufen den Gefangenen und Öffnung des
Kerkers den Gebundenen.“
Montag, 17. Dezember 2012
Christliche Freiheit Teil 1
Wenn ich das Wort
Freiheit höre, dann weckt dieses Wort in mir positive Gefühle. Ich selbst bin
Kind tief gläubiger Eltern und meine Kindheit war von intensiver Religiosität
geprägt, also von einer starken Bindung an Gott und Verantwortung meiner Eltern
für ihre Kirche. Niemals aber – so glaube ich – habe ich mich unfrei, unmündig
gemacht, abhängig oder fremdbestimmt gefühlt. Bis heute erfahre ich Glauben als
einen Lebensstil, der Freiheit und Bindung, Mündigkeit und Solidarität,
Selbstbestimmung und Verantwortung für andere miteinander verknüpft. Als Christ
ist Freiheit für mich nicht die Einladung zu Bindungslosigkeit, zur Selbstverabsolutierung
oder gar zur Willkür. Meine Bindung an Gott, meine Zugehörigkeit zu Jesus
Christus und seiner Kirche hat aber auch nichts mit Versklavung, Unmündigkeit
oder Fremdbestimmung zu tun.
Anders das Bild von Kirche und
Christsein, das in der Öffentlichkeit weit verbreitet ist: Die Kirchengemeinden
seien eher konservativ, ihre Mitglieder wollten mit Glaubensvorstellungen und
Organisationsstrukturen leben, die stark traditionsgebunden sind und auf
Gehorsam, Einschränkung setzen. Wer Kirchgänger ist, sei eher an
Verbindlichkeit, Gehorsam, Weisung orientiert als an Freiheit, Liberalität,
Flexibilität, Wagnis. Das ganze „Setting“ von Kirche habe etwas Ordnendes,
Vorgegebenes, ja auch Bevormundendes. Aber auch die Gemeindeglieder erleben
ihre Kirche oder Gemeinde oft fordernd und die individuelle Freiheit einschränkend.[1]
Dass betrifft auch Mitglieder der sogenannten Freikirchen und selbst der
Evangelischen Kirche, die sich als „Kirche der Freiheit“ versteht.[2]
Die westliche Gesellschaft
versteht sich als eine offene und experimentierende, sich ständig reformierende
und andauend modernisierende Gesellschaft. Sie lobt sich für ihren
Liberalismus, für wirtschaftliche, rechtliche, wissenschaftliche, künstlerische
Freiheiten, für ihre Fähigkeit zu Humor und Satire und für die Erwartung, daß
der Beleidigte sich in seiner Ehre gerade nicht gekränkt fühlt. Sie proklamiert
neoliberal „Mehr Freiheit wagen“ oder „Flexibilität“, sie verspricht dem
Einzelnen „Autonomie“, „Chancen“, „Mobilität“ und „Entscheidungsfreiheit“. In
den Medien inszeniert sie sich aber auch selbstkritisch, deckt Skandale und Ungerechtigkeiten
auf vor dem Hintergrund der für jedes Individuum geltenden Menschenrechte und
seiner Menschenwürde.
Engagierte Christen sind Menschen
beider Welten: sowohl Bürger der Kirche/Gemeinde wie auch Bürger in der
westlichen Gesellschaft. Wo erfahren wir mehr Freiheit: In der Gesellschaft
oder in der Kirche? Oder in beiden? Oder: Weder da noch dort?
Freiheit verstehe ich im Folgenden als Öffnungserfahrung zu mehr Erlebnis-
und Handlungsspielräumen sowohl von Einzelnen als auch von sozialen Gruppen
(Klassen, Minderheiten, Milieus). Im persönlichen Bereich können das
differenzierte Einsichten sein, erweiterte Kompetenzen durch Ausbildung,
Studium oder Weiterbildung, ein Arbeitsplatz mit wachsender Eigenverantwortung
und Mitbestimmung, aber auch der Gebrauch von technischen Mitteln, die mehr
Bewegungsfreiheit ermöglichen. Freiheit
distanziert von Zuständen, die den Charakter der Mühle, des Hamsterrades und
der vollständigen Anpassung haben.
