Montag, 19. Oktober 2009

Die Byrds singen Kohelet 3,1-8



"The Byrds" präsentieren hier live (kein Playback! ca. 1966) einen Folk-Song von Pete Seeger, der zu fast 100% die Worte aus Kohelet 3,1-8 aufnimmt. Die Byrds machen daraus einen unwiderstehlichen Pop-Song, mit herrlicher Rickenbacker-Gitarre (das Markenzeichen von Roger McGuinn). Das Tambourin schlägt Gene Clark, der als Solo-Künstler noch traumhaft schöne Songs schrieb und leider schon in den 90er Jahren verstorben ist.
Pete Seeger hat Kohelet wohl auch deshalb vertont, weil dieser Textabschnitt ganz unabhängigk vom Kontext im Predigerbuch als Lebensweisheit funktioniert und auf der Hand liegende Lebenserfahrungen aller Menschen beschreibt.



Hier wird der Text des Songs sehr anschaulich illustriert.

Sonntag, 18. Oktober 2009

Der Charakter des Koheletbuches (Prediger Salomo)

Welches Problem will der Text lösen?
Das Buch ist ein spannender Beitrag zur Diskussion eines heißdiskutierten altorientalischen und antiken Problems: Wie gelingt ein glückliches, wie gelingt ein gutes Leben? Das Buch positioniert sich mit einer ganz eigenständigen Lösung zu dieser Frage in einer regen weisheitlichen, philosophischen Gesprächslage. Es lehnt im Laufe der Ausführungen mehrere gängige und durchaus plausible Glückskonzepte ab. Gleichzeitig präsentiert es einen eigenen Entwurf zum Frage nach einer Lebensform, die Glück ermöglicht: Glück, d.h. essen, trinken, lieben können, ist eine hin und wieder gewährte Gabe Gottes inmitten der völligen Flüchtigkeit des Lebens.

Wer ist der Autor?
Der im Text von 1,3 an bis 12,7 implizierte Sprecher ist ein alter, erfahrener Mann, der König in Jersualem war (der Gedanke an Salomo liegt nahe, ist aber nicht zwingend). Er wird „Kohelet“ genannt, auch selbst nennt er sich „Kohelet“. Der Name „Kohelet“ lässt an einen Philosophen denken, der im Kreis männlicher, junger Schüler seine Lebensweisheit weitergibt. Die Verse 1,1-2 und 12,8-12 stammen vom realen Autor des Buches. Er benutzt die Figur „Kohelet“ (die entweder ein echter Lehrer des Autors war – so wie Platon seine Lehre durch den Mund seines Lehrers Sokrates kund tut – oder eine vom Autor für den Text geschaffene fiktive Lehrerfigur ist), um seine Philosophie zu entfalten. Das Schlusswort 12,13-14 haben diejenigen Autoritäten hinzugesetzt, die das Buch in den biblischen Kanons eingereiht haben. Die Aussagen von 12,13-14 haben kaum etwas mit der Philosophie zu tun, die von Kohelet in 1,2-12,8 darlegt wird.
Im Mittelpunkt des Buches steht der Icherzähler „Kohelet“, der aus seiner reichhaltigen persönlichen Lebenserfahrung berichtet. Er erzählt von einem großangelegten Glücksexperiment, das nicht zum Erfolg führte, um dann das richtige Verständnis eines gelingenden Lebens zu vermitteln. Dabei zitiert er ältere Spruchweisheiten, manche korrigiert er, andere passen zu seiner eigenen Philosophie.

Wer sind die Adressaten?
Der Icherzähler „Kohelet“ richtet sich an einen jungen Mann, um ihm den richtigen Zugang zur Glückserfahrung „unter der Sonne“ zu vermitteln. Der reale Autor, der Kohelet sprechen lässt, hat alle Menschen im Blick, die Sehnsucht nach einem gelungen Leben haben. Er setzt zwar mit seiner hebräischen Sprache jüdische Hörer, präziser: besitzende, gebildete Männer, voraus, aber eigentlich richtet sich das Buch interreligiös an alle Glückssucher.

