Sonntag, 30. August 2009

Geistliche Übungen (7): Natur erleben

Wir sind sinnliche Wesen. Das bewusste Erleben unserer sinnlichen Wahrnehmungen ist wichtig und schön. Es kann zu einer spirituellen Tätigkeit werden, ganz bei den Wahrnehmungen der Sinnesorgane zu sein, besonders in der Natur, die uns über uns selbst hinaushebt. Sie kann uns die Gegenwart des Göttlichen erschließen.

Viele Menschen suchen Orte auf, die eine „heilige“ Wirkung auf sie haben. Fast niemand kann sich der Andacht eines hohen Kirchenraumes entziehen; hier kann man zur Ruhe finden und in Kontakt mit tieferen Dimensionen des Lebens kommen. Mehr noch als menschliche Bauten können Wälder, Seen, Berge und Meere ergreifen.




Inspirierend können auch Quellen sein, ein Hain, ein alter Baum, ein hoher Wald, ein Berggipfel. Das sind dann Naturorte, die uns die Transzendenz erahnen lassen. Ich vergesse mich selbst, wenn ich mich in der „Einsfühlung“ mit der Natur voll auf das Erleben großer Natur einlasse. Ich gewinne Abstand zum Alltag, Distanz zu den täglichen Aufgaben und Verpflichtungen, die einem zu nah gerückt sind.

Das Glück eines Frühsommertages in der Natur beschreibt Goethe im „Mailied“ in wunderbarer Weise: „Wie herrlich leuchtet/ Mir die Natur!/ Wie glänzt die Sonne!/ Wie lacht die Flur!/ Es dringen Blüten/ Aus jedem Zweig/ Und tausend Stimmen/ aus dem Gesträuch/ Und Freud und Wonne/ Aus jeder Brust./ O Erd’, o Sonne,/ O Glück, o Lust/ O Lieb’, o Liebe...“
Inniges Naturerleben führt zur Erfahrung, dass ich nicht allein bin, sondern etwas ganz Tiefes mich mit allem zusammenhält. Ich bin ein Teil des Ganzen. Ich bin geborgen im Universum als Schöpfung Gottes. Das Universum ist nicht Gott selbst, aber er hat die Schöpfung so überdimensional erhaben geschaffen. Aus „Sternenstaub“ bestehe ich, die Ordnung des Kosmos mit seinen subatomaren Teilchen ist auch die Grundlage meines Lebens. Ich bestehe auch aus Atomen, Elementarteilchen, die sich in einer unvorstellbar komplexen Ordnung über chemische, biologische, psychische und soziale Prozesse zu dem bilden, was ich bin.

Ich sehe mich als Bruder oder Schwester nicht nur der Menschen, sondern auch der Tiere, der Pflanzen, der Steine und der Sterne. Sternenstaub bin ich, aber dies ist dann, wenn ich mich als Geschöpf verstehe, keine Vorstellung, die mich desillusioniert zurücklässt, sondern mir ein Sinnvertrauen in die Welt gibt, zu der ich gehöre. Die Natur erschließt mir ein Bewusstsein, zu einer größeren, universellen Ordnung zu gehören.

Betrachtet man Landschaftsbilder von Caspar David Friedrich, spürt man sofort, wie die Landschaft den Betrachter in eine andächtige Stimmung versetzt. Die Natur wird zur Offenbarung dessen, was mehr ist als die Natur – Gott. Eines der Bilder Friedrichs trägt nicht zufällig den Titel "Der Mönch am Meer". Einsam, ja winzig, verglichen mit der unendlichen Weite des Himmels steht an der Spitze der Küste ein Mönch, versunken in der andächtigen Betrachtung des Alls. Ist das nicht ein Erlebnis, das wir kennen und das wir immer wieder suchen, nicht zuletzt auch auf Reisen in großartige Landschaften?

Samstag, 29. August 2009

Gute Gotteserfahrungen

Von Gott
(vom Vater, von Jesus, vom Geist)

adoptiert werden
angeredet werden
beauftragt werden
befreit werden
bewahrt werden
erhört werden
erinnert werden
ermahnt werden
erneuert werden
erwählt werden
freigesprochen werden
geführt werden
geheilt werden
gelehrt werden
geliebt werden
gesendet werden
geschützt werden
getragen werden
getröstet werden
versöhnt werden
verwandelt werden
vollendet werden

Was könnte noch ergänzt werden?

