Donnerstag, 7. März 2013

Christliche Freiheit Teil 5 - Hebräerbrief


Menschen können sich ändern. Menschen können sich durch die Erfahrung der Liebe verändern. Der Geist Gottes führt in die Freiheit, neu anfangen zu können, eine belastende Vergangenheit zu verlassen und sich dem Guten zuzuwenden, das in der Frucht des Geistes sichtbar wird (Gal 5,22-23). Die sittliche Lebensführung weiß sich vom „vollkommenen Gesetz der Freiheit“ (Jak 2,12) motiviert, dem Liebesgebot (Jak 2,8), das allen Menschen ungeachtet ihres sozialen Status Anerkennung und Würde verleiht (Jak 2,1-12).

Mögen wir unser Leben im Geist Gottes noch so befreit führen, die Befristung der Lebenszeit und die damit verbundene Furcht vor dem Tod ist eine der grundlegendsten Existenzbedingungen. Der Hebräerbrief nimmt dieses einengende Gefühl der Angst vor dem Tod auf und öffnet die befreiende Perspektive auf das ewige Leben in Verbindung mit Christus: „Weil nun die Kinder von Fleisch und Blut sind, hat auch er's gleichermaßen angenommen, damit er durch seinen Tod die Macht nähme dem, der Gewalt über den Tod hatte, nämlich dem Teufel,[1] und die erlöste, die durch Furcht vor dem Tod im ganzen Leben Knechte sein mussten.“ (2,14-15). Der menschgewordene Gottessohn hat den Tod besiegt und damit auch die Furcht vor dem Tod. Die christliche Freiheit verspricht nicht die Fülle des Lebens in der Gegenwart. Sie verspricht nicht Leidfreiheit, ewige Gesundheit, Stärke, Unverwundbarkeit. In Hoffnung sind Gläubige vielmehr mit einem verbunden, der die Endlichkeit des geschöpflichen Lebens überwunden hat. Die Verheißung ewigen Lebens, die mit seiner Auferstehung und Inthronisation in den Himmel verbürgt ist, befreit den Glaubenden grundlegend von der Angst, die mit der bisherigen Befristung der Lebenszeit verbunden war. Denn die Lebenszeit entgrenzt sich zur Teilhabe am ewigen Leben Gottes. Schon auf Kinder wirkt dieser Zuspruch befreiend. Meine Schwester Stefanie hat im Alter von fünf Jahren gemeint: „Mutti, wenn man gläubig ist, ist man wirklich frei.“ Erstaunte Nachfrage ob dieser tiefgründigen Einsicht: „Wie meinst du das?“ Antwort des gläubigen Kindes: „Weil man keine Angst mehr zu haben braucht.“ Befreiung von einer untergründigen, das Leben tief belastenden Todesangst ist eine nicht zu unterschätzende zentrale Erfahrung, die christliche Seelsorge situationssensibel ermöglichen und unterstützen sollte.

Der Autor des Hebräerbriefes lädt in seinen predigtähnlichen Ausführungen die Leser dazu ein, Jesus als „Anführer“ des Glaubens zu folgen und zwar so, dass man ihm in der Gegenwart geistlich in den Himmel folgt und mit ihm freimütig in das Allerheiligste der himmlischen Welt hineintritt, in den Thronsaal Gottes, und so schon jetzt am unvergänglichen Leben Gottes partizipiert. Die geheimsten Türen sind nicht verschlossen, sondern offen (4,14-16; 6,18-20; 8,1). Die Gläubigen sind eingeladen, frei und zuversichtlich vor Gott zu treten: „Weil wir denn nun, liebe Brüder, durch das Blut Jesu die Freiheit [parrhesia][2] haben zum Eingang in das Heiligtum, den er uns aufgetan hat als neuen und lebendigen Weg durch den Vorhang, das ist: durch das Opfer seines Leibes, und haben einen Hohenpriester über das Haus Gottes, so lasst uns hinzutreten mit wahrhaftigem Herzen in vollkommenem Glauben, besprengt in unsern Herzen und los von dem bösen Gewissen und gewaschen am Leib mit reinem Wasser.“ (Hebr 10,19-22).[3]



[1] Die Freiheit des Bösen zeigt sich darin, dass er zu sich selbst spricht: „Ich tue, was ich will“ und der seine willfährigen Knechte böse Pläne verwirklichen lässt. Der Böse handelt aus dem Geist absoluter Willkür heraus und versklavt unter seine Pläne unmündige und verführte Menschen: Verführung bedeutet immer, sich in Unterwerfung zu begeben. Der Böse hat letztlich Lust an Zerstörung und Tod. Seine Macht ist die Korruption und Destruktion.
[2] Das griechische Wort bezeichnet ein Verhalten, dass frei von Angst und Unterwürfigkeit ist. Freunde zum Besipiel begegnen sich in parrhesia, d.h erhobenen Hauptes, offen, frei, freudig und in tiefer gegenseitiger Anerkennung.
[3] Vgl. dazu auch Epheser 3,13: Die Gläubigen haben durch Christus den „freien Zugang“ (oder: „Freimut und Zugang“).

Dienstag, 5. März 2013

Freu(n)de, Hoffnung, Malzkaffee. Tischgespräche über Gott und die Welt

Ich möchte ein wenig auch hier auf dem Blog die Werbetrommel rühren für ein kleines Buch, das nächste Woche beim Adventverlag erscheint. Alles Nähere dazu könnt ihr im vimeo-Video erfahren, das auf der Verlagsseite eingestellt ist.