Samstag, 17. Oktober 2009

Aussichten einer Gans


Gans vorne, im Stehen, betrachtet auffliegende Gänse und Möwen, beobachtet von einem Fotographen (Bild anklicken, um Großbild zu erhalten)

Wolkenspiele





Auf Fahrradtouren rund um das Veluwemeer in Holland waren wir immer wieder vom Panoramaerlebnis beeindruckt, dass im Zusammenspiel von Sonne, Landschaft und Wolkenhimmel entsteht. Der kühle Herbstwind, die leuchtende Sonne und die Weite des Blicks erinnerten mich an Naturerfahrungen im Hochgebirge. Ein besonderer Genuss sind die asphaltierten Fahrradwege, die man viele Kilometer ohne jedes Hindernis und in absolut flachem Gelände fahren kann - bei Gegenwind anstrengend, bei Rückenwind ein Vergnügen.

Donnerstag, 15. Oktober 2009

Gott im Koheletbuch (Prediger)

Der Zugang zu Gott ist philosophisch und nicht theologisch, denn es ist nicht Gott, der spricht oder sich offenbart, sondern der Weise, der von seinem menschlichen Standpunkt, von der Welt aus, Gott und Welt reflektiert.

Was zeichnet diesen philosophisch nachgedachten Gott aus? “Gott ist im Himmel, und du bist auf der Erde.” (5,1) Der Himmel wäre der Ort, von dem aus der Weise alles verstehen könnte, aber dieser Beobachterstandpunkt und Wirkungsort bleibt Gott allein vorbehalten; der Mensch betrachtet die Dinge von unten her, er sieht, was “unter der Sonne”, “unter dem Himmel” ist und daher ist sein Begreifen der Welt, aber auch Gottes, stark eingeschränkt: “Der Mensch kann das Werk, das Gott gemacht hat, nicht von Anfang bis Ende begreifen.” (3,11) Vom Himmel her lenkt Gott die Ereignisse der Welt, aber die Einsicht darin muss dem Weisen verwehrt bleiben: “Ich sah das ganze Werk Gottes: dass der Mensch das Tun unter der Sonne nicht begreifen kann.“ (8,17)

Es bleibt nur, als Faktum festzustellen: Alles kommt “aus der Hand Gottes.” (2,24) und ist “in der Hand Gottes” (9,1). Es ist - aus der Perspektive von unten her - Gottes “Willkür”, sein “wie es mir gefällt”, das über menschliche Schicksale entscheidet (2,26). Gott ist der Schöpfer (21,1) und hat jedem Menschen seinen Lebensgeist gegeben (12,7). Als Lenker der Welt und der Weltzeit hat er alles “so gemacht, dass es schön ist zu seiner Zeit.” (3,11) Alles was Gott macht, ist endgültig: Nichts ist ihm hinzuzufügen, und nichts davon wegzunehmen (3,14). In seinem souveränen Handeln in der Weltzeit ereignet sich auch das Gericht Gottes über Gerechte und Gottlose (3,17). Gott gibt die Lebenszeit (5,17). Er schenkt Reichtum und Freude daran (5,18-19), kann aber auch den Genuß des Reichtums verhindern (6,2). Den Tag des Glücks wie auch den Tag des Unglücks hat Gott gemacht (7,14).

Gott spielt also eine zentrale Rolle im Weltverständnis des Buches, er ist der Dreh- und Angelpunkt all dessen, was in der Zeit geschieht und Menschen widerfährt. Wie sieht nun nach Kohelet die Beziehung zu diesem Gott aus? Wie nahe kann man ihm kommen? Oder bleibt er fern im Himmel, machtvoll und gleichzeitig undurchschaubar?

Mittwoch, 14. Oktober 2009

Lesefrüchte aus dem Koheletbuch (Prediger)

Die Andacht gestern hat einen Text aus dem alttestamentlichen Predigerbuch (Kohelet) aufgenommen. Es ist dasjenige biblische Buch, dass einen von hohen, aus Sicht des Buches "überspannten" Erwartungen oder Ansprüchen an das Leben, auch an ein spirituelles Leben, herunterholt. In den nächsten Tagen dann mehr zur Spiritualität dieses für jüdische und christliche Normalüberzeugungen so ungewöhnlichen Textes.
Heute zunächst einige Lesefrüchte:

"Wer das Geld liebt, wird des Geldes nicht satt."