Genau das ist Unfreiheit: es ist die Erfahrung von Einschließung, also gefangen,
eingeschränkt, entmündigt, begrenzt, gegängelt oder bevormundet zu sein.
Freiheit ist daher nur zu gewinnen, wenn das Risiko unangepassten Verhaltens
eingegangen wird, das sich repressiven Vorgaben widersetzt.
Im zwischenmenschlichen Bereich
können Öffnungserfahrungen den Charakter von Anerkennungserfahrungen haben: Jemand öffnet sich mir, ich mich
einer Person oder einer Gruppe – das geht nur bei gegenseiter Anerkennung.[3]
Individuelle Freiheit und soziale Freiheit als Anerkennung in Form von Liebe,
Wertschätzung und Rechtsgleichheit bedingen einander und stehen in einem
gegenseitigen Steigerungsverhältnis.
[1]
R. Schieder, Wieviel Religion verträgt
Deutschland?, Frankfurt am Main 2001, S. 57: „Ein religiöses Leben, in dem
nie die autonomiefördernde Funktion von Religion erfahren wurde, ist ein
Unglück.“
[2]
Vgl. Kirche der Freiheit. Perspektiven für die Evangelische Kirche im 21.
Jahrhundert, hrsg. von der EKD 2006 (http://www.ekd.de/download/kirche-der-freiheit.pdf).
Eine der wirkmächtigsten Schriften Luthers trägt den Namen: „Von der Freiheit
eines Christenmenschen“. Vgl. auch J. Moltmann (Hg.), Religion der Freiheit. Protestantismus in der Moderne, München
1990.
[3]
Zur Philosophie der Anerkennung vgl. A. Honneth, Kampf um Anerkennung. Zur moralischen Grammatik sozialer Konflikte,
Frankfurt am Main 1992; ders., Das Ich im
Wir. Studien zur Anerkennungstheorie, Frankfurt am Main 2010.
Es geht wieder weiter
Heute erreichte mich ein Brief mit Karte und der lieben aber nachdrücklichen Aufforderung, doch bitte den Blog weiterzuschreiben ("Viel zu wenig freudiges und motivierendes ist [im Internet] zu finden"). Vielen Dank C.
In den letzten zwei Jahren war ich nicht untätig, habe viel geschrieben, aber ich hatte keine Energien mehr frei für den Blog . Mal sehen, ob sich das wieder ändert. Ich beginne damit, einen Artikel zur christlichen Freiheit in mehreren Posts zu veröffentlichen, den ich dieses Jahr geschrieben habe und der in einer Aufsatzsammlung erschienen ist (dazu bald mehr....).
In den letzten zwei Jahren war ich nicht untätig, habe viel geschrieben, aber ich hatte keine Energien mehr frei für den Blog . Mal sehen, ob sich das wieder ändert. Ich beginne damit, einen Artikel zur christlichen Freiheit in mehreren Posts zu veröffentlichen, den ich dieses Jahr geschrieben habe und der in einer Aufsatzsammlung erschienen ist (dazu bald mehr....).
Samstag, 23. April 2011
Spititualität des Kirchenliedes
In der aktuellen FAZ findet sich ein schöner Artikel zur Geschichte des Kirchenlieds von Prof. Hermann Kurzker, der an der Universität Mainz das dortige Gesangbucharchiv leitet, die einzige Forschungsstelle zu diesem Gebiet weltweit. Der Artikel lohnt sich schon um der schönen Geschichte von der alten Mutter willen, die nur dann ruhig sterben kann, wenn ihr Kopf auf dem Gesangbuch gebettet ist, aus dem sie und schon ihre Mutter ihr Leben lang gesungen haben. Kurzker macht auch darauf aufmerksam,dass viele Kirchenlieder immer wieder der neuen Zeit und der aktuellen Theologie angepaßt wurden, damit sie "verträglich" wurden.