Die schönste christliche Musik ever?

Seit Monaten höre ich immer wieder das erste Album von Lazarus aus dem Jahr 1971. 3 Christen machen einen Folkpop, der in meinen Ohren schöner und künsterlisch reifer ist als das, was andere Folk- und Country-Rockbands der damaligen Epoche veröffentlicht haben.
Auf youtube kann man in einige Songs reinhören.
Zum Beispiel in "Eastward".
Oder in "Warmth of your eyes".
Ermutigende, tiefgehende Texte dazu.

Montag, 4. März 2013

Christliche Freiheit Teil 4 - Paulus


Paulus nimmt das Wort “Freiheit” (eleutheria) aus dem griechisch-hellenistischen Zusammenhang auf und gibt ihm im Rahmen seiner Theologie einen neuen Sinn. Das Neue in der christlichen Interpretation liegt vor allem darin, dass Freiheit mit einem geschichtlichen Ereignis in Verbindung gebracht wird: Jesus Christus ist der Ursprung der Freiheit. In seiner Geschichte ist die Freiheit Ereignis geworden. Es ist eine Freiheit, die im völligen Statusverzicht des Mächtigsten begründet liegt (Phil 2,6-11).

Die Zugehörigkeit zu Jesus Christus führt zu einer Perspektive, in der sich Freiheit und Beziehung/Bindung in einem gegenseitigen Steigerungsverhältnis befinden: Je intensiver die Bindung an Gott und Christus und den Geist, desto größer die Öffnungserfahrungen, die sich den Menschen erschließen, sowohl in Bezug auf sich selbst wie auch in Bezug auf den Anderen. Das Evangelium hat eine lösende, befreiende Wirkung, indem es an Christus bindet. So befreit es von gängelnder und angstbesetzter kultischer Religiosität. Es stellt solche Traditionen in Frage. Mehrmals betont Paulus den Freiheitsgewinn, der in dieser Anerkennungserfahrung im Blick auf Christus verankert ist: „Der Herr ist der Geist; wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit. Nun aber schauen wir alle mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn.“ (2 Kor 3,17-18) Der Geist Gottes, die Vernunft Gottes klärt über uns selbst und über Gott, wie er wirklich ist, auf. In dieser geistgewirkten Aufklärung liegt für Paulus ein immenser Freiheitsgewinn, der in einem bis in die Ewigkeit andauernden Prozess den Glaubenden verwandelt: „Wir werden verklärt in sein Bild von einer Herrlichkeit zur andern von dem Herrn, der der Geist ist“ (2 Kor 3,18).

Der über Gott und uns selbst aufklärende Geist schenkt den Gläubigen eine kritische Orientierung, die die Überschreitung von ethnischen und rituellen Grenzsetzungen ermöglicht. In Galater 5 ruft Paulus die Gemeinde zweimal in diese Freiheit hinein: „Für die Freiheit hat Christus uns freigemacht. Steht nun fest und lasst euch nicht wieder durch ein Joch der Sklaverei belasten“ (5,1). – „Ihr seid zur Freiheit berufen, Brüder!“ (5,13). Paulus verpflichtet hier geradezu die Gemeinde auf eine gewonnene Mündigkeit, die sie nicht wieder verspielen soll. Durch Teilhabe an Jesus Christus gewinnen Menschen Freiheit von sozialen Festschreibungen und Autoritarismus, von gesellschaftlicher Fremdsteuerung oder ethnischen Partikularismen. Mündige, im Glauben erwachsen gewordene Christen leben nach Paulus in der Freiheit, die sich in der Liebe verwirklicht: „Gebraucht nicht die Freiheit als Anlass für das Fleisch [d.h. für die egoistische Triebbefriedigung], sondern dient einander durch die Liebe“ (5,13). Liebe aber ist schon bei Paulus als kreative Fähigkeit zu verstehen, sich in die Situation eines anderen hineinzuversetzen und aus dessen Perspektive her so zu handeln, dass der Andere dies als für ihn Gutes erleben kann. Paulus sieht die Gläubigen zur Mündigkeit der Liebe befreit ohne Gängelung durch bevormundende Vorschriften: „Alles ist erlaubt, aber nicht alles baut auf“ (1 Kor 10,23). Die Liebe baut auf (1 Kor 8,1). Kreisläufe des Hasses können aus dieser Freiheit heraus abgebrochen werden, Kreisläufe der Liebe können in Freiheit aufgebaut werden.

Gott und eine an der Liebe orientierten Freiheit können zusammengedacht werden, sie bilden nicht notwendigerweise Gegensätze. Als wir Babys waren, waren wir noch nicht sehr frei, wir bedurften einer bergenden und fürsorgenden Kultur, Mutter und Vater. Aber gute Eltern wollen unsere Freiheit. Ihre Erziehung ist heute in der Regel davon geprägt, uns in die Freiheit zu entlassen. Freiheit entfaltet sich nicht in der Bindungslosigkeit, sondern in bindungsreichen Milieus, die Freiheit als Wert schätzen. So sollen wir uns auch Gott vorstellen: als liebender Gott, als tragender Grund unseres Daseins will er unsere Freiheit. Denn nur wer frei ist, kann – aus Freiheit heraus – für andere da sein.

Donnerstag, 28. Februar 2013

Tischgespräche über Gott und die Welt

Im letzten Sommer und in den Weihnachtsferien habe ich an einem kleinen Buch geschrieben, das ab 12. März erhältlich ist. Der Titel lautet: "Freu(n)de, Hoffnung, Malzkaffee".
Der Verlagsleiter hat dazu ein Interview mit mir geführt, das auf Vimeo angeschaut werden kann.