"Es gibt viele Worte, die das Nichtige vermehren."

"Kein Mensch hat Macht über den Wind, so dass er den Wind aufhalten könnte."

"Gelassenheit deckt große Verfehlungen zu."

“Die Weisheit eines Menschen lässt sein Gesicht leuchten, und seine harten Züge lösen sich.”

"Süß aber ist das Licht, und für die Augen ist es gut, die Sonne zu schauen."

(Alle Texte nach der Übersetzung von Thomas Krüger, Biblischer Kommentar Altes Testament BK XIX Sonderband, Neukirchen-Vluyn 2000)

Dienstag, 13. Oktober 2009

Morgenandacht: Essen und Trinken

„Ich bin zu der Erkenntnis gekommen, daß wir Menschen in dem kurzen Leben, das Gott uns zugemessen hat, nichts Besseres tun können als essen und trinken und es uns wohl sein lassen bei aller Mühe, die wir haben. So hat Gott es für uns bestimmt.“ Kohelet (Prediger Salomo) 5,17

Essen und Trinken gehören zu den absolut notwendigen Regelmäßigkeiten in unserem Leben. Die Frage ist, welchen Wert wir dieser Notwendigkeit zubilligen. Gott will, daß wir Wohlgefühle dabei haben, uns in Bezug auf das Essen geradezu hedonistisch verhalten.
Schon für die alten Israeliten lautete der von Gott angestiftete Traum „Genuß im Überfluß“: „Ich will mein Volk aus Ägypten führen und in ein fruchtbares und großes Land bringen, ein Land, das von Milch und Honig überfließt.“
Gott hat überhaupt eine ausgeprägte Nähe zu festlichen Mahlzeiten. Als Abraham von drei Männern besucht wird, die er sogleich als Gotteserscheinung erkennt, wird er ganz beflissen zu einem Gastwirt, der seine Frau zur Gourmetköchin macht: „Abraham lief sogleich ins Zelt und sagte zu Sara: Schnell, nimm drei Backschüsseln von deinem feinsten Mehl, mach einen Teig und backe Fladenbrot! Dann lief er zum Vieh, suchte eine schönes, gesundes Kalb aus und befahl dem Knecht, es zuzubereiten. Er holte süße und saure Milch, nahm das gekochte Fleisch und trug alles hinaus unter den Baum. Mit eigener Hand bediente er seine Gäste und stand dabei, während sie aßen“ (1.Mose 18,6–8).
Auch Jesus lebte nicht asketisch, sondern er liebte es, zu essen und zu trinken und mußte sich daher mit den Vorwürfen auseinandersetzen, die er sich damit einhandelte: „Der Menschensohn ist gekommen, ißt und trinkt, und sie sagen: Seht ihn euch an, diesen Vielfraß und Säufer, diesen Kumpan der Zolleinnehmer und Sünder.“ Jesus schien keine Gelegenheit auszulassen, einzuladen oder sich einladen zu lassen. Vor seinem Tod stiftete er das Abendmahl, daß Christen bis heute feiern, um Mahlgemeinschaft mit Jesus zu haben.

Das Essen und Trinken, im Kreis der Familie, der Freunde und darüber hinaus, ist sehr biblisch. Ja, man könnte fast sagen, daß sich in der Gastfreundschaft ein zentraler Sinn des Lebens erfüllt.

Freue dich heute auf dein Essen und Trinken, das du genießt. Danke Gott für die Gabe des Schmeckens. Schmecke und sehe, wie freundlich der Herr ist. Wenn es möglich ist, pflege dabei Gemeinschaft mit anderen Menschen, im Kreis deiner Familie oder mit Arbeitskollegen, mit Freunden oder Bekannten. So will es Gott.