Donnerstag, 27. August 2009

Lebenskunst

"In der Toskana erzählt man sich die Geschichte eines alten Conte, der sehr, sehr alt wurde, weil er ein Lebensgenießer war. Er verließ niemals das Haus, ohne sich vorher eine Hand voll Bohnen in die Tasche zu stecken. Er tat dies nicht etwa, um die Bohnen zu kauen.
Nein, er nahm sie mit, um so die schönen Momente des Tages bewusster wahrzunehmen und um sie besser zählen zu können. Wie hat er das gemacht?
Für jede positive Kleinigkeit, die er tagsüber erlebte, das Lachen der jungen Frau aus dem Nachbarhaus, ein schönes Essen, einen glänzenden Apfel, spielende Kinder auf der Piazza, die Zigarre beim Plausch mit einem Bekannten, einen schattigen Platz in der Mittagshitze, ein Glas guten Weines, und, und, und.
Für alles, was seine Sinne erfreute, ließ er eine Bohne von der rechten in die linke Jackentasche wandern. Manchmal waren es gleich zwei oder drei.
Abends saß er dann zu Hause und zählte die Bohnen, die er in die linke Tasche gesteckt hatte. Es war nicht nur ein Zählen. Nein, er zelebrierte diese Minuten. Dabei führte er sich alles Schöne vor Augen, das ihm an diesem Tag widerfahren war und er freute sich. Und sogar an einem Abend, an dem er bloß eine Bohne zählte, ging ein Lächeln über sein Gesicht, denn der Tag war gelungen.
Es hatte sich zu leben gelohnt."
(Quelle unbekannt)

Fundort: Harmjan Dam und Stefanie Daube (Hrsg.), Die Mitte suchen. Spiritualität in und um Schule, 2009, S. 17.

Die Schönheit der Rhön

Eine Leserin des Blogs stammt aus der Rhön. Sie hat erkannt, dass das Foto, das ich dem Beitrag zu den Seligpreisungen hinzugefügt habe, von der Wasserkuppe (950m hoch) aus aufgenommen wurde. Aus diesem Anlaß poste ich einige weitere Fotos, die ich im Juni dieses Jahres in der Umgebung der Wasserkuppe aufgenommen habe.


Kirche im Ortskern von Wüstensachsen




See am unteren Ende des Roten Moors (Hochmoor, 850 m hoch gelegen, im Naturpark Hessische Rhön)



Disteln am Ufer des Sees



Steg durchs Rote Moor

Mittwoch, 26. August 2009

Lektüreempfehlung

Gerade habe ich das anregende Heft „Die Mitte suchen. Spiritualität in und um Schule“ durchgearbeitet. Was ist mir besonders aufgefallen?

Stefanie Daube stellt die mittlerweile recht bekannten „Perlen des Glaubens“ vor, eine Perlenkette, bei der die farbigen Holzperlen unterschiedliche Bedeutungen haben (z.B. Gottes-Perle, Perle der Stille, Perlen der Liebe, Perle der Nacht, Perle der Auferstehung). Mit diesen Perlen kann z.B. der Lebensweg Jesu bedacht werden. In einen weiteren Beitrag regt Daube an, Geschichten, durchaus auch vom Lehrer selbst erdachte Geschichten, zu erzählen, die eine spirituelle Dimension öffnen (die wunderbare Geschichte „Bohnen in der Tasche – oder die Freuden des Lebens“, die sie zitiert, werde ich bald gesondert posten). Daube führt auch in die Methode des Bibliologs ein, das ist der Dialog mit einem Bibeltext, bei dem sich die Teilnehmer vor allem in die Gedanken oder Gefühle der Personen hineinversetzen können, von denen im Bibeltext erzählt wird. Harmjan Dam und Jutta Becher stellen sinnvolle Kriterien eines „guten“ Schulgottesdienstes zusammen („In einem guten Schulgottesdienst gelingt es eine Brücke zu schlagen zwischen einerseits ALLTAG UND IMMANENZ und andererseits TRADITION UND TRANSZENDENZ“ S. 26). Sehr stark spricht mich die Idee an, einen „Raum der Stille“ in der Schule einzurichten (Beitrag von Jochen Walldorf), ein Ort für Schüler und Lehrer, der ein „Zur-Ruhe-Kommen“ ermöglicht, ein „Ort der Stille“, ein Ort der Bitte und Fürbitte; auch des Gedenkens (im Gymnasium des Klosters Münsterschwarzach habe ich einmal einen Raum der Stille gesehen, in dem kleine gerahmte Fotos von verstorbenen Schülern oder Lehrern aufgehängt waren). Harmjan Dam berichtet von einer gelungenen mehrtägigen Exkursion mit einem Oberstufengrundkurs in das Kloster Marienstatt (Westerwald).
Die Broschüre endet mit einem wichtigen Beitrag zur seelsorgerlichen und spirituellen Dimension, die mit der Rolle des Religionslehrers verbunden ist. Insgesamt regt diese Publikation dazu an, die eigene spirituelle und seelsorgerliche Praxis vor Ort zu reflektieren und auszubauen.