Montag, 25. Februar 2013

Lazarus

"Lazarus" war eine christliche Folk-Band, die Anfang der 70er Jahre ein außergewöhnlich schönes gleichnamiges Album aufgenommen hat (Harmoniegesang, traumhafte Bassläufe, mehrere akustische Gitarren, dezentes Schlagzeug, geistlich-geistreiche Texte). Ich habe es gerade mal wieder beim Lauftraining im frischen Schnee gehört. Leider ist es kaum erhältlich, man muss es irgendwie finden....

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Das zweite Album kann über Amazon als mp 3 käuflich erworben werden. Es hat aber über weite Strecken nicht die spirituelle Qualität wie das erste Album (klingt zu sehr countrymäßig).

Freitag, 22. Februar 2013

Christliche Freiheit 3 - Jesus von Nazareth


Jesus von Nazareth greift diese Verheißung auf und sieht sie in seinem Wirken sichtbar werden. Er hat einen genauen Blick für die bedrückenden Zustände in Palästina. Er sieht die große Armut, in der die Mehrheit der Bevölkerung lebt. Er sieht auf den Gassen und außerhalb der Dörfer die Kranken, die Besessenen, die Weinenden, die Trauernden, die Hungrigen. Er sieht ein Festhalten an falschen Sicherheiten: Er sieht unermesslichen Reichtum, satte und zufriedene Menschen, die das Leid ausblenden und mit sich rundum zufrieden sind und allein darum besorgt, ihren Besitz nicht zu verlieren. Er sieht die Gewalt der Mächtigen, die unter allen Umständen an ihrer Macht festhalten wollen und danach streben, Erster zu sein. Er sieht Fromme, die den Leidenden ihr Leid als Folge von Sünde zuschreiben und sonst darauf bedacht sind, minutiös Speise- und Reinigungsverordnungen einzuhalten, die im Laufe der Zeit den biblischen Regeln hinzugewachsen waren. Er sieht einen Tempel, der zu einem Handelsunternehmen verkommen ist. Jesus sieht einen tiefen Mangel an Barmherzigkeit und Solidarität. Er sieht eine Gesellschaft, in der Besitzende, Mächtige und Fromme nicht solidarische und damit befreiende Gemeinschaft schaffen, sondern tiefere Gräben zwischen die Menschen treiben.

In den Seligpreisungen stellt sich Jesus radikal auf die Seite der Armen, Hungernden und Leidenden. Er verspricht ihnen eine baldige Änderung ihrer Situation im Reich Gottes. (griech. basileia theou). Das Reich Gottes ist die Welt und Gesellschaft universaler Solidarität. In voller Kraft ist das Reich zwar noch eine zukünftige Größe (Mk 13,26–27), aber es bricht nach Jesus schon gegenwärtig an, vor allem auch in seinem eigenen Wirken. Jesus ist von der Grundgewissheit getragen, dass die heilvolle Gottesherrschaft nicht erst nach dem Weltgericht beginnt, sondern schon in die Gegenwart hineinreicht, gewissermaßen aus der Zukunft in die Gegenwart hineinspringt. Jesus verkündet: die Königsherrschaft Gottes ist im Anbruch. Den Gegenwartsaspekt des Reiches Gottes bindet Jesus an die heilenden und befreienden Erfahrungen, die Menschen in der Begegnung mit ihm machen, vor allem Kranke und Besessene. Jesus wendet sich als Befreier (Exorzist) immer wieder diesen fremdbestimmten, dem eigenen Ich verlustig gegangenen Menschen zu, um sie aus Gefangenschaft herauszuholen.

Die Spiritualität Jesu ist radikal auf Gottes Reich ausgerichtet und bezieht von dort her eine befreiende „Sorglosigkeit“. Das zukünftige Reich Gottes bestimmt für Jesus schon die Gegenwart: Und daher tritt an die Stelle irdischer Sorge um die eigene Zukunft das absolute Vertrauen in die Sorge des himmlischen Vaters. „Sorgt euch nicht um das Leben, was ihr esst, noch um den Leib, was ihr anzieht! Denn das Leben ist mehr als die Nahrung, und der Leib mehr als die Kleidung. Blickt auf die Raben! Sie säen nicht, sie ernten nicht, noch haben sie eine Scheune. Aber Gott nährt sie doch. Wie viel mehr seid ihr wert als die Vögel! Also sorgt euch nicht: Was sollen wir essen, was  trinken, was anziehen? Nach dem allen trachten nämlich die Völker. Euer Vater weiß, dass ihr dessen bedürft. Sucht ihr nur seine Herrschaft, und dies wird euch hinzugegeben werden.“ (Auszüge aus Mt 6,25-34)