Montag, 12. Oktober 2009

In den Tag hinein leben

Beruflich tätig sein bedeutet in der Regel, in ein klares und oft auch enges Zeitkorsett eingeschnürt zu sein. Das gilt auch für Selbständige oder für Lehrer. Berufliche Arbeit wird zu Hause geleistet und läßt kaum Zeit zur Entspannung. Besonders anstrengend war für mich in den letzten Wochen das Korrigieren. Gerade diese Arbeit erfordert hohe Aufmerksamkeit, da ich ja der Leistung und dem Engagement der Studierenden/Schüler gerecht werden möchte. Wenn Arbeiten nicht so gut sind und viele Ungenauigkeiten enthalten, wird es sehr schwer; es bedarf höchster Konzentration, die gar nicht leicht abzurufen ist. Was ist trotzdem gut, welche Note ist im "Vergleich" angemessen? Oft eine diffizile Entscheidung, die schwer fällt, wenn man ermutigen und nicht entmutigen möchte, die Notenziffer dann aber doch als klare frustrierende Nachricht da steht.
Seit gut drei Tagen bin ich im Urlaub mit Freunden und Bekannten, gemeinsam in Ferienhäusern, eingeladen, einen runden Geburtstag zu feiern und dann Wind und Wetter entscheiden zu lassen, was passiert. Weit weg vom engen Zeitkorsett. Ausschlafen, miteinander essen, sich unterhalten, Sport treiben, lesen, wieder essen...Langeweile (hier ganz positiv gemeint) erleben; die Zeit verlangsamt sich, dehnt sich, oder verdichtet sich im intensiven Gespräch oder im Flow beim Sport.

Sonntag, 11. Oktober 2009

Morgenandacht: Freundlichkeit

„Alle sollen sehen, wie freundlich und gütig ihr zueinander seid.“ (Phil. 4,5 Die Gute Nachricht Bibel, 1997)

Wie oft, schätzt du, wirst du heute unfreundlich sein? Wie oft wirst du ungeduldig sein? Wie oft nachtragend, herablassend und genervt? Wahrscheinlich öfters, als du es jetzt willst und dir vornimmst. Die Vorsätze sind gut, aber im nächsten schwierigen Moment sind sie schon vergessen und außer Kraft gesetzt. Natürlich, wir wollen freundlich und gütig zueinander sein! Nicht nur untereinander, nicht nur im Freundeskreis oder unter den Gleichgesinnten in der Kirche oder unter den netten Kollegen am Arbeitsplatz, nein, auch zu denen, die uns nerven, verletzen und lästig sind. Wir wollen es, weil wir Christen sind. Und das ist gut so. Schlecht ist nur, dass es so schwierig zu verwirklichen ist. Dabei ist die Bitte so schlicht und klar: „Alle sollen sehen, wie freundlich und gütig ihr zueinander seid.“ Sie ist sogar mit der Hoffnung verbunden, dass dann, wenn jemand damit beginnt und nicht aufhört, freundlich und gütig zu sein und zu bleiben, der Funke überspringt und auch der andere freundlich und gütig werden könnte. Ist das nicht eine reizvolle Herausforderung? Wenn du kurz vor deinem ersten Ärger stehst, dann halte kurz inne und höre die Worte: „Alle sollen sehen, wie freundlich und gütig ihr zu-einander seid.“ Mal sehen, ob sie wirken!

Freitag, 9. Oktober 2009

Geistliche Übungen (12): Gastfreundschaft und Spenden

"Eine weise Frau reiste durch die Berge. Eines Tages fand sie dort in einem Bachlauf einen sehr wertvollen Stein. Am nächsten Tag traf sie einen anderen Wanderer. Der Mann war hungrig und die weise Frau öffnete ihre Tasche, um mit ihm ihr Brot zu teilen. Der Wanderer sah den wundervollen Stein in der Tasche. 'Gib mir den Stein' sagte er. Die Frau reichte dem Mann ohne jedes Zögern den Stein. Der machte sich schnell davon, denn ihm war klar, dass der Stein sehr wertvoll war und dass er nun den Rest seines Lebens sorgenfrei verbringen konnte. Einige Tage später kam der Mann jedoch zurück zu der weisen Frau und gab ihr den Stein wieder: 'Ich habe nachgedacht', sagte er. 'Ich weiß, wie wertvoll dieser Stein ist. Aber ich gebe ihn dir zurück. Das tue ich in der Hoffnung, dass du mir etwas viel Wertvolleres dafür schenken kannst. Bitte gib mir etwas von dem, was es dir möglich machte, mir diesen Stein zu schenken.'"