Harmjan Dam und Stefanie Daube (Hrsg.), Die Mitte suchen. Spiritualität in und um Schule, 104 S., zu beziehen über das Religionspädagogische Studienzentrum der EKHN
http://www.rpz-ekhn.de/cms/index.php?id=121

Dienstag, 25. August 2009

Goldene Worte

Nun ist die Ferienzeit für mich als Lehrer vorbei; seit gestern bin ich ins Schulleben eingetaucht - und bin gerne wieder "drin", wenn auch noch mit ein wenig Spannung, ob ich wiederum genug Kreativität für guten Unterricht, der mich und meine SchülerInnen bereichert und bildet, aufbringen kann. Da können einige "goldene Worte" Begleiter sein:


"Man liebt das, wofür man sich müht, und man müht sich für das, was man liebt."


"Die größten Menschen sind jene, die anderen Hoffnung geben."


"Das Geheimnis der Freiheit ist der Mut."


"Die wichtigste Stunde ist immer die Gegenwart, der bedeutendste Mensch immer der, der dir gerade gegenübersteht."


"Die Glücklichen sind neugierig."

Montag, 24. August 2009

Morgenandacht: Nicht sorgen!

„Der Herr kommt bald. Macht euch keine Sorgen, sondern wendet euch in jeder Lage an Gott und bringt eure Bitten vor ihn. Tut es mit Dank für das, was er euch geschenkt hat. Dann wird der Frieden Gottes, der alles menschliche Begreifen weit übersteigt, euer Denken und Wollen im Guten bewahren, geborgen in der Gemeinschaft mit Jesus Christus. (Phil 4, 5-7 Die Gute Nachricht Bibel, 1997)

„Macht euch keine Sorgen“! Dieses Wort aus Jesu Bergpredigt greift Paulus auf. Schön wäre es ja, wenn das so einfach ginge. Die Zeiten, in denen man von Sorgen entlastet sind, gehören für uns sicherlich zu den glücklichen Zeiten im Leben. Für viele sind es vor allem die Kinderjahre gewesen, als andere für einen sorgten und weder die Vergangenheit noch die Zukunft uns belastete. Kinder können in der Gegenwart leben, ganz im Spiel aufgehen und dabei zutiefst glücklich sein. Jeder von uns hat Erinnerungen daran. Aber wenn die Kinderjahre vorüber sind, werden die Zeiten der Sorglosigkeit knapp. Die ersten Tage im Urlaub vielleicht, die Tage nach einer Lohnerhöhung, ein ruhiges Wochenende. Aber die nächsten Sorgen warten. Auch Jesus und Paulus lebten in einer stürmischen See voll Sorgen. Ihre Lebenslage war oft sehr gefährdet. Aber gerade sie fordern ganz selbstverständlich: „Macht euch keine Sorgen.“ Woher nehmen sie das Recht dazu, Erwachsene wie Kinder leben zu lassen? Es war ihre Erfahrung der Gegenwart Gottes. Der Herr ist nah! ruft Paulus. Gott ist nicht fern. Nein, Gläubige vertrauen sich ihm an wie Kinder ihrem Vater. Sie wissen sich geborgen in der Gemeinschaft mit Jesus Christus. Sie erfahren, wie in ihrem Bewusstsein der Friede Gottes aufsteigt, der alles menschliche Begreifen übersteigt. Wenn du also heute wieder voller Sorgen bist, schau sie dir von außen an, schau sie an von Gott und lass dabei den Frieden Gottes in dir Platz nehmen. Und dann stürze dich ins Leben und tue, was zu tun ist.