Jesus führte die Männer und Frauen vor die Frage: Wer bin ich angesichts der Gottesherrschaft? Einige rief er in besonderer Weise in seine Nähe und damit in die Nachfolge und Wanderschaft: „Folge mir nach!“ Jesus reißt sie aus traditionellen sozialen Verpflichtungen heraus:  „Folge mir nach und lass die Toten ihre Toten begraben!“ (Mt 8,22 par). An die Stelle bürgerlicher, dörflicher Traditionen tritt das Risiko, in der engen Gemeinschaft mit Jesus seinen Vater als barmherzigen Gott kennenzulernen, dessen Reich unmittelbar bevorsteht. Das bedeutet Konzentration auf die Gegenwart und das Zukünftige. In der Nähe Jesu, in der Nachfolge, lernen sie Barmherzigkeit und die Fähigkeit, die Ausgeschlossenen in ihre Gemeinschaft mit einzuschließen. Jesus lehrt sie, die in ihrer Gesellschaft Unscheinbaren zu sehen, die vielen chronisch Kranken, Tagelöhner, Frauen, die sich mit Prostitution über Wasser halten, Kinder mit ihren Müttern. Sie lernen glauben, d.h. an der Seite Jesu verzichten sie auf die üblichen Sicherheiten, um sich einer ungesicherten Freiheit im Vertrauen zum gütigen Vatergott zu stellen. Sie lassen sich auf das Abenteuer ein, die sich nahende „Gottesherrschaft“ zur alles bestimmenden Mitte ihrer Existenz werden zu lassen. Gerade auch Frauen konnte Jesus eine befreiende Anerkennung vermitteln, die sonst unüblich war. Man denke nur an Maria und Martha, Maria von Magdalena oder an die samaritanische Frau am Jakobsbrunnen.

Eine Quäkerweisheit bringt den spirituellen Lebensstil Jesu ziemlich gut auf den Punkt: „Grenzenlos glücklich, absolut furchtlos und immer in Schwierigkeiten.“ Jesus thematisierte in einigen Gleichnissen die Gefährlichkeit der von ihm gelebten Spiritualität, die ja in einem völlig ungesicherten Vertrauen auf Gottes Güte und Vorsorge gründete und dabei die bestehenden Machtstrukturen in Frage stellte. Er rechnete auch mit Verfolgung bin hin zum Martyrium, das er dann schließlich mit seinen Zeichenhandlungen in Jerusalem bewusst riskierte. Sein messianisches Wirken zielte nicht auf eine realpolitische Machtergreifung in Jerusalem, sondern darauf, dass Gott, sein Vater, rettend zum Heil der Welt eingreift. In Gewaltlosigkeit hat er dies bis zum demütigenden und entwürdigenden Tod am Kreuz – von den Römern als „Herren der Welt“ veranlasst – durchgehalten.

Gott hat seinen Sohn nicht im Tod gelassen, sondern auferweckt und ihn zum wahren Herrn der Welt eingesetzt: das bezeugen die ersten Apostel, die ihn als Auferstandenen sahen. Ihr Evangelium lautet: In Jesu Geschick hat Gott tatsächlich rettend und befreiend eingegriffen. Gott war in Christus, er hat die Welt durch seinen Sohn mit sich selbst versöhnt, die Sünden vergeben und das Tor zum neuen, ewigen Leben geöffnet. Wer an Jesus und mit ihm verbunden an den barmherzigen Vater glaubt, gewinnt Anteil an Gottes neuer Schöpfung. Diese Wahrheit macht spirituell frei und so erklärt Jesus im Johannesevangelium den Juden, die ihm geglaubt hatten: Wenn ihr in meinem Wort bleibt, so seid ihr wahrhaft meine Jünger; und ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen. Sie antworteten ihm: Wir sind Abrahams Nachkommenschaft und sind nie jemandes Sklaven gewesen. Wie sagst du: Ihr sollt frei werden? Jesus antwortete ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Jeder, der die Sünde tut, ist der Sünde Sklave … Wenn nun der Sohn euch frei machen wird, so werdet ihr wirklich frei sein (Joh 8,31-36; vgl. dazu auch Röm 6,14 und Röm 8,2). Seiner Gemeinde spricht er zu: „Ich sage hinfort nicht, dass ihr Knechte seid; denn ein Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Euch aber habe ich gesagt, dass ihr Freunde seid; denn alles, was ich von meinem Vater gehört habe, habe ich euch kundgetan.“ Der Vater liebt den Sohn. In diese Liebe wird die Gemeinde durch die Freundschaft Jesu hineingenommen. Sie kann somit die Wahrheit bezeugen: Gott ist die Liebe. Größte Gottesnähe und höchste Anerkennungserfahrung liegen hier ineinander.

Sonntag, 6. Januar 2013

Religion: gewaltanfällig oder friedenstiftend?

In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Zeichen  der Zeit 2013/1, S. 7-10 ist ein Artikel erschienen, in dem ich zum Problem der Gewalt in Religionen Stellung nehme. Hier ein Auszug:

"Mein Eindruck ist, dass es sich nicht zuletzt auch an den prägenden Vorstellungen, wie Gott fühlt und handelt, entscheidet, ob man mit Religion im politischen Feld eher Gewaltanwendungen oder eher Friedenaktivitäten begründet. 

Der Gott derjenigen, die politische Gewalt mit ihrem Glauben rechtfertigen, ist voller Zorn über Unrecht, das den Armen und den ihm Getreuen zugefügt wird. Er ist empört, wenn sein Name missbraucht wird, wenn Gegenstände, die auf ihn hinweisen, entweiht werden. Er erregt Fromme zum heiligen Zorn und zu Gewalt, damit sie sich in seinem Namen für den Kampf für das Gute gegen das Böse und die Gottlosigkeit einsetzen. Er hat ein Land oder Volk dazu erwählt, das Böse auf Erden zu bekämpfen, um Ziele wie Frieden oder Freiheit auch mit Waffengewalt durchzusetzen.

