Diesmal wollte der Demonstrationszug den ganzen Innenstadtring herummarschieren, auch am Gebäude der MfS (Stasi)-Bezirksverwaltung vorbei. Vor der Demonstration fanden in allen vier Leipziger Kirchen Friedengebete statt, in denen zu unbedingter Gewaltlosigkeit aufgerufen wurde. Es war "ein Aufbruch im Raum des Gebets." (R. Mau)
An diesem Tag wollte die Staatsführung der DDR den immer größer werdenden Montagsdemonstrationen in Leipzig Paroli bieten. Wasserwerfer [nicht Panzer, wie ich ursprünglich geschrieben habe: siehe Kommentar!] standen in den Seitenstraßen. Wie man sich verhalten sollte, wurde allerdings nicht entschieden, man wartete ab, war unsicher.

Zu Beginn der Demonstration erfuhr man über Lautsprechersäule am Leipziger Ring, dass engagierte Leipziger Bürger (u.a. Kurt Masur) mit der SED-Führung von Leipzig einen Aufruf zum freien Meinungsaustausch verfasst hatten und zur Besonnenheit aufriefen. Die Demonstranten hatte Kerzen in ihren Händen und riefen immer stärker und mutiger "Wir sind das Volk". Die Soldaten und die Polizei wagten/brauchten nicht einzugreifen.
Egon Krenz war für die Leipziger Funktionäre nicht zu erreichen, und so entschied man in Leipzig selbst, nicht einzugreifen, sofern keine Angriffe von Seiten der Demonstranten erfolgten, eine knappe Stunde später rief Krenz aus Berlin an und bejahte nachträglich die Entscheidung vor Ort.
Horst Sindermann, Präsident der Volkskammer, meinte später: "Mit allem haben wir gerechnet, nur nicht mit Kerzen und Gebeten. Sie haben uns wehrlos gemacht."
Angeregt durch: Rudolf Mau: Kirche als Raum der Befreiung zum eigenen Wort, in: Theologische Literaturzeitung 134/10 (2009), Sp.1025 und Sp. 1038f.
Bildquelle: http://www.welt.de/multimedia/archive/1223634339000/00679/leipzig_13_11__DW_R_679662g.jpg
Ergänzung aufgrund einer Richtigstellung (siehe Kommentar):
In der SED-Führung und NVA wurde in den Tagen zuvor zwar eine militärische Lösung diskutiert, aber eben nicht entschieden; die Hemmung, Todesopfer in der eigenen Bevölkerung zu riskieren, war groß; man beließ es bei polizeilich harten Durchgriffen am 6. und 7. Oktober gegenüber Demonstranten und plante so auch für den 9. Oktober in Leipzig. Auf Bezirksebene (Leipzig) und Stadt-Ebene (Plauen, Dresden: Bergmann) wollten die SED-Verantwortlichen ebenso keine militärische Gewalt ausüben und versuchten mit den demonstrierenden Bürgern ins Gespräch zu kommen.
Die erhöhte Einsatzbereitschaft von NVA und Stasi-Einsatzkommandos sprach sich allerdings herum und ließ auf Seiten der Bevölkerung (und auch bei vielen Soldaten/Polizisten) das Schlimmste befürchten. Es war klar, dass nur absolute Gewaltlosigkeit eingreifhemmend sein konnte. Die deshalb praktizierte Gewaltlosigkeit der Bürger hat es auch den politisch Verantwortlichen und den mobilisierten Soldaten/Polizisten ermöglicht, auf Gewalt zu verzichten.
So sieht im Moment meine geschichtliche Erkenntnis rund um den 9. Oktober 1989 aus, ich lasse mich aber gerne weiter eines Besseren belehren!
Ich habe vertiefend und für die Korrektur zu Rate gezogen: Ilko-Sascha Kowalczuk, Endspiel. Die Revolution von 1989 in der DDR, München: Beck 2009, S. 386-404.