Wieviel von meinem Geld und meinem Besitz kann ich abgeben? Egozentrik zeigt sich sehr deutlich an der Fähigkeit, für sich selbst zu sparen und die schönsten Dinge sich selbst zu kaufen. Mein Besitz, das bin ich und das ist für mich! Das Haben-Denken zeigt sich in dem inneren Überzeugtsein, immer zu wenig zu haben, neidisch sein zu müssen auf andere und an einer Welt zu leiden, die einem ein ungerechtes finanzielles Schicksal zugeteilt hat. „Geldgier ist eine Wurzel alles Bösen“ (1. Timotheus 6,10).

Aber loslassen, abgeben, spenden und teilen muss gar nicht so schmerzlich sein. Im Gegenteil. Geld und Liebe können durchaus zusammengehen: Ohne Geld keine Gastfreundschaft und gute Bewirtung der Gäste. Mit Geld kann man sich zwar Liebe nicht kaufen, aber man pflegt sie damit. Von Jesus wird der lebenskluge Spruch überliefert: „Nutzt das leidige Geld dazu, durch Wohltaten Freunde zu gewinnen“ (Lukas 16,9). Wie schön ist es für Kinder, wenn sie großzügige Eltern haben, die sie gut versorgen (aber nicht verwöhnen). Wie freut sich eine Kirchengemeinde über großzügige und regelmäßige Spender. Unzählige humanitäre und soziale Projekte könnten ohne die Gebefreudigkeit von Spendern nicht erfolgreich sein. Auch Freundschaften vertiefen sich durch die gegenseitige Großzügigkeit und Gastfreundschaft. Geschenke machen übrigens nicht nur den Beschenkten Freude, sondern auch den Schenkenden. Menschen, die gerne geben, sparen, um freigiebig sein zu können.

Paulus motivierte seine Gemeinden zum Spenden mit dem Beispiel von Christus, der alles gab, um die Menschen reich zu machen: „Ihr wisst ja, was Jesus Christus, unser Herr, in seiner Liebe für euch getan hat. Er war reich und wurde für euch arm; denn er wollte euch durch seine Armut reich machen“ (2. Korinther 8,9).

Mittwoch, 7. Oktober 2009

Frühchristlicher Hymnus aus dem 3. Jahrhundert

Auf http://euangelizomai.blogspot.com/ habe ich ein faszinierendes Lied gefunden. So in etwa (das Ganze ist eine Rekonstruktion, der gesprochene Text während des Liedvortrags ist Ergänzung) wurden von (manchen) Christen in der Zeit vor Konstantin Lieder im Gottesdienst gesungen. Wie repräsentativ dieses (leicht gnostisch angehauchte) Lied ist, läßt sich schwer einschätzen. In jedem Fall:
Genießen, entspannen, Ruhe finden.



-ytaneo sigato,
med' astra phasesphora lampesthon
potamon rhothion pasai
hymnounton d'hemon patera k'hyion k'hagion pneuma
pasai dynameis epiphounounton Amen Amen
kratos, ainos aei kai doxa theoi
doteri monoi panton agathon. Amen Amen

(Versuch einer deutschen Übersetzung)
... es soll ruhig werden
die leuchtenden Sterne nicht scheinen
alle rauschenden Flüsse still werden
wenn wir aber dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist singen
sollen alle Mächte "Amen, Amen" anfügen.
Herrschaft, ewiges Lob und Herrlichkeit Gott
dem alleinige Spender der guten Dinge. Amen, Amen


(Ausschnitt, bei Anklicken ist das ganze Papyrusfragment zu sehen)


Wikipedia-Artikel (gekürzt)
The Oxyrhynchus hymn (or P. Oxy. XV 1786) is the earliest known manuscript of a Christian hymn to contain both lyrics and musical notation. This papyrus fragment was unearthed in 1918 and the discovery was first published in 1922. The hymn was written down around the end of the 3rd century AD. The musical notation may imply the use of instruments.
The text, in Greek, poetically invokes silence so that the Holy Trinity may be praised.
The music is written in Greek vocal notation. It is entirely diatonic, with an ambitus of exactly an octave from F to F an octave above, and a final nominally on G
It is often considered the only fragment of Christian music from ancient Greece, although Kenneth Levy has persuasively argued that the Sanctus melody best preserved in the Western medieval Requiem mass dates from the 4th century.