Hier als Appetizer eine Passage aus dem Artikel:
"Das mittelalterliche Adventslied „Es kommt ein Schiff, geladen“ ist eine solche Neueinspeisung. Man singt es heute in einer Fassung des 17. Jahrhunderts, die die übliche religiöse Selbstknechtung verlangt: „Und wer dies Kind mit Freuden/ umfangen, küssen will,/ muss vorher mit ihm leiden/ groß Pein und Marter viel.“
In einer spätmittelalterlichen Handschrift las man das anders, ins Neuhochdeutsche übertragen, ungefähr so: „Und wer dies Kind will küssen/ auf seinen roten Mund,/ empfanget großen Glusten (Gelüst)/ von ihm zur selben Stund.“
Hier als Appetizer eine Passage aus dem Artikel:
"Das mittelalterliche Adventslied „Es kommt ein Schiff, geladen“ ist eine solche Neueinspeisung. Man singt es heute in einer Fassung des 17. Jahrhunderts, die die übliche religiöse Selbstknechtung verlangt: „Und wer dies Kind mit Freuden/ umfangen, küssen will,/ muss vorher mit ihm leiden/ groß Pein und Marter viel.“
In einer spätmittelalterlichen Handschrift las man das anders, ins Neuhochdeutsche übertragen, ungefähr so: „Und wer dies Kind will küssen/ auf seinen roten Mund,/ empfanget großen Glusten (Gelüst)/ von ihm zur selben Stund.“
Sonntag, 27. Februar 2011
Karen Duve - Anständig essen

"Meat is murder" - so hieß 1985 ein Album der großartigen englischen Band "The Smiths". Ihr Sänger war und ist strenger Vegetarierer. Im Buch "Anständig essen. Ein Selbstversuch", das vor kurzem erschienen ist, erzählt Karen Duve ihre Reise in die Welt anständigen Essens, die sie im Jahr 2010 unternommen hat. Mit viel Witz, Selbstironie und gleichzeitig einem tiefen Ernst bezüglich der Frage, was da moralisch eigentlich geschieht, wenn Menschen Tiere völlig für den Verbrauch verzwecken. In den ersten zwei Monaten kauft sie ökologisch ein, dann steigt sie auf vegetarische Ernährung um. Im Sommer folgt die veganische Lebensweise, schließlich der Lebensstil eines Fruktariers. Wie sich ihre innere Einstellung zum Essen aufgrund von Wahrnehmungen und Argumenten radikal wandelt und mit der Lektüre auch die Einstellung des von der Sache gepackten Lesers, ist schon erstaunlich. Das Fazit des Selbstversuchs fällt differenziert, aber nicht radikal aus. Dem Leser ist bald klar, was machbar und eigentlich unvermeidbar ist: vegetarisch essen mit ökologisch hergestellten Produkten. Denn: "Meat ist murder."
Sonntag, 30. Januar 2011
Bonhoeffer: Das neue Leben in der Welt des Vorletzten
"Jesus Christus, der Auferstandene, das bedeutet, dass Gott aus Liebe und Allmacht dem Tod ein Ende macht und eine neue Schöpfung ins Leben ruft, neues Leben schenkt. 'Das Alte ist vergangen' (2 Kor 5,17). 'Siehe, ich mache alles neu' (Off 21,5). Auferstehung ist schon mitten in der alten Welt angebrochen als letztes Zeichen ihres Endes und ihrer Zukunft, und zugleich als lebendige Wirklichkeit. Jesus ist als Mensch auferstanden, so hat er dem Menschen die Auferstehung geschenkt. So bleibt der Mensch Mensch, obwohl er ein neuer auferstandener, dem alten in keiner Weise gleicher Mensch ist. Aber freilich bis zur Grenze seines Todes bleibt er, der mit Christus schon auferstanden ist, in der Welt des Vorletzten, in die Jesus einging und in der das Kreuz steht. So hebt auch die Auferstehung, solange die Erde steht, das Vorletzte nicht auf, aber das ewige Leben, das neue Leben bricht immer mächtiger in das irdische Leben ein und schafft sich in ihm seinen Raum."