Sonntag, 23. August 2009

Technik und Gottesferne

Als ich am Donnerstag mit Michael am Kernkraftwerk Biblis vorbeikam (siehe Blog vom Donnerstag, 20.8. Bibliser Ansichten), strahlte dies auf mich eine besondere Faszination aus - menschlich geschaffene Groß- ja Spitzentechnologie. Staunen, aber ganz anders als dasjenige, das schöne Natur auslöst. Diese Technik verweist nicht auf Natur, sondern, obwohl sie elementare natürliche Prozesse technisch nutzt (atomare Kernschmelze), auf Fähigkeiten des Menschen. Sie macht den Menschen groß, so jedenfalls nehme ich das war. Zum Problem, das menschliche Technik, vor allem moderne Technik, nicht mehr auf Gott verweist, sondern auf den Menschen selbst als Macher, als homer faber, habe ich vor einiger Zeit auf Englisch einige Überlegungen geschrieben:

Distance to God in the experience of nature: the problem of technology

The experience of nature is ambivalent. Nature can be lovely but also terrifying. Nature is full of life and death, good and evil. Nature shows reliable rhythms but they can be destroyed by catastrophies. We can experience nature as a protecting house, but also as a chaosdriven danger.
Today the most influential challenge to the nearness of God in the experience of nature is the synthesis of science and technology. With high technology mankind creates an artifical world, especially in the modern cities. Most of the time we see nature only through windows of all kinds. In the modern city „God has gone/left“, we live in cities without God. Technology is fascinating, but has no real life. It’s not God’s spirit we experience in technology, it is man’s. Driving a car, using modern transportation, living in a computer-controlled building I’m sourrounded by men’s creations enjoying the convenience it brings. In the mirror of technology I see the power and creativity of the autonomous inventive spirit of man. Big fair’s (automobiles, computers) are organized like sacral/sacred rituals, sociologists speak of “implicit” religion. The blind spot of this homo faber is suffering and death, although technology has an immense power of healing and prolongation of life. We don´t like to hear the aching of nature, the suffering of creation or our own suffering – caused by nature or by technology. Technology seems to be without measure and limits, and has already developed a self-dynamic, almost impossible to control. More and more, we become slaves of the compelling fascination technology exerts on our modern society. The biblical symbol for this phenomenon is the tower of Babylon, the City of Babylon.
Life in modern societies is experienced as a neverending spiral-like process of selforganized social and technical systems, ruled by necessity (tradition) and chance (progress). We are projecting this autodynamic experience of progress and advance in technology on nature. Then the whole world becomes a neverending, reiterating process, governed by power and fate, destiny and chance, repetition without identity. Maybe there is some heuristic truth in this perception, but God has no part in this game.

Samstag, 22. August 2009

Gefühle (3): Freude und Glück

Zum Gefühl der Freude und zum Glücksgefühl habe ich einige schöne und erhellende Zitate im Buch „Philosophie der Gefühle“ gefunden.

Zunächst anschauliche Beispiele aus dem Kapitel „Glück und Freude“ (S. 111-125), was Freude und Glück auslösen können:

Das Betrachten einer eindrucksvollen Landschaft
Eine besonders schöne Abendstimmung
Eintreffen eines lang ersehnten Besuchs
Erfolg in einer Sache
Wohlbefinden beim Essen und Trinken, bei einem Bad im Wasser oder in der Sonne, beim Tanzen oder beim Liebesspiel.
Geselligkeit – Freude an einer gemeinsamen Situation
Hören von Musik oder ein besonderer Kunstgenuss
Der blühende Garten, der abgeschlossene Text, das gelungene Festmahl