Der Gott derjenigen, die sich als Friedensstifter verstehen, lässt es regnen über Gerechte und Ungerechte. Er ist langmütig. Seine treue Liebe ist stärker als sein Zorn. Seinen Zorn über die Sünde trägt er an sich selbst aus, und so offenbart er sich als der Versöhner, der aus Feinden Freunde gemacht hat. Er ist der Gott des Friedens. Jesus hat ihn als „Vater“ offenbart, als Abba, als lieben Vater, der seine Kinder dazu einlädt, sanftmütig zu sein und so barmherzig, wie er selbst barmherzig ist, bis hin zum Gebot: Liebe deine Feinde.

Beide Gottesvorstellungen lassen sich mit Aussagen aus heiligen Texten der Religionen belegen. So kommen Gläubige nicht umhin, zu gewichten und zu entscheiden, wo sich Gott in seinem Wort verlässlich als der offenbart, der er wirklich ist, und welche Konsequenzen dies für das Verhalten auf dem politischen Feld hat.

Wenn ich Muslim wäre, würde ich darauf setzen, was zu Beginn jeder Sure insgesamt 114 Mal im Koran steht: „Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen.“ Gott ist im Wesen der Barmherzige.
Als Christ, als Nachfolger Jesu, vertraue ich darauf, dass mir Jesus von Nazareth, der Christus, sichtbar macht, wer Gott von Herzen ist: der barmherzige Vater.

Samstag, 29. Dezember 2012

Christliche Freiheit - Teil 2

Freiheit im Alten Testament

In 1. Mose 1,26-27 wird das altorientalische Exklusivrecht der Könige auf Gottesebenbildlichkeit allen Menschen zugesprochen: „Und Gott sprach: Lasst uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei ...Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bild, zum Bild Gottes schuf er ihn, und schuf sie als Mann und Frau“ (1. Mo 1,26–27). Der Text stellt schlicht fest, dass alle Menschen Königen gleichen und damit Adelsstatus haben. Dies ist eine starke durch Gott zugesprochene Form der Anerkennung. Alle haben in ihrer Sozialität die Würde und die Vorrechte eines Fürsten. Alle sind damit freie Menschen und Repräsentanten Gottes. Faszinierend ist weiter die Aussage, dass sie es als Mann und Frau sind. Frau und Mann gemeinsam sind das Ebenbild Gottes. Bild Gottes sind wir somit nicht als Einzelwesen, sondern als Mitmenschen; wir sind Bild Gottes in unserer Bezogenheit auf andere. Mann und Frau stehen nicht nur für sexuelle Partnerschaft, Fruchtbarkeit und Ebenbürtigkeit der Geschlechter, sondern für alle freien schöpferischen Beziehungen unter Menschen. Frau und Mann symbolisieren, dass menschliche Beziehungen immer kreativ sind, nicht nur im biologischen, sondern auch im kulturellen Sinn. Immer wenn Menschen einander in wechselseitiger Anerkennung als Mitmenschen begegnen, werden sie gemeinsam schöpferisch tätig.

Wenn wir als Gemeinschaftswesen Gottes Ebenbild sind, ist dann nicht Gott selbst auch ein Gemeinschaftswesen? Der Text spricht es vorsichtig aus: "Lasset uns machen" fordert Gott sich selbst auf. Hier deutet sich an, dass Gott in sich unterschieden ist. Gott selbst ist eine Liebesgemeinschaft. Der gemeinschaftliche Gott ist somit das Kreativitätszentrum der Welt. Als seine Ebenbilder sind wir Menschen als Partner seiner Kreativität anerkannt. Mann und Frau gründen eine Familie, Sängerinnen und Sänger bilden einen Chor, Handwerker organisieren einen Betrieb, Kaufleute prägen eine Firma, Lehrer formen eine Schule, Musiker spielen in einer Band oder in einem Orchester. Wenn wir als Mitmenschen partnerschaftlich und ebenbürtig miteinander tätig sind, dann blühen wir auf, entdecken unsere Gaben und entfalten sie. An dieser gemeinschaftlichen Kreativität ist unser Bewusstsein beteiligt. Wir analysieren mit unserem Verstand und erkennen mit unserer Vernunft das Ganze der Wirklichkeit. Wir können verstehen, wer wir sind und wie die Wirklichkeit beschaffen ist, in der wir leben. Wenn wir als Menschen die Welt in ihrer Ganzheit zu verstehen suchen, dann sind wir Ebenbild Gottes. Gerade auch, wenn wir die Welt mit Leib und Seele als seine Schöpfung erkennen und genießen – nicht zuletzt in der freien Zeit der Muße, des Sabbats, in der wir von Pflichten frei die Spielräume der Schöpfung ausloten können.

Die Berufung Abrahams wird in 1. Mose 12,1-3 als Herausführung durch Gott aus dem vertrauten sozialen Lebensraum dargestellt. Gott ruft Abraham und Sara in eine größere Zukunft hinein und macht sie deshalb zu Wanderern. Glaube wird im 1. Mose 12–50 als ein Wagnis verstanden, Gottes Verheißungen als Anerkennung- und Öffnungserfahrung zu vertrauen und daraufhin eingespielte Lebensbereiche zu verlassen (Jesus wird ebenfalls diese Lebensform praktizieren).