Montag, 5. Oktober 2009

Nicht-Ich

Die Bekanntschaft mit dem Selbstverständnis einer anderen Religion kann Erkenntnisse zu Tage fördern, die neue Perspektiven auf die eigene Religion ermöglicht. Diese Einsicht liegt den folgenden Überlegungen zugrunde.

Viele Spielarten des Buddhismus wollen durch Erkenntnis, Lebensführung und Meditation zum Bewußtseinszustand der Ich-Losigkeit hinführen. Zenbuddhisten sprechen von einem Ich, das weiß, daß es nur Vorstellung ist und sich darin überwunden hat. Das Nicht-Ich ist für viele Buddhisten das Tor zur Weisheit, zur Strömungslehre des Lassens, Gleitens, zum völligen In-der-Gegenwart-sein.

Das Tor zur Weisheit ist im christlichen Glauben die Gnade. Auch sie verflüssigt, stellt frei, ermöglicht absolute Gegenwart der Geborgenheit bei Gott. Die Gnade Gottes ermutigt uns, alles, ja alles loszulassen und uns in einen Raum zu stellen, in dem Gott als Geheimnis der Welt, als Geheimnis meiner selbst und dessen, was außer mir liegt, wahrgenommen wird. Gnade ist die Erfahrung, daß Gott uns näher ist, als wir uns nahe sein können. Gott umfaßt uns von unendlichen zurückliegenden Anfängen bis zur unendlichen Ewigkeit. In der Erfahrung der Gegenwart Gottes als überfließende Quelle alles Seins sind wir seine Kinder. Die Gnade führt uns zum christlichen „Nicht-Ich“. Worin besteht dies? Alle unsere zeitlichen Lebenserfahrungen relativieren sich heilsam in unserer letztgültigen Identität „in Christus“. Das „Sein in Christus“ – und entsprechend „Christus in uns“ – schenkt uns eine Identität, die tragender ist als alle zeitlich-räumliche Identität. Sie überschreitet unsere geschlechtliche, ethnische, soziale und kulturelle Identität. „Ich in Christus“ – dieses Nicht-Ich der Christen – das ist unser wahres Ich, das uns hilft, angemessen mit unserem endlichen Ich umzugehen. Christus ist der „Erleber“ in uns, der uns heilsame Distanz zu allen irdischen Erfahrungen ermöglicht, nicht im Sinne einer Abwertung, sondern so, daß wir uns von diesen Erfahrungen nicht gefangen nehmen lassen, sondern ihnen gegenüber frei bleiben und sie schöpferisch gestalten können.

Samstag, 3. Oktober 2009

100 Posts/Beiträge - Psalm 100

Jubelt dem Herrn zu, ihr Völker der Erde!
Dient ihm voll Freude,
kommt zu ihm mit fröhlichen Liedern!

Erkennt, dass der Herr unser Gott ist!
Er hat uns zu seinem Volk gemacht, ihm gehören wir!
Er sorgt für uns wie ein Hirte für seine Herde.

Geht durch die Tempeltore ein mit Dank,
betretet den festlichen Vorhof mit lautem Lob!
Preist ihn! Rühmt ihn!

Denn der Herr ist gut zu uns,
seine Gnade hört niemals auf,
für alle Zeiten hält er uns die Treue.

Freitag, 2. Oktober 2009

Der unfassbare Vater

„Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater. Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater, und es jammerte ihn; er lief und fiel ihm um den Hals und küßte ihn“ (Lukas 15, 20)