"Christliches Leben ist Leben mit dem menschgewordenen, gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus, dessen Wort als ganzes uns in der Botschaft von der Rechtfertigung des Sünders aus Gnaden begegnet. Christliches Leben heißt Menschsein inkraft der Menschwerdung, heißt gerichtet und begnadigt sein inkraft des Kreuzes, heißt ein neues Leben leben in der Kraft der Auferstehung. Eines ist nicht ohne das andere."
Zwei Zitate aus dem Kapitel "Die letzten und die vorletzten Dinge", die sich in der Ethik Dietrich Bonhoeffers finden (Dietrich Bonhoeffers Werke Bd. 6, 3. Auflage der Taschenbuchausgabe 2010), S. 137-162.
"Christliches Leben ist Leben mit dem menschgewordenen, gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus, dessen Wort als ganzes uns in der Botschaft von der Rechtfertigung des Sünders aus Gnaden begegnet. Christliches Leben heißt Menschsein inkraft der Menschwerdung, heißt gerichtet und begnadigt sein inkraft des Kreuzes, heißt ein neues Leben leben in der Kraft der Auferstehung. Eines ist nicht ohne das andere."
Zwei Zitate aus dem Kapitel "Die letzten und die vorletzten Dinge", die sich in der Ethik Dietrich Bonhoeffers finden (Dietrich Bonhoeffers Werke Bd. 6, 3. Auflage der Taschenbuchausgabe 2010), S. 137-162.
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Samstag, 29. Januar 2011
Evangelisch glauben
Evangelisch glauben ist kein Privileg von Christen, die durch Mitgliedschaft der evangelischen Kirche angehören. Evangelisch glauben heißt, in einer ganz bestimmten Weise auf das Evangelium von Christus bezogen Christ zu sein.
Luther und seine Mitstreiter in Wittenberg haben in den Jahren 1512-1519 in besonders klarer Weise diesen Glaubensstil wiederentdeckt. Er besteht in einer Verknüpfung von vier sich gegenseitig stützenden und erklärenden Bausteinen:
Allein Christus (solus Christus): Christus ist die Mitte, das Zentrum des christlichen Glaubens, und zwar Christus, der Gekreuzigte und Auferstandene, als Tröster und Zuflucht in der Anfechtung und Orientierung in der Lebensführung.

Allein die Gnade (sola gratia): In Christus wendet sich Gott uns voller Erbarmen, in der Fülle seiner Gnade, zu. Er vergibt uns unsere Schuld und schenkt uns die Gewißheit, dass dies auch so ist.
Allein der Glaube (sola fide): Im Glauben gehen wir eine direkte Beziehung zu Christus ein und sind uns des Zuspruchs Gottes völlig gewiss. Der Glaube ist damit keine Autoritätshörigkeit, sondern das Erlebnis, sich ganz von Gott geliebt, angenommen und erneuert zu wissen.
Allein die Schrift (sola scriptura): Christus, Gnade und Glaube sind das, wofür die Schrift als apostolisches Zeugnis des Evangeliums die Augen öffnet. Die Schrift ersetzt die Tradition als Autorität, nicht um zu einer erneuten Gefangenschaft zu führen, sondern das Gewissen zu einer Bindung allein an Christus zu befreien.
Luther in der Leipziger Disputation 1519:
"Für einen Katholiken [= Christen, gleich welcher Konfession] ist es nicht notwendig, über die Dinge hinaus, die ihm durch die Schrift bezeugt werden, noch weitere zu glauben." (16. These)
"Die Autorität der Konzilien [der nachapostolischen Autoritäten] steht unter der Autorität der Schrift" (These 17)
Lektüretipp: Volker Leppin, Martin Luther, 2. Auflage, Wissenschaftliche Buchgesellschaft: Darmstadt 2010, 72-164.