Bei Hungersnöten zogen die halbnomadisch lebenden Nachkommen Abrahams ins wasserreiche Ägypten. Dort gerieten sie in Abhängigkeit und wurden zu Fronarbeitern gemacht (2. Mo 1). Die Ägypter nannten sie abfällig „Hebräer“, was wohl „Fremdarbeiter“ oder „Asoziale“ hieß. Sie wurden bei staatlichen Baumaßnahmen eingesetzt. Gott solidarisierte sich mit diesen Hebräern (vgl. 2. Mo 3,18; 5,3; 7,16; 10,3). Das 2. Buch Mose berichtet, wie diese entmutigte, zum politischen Handeln unfähige, unterdrückte Gruppe fremdländischer Fronarbeiter durch die Initiative des Gottes, den sie Jahwe nennen, einen politischen Führer erhalten, der ihnen hilft, sich aus ihrer Unterdrückung zu befreien. Der Exodus war eine religiös fundierte, politische Befreiungsaktion, die von Ägypten mit militärischen Mitteln erfolglos bekämpft wurde. Das gibt dem biblischen Glauben eine politische Dimension, deren Kern die Sichtweise und Sichtbarmachung der sozial Erniedrigten und Gedemütigten ist. In Psalm 146,7 wird diese Präferenz Gottes[1] gelobt: „Er schafft Recht den Bedrückten, er gibt den Hungrigen Brot. Der Herr macht die Gefangenen frei.“ Der Glaube an Gott diente nicht der Legitimation eines monarchischen Anspruchs auf göttlichen Status, wie es der Fall in Ägypten oder Babylonien war, sondern stellte übergriffige Herrschaft in Frage. Gott schenkte einer Gruppe von Unterdrückten inneren Zusammenhalt und gab ihnen die Möglichkeit, Ägypten zu verlassen, um eine freiere, gerechtere Gemeinschaft im „gelobten Land“ aufzubauen.

Das deuteronomistische Geschichtswerk, das im babylonischen Exil konzipiert wurde und auf ältere Quellen zurückgriff (es umfasst die Bücher Josua, Richter, 1. und 2. Samuel, 1. Könige und 2. Könige) erzählt das Gelingen und Scheitern dieses Projekts. Die freie und gerechte Gesellschaft stellte sich aufgrund notorischen Unglaubens der Führungsschicht nicht ein. So wuchs die Hoffnung auf eine geistliche Umwandlung durch Gott und auf einen gesalbten König (Messias), dessen Herrschaft zur befreienden Gerechtigkeit führt. Jesaja 61,1 lässt diesen ersehnten Messias eines neuen Bundes sprechen: „Der Geist des Herrn, ist auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, den Elenden frohe Botschaft zu bringen, zu verbinden, die gebrochenen Herzens sind, Freilassung auszurufen den Gefangenen und Öffnung des Kerkers den Gebundenen.“



[1] Vgl. G. Gutiérrez, Theologie der Befreiung, Mainz/München 1973.

Montag, 17. Dezember 2012

Christliche Freiheit Teil 1


Wenn ich das Wort Freiheit höre, dann weckt dieses Wort in mir positive Gefühle. Ich selbst bin Kind tief gläubiger Eltern und meine Kindheit war von intensiver Religiosität geprägt, also von einer starken Bindung an Gott und Verantwortung meiner Eltern für ihre Kirche. Niemals aber – so glaube ich – habe ich mich unfrei, unmündig gemacht, abhängig oder fremdbestimmt gefühlt. Bis heute erfahre ich Glauben als einen Lebensstil, der Freiheit und Bindung, Mündigkeit und Solidarität, Selbstbestimmung und Verantwortung für andere miteinander verknüpft. Als Christ ist Freiheit für mich nicht die Einladung zu Bindungslosigkeit, zur Selbstverabsolutierung oder gar zur Willkür. Meine Bindung an Gott, meine Zugehörigkeit zu Jesus Christus und seiner Kirche hat aber auch nichts mit Versklavung, Unmündigkeit oder Fremdbestimmung zu tun.

Anders das Bild von Kirche und Christsein, das in der Öffentlichkeit weit verbreitet ist: Die Kirchengemeinden seien eher konservativ, ihre Mitglieder wollten mit Glaubensvorstellungen und Organisationsstrukturen leben, die stark traditionsgebunden sind und auf Gehorsam, Einschränkung setzen. Wer Kirchgänger ist, sei eher an Verbindlichkeit, Gehorsam, Weisung orientiert als an Freiheit, Liberalität, Flexibilität, Wagnis. Das ganze „Setting“ von Kirche habe etwas Ordnendes, Vorgegebenes, ja auch Bevormundendes. Aber auch die Gemeindeglieder erleben ihre Kirche oder Gemeinde oft fordernd und die individuelle Freiheit einschränkend.[1] Dass betrifft auch Mitglieder der sogenannten Freikirchen und selbst der Evangelischen Kirche, die sich als „Kirche der Freiheit“ versteht.[2]

Die westliche Gesellschaft versteht sich als eine offene und experimentierende, sich ständig reformierende und andauend modernisierende Gesellschaft. Sie lobt sich für ihren Liberalismus, für wirtschaftliche, rechtliche, wissenschaftliche, künstlerische Freiheiten, für ihre Fähigkeit zu Humor und Satire und für die Erwartung, daß der Beleidigte sich in seiner Ehre gerade nicht gekränkt fühlt. Sie proklamiert neoliberal „Mehr Freiheit wagen“ oder „Flexibilität“, sie verspricht dem Einzelnen „Autonomie“, „Chancen“, „Mobilität“ und „Entscheidungsfreiheit“. In den Medien inszeniert sie sich aber auch selbstkritisch, deckt Skandale und Ungerechtigkeiten auf vor dem Hintergrund der für jedes Individuum geltenden Menschenrechte und seiner Menschenwürde. 