Ein Vater hat zwei Söhne. Von den beiden Söhnen geht der jüngere zuerst seiner Wege. Die Forderungen des Sohnes nach dem Erbteil beantwortet er nicht abwertend, etwa: „Kommt überhaupt nicht in Frage, arbeite erst einmal tüchtig, du fauler Sack.“ Oder: „Nur Abhängen willst du. Eine Tracht Prügel ist wohl besser, als dass ich dir noch mein sauerverdientes Vermögen hinterherschmeiße.“ Nein. Er respektiert die unverschämte Forderung des Sohnes. Der Vater läßt es einfach zu. Warum? Vermutlich, weil er die Fähigkeit hat, loszulassen. Er läßt seinen Sohn gehen, obwohl er weiß, daß dieser noch nicht fähig ist, sich in der Welt zurechtzufinden. Der Vater ist sehr friedfertig. Er hofft darauf, daß sein Sohn durch die Realität der Welt, die das Traumbild des Sohnes in Frage stellen wird, zur Vernunft kommt. Deshalb wartet er auch, bis der Sohn – vom Schicksal gebeutelt – wiederkommt. Sehr geduldig wartet er, steht er an der Haustür. Und als der gescheiterte Sohn nach Monaten, Jahren zurückkommt, unsicher, ob der Vater ihn überhaupt nach seinen Selbstüberschätzung noch „haben will“, kommt er aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Er wird von seinem Vater mit einer Herzlichkeit und Liebe aufgenommen, als ob er noch der gleiche Sohn wäre, welcher er zuvor noch zu Hause gewesen ist. Keine Vorwürfe, kein Zorn. Ganz anders: totale Freude auf Seiten des Vaters, er „flippt“ geradezu aus, weil er seinen Sohn so liebt. Er läuft ihm sogar entgegen.

Jesus hat in dieser Geschichte die einzigartige Liebe Gottes zu uns veranschaulicht. Der Glaube an den Gott Jesu schenkt uns einen Vater, der die Fähigkeiten menschlicher Väter weitaus übersteigt. Von dieser Liebe dichtete Paulus: „Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf ... sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.“ So ist die Liebe Gottes! Im Glauben können wir zu Gott sprechen: Abba, lieber Vater. Eine kindliche Beziehung zu Gott hat etwas mit Vertrauen und Geborgensein zu tun. Die Angst vor dem fernen oder stummen Gott wird uns genommen, da wir ihm ganz nahe gerückt sind. Vertrauen schafft gleichzeitig auch Freiraum. Unser Gott ist daher kein überfürsorglicher, erdrückender Gott. Er läßt uns Freiraum. Er ist gespannt, was wir aus uns machen. Und immer, allezeit, wartet er auf uns, um uns seine Nähe und Sicherheit zu geben.

Donnerstag, 1. Oktober 2009

Gefühle (4): Gefühle, die zum sittlichen, ethischen Handeln motivieren

Was motiviert mich zum sittlichen Handeln? Im Unterrichtsgespräch mit meinem Leistungskurs Religion zu dieser Frage ist mir bei der Verwendung der eher kognitiven Schematik von Lawrence Kohlberg und aufgrund von Schülerbeiträgen klarer bewusst geworden, dass Gefühle bei der ethischen Motivation eine wesentliche Rolle spielen. Hier ein erster Versuch, wie unterschiedliche Gefühle in Verbindung mit moralischen Handeln gebracht werden können (noch mit Orientierung am Kohlbergschema), sicherlich noch unausgereift, aber doch schon in mancher Hinsicht erhellend:

Strafe vermeiden: Angst, Furcht vor körperlichen Bestrafungen motiviert dazu, etwas zu tun oder zu unterlassen, Aufrechterhaltung von Lustgefühlen.

Erwartung von Belohnung: Die Aussicht auf Belohnung, also Vorfreude auf Glücksgefühle motivieren das sittliche Handeln, Vermeidung von Unglücksgefühlen (Frustration, Wut).

Anerkennung als "guter Freund": Aufgrund gezeigter Wertschätzung, gezeigten Mitgefühls, Mitleids entsteht das Gefühl von Freude, Vermeidung von Beschämung, von Schamgefühlen aufgrund von Abgelehntwerden, Hassgefühle gegenüber dem gemeinsamen Feind.

Aufrechterhaltung der öffentlichen, gesellschaftlichen Ordnung: Verantwortungsgefühl, Vermeidung von Schuldgefühlen (Folgegefühl bei Schuld: Reue), bei öffentlicher Anerkennung für das Geleistete: Stolz. Bei Aufdeckung von Übertretungen des Gesetzes/der Ordnung: Zorn.

Orientierung an gesellschaftsverändernden moralischen Prinzipien: Ehrfurcht vor (Staunen über, Bewunderung von) verallgemeinerbaren sittlichen Prinzipien (vgl. Kant), Ergriffensein von Gottes Wesen (und davon Berührtsein: Liebe). Vermeidung von Verzweiflung, Trauer, Hass.