Luther und seine Mitstreiter in Wittenberg haben in den Jahren 1512-1519 in besonders klarer Weise diesen Glaubensstil wiederentdeckt. Er besteht in einer Verknüpfung von vier sich gegenseitig stützenden und erklärenden Bausteinen:
Allein Christus (solus Christus): Christus ist die Mitte, das Zentrum des christlichen Glaubens, und zwar Christus, der Gekreuzigte und Auferstandene, als Tröster und Zuflucht in der Anfechtung und Orientierung in der Lebensführung.

Allein die Gnade (sola gratia): In Christus wendet sich Gott uns voller Erbarmen, in der Fülle seiner Gnade, zu. Er vergibt uns unsere Schuld und schenkt uns die Gewißheit, dass dies auch so ist.
Allein der Glaube (sola fide): Im Glauben gehen wir eine direkte Beziehung zu Christus ein und sind uns des Zuspruchs Gottes völlig gewiss. Der Glaube ist damit keine Autoritätshörigkeit, sondern das Erlebnis, sich ganz von Gott geliebt, angenommen und erneuert zu wissen.
Allein die Schrift (sola scriptura): Christus, Gnade und Glaube sind das, wofür die Schrift als apostolisches Zeugnis des Evangeliums die Augen öffnet. Die Schrift ersetzt die Tradition als Autorität, nicht um zu einer erneuten Gefangenschaft zu führen, sondern das Gewissen zu einer Bindung allein an Christus zu befreien.
Luther in der Leipziger Disputation 1519:
"Für einen Katholiken [= Christen, gleich welcher Konfession] ist es nicht notwendig, über die Dinge hinaus, die ihm durch die Schrift bezeugt werden, noch weitere zu glauben." (16. These)
"Die Autorität der Konzilien [der nachapostolischen Autoritäten] steht unter der Autorität der Schrift" (These 17)
Lektüretipp: Volker Leppin, Martin Luther, 2. Auflage, Wissenschaftliche Buchgesellschaft: Darmstadt 2010, 72-164.
Freitag, 7. Januar 2011
Dienstag, 4. Januar 2011
Presence of God
Seit einigen Wochen lese ich intensiver Texte von Ingolf Dalferth, der immer wieder danach fragt, in welcher Weise sich im christlichen Glauben "Gottes Gegenwart" zeigt. Er denkt dem, was das Wesen des Evangeliums ausmacht, mit philosophischer Ausdrucksfähigkeit nach, was seine Texte nicht leicht oder schnell lesbar macht, aber weil man lange und an Gehaltvollem "kaut", hat man gerade deshalb ein gutes "Sättigungsgefühl" nach der Lektüre.
Hier zunächst ein Zitat aus einem seiner eher ausnahmsweise in englischer Sprache geschriebenen Bücher.
"In all its varieties the Christian sense of the presence of God individualizes, i.e. transforms particular human beings into individual persons. When it dawns upon me that I live in the present, and can become present to my present, because God becomes present to me, I begin to realise my infinite dignity and uniqueness of being singled out by God. God becomes present to me as my God or God for me and places me as his singled-out creature in the presence of my creator. This marks me off from my physical, communal and personal environments but also relates me to them as one who is meant to live his life in this world in the presence of God."
(aus: Becoming present. An inquiry into the Christian Sense of the Presence of God, Leuven 2006, S. 29)
Die Art und Weise, wie er dies schreibt und entfaltet, spricht mich sehr an.
Hier zunächst ein Zitat aus einem seiner eher ausnahmsweise in englischer Sprache geschriebenen Bücher.