Nun einige, wie ich finde, faszinierende Einsichten in das Wesen von Freude und Glück:
„In der Freude erfahren wir uns als federleicht, ohne Gewicht, und alles scheint ganz mühelos vonstatten zu gehen. Man hüpft vor Freude oder hat zumindest einen Hüpfimpuls.“ (S. 22) – „Leiblich wird Freude als Weitung erfahren mit einer Tendenz nach allen Richtungen. Insbesondere fühlt man sich durch die Freude ‚gehoben‘“, (S. 111) „…oft so, als ob man der üblichen Erdenschwere entzogen wäre. Dieses leibliche Erleben kennzeichnet aber auch das Glücksgefühl als Stimmung. Man fühlt sich leicht und unbeschwert und dadurch oft auch stark und kraftvoll….Je größer und intensiver das Glück, das erfahren wird, umso großräumiger wird die Weitung erlebt…Alles scheint einem leicht von der Hand zu gehen. Negative Erfahrungen rücken in den Hintergrund oder werden uminterpretiert; entscheidend ist die Gegenwart, die als so erfüllend erlebt wird, dass selbst mögliche oder wahrscheinliche Probleme in der Zukunft verblassen und unwichtig erscheinen. Was im Glücksgefühl zählt, ist das erfüllte Hier und Jetzt.“ (S. 118)
„Glücksgefühle implizieren eine positive Bewertung bestimmter Umstände oder Situationen oder auch des eigenen Lebens im Ganzen.“ (114) – Glücksgefühle und, etwas abgeschwächt, das Gefühl der Freude deuten positive Erlebnisse auf das Leben im Ganzen, wird auf mein Leben als Ganzes bezogen (117). – Im Verdichtungsbereich des Glücksgefühls steht „oft die ganze Welt, wie sie selbst dem Glücklichen erscheint, mit ihm selbst als einem harmonischen Teil von ihr….Dass dieser Verdichtungsbereich so weit ist und so vieles im Gefühl umschließt, legt der Übergang zu einer alles umfassenden Stimmung nahe. Wegen dieses umfassenden Charakters des Glücksgefühls könnte man versucht sein, es als ein Gefühl zweiter Ordnung aufzufassen, als ein Gefühl, das spezifischere Gefühle, ‚kleine‘ und ‚große‘ Freuden, quasi verallgemeinert und mit einem Gefühle ‚kommentiert‘, das sich auf das eigene Leben im Ganzen bezieht.“ (119) - „Damit ein Leben in irgendeinem Sinne als ‚gelungen‘ beschrieben werden kann, sind neben den objektiv feststellbaren so genannten Glücksgütern, die zum Teil durch eigenen Tätigkeit erworben, zum Teil auf glückliche Umstände wie die Abwesenheit von Katastrophen rückführbar sind, auch jene subjektiven Glücksgefühle erforderlich.“ (S. 121.) – Glücksgefühle enthalten zudem die Handlungstendenz, ‚die ganze Welt zu umarmen‘, sie gehen oft mit einer großen Offenheit für die Welt und die Belange anderer einher.

„Wer Glücksgefühle oder ein Gefühl tiefer Zufriedenheit erlebt, empfindet oft auch ein Gefühl der Dankbarkeit. In monotheistischen Religionen ist dieses Gefühl auf Gott gerichtet; man dankt im Gebet für all das, was Gott den Menschen schenkt und insbesondere für das Schöne und Gute im Leben dessen, der betet.“ (124) Es handelt sich um eine „existentielle Dankbarkeit“, die bei nichtreligiösen Menschen keine klar definierte Adresse findet und damit der „Verdichtungsbereich“, für gläubige Menschen Gott, unbestimmt bleibt.

Angesichts dieser tiefen Beschreibung von Glück, Freude und Dankbarkeit ist es nur allzu verständlich und allzu klar, dass es das Ziel auch von Religion ist (und sein muss!), Gefühle des Glücks und der Freude auszulösen und zu ermöglichen.


Christoph Demmerling/Hilge Landweer, Philosophie der Gefühle. Von Achtung bis Zorn, Stuttgart: Metzler, 2007. ISBN 978-3-476-01767-3

Freitag, 21. August 2009

Morgenandacht: Freut euch!

Freut euch immerzu, mit der Freude, die vom Herrn kommt! Und noch einmal sage ich: Freut euch! (Phil 4, 4 Die Gute Nachricht Bibel, 1997)