Engagierte Christen sind Menschen beider Welten: sowohl Bürger der Kirche/Gemeinde wie auch Bürger in der westlichen Gesellschaft. Wo erfahren wir mehr Freiheit: In der Gesellschaft oder in der Kirche? Oder in beiden? Oder: Weder da noch dort? 

Freiheit verstehe ich im Folgenden als Öffnungserfahrung zu mehr Erlebnis- und Handlungsspielräumen sowohl von Einzelnen als auch von sozialen Gruppen (Klassen, Minderheiten, Milieus). Im persönlichen Bereich können das differenzierte Einsichten sein, erweiterte Kompetenzen durch Ausbildung, Studium oder Weiterbildung, ein Arbeitsplatz mit wachsender Eigenverantwortung und Mitbestimmung, aber auch der Gebrauch von technischen Mitteln, die mehr Bewegungsfreiheit ermöglichen. Freiheit distanziert von Zuständen, die den Charakter der Mühle, des Hamsterrades und der vollständigen Anpassung haben. Genau das ist Unfreiheit: es ist die Erfahrung von Einschließung, also gefangen, eingeschränkt, entmündigt, begrenzt, gegängelt oder bevormundet zu sein. Freiheit ist daher nur zu gewinnen, wenn das Risiko unangepassten Verhaltens eingegangen wird, das sich repressiven Vorgaben widersetzt.

Im zwischenmenschlichen Bereich können Öffnungserfahrungen den Charakter von Anerkennungserfahrungen haben: Jemand öffnet sich mir, ich mich einer Person oder einer Gruppe – das geht nur bei gegenseiter Anerkennung.[3] Individuelle Freiheit und soziale Freiheit als Anerkennung in Form von Liebe, Wertschätzung und Rechtsgleichheit bedingen einander und stehen in einem gegenseitigen Steigerungsverhältnis.
 
Ermöglicht Kirche, ermöglicht Glaube, ermöglicht Gott Freiheit schenkende Öffnungserfahrungen und Anerkennungserfahrungen?


[1] R. Schieder, Wieviel Religion verträgt Deutschland?, Frankfurt am Main 2001, S. 57: „Ein religiöses Leben, in dem nie die autonomiefördernde Funktion von Religion erfahren wurde, ist ein Unglück.“
[2] Vgl. Kirche der Freiheit. Perspektiven für die Evangelische Kirche im 21. Jahrhundert, hrsg. von der EKD 2006 (http://www.ekd.de/download/kirche-der-freiheit.pdf). Eine der wirkmächtigsten Schriften Luthers trägt den Namen: „Von der Freiheit eines Christenmenschen“. Vgl. auch J. Moltmann (Hg.), Religion der Freiheit. Protestantismus in der Moderne, München 1990.
[3] Zur Philosophie der Anerkennung vgl. A. Honneth, Kampf um Anerkennung. Zur moralischen Grammatik sozialer Konflikte, Frankfurt am Main 1992; ders., Das Ich im Wir. Studien zur Anerkennungstheorie, Frankfurt am Main 2010.

Es geht wieder weiter

Heute erreichte mich ein Brief mit Karte und der lieben aber nachdrücklichen Aufforderung, doch bitte den Blog weiterzuschreiben ("Viel zu wenig freudiges und motivierendes ist [im Internet] zu finden"). Vielen Dank C. 
In den letzten zwei Jahren war ich nicht untätig, habe viel geschrieben, aber ich hatte keine Energien mehr frei für den Blog . Mal sehen, ob sich das wieder ändert. Ich beginne damit, einen Artikel zur christlichen Freiheit in mehreren Posts zu veröffentlichen, den ich dieses Jahr geschrieben habe und der in einer Aufsatzsammlung erschienen ist (dazu bald mehr....).

Samstag, 23. April 2011

Spititualität des Kirchenliedes

In der aktuellen FAZ findet sich ein schöner Artikel zur Geschichte des Kirchenlieds von Prof. Hermann Kurzker, der an der Universität Mainz das dortige Gesangbucharchiv leitet, die einzige Forschungsstelle zu diesem Gebiet weltweit. Der Artikel lohnt sich schon um der schönen Geschichte von der alten Mutter willen, die nur dann ruhig sterben kann, wenn ihr Kopf auf dem Gesangbuch gebettet ist, aus dem sie und schon ihre Mutter ihr Leben lang gesungen haben. Kurzker macht auch darauf aufmerksam,dass viele Kirchenlieder immer wieder der neuen Zeit und der aktuellen Theologie angepaßt wurden, damit sie "verträglich" wurden.

Hier als Appetizer eine Passage aus dem Artikel:

"Das mittelalterliche Adventslied „Es kommt ein Schiff, geladen“ ist eine solche Neueinspeisung. Man singt es heute in einer Fassung des 17. Jahrhunderts, die die übliche religiöse Selbstknechtung verlangt: „Und wer dies Kind mit Freuden/ umfangen, küssen will,/ muss vorher mit ihm leiden/ groß Pein und Marter viel.“
In einer spätmittelalterlichen Handschrift las man das anders, ins Neuhochdeutsche übertragen, ungefähr so: „Und wer dies Kind will küssen/ auf seinen roten Mund,/ empfanget großen Glusten (Gelüst)/ von ihm zur selben Stund.“