"In all its varieties the Christian sense of the presence of God individualizes, i.e. transforms particular human beings into individual persons. When it dawns upon me that I live in the present, and can become present to my present, because God becomes present to me, I begin to realise my infinite dignity and uniqueness of being singled out by God. God becomes present to me as my God or God for me and places me as his singled-out creature in the presence of my creator. This marks me off from my physical, communal and personal environments but also relates me to them as one who is meant to live his life in this world in the presence of God."
(aus: Becoming present. An inquiry into the Christian Sense of the Presence of God, Leuven 2006, S. 29)
Die Art und Weise, wie er dies schreibt und entfaltet, spricht mich sehr an.
Sonntag, 2. Januar 2011
Gott mit offenen Augen sehen
Die spannende Geschichte einer Blindenheilung und die daran anschließenden Diskussionen und Worte Jesu finden wir in dem zusammenhängenden Textabschnitt
Johannes 9,1-10,39. Meine Fragestellung: Was sehen wir von Gott, wenn Jesus uns wie dem Blinden die Augen öffnet? Wenn wir spirituell sehend werden?
Wir erkennen Gott als den, der in „guten Werken“ heilt und schöpferisch wirkt (9,3-7; 9,32-33, 10,32)
Wir erkennen Gott als den, der in Jesus selbst erscheint.
Wir erkennen Jesus als Menschensohn und verehren ihn als Herrn (9,35-38)
Jünger des Mose erkennen im Gesetz Gottes wahres Wesen nicht; es erzeugt sogar falsche Beurteilung von Menschen: der Blinde sei ein Sünder (V.34); Jesus sei ein Sünder, weil er am Sabbat heilt (V.16)
Gott zeigt sich als Vater, der Jesus, den Sohn, sendet, damit wir Jesus als Sohn erkennen und so Leben und volle Genüge haben sollen (10,10)
Der Sohn und der Vater sind eins(10,30)
Der Sohn ist vom Vater in die Welt gesandt (10,36)
Jesus ist der Gute Hirte, der sein Leben lässt für die Schafe (10,11), er gibt sein Leben für uns 17)
Hier wie auch sonst wird deutlich: Das Thema der Johannesevangeliums ist Jesus selbst - Jesus als Offenbarung des Wesens Gottes: Gott kommt heilend und rettend auf uns zu und gibt sich für uns hin.
Johannes 9,1-10,39. Meine Fragestellung: Was sehen wir von Gott, wenn Jesus uns wie dem Blinden die Augen öffnet? Wenn wir spirituell sehend werden?
Wir erkennen Gott als den, der in „guten Werken“ heilt und schöpferisch wirkt (9,3-7; 9,32-33, 10,32)
Wir erkennen Gott als den, der in Jesus selbst erscheint.
Wir erkennen Jesus als Menschensohn und verehren ihn als Herrn (9,35-38)
Jünger des Mose erkennen im Gesetz Gottes wahres Wesen nicht; es erzeugt sogar falsche Beurteilung von Menschen: der Blinde sei ein Sünder (V.34); Jesus sei ein Sünder, weil er am Sabbat heilt (V.16)
Gott zeigt sich als Vater, der Jesus, den Sohn, sendet, damit wir Jesus als Sohn erkennen und so Leben und volle Genüge haben sollen (10,10)
Der Sohn und der Vater sind eins(10,30)
Der Sohn ist vom Vater in die Welt gesandt (10,36)
Jesus ist der Gute Hirte, der sein Leben lässt für die Schafe (10,11), er gibt sein Leben für uns 17)
Hier wie auch sonst wird deutlich: Das Thema der Johannesevangeliums ist Jesus selbst - Jesus als Offenbarung des Wesens Gottes: Gott kommt heilend und rettend auf uns zu und gibt sich für uns hin.
Samstag, 11. Dezember 2010
Für uns geschehen - das Evangelium mit Paulus verstehen
Ich freue mich sehr, dass dieses Buch jetzt erscheinen kann. Hier habe ich meine wesentlichen Erkenntnisse zur Theologie und Spiritualität bei Paulus formuliert.