Du bist gerade aufgestanden, und weil du gestern Abend zu spät ins Bett gingst, fühlst du dich unausgeschlafen; die Glücksgefühle des gestrigen Abends sind wie weggeblasen und nun wartet ein langer Tag auf dich mit vielen Pflichten und Aufgaben. Am liebsten möchtest du wieder ins Bett kriechen. Möglicherweise hast du dich heute morgen sogar schon geärgert und du bist gereizt. Vielleicht bist du aber auch guter Laune, ausgeschlafen, voller Schaffenskraft und Lust, den Tag anzugehen. Wie immer auch deine Stimmung ist, ein Wort will dich den ganzen Tag begleiten: Freue dich immerzu, mit der Freude, die vom Herrn kommt. Dieser Aufruf will wie der regelmäßige Glockenschlag einer Turmuhr sein, um dich immer wieder daran zu erinnern, dass die Freude dein Leben bestimmen soll. Der heutige Tag wird sicherlich viele Gemütszustände in dir auslösen: Ärger und Frust, Hoffnung und Angst, Unlust und Müdigkeit, Zerstreutheit und Langeweile, Hektik und Zorn, Mitleid und Liebe und vieles mehr. Aber als Hintergrundmelodie oder Grundrhythmus oder Leitmotiv begleitet dich die Freude, die von Gott kommt. Sie sorgt dafür, dass du nicht das Gleichgewicht verlierst. All die verschiedenen Gemütszustände dürfen ruhig kommen, aber sie werden auch wieder gehen und nicht vollständig von dir Besitz ergreifen. Weil die Freude bleibt, die vom Herrn kommt. Es ist die Freude darüber, dass du zu Gott gehörst und du in seiner Liebe verankert bist. Es ist die Freude darüber, dass du zur Gemeinschaft der Gläubigen gehörst, die es überall auf der Welt gibt. Es ist die Freude darüber, dass dein Leben Sinn und Ziel hat. Es ist die Freude darüber, dass Gott dich berufen hat, die Liebe und die Gerechtigkeit in der Welt nicht zu vermindern, sondern zu vermehren. Es ist die Freude darüber, dass du dich nicht selbst tragen musst, sondern von Gott, vom Leben selbst, getragen wirst.

Donnerstag, 20. August 2009

Bibliser Ansichten



Ästhetik der Hochtechnologie und der Natur. Dazwischen Fahrradfahrer.



Das Allerheiligste der Atomaren Energie. Tritt nicht näher!



Kathedrale der Angst: "We are watching you!"



Uran-Moschee mit Minarett

Dienstag, 18. August 2009

Eine ungewöhnliche Predigt

Die folgende chassidische Geschichte berührt mich immer wieder, wenn ich sie lese:

Die Juden in einer kleinen Stadt in Russland warteten sehnsüchtig auf die Ankunft ihres Rabbi. Sie hatten so viele Fragen, die sie dem gelehrten Mann stellen wollten. Als er schließlich bei ihnen eintraf und sie im Lehrhaus der Stadt zusammen waren, konnte der Rabbi die Spannung spüren, in der die Leute auf seine Antworten warteten. Zuerst sagte er nichts, er schaute den fragenden Menschen in die Augen, summte eine schwermütige Melodie. Langsam fielen alle Menschen ein und summten mit. Dann begann der Rabbi zu singen, und alle sangen mit ihm. Dann wiegte er seinen Körper, und schließlich tanzte er mit feierlichen Schritten. Die Gemeinde folgte seinem Beispiel. Bald waren sie so vom Singen und gottesdienstlichen Tanz gefangen, dass sie auf nichts mehr achteten. Die Spannung wich einer wunderbaren Erlösung. Die Menschen wurden innen angerührt und von ihrer Zerrissenheit geheilt. Die vielen Fragen kamen zur Ruhe. Gut eine Stunde war vergangen, als das Singen und Tanzen langsam aufhörte. Die Menschen tauchten in einen schweigenden Frieden ein, der den ganzen Raum und ihre Herzen erfüllte. Dann sagte der Rabbi die einzigen Worte an dem Abend: „Ich hoffe, dass eure vielen Fragen beantwortet sind!”

Aus Axel Kühner: Hoffen wir das Beste, S.228, © Aussaat-Verlag, Neukirchen-Vluyn.

Erläuterungen zum Chassidismus im Wikipedia-Artikel:
Chassidismus kommt von dem hebräischen Wort חסידים / Chassidim, „Fromme“ und bezeichnet verschiedene voneinander unabhängige Bewegungen im Judentum. Gemeinsam ist diesen Bewegungen der hohe Standard religiöser Observanz, der hohe moralische Anspruch sowie eine besondere Gottesnähe, die häufig mystische Ausprägung gefunden hat. Begründer des osteuropäischen Chassidismus ist Israel ben Elieser (um 1700-1760), genannt Baal Schem Tow („Meister des guten Namens“). Innerhalb weniger Jahrzehnte verbreitete sich der Chassidismus in jüdischen Gemeinden in der Ukraine, in Polen, Weißrussland, Russland, Österreich und Deutschland. Der Baal Schem Tow und seine Nachfolger betonten den Wert des traditionellen Studiums der Tora und der mündlichen Überlieferung, des Talmud und seiner Kommentare. Daneben gewann die mystische Tradition der Kabbala erheblichen Einfluss. Über dieses Studium hinaus steht im Chassidismus das persönliche und gemeinschaftliche religiöse Erlebnis an vorderster Stelle.
Die Chassidim (Mehrzahl von Chassid) versammeln sich besonders am Sabbat und den jüdischen Festtagen um ihren Rabbi (jiddisch „Rebbe“), um in Gebet, Liedern und Tänzen und auch religiöser Ekstase Gott näher zu kommen. Der chassidische Rabbi, genannt „Zaddik“ („Gerechter, Bewährter“, von hebräisch „zedek“ = „Gerechtigkeit“), ist ein charismatischer Führer und Mittelpunkt der Gemeinde und gibt die chassidischen Lehren – oftmals in Form von Erzählungen und Gleichnissen – an seine Schüler weiter.