Sonntag, 27. Februar 2011

Karen Duve - Anständig essen


"Meat is murder" - so hieß 1985 ein Album der großartigen englischen Band "The Smiths". Ihr Sänger war und ist strenger Vegetarierer. Im Buch "Anständig essen. Ein Selbstversuch", das vor kurzem erschienen ist, erzählt Karen Duve ihre Reise in die Welt anständigen Essens, die sie im Jahr 2010 unternommen hat. Mit viel Witz, Selbstironie und gleichzeitig einem tiefen Ernst bezüglich der Frage, was da moralisch eigentlich geschieht, wenn Menschen Tiere völlig für den Verbrauch verzwecken. In den ersten zwei Monaten kauft sie ökologisch ein, dann steigt sie auf vegetarische Ernährung um. Im Sommer folgt die veganische Lebensweise, schließlich der Lebensstil eines Fruktariers. Wie sich ihre innere Einstellung zum Essen aufgrund von Wahrnehmungen und Argumenten radikal wandelt und mit der Lektüre auch die Einstellung des von der Sache gepackten Lesers, ist schon erstaunlich. Das Fazit des Selbstversuchs fällt differenziert, aber nicht radikal aus. Dem Leser ist bald klar, was machbar und eigentlich unvermeidbar ist: vegetarisch essen mit ökologisch hergestellten Produkten. Denn: "Meat ist murder."

Sonntag, 30. Januar 2011

Bonhoeffer: Das neue Leben in der Welt des Vorletzten

"Jesus Christus, der Auferstandene, das bedeutet, dass Gott aus Liebe und Allmacht dem Tod ein Ende macht und eine neue Schöpfung ins Leben ruft, neues Leben schenkt. 'Das Alte ist vergangen' (2 Kor 5,17). 'Siehe, ich mache alles neu' (Off 21,5). Auferstehung ist schon mitten in der alten Welt angebrochen als letztes Zeichen ihres Endes und ihrer Zukunft, und zugleich als lebendige Wirklichkeit. Jesus ist als Mensch auferstanden, so hat er dem Menschen die Auferstehung geschenkt. So bleibt der Mensch Mensch, obwohl er ein neuer auferstandener, dem alten in keiner Weise gleicher Mensch ist. Aber freilich bis zur Grenze seines Todes bleibt er, der mit Christus schon auferstanden ist, in der Welt des Vorletzten, in die Jesus einging und in der das Kreuz steht. So hebt auch die Auferstehung, solange die Erde steht, das Vorletzte nicht auf, aber das ewige Leben, das neue Leben bricht immer mächtiger in das irdische Leben ein und schafft sich in ihm seinen Raum."

"Christliches Leben ist Leben mit dem menschgewordenen, gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus, dessen Wort als ganzes uns in der Botschaft von der Rechtfertigung des Sünders aus Gnaden begegnet. Christliches Leben heißt Menschsein inkraft der Menschwerdung, heißt gerichtet und begnadigt sein inkraft des Kreuzes, heißt ein neues Leben leben in der Kraft der Auferstehung. Eines ist nicht ohne das andere."

Zwei Zitate aus dem Kapitel "Die letzten und die vorletzten Dinge", die sich in der Ethik Dietrich Bonhoeffers finden (Dietrich Bonhoeffers Werke Bd. 6, 3. Auflage der Taschenbuchausgabe 2010), S. 137-162.

Samstag, 29. Januar 2011

Evangelisch glauben

Evangelisch glauben ist kein Privileg von Christen, die durch Mitgliedschaft der evangelischen Kirche angehören. Evangelisch glauben heißt, in einer ganz bestimmten Weise auf das Evangelium von Christus bezogen Christ zu sein.
Luther und seine Mitstreiter in Wittenberg haben in den Jahren 1512-1519 in besonders klarer Weise diesen Glaubensstil wiederentdeckt. Er besteht in einer Verknüpfung von vier sich gegenseitig stützenden und erklärenden Bausteinen:

Allein Christus (solus Christus): Christus ist die Mitte, das Zentrum des christlichen Glaubens, und zwar Christus, der Gekreuzigte und Auferstandene, als Tröster und Zuflucht in der Anfechtung und Orientierung in der Lebensführung.










Allein die Gnade (sola gratia): In Christus wendet sich Gott uns voller Erbarmen, in der Fülle seiner Gnade, zu. Er vergibt uns unsere Schuld und schenkt uns die Gewißheit, dass dies auch so ist.

Allein der Glaube (sola fide): Im Glauben gehen wir eine direkte Beziehung zu Christus ein und sind uns des Zuspruchs Gottes völlig gewiss. Der Glaube ist damit keine Autoritätshörigkeit, sondern das Erlebnis, sich ganz von Gott geliebt, angenommen und erneuert zu wissen.

Allein die Schrift (sola scriptura): Christus, Gnade und Glaube sind das, wofür die Schrift als apostolisches Zeugnis des Evangeliums die Augen öffnet. Die Schrift ersetzt die Tradition als Autorität, nicht um zu einer erneuten Gefangenschaft zu führen, sondern das Gewissen zu einer Bindung allein an Christus zu befreien.

Luther in der Leipziger Disputation 1519:
"Für einen Katholiken [= Christen, gleich welcher Konfession] ist es nicht notwendig, über die Dinge hinaus, die ihm durch die Schrift bezeugt werden, noch weitere zu glauben." (16. These)
"Die Autorität der Konzilien [der nachapostolischen Autoritäten] steht unter der Autorität der Schrift" (These 17)

Lektüretipp: Volker Leppin, Martin Luther, 2. Auflage, Wissenschaftliche Buchgesellschaft: Darmstadt 2010, 72-164.