Auf dem Rückcover stehen Auszüge aus dem Geleitwort von Rolf Pöhler:
"Dieses Buch lädt ein, sich mit den Hauptlinien paulinischer Theologie gründlich zu beschäftigen. Es nimmt die Leser mit hinein in ein aufmerksames Hören auf den großen Apostel und seine Botschaft von Jesus Christus als dem tragenden Grund christlicher Existenz. Es will dazu anleiten, die Briefe von Paulus aufmerksam zu lesen, sie näher zu betrachten, ihre Botschaft neu zu verstehen und auch existenziell zu erfahren. Was Christus für uns getan hat, nimmt uns persönlich so mit hinein in seine Lebensgeschichte, dass sie zu unserer eigenen Geschichte wird."
Weitere Informationen: Inhaltsverzeichnis(PDF) und Leseprobe: Kapitel 7 "An Christus glauben" (PDF)
Auf dem Rückcover stehen Auszüge aus dem Geleitwort von Rolf Pöhler:
"Dieses Buch lädt ein, sich mit den Hauptlinien paulinischer Theologie gründlich zu beschäftigen. Es nimmt die Leser mit hinein in ein aufmerksames Hören auf den großen Apostel und seine Botschaft von Jesus Christus als dem tragenden Grund christlicher Existenz. Es will dazu anleiten, die Briefe von Paulus aufmerksam zu lesen, sie näher zu betrachten, ihre Botschaft neu zu verstehen und auch existenziell zu erfahren. Was Christus für uns getan hat, nimmt uns persönlich so mit hinein in seine Lebensgeschichte, dass sie zu unserer eigenen Geschichte wird."
Weitere Informationen: Inhaltsverzeichnis(PDF) und Leseprobe: Kapitel 7 "An Christus glauben" (PDF)
Sonntag, 5. Dezember 2010
Matthäus 5,3 im Licht von Psalm 33,19 (LXX)
In der griechischen Bibelübersetzung von Psalm 34,19 (Psalm 33,19 LXX/Septuaginta) steht:
"Nahe ist der Herr denen, die im Herzen verwundet sind (im Herzen zerschlagen sind),
und die Niedrigen/Demütigen im Geist (tous tapeinous to pneumati) wird er retten!"
Das ist mir sofort als erhellende Parallelstelle zu Matthäus 5,3 aufgefallen: "Selig sind die Armen im Geist". Der parallelismus membrorum in Psalm 33,19 (LXX) macht die erste Zeile zur Erläuterung der zweiten Zeile. "Arm im Geist" ist der, der im Herzen verwundet ist. Was aber ist damit gemeint? Im Kontext von Psalm 34 (33 LXX) ist eine Notsituation, eine Bedrängnis gemeint, die die innere Stärke geschwächt hat, gedacht sein könnte aber auch an die Sündenerkenntnis. In jedem Fall geht es um Menschen, die sich in einer inneren oder äußeren Schwächesituation befinden, aus der heraus sie der gütige Gott rettet (Psalm 34, 7-9).
"Nahe ist der Herr denen, die im Herzen verwundet sind (im Herzen zerschlagen sind),
und die Niedrigen/Demütigen im Geist (tous tapeinous to pneumati) wird er retten!"
Das ist mir sofort als erhellende Parallelstelle zu Matthäus 5,3 aufgefallen: "Selig sind die Armen im Geist". Der parallelismus membrorum in Psalm 33,19 (LXX) macht die erste Zeile zur Erläuterung der zweiten Zeile. "Arm im Geist" ist der, der im Herzen verwundet ist. Was aber ist damit gemeint? Im Kontext von Psalm 34 (33 LXX) ist eine Notsituation, eine Bedrängnis gemeint, die die innere Stärke geschwächt hat, gedacht sein könnte aber auch an die Sündenerkenntnis. In jedem Fall geht es um Menschen, die sich in einer inneren oder äußeren Schwächesituation befinden, aus der heraus sie der gütige Gott rettet (Psalm 34, 7-9).
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