Geistliche Übungen (6): Lektüre biblischer Texte

Das Studium biblischer Texte ist einer der intensivsten Wege, Gott zu erfahren. Es ist wirklich ganz einfach. Ich greife zu einer Bibel und lese – einen Vers, ein Kapitel, oder ein ganzes biblisches Buch. Das Geheimnis ist, dass ich voraussetzungslos an die Lektüre herangehen kann. Es ist nicht notwendig, eine bestimmte Einstellung zu den Texten zu haben, weil diese Texte selbst die Kraft haben können, uns in eine neue Sichtweise hineinzuversetzen. Darum ist es auch gleichgültig, ob man mit einer verstandesmäßig kritisch-analytischen Haltung, oder mit einer ehrerbietigen Einstellung liest. Die Frustration, dass die gelesenen Bibelverse „mir nichts sagen“, kann sich in jedem Fall zunächst einmal einstellen. Diese Texte sind immerhin 2000–3000 Jahre alt und in kulturelle, politische wie soziale Situationen hineingeschrieben worden, die uns nicht mehr vertraut sind. Es gibt so viele Gründe, diese Texte „schwierig“ zu finden. Die „Fremdheit“ der Texte ist aber geradezu ihre Stärke, weil sie uns von uns selbst, von dem, was uns vertraut ist, wegführen und dabei zur Selbstrelativierung des Lesers beitragen. Bei andauernder, regelmäßiger Lektüre – auch verschiedener Bibelübersetzungen – beginnen die Texte dann vertrauter zu werden: eine bestimmte Aussage, ein besonderes Bild, ein tröstender Zuspruch, eine wichtige Mahnung, eine neue Gotteserkenntnis erschließen sich, ergänzen einander – die Worte gewinnen mit einem Male an Farbe und Lebendigkeit. In Fahrt gekommen, ist es ein Leichtes, weiterzulesen, zu vergleichen und Texte miteinander in Beziehung zu setzen. Persönliche Schlüsseltexte werden entdeckt, die man immer wieder gerne liest, weil sie Tiefenschichten in der Seele zum Klingen bringen – der Geist Gottes erweckt unsere Vernunft, die Gottes Wort im Menschenwort der Texte entdeckt und so zum „Brot des Lebens“ werden kann.

Montag, 17. August 2009

Der Sabbat als Vision eines nachhaltigen Lebensstils

1991 tagte die Vollversammlung des Ökumenischen Rats der Kirchen in Canberra zu verschiedenen Themenbereichen. In der "Sektion I" ging es um Fragen der Schöpfungsethik, die auf unterschiedliche Weise und z.T. theologisch recht provokant angegangen wurden. Im Bericht der Sektion wird auf die biblische Sabbattradition Bezug genommen:

"Sowohl für Juden als auch für Christen bietet die Einführung des Sabbats, des Sabbatjahres und des Jubeljahres eine deutliche Vision der ökonomischen und ökologischen Versöhnung, der sozialen und persönlichen Erneuerung."

"Der Sabbat erinnert uns daran, dass Zeit, der Bereich des Seienden, nicht lediglich Verfügbares ist, sondern eine heilige Dimension hat, die unserem Kontroll-, Befehls- und Unterdrückungszwang widersteht."

in: W. Müller-Römheld (Hrsg.), Im Zeichen des Heiligen Geistes. Bericht aus Canberra 1991, Frankfurt am Main 1991, S. 64.

Sonntag, 16. August 2009

Jakobusbrief (5): Ausdrucksformen von Spiritualität

In den letzten Wochen habe ich Texte zur Spiritualität des 1. Johannesbriefes und des Jakobusbriefes gepostet. Es sind kleine Bausteine für einen längeren Text: "Urchristliche Spiritualität. Erfahrungen der Nähe Gottes im Kontext ihrer Zeit."
"Ausdrucksformen von Spiritualität" sind Haltungen und Praktiken, die man tatsächlich beobachten kann, selbst wenn man in die Person(en) nicht "hineinschauen" kann; aber am Äußeren, am "Ausdruck" der Person(en) ist zumindest erkennbar, dass Spiritualität praktiziert wird.

Im Vordergrund des Jakobusbriefes steht eine Spiritualität der Barmherzigkeit, die sich an einem bestimmten Habitus (3,17-18) und den daraus resultierenden praktischen Taten erkennen lässt.
„Redet so und handelt wie Menschen, die nach dem Gesetz der Freiheit gerichtet werden“ (2,12).
Zu beobachten ist dann ein Mensch, der in seiner Kommunikation „sanftmütige Weisheit“ (3,13 oder: weise Sanftmut) ausstrahlt; er oder sie kommt ohne Zorn, ohne Fluchen, ohne Verleumdung, ohne Klagen über die anderen aus. Geduld zeichnet sie oder ihn aus (5,7-11), dazu Freude am Frieden und eine gütige Freundlichkeit.
Damit untrennbar verbunden ist eine aktive Barmherzigkeit im Handeln: „Ein reiner und makelloser Dienst vor Gott, dem Vater, ist der: die Waisen und Witwen in ihrer Not besuchen.“ (1,27); zum Besuch gehört die wirtschaftliche Unterstützung für den notwendigen Bedarf – Versorgung mit Kleidung und täglichem Brot (2,15-17).
Der Brief selbst versteht sich auch als Ruf zur Umkehr (5,19-20). Wenn jemand durch die ernste Ermahnung des Briefes zum Einsicht kommt, und das ist die Erwartung des Jakobus, dann soll er Buße tun: „Klagt und trauert und weint! Euer Lachen verwandle sich in Trauer, eure Freude in Betrübnis. Macht euch klein vor dem Herrn, dann wird er euch erhöhen.“ (4,9-10; vgl. auch 5,1).
Zur Buße tritt das Gebet um die Weisheit Gottes, die das Reden und Handeln im oben genannten Sinn positiv verwandelt.
Der Brief möchte in die Sichtweise dieser Weisheit einüben. Der Autor verwendet dazu einen Stil, der in lebendiger und sehr anschaulicher Weise mal das eine und dann wieder das andere Thema anspricht und in recht kurzen Sequenzen argumentativ darlegt. Es liegt aber kein durchkomponierter Gedankengang vor, sondern eine lockere Zuordnung der Themen, die ihm am Herzen liegen. Verbindungen und Strukturen lassen sich durchaus erkennen, dennoch fällt der fast sprunghafte Wechsel vom einen zum anderen Thema auf, aber genauso die Wiederaufnahme und Vertiefung von Themen, die dem Autor besonders wichtig sind, vor allem das Verhalten der Reichen. Mit diesem Stil erreicht Jakobus ein sehr eindringliches Einwirken auf die Hörer und Leser seines Textes, das Umkehr von der Anpassung an die „Welt“ (Verweltlichung, Anpassung an die Normen der Mehrheitsgesellschaft) und Hinwendung zur „Weisheit von oben“ erreichen möchte.
Am Ende des Briefes (5,13-16) werden einige Übungen und Riten hervorgehoben, die dem Autor wichtig erscheinen, oder er möchte sie einführen, weil sie wenig bekannt sind:
Bei guter Laune soll man Lobpsalmen singen; wenn man bedrückt ist, Klage- oder Bittpsalmen beten.
Wer krank ist, soll das Gebet und die Salbung mit Öl durch die Ältesten der Gemeinde suchen.
Im Zusammenhang mit Krankheit, aber auch darüber hinaus empfiehlt Jakobus das gemeinsame, also öffentliche Sündenbekenntnis und die Fürbitte untereinander.
Die zu Beginn und am Ende des Briefes angemahnte Geduld bezieht sich auf die Prüfungen/Versuchungen, die aus dem eigenen Inneren hervortreten, wie auch auf die unsicheren Verläufe des Lebens: "Ihr soll sagen: Wenn der Herr will, werden wir leben und die oder das tun.“